Donnerstag, 26. Dezember 2019

Und ewig lockt das Weib (2)

Teil 2 über das Vaporisieren von Christof Wackernagel


Im ersten Teil dieser Untersuchung ging es darum, dass Vaporisieren nicht nur das Tor zur erfolgreichen medizinischen Anwendung ist, sondern auch eine Revolution des Kiffens an und für sich darstellt, aber den Haken hat, dass wer diese Früchte ernten will, den Preis vermeintlichen Verzichts auf lieb gewordene Gewohnheiten wie Flashs und Kratzen im Hals oder Turbo Presshusten zahlen muss.

Um dieser Sache auf den Grund gehen zu können, sind weiterführende Betrachtungen nötig, die die Wirkung und Funktion von Hanf betreffen, und das leidige Thema Tabak, sowie den Unterschied zwischen Rauchen und Inhalieren.

Was kann und soll Hanf, warum nimmt man ihn zu sich und was erwartet man von ihm? Ist Hanf eine Droge oder eine psychoaktive Substanz? Wie wird das jeweils definiert und was ist der Unterschied? Wie verändert der Tabak den reinen Hanfzustand? Was passiert beim und wie funktioniert überhaupt rein technisch das Vaporisieren? 

Der erste Teil dieser Fragen lässt sich nur subjektiv beantworten. 

Ich lernte Cannabis 1967 im Alter von 16 Jahren kennen und schätzte es – im Gegensatz zu Alkohol, an dem ich nie Gefallen finden konnte, weil er mir das Hirn verklebte – vom ersten Mal an, weil es sich nicht nur angenehm anfühlte, sondern mich wacher machte, sensibler, vor allem aber auch kritischer: ohne diese Hanferfahrung und den durch sie ermöglichten kritischen Blick auf unsere Gesellschaft – was später von der Mutter aller Bewusstseinserweiterung, LSD, vertieft und endgültig zementiert wurde – hätte meine politische Entwicklung nie den Weg genommen, den sie später nahm. Noch wichtiger ist der Aspekt der Selbstkritikfähigkeit. Üblicherweise ein hehrer politisch moralischer Anspruch, oft schlicht aufgesetztes und meist eh verlogenes »political correctnes« Getue, bekommt man, Hanf-sensibilisiert, einfach nur ein scheiß Feeling, wenn man scheiße gebaut hat, und weiß das ohne große ethische Analyseverrenkungen. Seit ich aus medizinischen Gründen gezwungen bin, ab und zu auch eine kleine Menge THC zu inhalieren, überprüfe ich, sollte ich trotz der niedrigen Dosierung etwas merken, sofort meine letzten, nüchtern geschriebenen Texte und streiche derart gnadenlos, dass kein Auge trocken bleibt, schäme mich teilweise vor mir selbst, was für einen Mist ich geschrieben habe. Umgekehrt funktioniert das übrigens kaum: überprüfe ich nüchtern, was ich im Zustand des gerade therapiert Werdens geschrieben habe, bin ich meist angenehm überrascht, wie präzise auf den Punkt gebracht das ist, was ich geschrieben habe. Der Sinn des Lebens in die Sinnlichkeit; nur wer sich, seinen Körper spürt, lebt – und neben Sex und Essen bietet allein Hanf diesen Service. Dieses gleich im doppelten Sinne: man spürt die Fasern des eigenen Körpers, lässt sich von den Wallungen der Gehirnwindungen unter der Schädeldecke streicheln und kann dieses Gefühl sogar noch verstärken, weil man aufgrund des Hanfs bewusst darüber nachzudenken in die Lage versetzt wurde!

