Sonntag, 24. November 2019

Vom kleinen Baggy zur Müllhalde

Müll vermeiden, wo es nur geht!


„Der Beschiss lauert überall“, pflegte mein Großvater des Öfteren zu klagen. Das ist in unserer Szene leider extremer als anderswo. Vor Jahrzehnten beschwerten wir uns, wenn Dope gestreckt wurde – mit Schuhcreme – igitt – oder wir minderwertiges Gras zum Rauchen bekamen. Heutzutage gehen die Betrüger perfider vor als je zuvor. Schuhcreme stellt sich als relativ harmlose Masse dar, mit der Dope oder Gras verlängert oder aufgehübscht wird. In dem Flyer „Streckmittel in Cannabis: Identifizierung, Risiken, Lösungen“ zeichnet der Hanfverband eine düstere Realität. In vielen von profitgeilen Verkäufern verkauftem Zeug finden sich Substanzen, die extrem gesundheitsschädlich sind. Sie verschleimen die Lunge und können Lungenentzündungen oder hartnäckige Bronchitiden verursachen. Obwohl der aufmerksame Leser des Hanf-Journals schon mehrmals davon gehört hat – an dieser Stelle die klare Warnung an alle: Schaut Euch gekauftes Gras genau an, bevor Ihr es raucht oder sonst wie zu Euch nehmt. Justament das, was extra lecker aussieht oder riecht, ist oftmals mit giftigen Substanzen behandelt. Brix, eine Mischung aus Zucker, Hormonen und flüssigem Kunststoff wird in den USA und Australien hergestellt, um besser betrügen zu können.

Wer macht es den Abzockern leicht? Die Verpackungsindustrie. Sie liefert für kleines Geld die raffiniertesten Möglichkeiten, Waren anzubieten.

Attraktive verkaufsfördernde Etiketten kann jeder am heimischen Drucker drucken. Ein wenig grafisches Geschick, ein Bildbearbeitungsprogramm, die Idee für einen coolen Namen: Ab damit auf Gläschen, Baggys, Plastikdosen, Papiertütchen mit Kunststofffenster! Je professioneller und schicker die Verpackung aussieht, desto höhere Preise für den Inhalt kann der Verkäufer fordern. Ich nehm, was ich kriegen kann. Na toll. Heimtückisch sind die Blechbüchsen. Schon für wenige Cent pro Stück kann jeder sie von einem deutschen Anbieter erwerben. Billiger ist es, sie aus Fernost zu ordern. Auf unserem Foto seht Ihr die niederträchtigste Art, beste Qualität vorzugaukeln. Das, was wie eine originalverschweißte Büchse aussieht, hat in Wahrheit einen mit einem bloßen Klick zu öffnenden Boden. Schnell gibt ein Kunde um ein Vielfaches mehr aus, als der Inhalt wert ist. Wie haben wir früher unser Gras transportiert? In selbst gebastelten Papiertütchen. Ich hatte ein kleines Blechherz mit einem Michelangelo-Engel, das ich immer wieder aufgefüllt habe und immer noch besitze. Als medizinische Cannabispatientin brauche ich es heute nicht mehr, es dient der Nostalgie. Ein Baggy ist winzig, wiegt nur wenige Gramm, kleine Gläschen und Döschen fallen bei dem Verpackungswahn, der herrscht, nicht auf und nicht ins Gewicht. Belanglos oder nicht? Einer von unseren blöden Mülleimern ist schon wieder voll, das nervt.

Der beste Abfall ist der, der überhaupt nicht entsteht.

Schauen wir uns die verschiedenen Müllarten, die Verstopfung unserer Umwelt und die Materialverschwendung an. Verpackungen, die wiederverwertbar sind, schonen die Umwelt. Welch plakativer, verharmlosender Satz. Nicht alles, was wir guten Gewissens in die entsprechende Tonne kippen, kann wiederverwendet werden oder ohne weitere Schäden entsorgt. Wir Deutschen produzieren in unseren Haushalten laut Umweltbundesamt rund 52 Millionen Tonnen Müll – diese Menge ist seit 2002 in etwa konstant. Auf den Einwohner gerechnet, sind das rund 450 Kilogramm im Jahr. Neben dem ganzen Verpackungsmüll zählt der Sperrmüll dazu wie alle nicht mehr geliebten Sofas und Schrankwände, der gesamte Elektroschrott obendrein. Siedlungsabfall nennt sich das in der Behördensprache.

