Samstag, 3. August 2019

Sie sind unter uns: Cyborgs

Von Bodyhacking und moralischem Wiederherstellen



Darth Vader unter uns oder die Borgs aus Star Trek? Ja und nein. Wer die Star-Wars-Filme gesehen hat, weiß, dass Darth Vader so aussieht, weil er ins Feuer fiel und Technik nötig ist, seinem verbrannten Körper eine einigermaßen normale Funktion zu ermöglichen. Wer Star Trek gesehen hat, weiß, dass die totalitäre Borg-Gesellschaft ihre Körper permanent technisch an veränderte Umweltbedingungen anpasst, fremde Völker assimiliert und rücksichtslos expandiert. Genau in diesem Feld bewegen sich die medizinisch-philosophischen Diskussionen, wenn es um Technisches im menschlichen Körper geht.

Ein Cyborg ist erst einmal nur der Begriff für ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine – abgeleitet von kybernetischem Organismus. Blicken wir in der Geschichte zurück, waren es die alten Ägypter, die überliefert die ersten Prothesen herstellten. Bei einer Mumie, die etwa 1000 v. Chr. gestorben war, fand sich der funktionelle Nachbau einer großen Zehe. 300 v. Chr. tauchten die ersten Holzbeine als Stecken auf und nach Plinius sogar die erste eiserne Hand. Für diese wurde im späten Mittelalter Götz von Berlichingen bekannt. Ihr wisst schon, der mit „er kann mich am Arsche lecken.“ 

Seitdem entwickelten sich technische Ersatzteile für den menschlichen Körper rasant – wie so oft in der Geschichte leider forciert durch verheerende Kriege, die nicht nur Soldaten zu „Versehrten“ machten. Chirurgen entwickelten den Sauerbruch-Arm oder die Fischer-Hand. Sie waren für einfache Soldaten unerreichbar teuer.

Um ein Cyborg zu sein, reicht ein Holzbein. Was künstlich außen hinzugefügt wird, ist eine Exoprothese wie Arm-, Bein- und Handprothesen. Heutzutage sind sie mikroprozessorgesteuert. Ein großer Durchbruch gelang Wissenschaftlern mehrerer europäischer Kliniken und Hochschulen 2014 bei Handprothesen. „Wie bei anderen fortgeschrittenen Prothesen steuern Muskelbewegungen des Unterarms die Hand. Neu ist der Rückkanal, über den der Prothesenträger sofort merkt, ob er zu fest zudrückt oder welche Art Gegenstand er in der Hand hält. Sørensen (Testpatient – die Red.) kann mit der Prothese Größe, Form und Härte von Gegenständen in seiner Hand erfassen.“, zitiert nach Heise. Von der Testhand ist der Däne begeistert: „Die sensorische Rückmeldung war unglaublich.“ 

Schlagzeilen machte der südafrikanische Läufer und Sprinter Oscar Pistorius, er war ab 2007 bekannt als „fastest man on no legs“. Seine ersten Gewinne mit Unterschenkelprothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff heimste Pistorius 2004 als 17-jähriger ein. Immer wieder gewann er Preise in Wettkämpfen mit nichtbehinderten Sportlern. Bei den Olympischen Sommerspielen in London 2012 startete der Läufer als erster beidseitig beinamputierter Athlet und erreichte mit seiner 4-mal-400-Meter-Staffel den achten Platz. Die folgenden Schlagzeilen ab Mitte Februar 2013 gereichten ihm nicht zur Ehre. Er erschoss seine Freundin mit mehreren Schüssen und behauptete, er hätte sie für einen Einbrecher gehalten. Voraussichtlich sitzt er seine Haftstrafe bis 2031 ab.

Alle Teile, die im Körper bleiben, heißen Implantate. Denkt an ein künstliches Hüftgelenk oder Zahnimplantate. 

Superkrass wie die Cracks

Er war voll durchtrainiert, Artist seit über zwanzig Jahren. Wir reden von Kelvin Kalvus, dem Meister der Kontaktjonglage mit Glaskugeln. Seit 2016 hält er den Guinness-Weltrekord und war mit über 1000 Auftritten in 25 Ländern unterwegs. International gefeiert in zahlreichen Fernsehshows und im deutschsprachigen Raum bekannt, weil er bei der RTL-Show „Supertalent“ den 2. Platz erreichte. Zu seinem täglichen Trainingsprogramm kamen Inlineskater dazu. Fasziniert schaute sich Kelvin die Youtube-Videos von den Cracks an. Superkrass. Das wollte er auch! Er fuhr einen kleinen Berg hinunter und versuchte wie beim Skifahren einen Stemmbogen. Sechs Stunden später kam er im Krankenhaus wieder zu sich, ließ sich beschreiben, was passiert war und wollte es nicht glauben. Die Inlineskater waren stehen geblieben, nur sein Oberkörper wollte weiter und Kelvin hob ab. Mit der rechten Wange knallte er auf den Beton. Das Jochbein brach, die Augenhöhle zertrümmerte. Seitdem stabilisieren drei Carbon-Stahleinsätze seine Augenhöhle. Zwar sind Zähne und der rechte Gesichtsnerv taub, doch er sieht dank der modernen Prothetik wieder aus wie früher. Alkohol und Drogen sind nichts für ihn, das macht ihn zu langsam. Italienische Kollegen haben unter Cannabis trainiert, das auf Video aufgenommen und nüchtern angeschaut, um zu lernen. Er wäre interessiert, ob Hanföl mit THC von außen gegen Verspannungen, Muskelschmerzen und Sportverletzungen helfen kann.

