Samstag, 2. November 2019

Opioid-Epidemie in den Vereinigten Staaten von Amerika

Dopesick – Wie Ärzte und Pharmaindustrie uns süchtig machen


Der berühmte Hollywood-Star Tom Hanks schrieb über das jetzt bei Heyne Hardcore erschienene Buch „Dopesick – Wie Ärzte und Pharmaindustrie uns süchtig machen“: „Tiefe und dringend benötigte Einblicke in das dunkle Herz Amerikas.“ Diese Aussage kann zumindest im zweifachen Sinne verstanden werden, nämlich, dass es um ein dunkles, schmutziges Geheimnis geht und dass es sich um ein Phänomen handelt, dass beinahe ausschließlich die afroamerikanische und/oder hispanische Bevölkerung betrifft. Letzteres trifft in diesem Fall ausdrücklich nicht zu. Denn die Opioid-Epidemie ist ein Phänomen, das in den dünn besiedelten Appalachen-Regionen entstanden ist. Dabei war das Schema in etwa immer dasselbe. Jemand verletzte sich bei der Arbeit oder litt aus anderen Gründen an chronischen Schmerzkrankheiten. Hier kommt die Firma Purdue der Familie Sackler ins Spiel. Die Firma wies starke Opioide wie Oxycodon und Oxycontin als „sicher“ und nicht süchtig machend aus. Beinahe im Mafia-Stil, so die Autorin Beth Macy, wurden Ärzt*innen gedrängt, massiv die Opioide der Firma Purdue zu verschreiben. Der Benefit der Ärzt*innen lag in kostenfreien Tagungen in angenehmen Gegenden wie Florida und Kalifornien sowie in umfangreichen, protzigen Geschenken. Die Kehrseite dieser Medaille war, dass in den Appalachen-Regionen ganz viele Menschen eine massive Opioid-Abhängigkeit entwickelten, was sowohl für die einzelnen Menschen, deren Familien als auch ganze Gemeinden fatale und nicht selten tödliche Folgen hat.

Doch nun noch konkreter zum Inhalt: Der US-amerikanische Präsident Donald Trump war vielleicht einer der Ersten, welche dieses Bild benutzt und damit berühmt gemacht haben: In eine Boeing 787 passen nämlich ungefähr 250 Menschen und genauso viele Menschen sterben in den USA täglich an Opioiden, also an den Schmerzmitteln wie etwa Oxycodon, Vicodin oder Fentanyl. Dies ist eine fatale Bilanz und zeigt hinter abstrakt klingenden Zahlen doch ein immenses Schadensausmaß an. Es kommt aber noch „dicker“, denn in der Altersgruppe der unter 50-Jährigen stellt die Überdosierung von Schmerzmitteln oder Drogen mittlerweile die häufigste Todesursache dar, noch vor Waffengewalt oder Verkehrsunfällen. Dieses Ergebnis ist mehr als ernüchternd und hat letztlich auch das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die Problematik geschaffen, sodass der Staat der Opioid-Krise entgegenzusteuern versucht. Viele der Süchtigen bekamen die Medikamente anfangs dank der aggressiven Werbestrategien der Pharmakonzerne von ihrem Arzt en masse verschrieben, etwa nach einer schwerwiegenden Operation oder einer Sportverletzung. Von den hochwirksam und vor allem schnell süchtig machenden Mitteln kamen die Patient*innen dann nicht aber mehr los und verfielen hoffnungslos einer erbarmungslosen Sucht, die unsägliches Leid von Entzügen, Inhaftierungen und Todesfällen nach sich zog. Sprichwörtlich und tatsächlich sind Millionen Amerikaner somit durch Opioide auf Rezept in eine Abhängigkeit geschlittert, die sie als Person nicht mehr oder nur unter äußersten Opfern und Kraftanstrengungen in den Griff kriegen konnten. Häufig folgte der Opioid-Sucht der Umstieg auf die völlig illegale Droge Heroin. Heroin wirkt ähnlich wie die Opioid-Schmerzmittel. Dabei schwenkten die Süchtigen auf die Droge um, da sie von den Ärzt*innen keine weiteren Rezepte mehr erhielten und da Heroin im Vergleich zu den Schwarzmarkt-Opioiden vergleichsweise günstig ist. Die Pharmakonzerne, die diese neuartigen und hochintensiven Schmerzmittel in den 1990er-Jahren in den Markt gedrückt haben, spielten und spielen die Risiken einer Sucht herunter. Milliardenprofite stehen im Raum, wobei inzwischen gerichtliche Erfolge gegen die Pharmariesen errungen werden konnten. Die preisgekrönte Journalistin und Sachbuchautorin Beth Macy ist durch die USA gereist und hat Süchtige, Betroffene und Hinterbliebene besucht und anschaulich ihre Lebenswege und Schicksale nachgezeichnet. Stellvertretend für die vielen Mütter und Väter, die ihre Kinder verloren haben, stellt sie die Frage nach dem Warum. Dabei ist ein erschütternder Bericht über ein abhängiges, betäubtes und sterbendes Amerika entstanden.

