Sonntag, 18. August 2019

„Zeitenwende 1979“ als neues Geschichts- und Politikformat

Können einzelne Jahresdaten als Schlüsseldaten für geschichtliche Entwicklungen stehen?


Der Buchmarkt ist härter umkämpft denn je. Während sich 2018 die Mehrheit der Deutschen kein neues Buch kaufte, suchen Verlage, Lektor*innen und Schriftsteller*innen nach neuen Buchformaten, von denen sie hoffen, dass sie den Buchmarkt frisch beleben, das heißt, dass sie häufig gekauft werden. Dabei scheint sich im Gebiet Geschichte und Politik ein Trend abzuzeichnen. Es ist en vogue, sich bestimmte Jahreszahlen herauszupicken, diese dann detailliert zu analysieren und zu beschreiben, um daran wichtige historische und politische Tendenzen oder Ereignisse beschreiben zu können. Selbst bei Kriminalromanen und Thrillern ist es inzwischen üblich, dass mitunter der Titel ausschließlich aus einer Jahreszahl besteht.

Der Autor Frank Bösch ist Geschichtsprofessor mit dem Spezialgebiet europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und lehrt an der Universität Potsdam. In seinem im C.H. Beck Verlag erschienen Buch „Zeitenwende 1979“ versucht er das oben beschriebene Konzept aufzunehmen und umzusetzen. Er nimmt also das Jahr 1979 als Anlass, um zu zeigen, dass es als konstitutiv für eine historische Umbruchsituation gesehen werden kann. Das Datum überrascht, würden doch viele Zeitgenoss*innen eher 1933, 1945 oder 1989 als die entscheidenden Wegmarken des 20. Jahrhunderts betrachten.

Zum Inhalt: Tatsächlich häuften sich im Jahr 1979 weltweit diverse Krisen, einige euphorische Aufbrüche und wenige Revolutionen. Um ein paar markante historische Beispiele dieses bedeutungsvollen Jahres zu liefern. 1979 veränderten die iranische Revolution, Margaret Thatchers Neoliberalismus oder die langsame Öffnung Chinas unter Deng ebenso die Welt wie die Aufnahme der vietnamesischen Boatpeople, der AKW-Unfall von Harrisburg in den Vereinigten Staaten von Amerika oder der sowjetische Einmarsch in Afghanistan sowie der auf den Einmarsch erfolgende heldenhafte – durch die westlichen Demokratien geförderte und materiell massiv unterstützte – Widerstand gegen die russischen Kommunist*innen durch die islamischen Gotteskrieger, welche die Vorläufer der heutigen Taliban waren. 
Der Autor Frank Bösch nimmt uns also mit auf eine durchaus faszinierende Zeitreise zu den Quellen unserer Gegenwart, womit das politologisch-historische Paradigma, dass die Gegenwart eine geronnene Vergangenheit ist, bestätigt wird. Auch für den durch das Fernsehen und seine Publikationen berühmt gewordenen Philosophen Peter Sloterdijk gilt das Jahr 1979 als ein beziehungsweise das Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts. Der nicht minder berühmte Sozialwissenschaftler Claus Leggewie bezeichnet dieses Datum als den Beginn der multipolaren Welt von heute. 

Welche Folgen verursachten diese relevanten historischen Ereignisse? Die iranische Revolution brachte zum Beispiel den fundamentalistischen Islam auf die weltpolitische Agenda, während der sowjetische Einmarsch in Afghanistan auf die Krisenherde des 21. Jahrhunderts vorauswies und zunächst den materiell-ökonomischen und später totalen Zusammenbruch der realsozialistischen UDSSR einläutete. In diesem Kontext ist auch der Papstbesuch in Polen von besonderer Relevanz. Papst Johannes Paul II, der von Millionen gefeiert wurde, beschleunigte ebenso den Untergang des Sozialismus, da er in Polen quasi einen religiös begründeten Widerstand gegen das kommunistische Regime evozierte. 