Beginnen wir mit Radios, Druckern, PC’s, Handys, Monitoren, Mixern, Waschmaschinen und Kühlschränken – in ihnen sind wertvolle Rohstoffe verbaut, die nicht nachwachsen. Moderne Recyclinganlagen holen die teuren Edelmetalle Gold, Kupfer und Platin aus den Geräten heraus. Als Vorzeigebetrieb hat sich das rheinhessische Logistikunternehmen Geodis gemausert. In Nieder-Olm prüfen die Mitarbeiter 400.000 Geräte jährlich auf ihre Funktionalität und ihren Gehalt an Rohstoffen. Erstaunlicherweise gewinnen sie rund 100.000 Ersatzteile aus den Geräten. Nach Schätzungen landen hingegen 150.000 Tonnen Elektroschrott jährlich im deutschen Hausmüll. Müll den Flammen zu übergeben, ist von allen die schlechteste Alternative. 

Explizit in Elektroschrott stecken giftige Substanzen und nach dem Verbrennen ist alles, was wiederverwertet werden könnte, definitiv verloren. Nur 30 Prozent des Elektroschrotts werden wiederverwertet. Übrigens produziert jeder Deutsche zwanzig Kilo Elektroschrott im Jahr. Elektroabfall gilt als Sondermüll. 300.000 Tonnen – das sind Zahlen, bei denen einem schwindlig wird, landen im Ausland getarnt als Geräte, die reparabel seien. Möglicherweise bringt ein findiger Bastler das ein und andere Gerät in Ordnung. Generell haben Kinder den Job, die Geräte auseinanderzunehmen und nach Wertstoffen zu fahnden. Oftmals brennen sie die Isolierung der Kabel ab, um an das Material zu kommen.

Tabelle: © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2019 Vervielfältigung und Verbreitung, auch auszugsweise, mit Quellennachweis gestattet. 


Papier zu recyceln scheint von allen Abfallarten das einfachste zu sein. Knapp 17 Prozent des Mülls machen Papier und Pappe aus. Solange sie sauber in der blauen Tonne landen, ist Recycling easy. Aber viel zu oft gelangt dreckiges Zeug in den Papiermüll wie Essensreste auf beschichteten Pappen. Was die meisten nicht wissen und mir bis zu dieser Recherche selbst völlig unklar war: Thermopapier wie Kassenzettel, Parkscheine oder Belege aus Automaten gehören nicht ins Altpapier. Das liegt an Bisphenol A, das hormonell wirksam ist. Im Müll geht es geradeso, doch gelangt es oft über Recycling-Toilettenpapier in die Kläranlage, kann nicht heraus gefiltert werden und schwimmt dadurch in unserem Trinkwasser herum. Lasst Eure kleinen Kinder nicht mit solchen Zetteln spielen, weil sie diese in den Mund nehmen könnten. Verdrecktes Küchenpapier, beschichtetes Backpapier und Paketklebebänder werft besser in den Restmüll. Wir in Deutschland haben bei Papier eine super Quote, über 80 Prozent kommen zurück und können recycelt werden. Wenn Recyclingpapier hergestellt wird, spart die Industrie 60 Prozent Energie und Wasser bei der Produktion im Vergleich zu neuem Papier ein. Immer schwieriger gestaltet sich das Recycling durch Farbstoffe und Materialien, die mit im Altpapier landen. Ein Tipp am Rande: Es ist besser, recyceltes Hygienepapier zu verwenden. Wenn es um das Wiederverwerten von Plastikmüll geht, wird es komplizierter.

Plastik nennen wir verschiedene Arten von Kunststoff. Aus Erdöl, Kohle oder Erdgas werden die Rohstoffe gewonnen und synthetisiert, mittlerweile gewinnen wir Kunststoffe teilweise aus Bäumen und Pflanzen – Biokunststoffe genannt. Sie haben unterschiedliche Eigenschaften, sind hart, weich, formbar, temperaturempfindlich, bruchfest. Die häufigsten sind Polyethylen – PE – für Plastiktüten und Verpackungen, Polypropylen – PP – für harte Gegenstände wie Gartenmöbel oder Toilettensitze, Polyvinylchlorid – PVC – wird oft mit Weichmachern versetzt, damit er für Rohre und Kabelisolierungen verwendet werden kann. Polystyrol – PS – ist als Styropor bekannt. In Entwicklungsländern zünden damit Müllsammler Elektroschrott an, um das Metall von schützenden Kunststoffteilen zu befreien. Schwämme, Matratzen, Autositze werden aus Polyurethan – PU/PUR – hergestellt und unsere Plastikpfandflaschen aus Polyethylenterephthalat – PET. Dinge aus diesen Materialien landen in buntem Gemisch mit Tausenden von Farb- und Zusatzstoffen in der gelben Tonne. 

