Mittwoch, 31. Juli 2019

Polytoxikomanie I

Wie nur durch den Alltag kommen?


Polytoxikomanie oder der multiple Gebrauch unterschiedlicher Substanzen bezeichnet die häufige Einnahme verschiedener Substanzgruppen, welche insgesamt die Merkmale einer Abhängigkeit aufweisen. Um diese Spezies Mensch dreht sich dieser Artikel. Es geht v. a. um Menschen, die kaum in der Lage sind, ihren Alltag ohne den Konsum der abhängig machenden Substanzen zu meistern. Ist das schlimm?

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber auf jeden Fall gibt es viele Polytoxikomanen. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens jede 100. Person in Deutschland davon betroffen ist und dass in etwa 2.000 Sterbefälle pro Jahr auf Polytoxikomanie zurückzuführen sind. Was denkt die Gesellschaft über diese Menschen? Zum Beispiel, dass Polytoxikomanen den ganzen Tag „high“ im Bett verbringen und die heimische Höhle nur dann verlassen, wenn sie Nachschub ihrer legalen und illegalen Substanzen benötigen. Oder dass sie, um ihren Drogen- und anderweitigen Konsum zu finanzieren „krumme Dinger drehen“. Das sind überholte Vorurteile, denn nicht wenige Polytoxikomanen sind funktionierender Bestandteil unserer Gesellschaft. 

Polytoxikomanen sind mitunter verheiratet, einige haben Kinder, gehen einem lukrativen Job nach und sind bei Nachbarn und Kollegen beliebt – niemand würde auf die Idee kommen, dass es sich um die gefürchtete Spezies Polytoxikomane handelt. Wie könnte also das Leben eines Menschen aussehen, der häufig verschiedene zur Sucht führende Substanzen konsumiert? 

Im Folgenden wird ein Fallbeispiel von Polytoxikomanie erzählt, das exemplarisch ist. Person und Handlung sind zwar in der u. s. Form erfunden, sie lehnen sich stark an die Verhaltensweisen und Lebensumstände von in der Realität vorkommenden Polytoxikomanen an. 

Der kreative Selbstständige

Markus ist seit einiger Zeit selbstständig. An der FU Berlin hat er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studiert. Nach mehreren Praktika hat er vorläufig keine feste Anstellung erhalten. Deshalb hat Markus sich selbstständig gemacht. Seine Tätigkeiten sind vielfältig. Er übernimmt Aufträge für Firmen, indem er beispielsweise Werbevideos erstellt und zuschneidet. Er schreibt als Freelancer Artikel für Lifestyle-Magazine und Zeitungen. Zudem hält er Seminare, die der Förderung des kommunikativen Talents dienen sollen. Manchmal jobbt er als Barkeeper in einer angesagten Location. Zu guter Letzt hat er sich bei einer der etablierten Volksparteien als Medienberater durchgesetzt. Markus hat zwar eine Freundin, die aber in Hamburg studiert. Deshalb ist für ihn „nur“ eine Fernbeziehung drin. Probleme bereitet Darius nicht, dass er zu viel zu tun hätte und die Masse der auf ihn einstürmenden Anforderungen nicht erfüllen könnte. Im Gegenteil, er wünscht sich mehr und kontinuierlicher verlaufende Arbeit. Das Stoßgeschäft setzt ihm also zu. Manchmal ertrinkt er beinahe in Arbeit und dann geht tagelang wieder nichts, da Auftragsflaute herrscht. Der Alltag von Markus wird also durch einen stetigen Wechsel von Langeweile und dann wieder partieller Überforderung geprägt. An manchen Tagen hat Markus gar nichts zu tun. Dann fällt es ihm schwer, seinem Tag eine feste Struktur zu geben und ihn mit Sinn zu füllen. An anderen Tagen arbeitet er buchstäblich vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Seine Einkünfte sind einigermaßen auskömmlich – auch für die deutsche Bundeshauptstadt. Aber Markus wünscht sich lieber einen ständig vorhandenen Geldfluss. Denn nur dadurch, so mutmaßt er, wird seine langjährige Freundin mit ihm nach dem Studium zusammenziehen und vielleicht eine gemeinsame Zukunft mit Haus, Kindern und Hund planen. Außerdem hofft er für sich selbst, sein momentan doch äußerst diversifiziertes Aufgabengebiet für die Zukunft einschränken zu können. Denn er denkt, dass es ihm guttun würde, sich auf sein genuines Aufgabengebiet bei einem Auftraggeber konzentrieren zu können. Außerdem nervt ihn das ständige Rechnungen schreiben, Auftraggeber an ausstehende Zahlungen zu erinnern und die Akquise von neuen Aufträgen.