Im kapitalistischen, westeuropäischen Staatenblock verkündete die Britin Margaret Thatcher eine neoliberale neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in welcher die Merkmale Privatisierung, Deregulierung und Wirtschaftsfreundlichkeit großgeschrieben wurde. Aber 1979 gab es auch die dialektische Kehrseite dieser Bewegung, denn die neugegründete grüne Partei proklamierte eine ökologische Wende, welche diametral zum Desiderat der Profitmaximierung in der freien Marktwirtschaft stand. 

Die vietnamesischen Boatpeople konfrontierten die Deutschen erstmals mit weltweiten Flüchtlingsströmen, wobei bereits damals erste Ressentiments gegen die Flüchtlinge laut wurden, obwohl die Quantität derselben im Vergleich zum heutigen Maßstab erstaunlich gering ausfiel. 

Frank Bösch schildert in seinem brillanten Panorama mit bisher unbekannten Dokumenten, wie diese und weitere Ereignisse (zum Beispiel die sandinistische Revolution in Nicaragua oder die zweite Ölkrise, welche sowohl die kapitalistischen Staaten als auch die Mitglieder des Warschauer Pakts hart traf) 1979 aufkamen und welche Folgen sie für Deutschland hatten: politisch, kulturell und – mit Energiesparappellen, Nicaragua-Kaffee, Fremdenhass und Willkommenskultur – auch für unseren Alltag.

Aus deutscher Perspektive ist noch die Ausstrahlung der US-amerikanischen Serie „Holocaust“ von Bedeutung. Diese konfrontierte die Deutschen in hohem Ausmaß mit der singulären Schuld, welche die Deutschen im 2. Weltkrieg durch die industrielle Massenvernichtung von Juden, Homosexuellen, Systemgegnern etc. auf sich geladen hatte. Einerseits übten rechts orientierte Deutsche Anschläge gegen Sendemasten aus, um die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern, andererseits schuf die Serie bei vielen Deutschen erst die Grundlage, um sich 34 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

„Zeitenwende 1979“ ist von hohem Interesse und liest sich sehr spannend, da viele der damaligen Ereignisse von damals Wegbereiter für die Zustände von heute waren. Eine Problematik ergibt sich allerdings aus dem Konzept der inhaltlich-thematischen Fokussierung auf ein bestimmtes Jahr. Denn alle beschriebenen Ereignisse, ob es nun die iranische Revolution, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan oder etwas anderes ist, lassen sich niemals nur aus dem einen Jahr heraus erklären. So muss Bösch auch häufig weiter ausholen und die Vorgeschichte der Ereignisse von 1979 oder aber auch die Nachwirkungen derselben erklären. Dies ist aber keine Schwäche des Autors, sondern eine im Buchkonzept angelegte Problematik. So oder so tut dies dem Lesevergnügen von „Zeitenwende 1979“ keinen Abbruch. Insofern eine absolute Leseempfehlung für den Sommer.

Christian Rausch

2 Antworten auf „„Zeitenwende 1979“ als neues Geschichts- und Politikformat

  1. Gamma-Jet

    Schön, und was weiter ? Das ist nur die Oberfläche, die jeder sehen darf, und was ist in den Zwischenzeilen passiert ? Das was man in den Ebenen der Zwischenzeilen entnehmen könnte, obliegt nur den Scharfdenkern – damit sind nicht die Gehirnakrobaten des Verstandes hier gemeint, davon sind genügend vorhanden, und brachten uns bis hierhin, nach D, zu einer manipulierten und manipulierenden Kanzlerin !

  2. Geld aus dem Nichts

    Warum wurden in Sri Lanka 180 Menschen getötet , trotz Waffenverbot ? Warum wird Dünger und Diesel nicht Verboten ? Und was Inszenieren Deutsche Behörden noch alles , außer Schmuggelgeschäfte ?

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