Das Fraunhofer Institut veröffentlichte 2018 eine Studie, in der berichtet wird, dass etwa 450.000 Tonnen Plastik, davon 330.000 Tonnen Mikroplastik in der Umwelt landen: in Parks, Wäldern, Stränden, in der Großstadt überall. Dazu zählen Reifen- und Bitumenabrieb, Verwehungen von Sport- und Spielplätzen. Mikroplastik landet in Gewässern, dringt ins Grundwasser und bleibt, wenn auch in geringer Menge im Trinkwasser. Moderne Kläranlagen reinigen 78 Prozent des Abwassers, Niederschlagswasser wird nur teilweise gereinigt, somit wird Mikro- und Makroplastik in die Natur gespült. 95 Prozent der Mikroplastik werden aufgefangen. Der Rest landet im Klärschlamm, der ursprünglich dazu gedacht war, als Dünger auf Feldern verteilt zu werden. Das Problem wird verlagert, wie wir das aus so vielen Bereichen kennen. 

Auf der Homepage des „Grünen Punkts“ findet sich eine Liste, was alles in den Gelben Sack gehört und was nicht. Tja, hier hab ich wieder was gelernt. Nicht hinein gehören: CD’s und Disketten, Videokassetten. Feuerzeuge, Einwegrasierer, Zahnbürsten, Klarsichthüllen und Styropor. Wenn mehr Kunststoffe recycelt werden, sparen wir Energie, fossile Rohstoffe und reduzieren CO2-Emissionen. 85 Prozent des ursprünglichen Werts werden beim Recycling gerettet, beim Verbrennen sind es nur 30 Prozent Energie, die wir nutzen können. Die Abluft aus Müllverbrennungsanlagen muss zudem mühsam gereinigt werden. 

Was tun? Vermeiden, vermeiden, vermeiden heißt die oberste Regel. Wie es funktioniert, beschreibt Verena Klaus in ihrem Buch „Müllkommanix – ohne Abfall lebt sich’s leichter“. Nein, sie ist keine „… Zero-Waste-Tussi aus der Verschwörungstheoretiker-Freak-Schublade“. Sie verfügt „nur“ über gesunden Menschenverstand und tut das, was ihr und ihrer Familie möglich ist. Apropos. Gestern kaufte ich mir ENDLICH Gemüsenetze.

Artikel & Fotos: Amandara M. Schulzke

5 Antworten auf „Vom kleinen Baggy zur Müllhalde

  1. Martin Greif

    Der Inhalt des Berichts ist ja durchaus interessant wenn man ihn an der moralischen Keule vorbei erkennen kann. Weniger populistische Meinungsmache wäre ganz gut, sonst kann ich auch die Bild lesen.

  2. Rainer Sikora

    Die Industrialisierung hat unser Leben in unnatürliche Bahnen versetzt.Wir müssen das jetzt ausbaden.Die Suppe auslöffeln,die uns andere eingebrockt haben.Ist aber alles schnell wieder behoben.Jeder Einzelne braucht sein Leben nur ein kleines bisschen zu wandeln.Alle Co2 Ratschläge befolgen.

  3. Otto Normal

    OK, wichtiges Thema, aber wo bleiben denn jetzt die Schlußfolgerungen für Kiffer?
    Tips zum Thema Wiederverwertung für Kiffer:

    Für Jointraucher
    Oft sammelt sich der konzentrierte Sud ganz unten am Ende des Joint im Tabak. Wenn man die „Impel“ sammelt kann man später daraus neue Joints drehen. Je nachdem wie weit man die Joints bis an die Pappe raucht bekommt man eine Quote von 8/1 bis 10/1 also aus 8-10 Kippen wird ein neuer Joint. Wenn man diese Impel ebenfalls sammelt kann man den gesamten Tabak vollständig aufbrauchen indem man sie auch wieder aufdröselt und neue daraus dreht. Selbst bei einer ungünstigen Quote von 10/1 (Papperaucher) erhält man bei dieser Methode aus 100 Joint-Resten 11 neue Joint. Immerhin 11% Recycling-Quote. Das kann übrigens auch jeder Zigarettenraucher machen.