Die zweite grundlegende Erfahrung war, dass Hanf nicht automatisch ein gutes Feeling machte, sondern wenn ich schlecht drauf war, ich noch schlechter drauf kam, hatte ich Mist im Kopf, wuchs dieser sich zu Scheiße aus und hatte ich kranke Gedanken bekamen sie Krakenarme: deshalb ist Hanf keine Droge, kein Rausch- oder gar Betäubungsmittel, sondern ein psychoaktiver Stoff, der eine bestehende Befindlichkeit verstärkt. Der Begriff »Droge« lässt sich nur in einer Bedeutung auf Hanf anwenden, und das wäre der Begriff «Wahrheitsdroge«. Denn wer einmal dank Haschisch – oder verschärft: LSD – die Wahrheit über die vergoldete Scheinwelt gesehen hat, in der wir zu leben gezwungen sind, der wird in der Tat süchtig danach. Und er wird unverweilt dazu übergehen, etwas dagegen zu tun, im Kleinen für sich und seine Umgebung oder im Großen politisch. Viele meiner Freundinnen und Freunde von damals kiffen schon lange nicht mehr und betäuben sich lieber mit Alkohol – der nur aus dem Grund erlaubt ist, weil die Menschen damit Ameisentauglich für die Diktatur des Profits werden – da ihnen, sobald sie kiffen, ihre ganzen verdrängten Probleme, die ganze Unerträglichkeit ihrer Existenz hochkommt, sie unter Umständen sogar Depressionen bekommen. Mir verschafft dieser verschärfte Blick auf die Verhältnisse entweder nicht enden wollende Lachflashs, insbesondere darüber, wie bescheuert die Menschen sind, die diesen Unsinn freiwillig mitmachen, was für bekloppte Anstalten sie unternehmen, um darin mithalten zu können, von ihrer Kostümierung bis zu dem Verstecken in ihren stinkenden Blechkisten, oder der Blick auf die nackte Wahrheit schäumt Wutenergie auf, psychisch wie physisch, dieser Hölle die Idee ihres Gegenteils entgegenzuhalten. Ich denke, dass das bei den meisten Konsumenten genau so der Fall ist, solange sie nicht von der Macht der herrschenden Lüge erschlagen oder von dem Psychoterror der Medien und der Werbung so traumatisiert sind, dass sie die Wahrheit nicht mehr aushalten können.

Das wusste ich freilich schon länger. Nun kommt die neue Erfahrung:

Obwohl – oder vielleicht sogar: gerade weil – die medizinische Anwendung meist an der Grenze oder sogar – vor allem bei CBD – unterhalb der Rauschgrenze liegt, lernte ich über die Methode des Vaporisierens die wesentliche Wirkungsweise von Cannabis, seine bestimmende, seine konstituierende Kraft völlig neu kennen – und das nach 50 Jahren Erfahrung! Den Unterschied zwischen den verschiedenen Sorten, angefangen bei indica und sativa, vor allem aber die phantastischen Dimensionen von CBD, was es im Kopf bewirkt, während das Körpergefühl unangetastet bleibt, kann man verrückterweise gerade in der »low dose« viel genauer wahrnehmen als wenn man sich volle Kanone reinpfeift – allerdings nur mit der Methode des Vaporisierens. 

Wenn man, zum Beispiel angefangen bei 0.03 Gramm jeden Tag 0,01 Gramm steigert, kann man die Wirkung umso genauer erspüren und reflektieren; je niedriger die Dosis ist, desto deutlicher die Wirkung, das ist tatsächlich so unglaublich wie sensationell. Da ich während des Prozesses der Bestimmung der medizinisch richtigen Dosis sehr genau auf mein Körpergefühl, vor allem natürlich dessen durch Tropfen oder inhalierten Blüten veränderter Erscheinungsform, achten musste, dies reflektieren und formulieren zur Aufgabe hatte, erfuhr und erspürte ich vor allem eines neu und verstärkt: 

die Weite und Sauberkeit der reinen Cannabisapplikation. 

Es war fast ein Flashback, eine Erinnerung an die Anfänge, als das Dope noch sauber war und, sobald man die Augen schloss, klare Bilder erschienen, nicht undefinierbare Farbflecke, ein präzises Körper-wohl-gefühl, kein verschwommenes, keine dumpfen Wallungen; saubere, reine Gedankenflüsse, keine verworrenen, beliebigen Assoziationsfolgen. Das alles kam wieder hoch als ich zunächst mit einzelnen öligen Dronabinol Tropfen, dann mit genau bestimmten Blüten per Vaporisieren die für mich und meine Krankheitssymptome gültigen Dosierungen herauszufinden hatte – der Rest ist Hochrechnen aufgrund jahrzehntelanger Erfahrungen. 