Reale Utopien

Herzschrittmacher wurden schon Anfang der 50er Jahre für Menschen mit zu langsamen Herzschlag entwickelt, 1958 wurde der erste eingesetzt. Das Problem war, dass die Batterien nicht lange hielten. Plutoniumhaltige Batterien waren ab Anfang der 70er im Einsatz, heute sind das Lithium-Iod-Batterien oder Lithium-Kohlenstoffmonofluorid-Batterien, die lange Lebenszeiten haben und leicht tauschbar sind. Eine spezielle Form sind Kardioverter und Defibrillatoren, die direkt in der Herzkammer angeschlossen werden. Diese Geräte verlängern so manches Leben um viele – teils über 20 Jahre. Sie werden ausgeklügelter und spezieller. Übrigens ist es mittlerweile bei hohen Strafen verboten, sie einem Toten zu entnehmen und zu recyceln. Stents und Gefäßprothesen sind weitere künstliche Ersatzteile für das Herz-Kreislaufsystem. Auf ein Kunstherz wartet die Menschheit noch. Bis dahin entwickelten Forscher ein Unterstützungssystem auf Pumpbasis, das den Körperkreislauf aufrecht erhält. Es ist zur Überbrückung bis zur Transplantation gedacht. 

Faszinierend sind Cochlea- und Retinaimplantate. Cochlea ist der Fachbegriff für Hörschnecke. Wenn ein Hörgerät für einen extrem schwerhörigen Menschen nicht mehr ausreicht oder wenn die Haarzellen zerstört sind – und der Mensch dadurch taub ist – jedoch der Hörnerv noch funktioniert, kann ein Cochlea-Implantat das Hörvermögen wieder herstellen. Ein Mikrofon, einen Sprachprozessor, ein Akku und eine Spule trägt der Patient außen hinter dem Ohr. Die äußere magnetische Spule überträgt digitale Daten an die implantierte Spule. Die wiederum überträgt Signale an eine Stimulationsschaltung, die die Ströme an den Hörnerv weiter gibt. Bei Erwachsenen, die schon immer taub sind, funktioniert das leider nicht. Wenn extrem schwerhörigen oder tauben Kindern ein Cochlea-Implantat vor dem Sprechenlernen eingepflanzt wird, gibt es sehr gute Resultate. Erwachsene müssen mit dem Implantat erst hören lernen, das funktioniert ähnlich wie beim Lernen einer Fremdsprache.

Ein Retina-, also Netzhaut-, Implantat unterstützt blinde oder schwer sehbehinderte Menschen. Sie tragen eine Brille mit integrierter Videokamera. Ein Photodioden-Array wandelt die Bilder in elektrische Impulse um, die vom Implantat an die Nervenzellen der Netzhaut weiter geleitet werden. Menschen können damit wieder Formen erkennen und große Buchstaben lesen. Hiermit sind Utopien real geworden und wir sind direkt am Anfang gelandet, auf der Brücke der Enterprise der nächsten Generation, bei Lieutenant Commander Geordi La Forge. Er ist seit seiner Geburt blind und auf einen Visor angewiesen. Wusstet Ihr, dass Captain Jean-Luc Picard seit vielen Jahren mit einem Kunstherz lebt? 

Es verwundert niemanden, dass neben medizinisch nützlichen technischen Körperergänzungsteilen Militär und Industrie an kybernetischen Lösungen zur Verbesserung und Manipulation alles Möglichen forschen, zum Beispiel am Chip unter der Haut, um Angestellte zu kontrollieren. 

Dann gibt es die Spaßmacher, die sich zum Beispiel Leuchtdioden in die Hand pflanzen lassen, weil sie es können und cool finden. Wearables heißen kleine, vernetzte Computer, die am Körper getragen werden wie z. B. Blutzuckermessgeräte, Fitnessarmbänder oder Datenbrillen.

In Deutschland hat sich der Verein Cyborgs e. V. gegründet. Seine Mitglieder haben sich u. a. zum Ziel gesetzt, Prothesen, Implantate und Devices – Gerätedateien – zu hacken, ihre Funktionsweise, Software, Nebenwirkungen und Gefahren zu dokumentieren, für Cyborg-Rechte einzutreten und in Politik und unter der Bevölkerung Akzeptanz zu schaffen. Damit sind sie Cannabisaktivisten ähnlich. In ihrem Manifest lesen wir: „Jeder Mensch hat das Recht, unter angemessener Abschätzung der gesundheitlichen Risiken, seinen Körper zu modifizieren.“ Zugleich will der Verein vor Missbrauch von Hard- und Software schützen und fordert ihre Offenlegung.

Macht was Ihr wollt, aber fügt Euch selbst und anderen keinen Schaden zu. Höher wäre der Anspruch, Dinge zum Wohle der Gesellschaft zu tun.

Amandara M. Schulzke

6 Antworten auf „Sie sind unter uns: Cyborgs

  1. Dr. Prof. Georg Elser

    Exoskelett , Chips und Prothesen sind von Gestern ,die Zukunft heißt Gentechnik . Myostatin-Blocker gefällig ?

  2. Dr. Prof. Georg Elser

    Erreiche 200 % , mehr Lungenvolumen , ganz einfach ,ohne Stielaugen , mit einem Myostatin-Blocker .

  3. Ute

    @Dr. Prof. Geor Elser
    Kann ich mein Myostatin-Gen auch ohne Medikamente ausschalten ? Mit Yoga , Chants oder bestimmten Ritualen ?

  4. Dr. Prof. Georg Elser

    @Ute
    Hallo Ute .
    Ja das geht , dauert aber länger und kostet , Aufpreis .

  5. Marlene Mortler

    @Dr. Prof.Georg Elser
    Wächst mein Gehirn auch um 200% , während oder nach einer Myostatin-Therapie ?

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