„Dopesick“ mag ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Thema sein, zumal auch in Deutschland eine kleine Opioid-Krise herrscht. Allerdings gibt es auch einige wichtige Kritikpunkte, welche den Lektüregenuss stark einschränken. Macy versteht es leider aus der Überfülle der von ihr gesammelten Daten und Informationen nicht, einen kohärenten Erzählstrang zu entwickeln. Das bedeutet konkret, dass das von ihr verwendete Narrativ die Leser*innen häufig mehr verwirrt denn klärt. Die Schwäche liegt meines Erachtens in der mangelhaften Gliederung und Strukturierung des Buchs. So haben die Leser*innen ständig das Gefühl, ein- und dieselbe Geschichte aufgetischt zu bekommen, obwohl Macy andere Namen verwendet. Da sich aber nur die Namen unterscheiden und die dahinter stehenden Geschichten sehr ähnlich wird, wird das Buch zu einer „zähen“ Angelegenheit, bei der „gefühlt“ immer wieder dasselbe erzählt wird. Noch wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Kritik, dass die Autorin Cannabis eindeutig als Einstiegsdroge klassifiziert. Es mutet beinahe absurd an, wenn die Autorin Empathie und Mitgefühl mit den Süchtigen zeigt und zugleich immer wieder in Fallbeispielen Cannabis als Einstiegsdroge für den Opioid- und späteren Heroin-Konsum darstellt. Sie erwähnt auch zum Teil die Legalisierungen von Cannabis als Medizin und/oder Freizeitdroge in manchen Staaten der USA. Leider zieht sie überhaupt keine Schlüsse, welche Bedeutung Cannabis in Sachen Schmerzmedizin besessen haben könnte oder besitzt. Denn wäre anstatt Opioiden Cannabis als Schmerzmedizin verschrieben worden, dann wären die vielen Süchtigen, Toten, die überfüllten Gefängnisse und viel durch den Drogenkonsum hervorgebrachte Kriminalität gar nicht erst entstanden. Diesen Kausalnexus, dass Cannabis als Schmerzmedizin hervorragend geeignet ist und die Krise hätte vermeiden können oder auch jetzt noch Süchtigen helfen könnte, von ihrer Sucht loszukommen, zieht Macy leider nicht. Und das ist in unserem Fall leider das Thema verfehlt. Ein Buch über ein wichtiges Thema, das aber ganz wesentliche Aspekte übersieht und falsch darstellt (wie gesagt: Cannabis als Einstiegsdroge, die dann zwangsläufig zu Heroin führt). Schade! „Dopesick“ hätte das Zeug gehabt ein hervorragendes Buch zu werden, doch diese Chance hat die Autorin leider vergeben. Insofern sei das Buch ausschließlich denjenigen empfohlen, die sich aus eigenem Interesse oder aber aus Interesse an den gesellschaftspolitischen Zuständen in den USA für die dortige Opioid-Krise interessieren.

Christian Rausch

6 Antworten auf „Opioid-Epidemie in den Vereinigten Staaten von Amerika

  1. Harald

    In Deutschland herrscht mittlerweile dieselbe Schwemme wie in den Staaten. Es zeigt ganz deutlich das komplette Versagen der Politik gegenüber den Bürgern. Das große Problem dabei ist, dass die Pharmaindustrie dieses Versagen bei der Politik gekauft hat, durch Parteispenden.
    Die vergangene Drogenbeauftragte Marlene Mortler hat sich hier in besonders unrühmlicher Weise hervorgetan. Es war nicht nur vollkommene Inkompetenz für ihren Posten zu bemerken sondern auch die gekaufte Ignoranz. Das politische Versagen spielt sich aber nicht nur auf dieser Ebene ab, sondern es betrifft auch ganz massiv das Gesundheitsministerium. Auch hier herrscht geballte Inkompetenz und bezahltes wegschauen. So lange bei der CDU/CSU als auch bei der SPD die Richtung der Politik käuflich ist wird sich hieran auch nichts ändern.
    Es beweist jedoch die absolute Rücksichtslosigkeit dieser Parteien gegenüber ihrem Auftrag und in der Regierungsverantwortung, die kriminelle Meineidpolitik dieser Gangster. Sich von diesem Gesindel zu trennen ist für ein bürgernahes System alternativlos.
    Gebt dieser käuflichen Wichstruppe keine Stimme mehr und sensibilisiert euer Umfeld für dieses wichtige Thema. Auch Gegner einer Legalisierung haben Kinder (siehe Mortler). Was darf man von so einer Person auf ihrem Posten erwarten, wenn sie sogar im privaten Umfeld versagt und selbst, genau so wie ihre Parteikollegen, käuflich ist?
    Der Schaden, den diese Herrschaften anrichten ist auch finanziell bezifferbar. Es sind ca. zwei Milliarden Euro pro Tag. Die menschlichen Tragödien, die sie verursachen, sind schon gar nicht mehr zu greifen, so extrem schlecht ist diese Politik. Wir befinden uns da schon längst im Strafrecht. Sie gehören nicht nur abgesetzt, sondern in der Folge auch verurteilt. Die Schwere dieser Straftaten lässt auch keine Bewährungsstrafe zu. Dann würden zum ersten Mal die Richtigen hinter Gittern sitzen.

