Samstag, 31. August 2019

Aus dem Leben der Spezies der Polytoxikomanen – 2. Teil

Nüchtern, ein wenig angeturnt oder ziemlich gut unterwegs – ein richtiger Polytoxikomane meistert seinen Alltag in allen Lebenslagen, auch in dieser Ausgabe


Wie aus der letzten Ausgabe erinnerlich, bezeichnet Polytoxikomanie oder der multiple Gebrauch unterschiedlicher Substanzen die häufige Einnahme verschiedener Substanzgruppen, welche insgesamt die Merkmale einer Abhängigkeit aufweisen. Im Vorgänger-Artikel drehte sich das Beispiel um einen Studenten, der gerne multiplen Substanzgebrauch vollzog. Heute werfen wir einen Blick auf eine eifrige, aber überlastete Fachhochschul-Professorin, die ohne die tägliche Einnahme diverser stimulierender und dämpfender Substanzen ihr Tagespensum nicht bewältigen könnte.

Karla M. ist Anfang 50, und sie würde ohne mit der Wimper zu zucken von sich behaupten, dass sie noch nie in ihrem Leben Drogen genommen hat. Karla ist glücklich verheiratet und hat drei Kinder: Mike, Vincent und Paula. Die Kinder gehen alle noch aufs Gymnasium. Karla hat Soziologie und Englisch auf Magister studiert. Danach verbrachte sie einige Zeit mit Drittmittelprojekten an dem Lehrstuhl Soziologie. Im Anschluss promovierte sie dort. Nach erfolgreicher Promotion verließ sie wegen der Kinder die Universität und begleitete vom Homeoffice aus am Rande einige Projekte, um den Kontakt zur Arbeit nicht vollständig zu verlieren. Anschließend hat sie in Sachen Karriere auf die Überholspur gewechselt, was ihr perfekt gelang. Schnell hat sie sich habilitiert und eine eigene, kleine Firma gegründet. Relativ schnell wurde sie daraufhin an eine Fachhochschule berufen. Sie ist bei Kolleg*innen und Studierenden beliebt. 

Die emsige Professorin an einer Fachhochschule

Mit dem rasanten beruflichen Aufstieg sind Schattenseiten verbunden. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kolleg*innen besitzt Karla keinen freien Tag unter Woche, zumal sie noch die Fachaufsicht über die sozialwissenschaftlichen Fächer innehat. Die Berufsanforderungen sind zudem in anderer Hinsicht sehr fordernd. Karla muss mindestens 16 Stunden Lehre halten. Das tut sie zwar gerne, doch empfindet sie den direkten Unterrichtskontakt mit den Studierenden zusehends als Belastung, da sie in dieser Zeit nicht ihren vielfältigen administrativen Verpflichtungen nachkommen kann und sich so das ungute Gefühl einstellt, dass die Verpflichtung zur Lehre sie von der Erledigung wichtigerer Aufgaben abhält. Denn diese administrativen Aufgaben haben es in der Tat in sich. Sie kümmert sich zum Beispiel auch um „Problemfälle“. Studierende, die irgendwie auffällig geworden sind oder anderweitig gravierende Probleme haben, müssen zunächst bei Petra vorsprechen, bevor sich der Studiendekan einschaltet. Karla hat einige Mitarbeiter*innen und einige von diesen bewerben sich innerhalb und außerhalb der Fachhochschule für verschiedene mit einer Beförderung beziehungsweise Berufung verbundenen Posten oder wollen bei ihr promovieren oder habilitieren. Die eingereichten Qualifikationsarbeiten sind sehr abstrakt, theoretisch und umfangreich – die Korrektur ist extrem aufwendig, zumal Karla bis in die Fußnoten hinein sorgfältig ist, da sie sich keine wissenschaftlichen Versäumnisse vorwerfen lassen möchte. Nach Sichtung und Korrektur der Arbeiten muss sie aber erst noch die schriftliche Beurteilung formulieren – trotz Vordrucken und diversen Hilfestellungen eine kräftezehrende und zeitverschlingende Arbeit, da Karla sich sehr darum bemüht, jeder/m individuell gerecht zu werden, und ihren Schützlingen eine möglichst optimale Ausgangslage bei den Bewerbungsverfahren verschaffen möchte. Das war aber bei Weitem noch nicht alles: Hinzu kommen unzählige Konferenzen und Sitzungen, die Karla in ihrer Funktion als Professorin und Dekanin leiten, oder aber an denen sie teilnehmen muss. Dies gilt für Sitzungen innerhalb der eigenen Fachhochschule, aber auch für Sitzungen mit anderen, kooperierenden Hochschulen und Universitäten sowie dem Wissenschaftsministerium. Zudem ist sie verpflichtet, sich um den Finanzhaushalt ihrer Fakultät zu kümmern und die Curricula für das kommende Semester zu erstellen. Alle Aufgaben verlangen ein Höchstmaß an Konzentration und Akribie, da es ansonsten wieder Rügen oder Tadel durch die Vorgesetzten an der Fachhochschule, die Aufsicht des Ministeriums und diverse Kontrollkommissionen gibt. Besonders problematisch ist die weite Entfernung der Fachhochschule von Karlas Wohnort – was sich aber nicht ändern lässt, da ihre Kinder nicht mehr die Schule wechseln und ihr Mann keinen längeren Anfahrtsweg zur Arbeit auf sich nehmen wollen. Bei günstiger Verkehrslage dauert Karlas Fahrt zur Fachhochschule 1.5 Stunden. Hin und zurück ergibt das eine Wegstrecke von mindestens 3 Stunden am Tag, die sie im Auto verbringen muss.