    Auch die Filterpappe (Filtertips) fein sorgfältig aufgedreht, auf dem Heizkörper getrocknet und wieder eingerollt lassen sich viele Male wiederverwenden. Mit der Zeit färben sie sich mehr und mehr Braun aber an der Funktionalität ändert das nix.

    Bongraucher können sich ebenfalls am Umweltschutz beteiligen. Da sie kein Papier während des Konsums verbrennen sind Bongraucher ohnehin umweltfreundlicher als Jointraucher. Den Sud aus dem Pfeifenkopf mit einem sauberen Messer vorsichtig auskratzen und sammeln. Später feines Tabakmehl (kann man mit einer kleinen Kaffeemühle oder einem Kräuterhäcksler herstellen) drunter kneten und schon erhält man eine Art Dopefake welches zwar absolut scheußlich schmeckt dafür aber mächtig die Bronchien zum Schwingen bringt. Der besondere Spareffekt: Gäste wollen meist nach dem ersten Köpfchen kein weiteres mehr und werden dadurch kostengünstiger! Besondere Sparfüchse gießen das Bongwasser mit einem Teesieb ab und retten damit noch die kleinen Flöckchen die da meist drin rumschwimmen. Getrocknet lassen diese sich ebenfalls sehr gut in die oben beschriebene Masse mit einkneten.

    Wer Siebchen sparen will oder muß kann sich diese ganz einfach aus öffentlichen Toiletten oder auf den Kundenklos diverser Supermärkte besorgen. Einfach dazu den Perlator des Wasserkranes abschrauben da sind dann meist 3-5 Siebchen drin. Vorsicht bei Damentoiletten: darauf achten daß der Perlator nicht mit Lidschatten, Lippenstift, Handcreme o.ä. verunreinigt ist, denn daß hat Auswirkungen auf das spätere Geschmackserlebnis. Bitte nur die Siebchen entnehmen und den Perlator anschließend wieder aufschrauben dann fällt es nur dem Nächsten auf der sich die Hände waschen will und es muß nicht der ganze Perlator durch den Hausmeister ersetzt werden, immerhin ist das meist Chrom oder Edelstahl.

    Den absolut größten Spareffekt für die gebeutelte Umwelt könnten wir dadurch erzielen indem wir uns die CDU/CSU/SPD/FDP/AFD Politiker sparen, dazu die Eunuchen vom BVG ebenfalls und danach dann Cannabis endlich legalisieren, aber dieser Maßnahme müßte man einen eigenen Artikel widmen.

  4. Johnny Dabb

    Was stimmt mit euch nicht!?
    Alte Presstins von uns als Beispiel für mindere Qualität zu nehmen und generell alle Tins als „Betrug“ zu deklarieren???
    Es gibt genug gute Tin Hersteller, die auf Quali Wert legen..
    Btw.. wir nutzen seit nem halben Jahr keine Presstins mehr.
    Obendrein für den Transport/Versand eine saubere Sache, ohne dass Buds zerquetscht werden.
    Und wenn man nicht gerade Alu Tins nimmt, sind diese vom Recyling Aspekt noch umweltbewusster als Plastik oder sogar Glas.
    Witzigerweise wurde vom Hanfjournal vor gerade mal 1 Jahr noch ein positiver Bericht über unsere Tins gebracht, so dass ich die Bildzeitungsähnlich aufgemachte Propaganda (mit uns als Beispielbild) nicht nachvollziehen kann.

  5. mze Autor

    @Johnny Dabb: https://hanfjournal.de/2018/12/25/tin-cup-feinstes-von-johnny-dabb-im-test/ Dieser Artikel wurde als Test der Grassorten von einem unserer freien Redakteure geschrieben – der jetzt von dir bemängelte von einer anderen freien Redakteurin mit einem komplett anderen Anspruch bezüglich des Inhaltes. Hier geht es einfach nur um Müllvermeidung. Das Hanf Journal wird dazu von vielen Mitwirkenden gestaltet und hat keine verpflichtende Meinungsrichtung!

    Schade, dass wir von dir erst etwas hören, wo dir ein „Bild“ nicht in den Kram passt – der Test eurer Waren aber nicht einmal zum Tippen eines Danks oder Lobs einlud. Geschweige denn mehr …

    Schön aber, dass ihr euch von den Presstins verabschiedet habt!

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