  2. R. Maestro

    @Harald, Zustimmung von Anfang bis Ende.

    Jetzt will man plötzlich etwas ändern? Weil denen mittlerweile ein immer stärkerer Wind entgegenweht.
    Dass es kompetentere Alternativen als Frau Ludwig gibt und das BtMG trotzdem weiter in Unions-Händen bleibt, zeigt:
    Freigabe, zumindest weitreichende Änderung ja, oder vielleicht, aber absahnen wollen weiterhin die christlichen.
    Und die SPD, es sind Mitläufer, mehr nicht.
    Ich erwarte mir besser nichts Sinnvolles, das Anbauverhinderungsgesetz ist schon bescheiden genug.

  3. Krake

    @ Harald, bzw @ alle Anderen,
    wir müssen schauen daß ein Typ wie er, schnellstens den Weg in die politische Ebene tut!! Ohne Quatsch!! Leute wie er DRINGEND gesucht!! Wo Potential ist, es gibt nix besseres!

  4. R. Maestro

    Ein wenig vermisse ich die Meinung unseres Mietmauls, Dr. Rainer Thomasius.
    Dieser Vollarsch hat doch von jeglicher Prohibition profitiert.
    Thomasius, Du bist eine Schande.
    Ich erwähne es wiederholt: Angesichts der Normalität damals, können unsere Vordenker nur von Hanf-Verückten abstammen!
    Evtl. von Victor Licata?
    Klar, jetzt beisst es aus, Mortler und Ludwig, wissen nicht wer dies war.
    Über eine Person weiss man nichts, aber ein Urteil über ca. 81.Millionen fällen?
    Wie sich unsere Obrigkeit mit nicht vorhandenem Schmuck und Heiligtümern beseelt, es muss jedem normal denkenden übel werden.
    Für das Denken wurden unsere Großkopferten nicht gewählt, es wäre eine Illusion.

    Wir alle sind nur Mittel zum Zweck, auch die Narren, welche noch an der Prohibition festhalten.
    Lasst es darauf ankommen, ihr werdet sehen, wir alle sind nur Schweinefutter!
    Auch die Prohibitionsärsche!
    In ihrem Gutglauben werden diese hoffentlich die ersten sein, welche freiwillig und dummdämlich, wie Lämmer zur Schlachtbank spazieren.
    Die ehemals als letzten angesehen, werden die ersten sein.
    Dass man heutzutage noch so dermassen verscheissert wird, ist gelinde gesagt eine Frechheit.
    Aber unverbesserliche versuchen es noch heute.
    Leider bislang sogar erfolgreich.

  5. Geld aus dem Nichts

    Wenn sich Vermögen lohnt, dann lohnt sich auch der Diebstahl und der Betrug .
    Darum ist eine Europäische Luxussteuer bzw. Spitzensteuer so wichtig .
    Die Vermögensverteilung ist in der BRD besonders ungerecht .

    Ohne Regulierung der Banken, geht das alles, immer so weiter .


    https://www.youtube.com/watch?v=PmHPt-xGap8

    https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/nachrichten/folgen-der-deregulierung-die-selbst-gemachte-krise-seite-4/3765676-4.html?ticket=ST-59995354-7ZZXXCRFqVMTfdLCQvOy-ap6

  6. Otto Normal

    Nicht nur im Bereich Prohibition werden unsere schwer erschufteten Steuergelder verschleudert. Der Verkehrsminister hat vor kurzem 700 Mio. Euro an private Unternehmen quasi verschenkt! Eigentlich müßte der ehrenwerte Herr Scheuer sofort wegen Veruntreuung vor ein Strafgericht. Anschließend müste er vor ein Zivilgericht das ihn zu Schadensersatz verurteilt unter Heranziehung seiner Pension UND seines Privatvermögens.
    Aber Pustekuchen.
    Keine Aufhebung der Immunität, keine Anklage…. der arrogante Schnösel tritt nicht mal von seinem Posten zurück.
    Da regen wir uns über Donald Trumpf auf?
    Unsere Politmafia ist doch genauso!
    Es sind Kriminelle!
    B – etrüger
    R – egieren
    D – eutschland
    Wir werden dieses Pack wohl mit brutalster Gewalt entfernen müssen, einen anderen Weg zur Wiederherstellung unseres demokratischen Rechtsstaats sehe ich leider nicht mehr.

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