Wie kann also Karla diesen zugegebenermaßen äußerst stressigen Alltag bewältigen? Für Yoga und Sport fehlen ihr die Zeit und die Nerven. Auch im Kreis der Familie ist Erholung nur selten möglich. Ihr Mann verbringt ebenso wie sie die meiste Zeit auf der Arbeit und die Kinder haben inzwischen schon ein weitgehend eigenständiges Leben entwickelt. Karla ist Kettenraucherin. Immer wenn sie Stress verspürt, greift sie zur Kippe. Zudem hat sie massive Schlafprobleme. Um ausreichend erholt zu sein, benötigt sie mindestens acht Stunden Schlaf, was bei ihrem Lebenswandel und Beruf einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist, da sie meistens – wegen der langen Anfahrt – um 5.30 Uhr aufstehen muss und aufgrund von Unterrichtsvorbereitungen und Vorbereitungstätigkeiten für den kommenden Tag selten vor 23.00 Uhr ins Bett kommt. Mehrfach hat Karla ihrem Arzt die stressige und beanspruchende Gesamtsituation geschildert, die sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Der Arzt hat ihr schnell wirkende Schlaftabletten verschrieben, außerdem ein Benzodiazepin, das der nervlichen Zerrüttung vorbeugen soll und Angst- und Erregungszustände zu verhindern hilft. Aber all das alleine würde Karla nicht ausreichen, denn ihre Tage sind lang und nicht selten dauern einige der vielen Sitzungen bis in die Abendstunden. Dann benötigt Karla definitiv etwas Stärkeres als Kaffee oder Espresso. Doch an diesem Punkt hat der Arzt ausdrücklich „Nein“ gesagt – solch ein Präparat würde er nur im Ausnahmefall bei Politikern oder bei Spitzenmanagern verschreiben. So tragisch es ist, doch Karla hat auch irgendwo Glück, dass ihr an ADHS erkrankter Sohn Vincent das Aufputschmittel Ritalin, das ADHS-Patienten ruhig stellt, verschrieben bekommen hat. Ritalin ist eine Form von Amphetamin, das nicht an ADHS Erkrankte tagelang wach halten kann und das zu Höchstleistungen verhilft. Da Vincent aber – was Karla allerdings nicht weiß und nie vermuten würde – häufig einen Joint durchzieht, benötigt er das starke Medikament nur selten und seine Mutter kann sich dann an den Amphetaminen ihres Sprösslings immer wieder unbemerkt bedienen.