Natürlich kann man sich auch per Vaporisieren die Kante geben – und zwar: aber Hallo mein lieber Gesangsverein! – nicht nur jenseits jeglicher medizinischer Indikation, sondern auch jenseits von Gut und Böse, aber selbst wenn die Äuglein tiefrot triefen und man den Mund kaum mehr aufbekommt, weil er so klebt, bleiben die Gedanken klar und das Körpergefühl erfrischend sauber, wie Quellwasser. 

Wie das geht, wird noch ausgeführt werden – aber erstmal ist das der Unterschied zu jeder mit anderen Stoffen verbundenen Einnahme, selbst wenn es sich nicht um Tabak handelt, und das ist das Wunderbare an diesem Stoff, denn daran wird einmal mehr deutlich, dass Hanf – wie seine große Schwester LSD – kein Betäubungsmittel ist, sondern ein psychoaktiver Stoff, der vor allem eines bewirkt:

Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung.

In der reizüberfluteten Welt, die uns von allen Seiten terrorisiert – »jetzt kaufen! jetzt sparen! jetzt zuschlagen!  – ist dieser Blick, der die Spreu vom Weizen trennt, letztlich heutzutage sogar für jeden ein Muss geworden, der sich von dem Dauerfeuer an Geflimmere und Gedudel selbst beim Einkaufen nicht komplett kirre machen lassen will. Der zwangsläufigen Abstumpfung als Folge der Ellenbogengesellschaft, die einem ununterbrochen eins nach dem anderen reinwürgt, setzt Hanf erhöhte Sensibilität, Empathie, verschärftes Gefühl für Wahrheit, verbunden mit und ausgelöst von einem wunderschönen Körpergefühl entgegen, das befreiende Gedanken und Ideen im Kopf sprudeln lässt. Selbst so altmodische Werte wie Bescheidenheit und Dankbarkeit werden reaktiviert – das zeigt die Verlogenheit des Politikergejammers vom »Niedergang der Werte«, während gleichzeitig Haschisch verteufelt wird. Genau diese Kritikfähigkeit, die körperlich spürbare Selbstkritik, die verschärfte Fokussierung der wesentlichen Dinge sollen mit dem Verbot verhindert werden.

All dieses kommt freilich nur beim reinen Hanfkonsum zum Tragen – und damit sind wir wieder beim leidigen Streitthema Tabak:

Als ich im Knast nach jahrelanger Isolation zum ersten Mal wieder Kontakt mit anderen Gefangenen hatte, bekam ich sofort ein Piece geschenkt. Ich zog es mir nachts mit einer mittels Silberpapiers und Tesafilm zum Kawumm umgebauten Klorolle pur rein und flog über sattgrüne Wälder, sah verwinkelte Schlösser mit fein ziselierten Erkerchen und Türmchen, gigantische Skulpturen im Meer, alles exakt bis ins Detail, rasiermesserscharf, phantastische Bilder, wie sie selbst ein Dali nie zustande gebracht hätte. Bilder, Szenen, Situationen, die sogar lenkbar waren, vergleichbar mit luzidem Träumen, wenn man die Träume steuern kann, was ich persönlich freilich langweilig finde, weil ich mich viel lieber von der abstrusen Vertauschung und Vermischung von Realität meines Unbewussten überraschen lasse.

Sobald ich aber – wieder in der sogenannten Freiheit – Joints  mitrauchte – aus sozialen Gründen: zusammen rauchen ist schöner, den Joint weiterreichen gehört dazu etc.; wir werden drauf zurückkommen, wenn von einem Ballon die Rede sein wird – war all diese Bildlichkeit weg, allenfalls ab und zu weite, dumpfe Farben. Tabak ist ein Elefant im Hanfporzellanladen. Tabak macht Hanf klein, Tabak zieht Hanf runter auf Schrottniveau.

Wer sich nur dann angeturnt fühlt, wenn er neben der Hanfwirkung die Tabakschwere angenehm in den Beinen spürt, gar meint, die Hanfwirkung nur durch Tabakverstärkung erst richtig zu spüren, hat wahrscheinlich die reine Hanfwirkung, vor allem deren phänomenale Differenzierung und Weite noch nie gespürt, weil sie vom Tabak eingeengt bis verhindert wird. Das ist schade, denn diese Erfahrung ist erleuchtend im wahren Sinne des Wortes, da sie die Kraft gibt, die Strapazen zu überwinden, die der Entzug von Tabak mit sich bringt. Tabak schiebt Hanf in Richtung Betäubungsmittel. Und damit sind wir beim Thema »Einstiegsdroge«, auch wenn das die Tabakfreaks nicht gerne hören: 

Wem es beim Kiffen um den vom Tabak erzeugten Flash geht, der wird sowieso nie ganz befriedigt werden, weil das der Natur der Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung von Hanf widerspricht. Der ist mit Hanf bei der falschen Droge und sollte am besten gleich die Fixe nehmen oder Lines ziehen, denn er wird früher oder später eh dort landen, weil sich der Flash nicht steigern lässt. Diesen Flash kann auf Dauer Hanf nicht leisten, deshalb muss, wer das und vor allem das will, umsteigen – und deshalb wird kiffen fälschlicherweise als »Einstriegsdroge« bezeichnet, obwohl es nur die Kombination mit dem schwer suchterzeugenden Tabak ist, die dieses nicht hundert Prozent befriedigende Gefühl erzeugt, welches nur durch den Konsum von echten Drogen bzw. Betäubungsmitteln befriedigt werden kann. Nirgends trifft der an sich dämliche Spruch »weniger ist mehr« punktgenauer zu als beim Hanfkonsum. Wir werden darauf zurückkommen, wenn es um die Technik des Vaporisierens geht, die Dialektik von nehmen und bekommen.

Eines aber kann ich an dieser Stelle verbindlich sagen: wer vom Tabak wegkommen will – und das sind eigentlich fast alle ☺ – hat mit Vaporisieren eine nicht zu überbietende Chance, mit einem Minimum an – eh nur vermeintlichem und eh nur anfänglichem – Verzicht und Verlust rauszukommen. 

Aus diesem Grund ein kurzer Exkurs zum Thema CBD, das, gerade weil es nicht im gewohnten Sinne turnt, der Königsweg, der rote Teppich zum Ausstieg aus Tabak ist: 

CBD-Gras pur rauchen, bis die Gewöhnung geschafft ist, dann auf CBD-Vaporisieren umsteigen – was härter sein kann als die erste Phase, dafür aber auch mehr bringt – und nur noch die Wirkung kommen lassen, die genau das viel effektiver bringt, was der Tabak bringen soll: beruhigen, wenn man aufgeregt ist. Vaporisiert zu sich genommen erzeugt CBD im Kopf dasselbe wie THC – nur ohne das Körpergefühl. Das ist das Geniale an CBD. Man denkt genauer und konzentrierter, man entwickelt ungeheuren Ehrgeiz, das fertig zu machen, an dem man gerade sitzt – das genaue Gegenteil von der Verbindung mit THC, das einen zu müde macht, dran zu bleiben. Erstmal ein paar Züge CBD inhalieren, »und schon geht alles wie beim HB-Männchen« wie die älteren unter uns sich noch gut erinnern können; sich vor einem wichtigen Gespräch nochmal in Ruhe ein paar Züge CBD inhalieren und dann gutgelaunt und konzentriert ins Gespräch gehen, humorvoll und gelassen: das kann CBD; und schafft keine Zigarette, auch wenn es etwas völlig anderes als bekifft sein ist – eher erhöhte und dadurch genussvolle Nüchternheit. 

Das sind nur zwei Beispiele für etwas, was normalerweise mit einer Zigarette erreicht werden soll und das mit CBD tatsächlich bringt, was es soll: mehr Gelassenheit, über den Dingen stehen, sich auf den Moment einlassen und ihn intensiviert genießen, das kann eine CBD Einheit von 25 % mit weniger als 2 % THC erzeugen – also null Rauschwirkung hat. 

Weiter geht’s im nächsten Hanfjournal. Dann wird der geneigte Leser auch erfahren, was es mit dem vielversprechenden Titel dieser Serie auf sich hat. 

Christof Wackernagel

2 Antworten auf „Und ewig lockt das Weib (2)

  1. zero-zero

    Ich kann mich „Ralf“ nur anschliessen. .. deckt großteils meinen Erfahrungsschatz. .. Vielen Dank dafür & gerne mehr.

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