Wie sieht nun ein Beispiel aus Karlas Alltag aus? Mittwoch, 4.30 Uhr. Der Wecker klingelt unerbittlich. Karla ist erst kurz nach Mitternacht ins Bett gekommen, da sie mit dem Kanzler der Fachhochschule gemeinsam die Stellenbedarfsermittlung für das kommende Semester abschließen muss, und sie noch lange am Abend an dem Dokument gearbeitet hat. Heute hat der „Chef“ sie bereits eine Stunde früher als sonst in die Fachhochschule einbestellt, um dort mit ihr die unterschiedlichen Entwürfe zu diskutieren. Da Karla schlecht direkt vom Computer ins Bett gehen kann, hat sie zwei der verschriebenen Schlaftabletten eingenommen. Die wirken zwar sofort und bauen sich relativ schnell ab, doch nach dem Aufstehen, hat sie noch einen leichten „Hangover“ davon, das heißt, sie fühlt sich müde und wenig leistungsfähig, woran auch die kalte Dusche nur wenig ändert. Zum Frühstück trinkt sie drei Tassen schwarzen Kaffee, um zumindest etwas wach zu werden. Dazu spült sie eine halbe Tablette des ihr verschriebenen Benzodiazepins hinunter. Sie weiß, wie nervlich belastend die Diskussionen mit dem kritischen und sehr scharfsinnigen Kanzler sein werden und außerdem hat sie im Tagesverlauf noch drei sehr lange und wichtige Konferenzen, auf denen sie eigentlich glänzen muss, da das von ihr als Professorin so erwartet wird. Kurz bevor sie die Wohnung verlässt, bedient sie sich noch reichlich bei Vincents Ritalin-Packung, da sie befürchtet, dass ihr spätestens am frühen Abend die Puste ausgehen wird. Als Karla in der Fachhochschule ankommt, hat das Benzodiazepin bereits seine volle Wirkung entfaltet. Scheinbar innerlich gelassen und souverän meistert sie die erste Runde mit ihrem Vorgesetzten; beide sind mit den Ergebnissen zufrieden. Danach wird es aber höchste Zeit für einen weiteren Kaffee, da das Benzodiazepin auch etwas müde macht.

Aber erst am Nachmittag setzt die richtige Erschöpfung ein, zumal Karlas Seminare und Vorlesungen heute besonders anstrengend waren – die Studierenden haben sie mit schwierigen Fragen gelöchert, sich wegen zu schwerer Studienanforderungen beschwert, und sie hatte den Eindruck einer großen Unruhe und Anspannung während ihrer Veranstaltungen. Jede Pause hat sie genutzt, um in einem der wenigen verbliebenen Raucherbereiche der Fachhochschule eine Zigarette zu rauchen. Doch weder Nikotin noch Koffein werden ihr jetzt noch etwas nützen. Also bedient sie sich vor der ersten Sitzung kräftig beim Ritalin ihres Sohnes. Aber das war dann aber vielleicht doch eine kleine Ecke zu viel, denn während der ersten Sitzung ergreifen sie Schweißausbrüche und eine massive innere Unruhe; zudem ist das Verlangen nach einer Zigarette in diesem Zustand äußerst heftig, dem sie jetzt aber auf keinen Fall nachgeben darf. Heimlich fischt sie deshalb eine ganze Benzodiazepin-Tablette aus ihrer Handtasche. Zu Beginn der zweiten Sitzung hat sie den Eindruck, dass sie gut „eingestellt“ ist: gleichzeitig fit, klar und schnell, anderseits aber gelassen, ruhig und souverän. Doch schon vor der dritten Sitzung bemerkt sie, wie stark sich die ganze, sedierende Tablette jetzt auf ihren Geist und Körper auswirkt. Sie kann doch nicht bei dem Meeting mit den Großkopferten aus dem Wissenschaftsministerium die ganze Zeit gähnen und geistig unfit wirken. Also legt sie mit dem Ritalin ihres Sohnes nach und nimmt auch noch diese letzte „Auswärtshürde“ mit Bravour. Wieder zu Hause nimmt sie den Schwung und Elan des Amphetamins mit und kümmert sich um zahlreiche Baustellen im eigenen Haushalt. Gegen 21.30 Uhr beschließt sie, heute nicht mehr den PC hochzufahren, obwohl es noch mehr als genug Arbeit gäbe. Also macht sie es sich auf dem heimischen Stressless-Sessel bequem, legt Kurt Cobain auf und genießt dabei zur Feier des Tages über eine halbe Flasche guten Rotwein. Dennoch kann sie wieder einmal nicht herunterfahren. Als es höchste Zeit wird ins Bett zu gehen, fühlt sie sich von den Ereignissen des Tages noch zu aufgewühlt und mitgenommen. Also greift sie wieder zu den Schlaftabletten und stellt voller Schrecken fest, dass ihr nur noch knapp sechs Stunden Schlaf bleiben – vorausgesetzt, die Schlaftabletten wirken wieder sofort, was nicht immer der Fall ist.

To be continued – mit Politikern und HARTZ IV-Empfängern

Christian Rausch

Eine Antwort auf „Aus dem Leben der Spezies der Polytoxikomanen – 2. Teil

  1. R. Maestro

    Du kennst die Blumen nicht die duften, kennst nur arbeiten und schuften.
    So gehn sie hin die schönen Jahre, bis endlich liegst du auf der Bahre.
    Und hinter dir da grinst der Tod.
    Kaputt gebrasselt, du Idiot.

    Und für wen? Für ’s Bruttosozialprodukt?!

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