Welche Strategien hat sich Markus zu Recht gelegt, damit er seinen so umrissenen Alltag gut meistern kann? Darius ist in seiner Jugend und während seines Studiums recht häufig mit Drogen in Berührung gekommen, aber er hat seiner Meinung nach nie Probleme mit oder auch ohne Drogen gehabt. Er geht fest davon aus, kein Suchtproblem zu haben, da er ja jederzeit mit allem aufhören kann. Zuerst fing er bereits in der Sekundarstufe 1 mit dem Kiffen an. Auf dem Pausenhof, nach der Schule und erst recht am Abend mit seinen Freunden. Es gab auch Zeiten, als Darius bereits den ersten Joint vor Schulbeginn konsumiert hatte. Es gelang ihm dennoch, immer ein durchschnittlicher Schüler zu bleiben. Kurz vor dem Abitur experimentierte er heftig mit allen möglichen Substanzen herum. LSD, Magic Mushrooms, Speed in verschiedenen Variationen, Ecstasy, Koks, zahlreiche Opiate und auch Heroin. Bei Letzterem hat er festgestellt, dass die sedierende Wirkung von Opiaten für ihn ein gutes Feeling hervorbringt, da er ohnehin immer rastlos ist und unter Strom steht. Heroin und andere Opiate helfen ihm, seinen erstaunlich ausgeprägten Energielevel herunterzufahren und stärker in sich selbst zu ruhen. Hinzu kommt, dass Markus sich in diesen Augenblicken auch besonders kreativ fühlt. Das heißt, während er durch die Drogen sediert ist, produziert sein Gehirn besonders kreative, nachhaltige und vor allem auch umsetzbare Ideen. Insofern sind die „Downer“ für Markus ein willkommenes Hilfsmittel geworden, um Lösungen für schwierige Probleme zu finden. Wenn er diese Ideen dann konkret umsetzen möchte, benötigt er aber anderweitige Unterstützung. Dann greift er lieber zu den „Pushern“, die ihm die nötige Energie und Ausdauer geben, um die Aufgaben auch zur vollen Zufriedenheit und innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens umzusetzen. Last but not least: Markus sieht Cannabis nicht als Droge an. Für ihn gehört das zu einem freien und selbstbestimmten Leben dazu. Deshalb ist bei ihm Kiffen auch nicht mit einer bestimmten Funktion versehen, um besser im Alltag und Beruf zu funktionieren – bis auf eine Ausnahme, doch siehe dazu weiter unten.

Heute steht nichts Konkretes auf dem Programm. Deshalb kann Markus ausschlafen. Um 10.30 Uhr quält er sich dennoch aus den Federn und macht sich nach der Morgentoilette auf den Weg zum Kaffeetrinken. In einem angesagten Café seines Stadtteils gönnt er sich eine Latte – und sonst nichts. Als er wieder zu Hause sitzt, wirft er seinen Mac an. Aber keine interessanten, neuen Geschäftsmails. Darius überlegt, wie er den Tag gestalten soll. Die Freundin weilt in Hamburg, die Eltern und Geschwister leben weit außerhalb des Berliner Speckgürtels und alle Freunde sind überreich mit Aufträgen und Arbeit belegt und haben folglich keine Zeit für ihn. Also beschließt Markus, sich einen kleinen Joint als Appetizer zu gönnen, damit er zumindest zum Mittagessen einen Bissen herunterbringt. Nachdem er sich eine Pizza im Backofen warm gemacht hat, vertreibt er sich die Zeit, indem er ein wenig Playstation spielt. Aber das macht ihm heute keinen Spaß, sondern kratzt ihn im Gegenteil eher auf. Es ist noch lange bis zum Abend und Markus fragt sich, was er tun kann. Er hofft auf einträgliche Aufträge und die Langeweile scheint ihm unerträglich. Es ist seltsam, aber er fühlt sich einerseits aufgekratzt und anderseits ein wenig leer. Die innere Unruhe gepaart mit dem Leben ohne Aufgabe zermürbt ihn. Er wünscht sich etwas Wärme und Sicherheit. Und so kommt ihm plötzlich die rettende Idee, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, „etwas Kreativität vorzutanken“ für spätere Arbeitsaufträge. Also geht er an seine „Zauberbox“ in der Küche, in welcher er zahlreiche Opiate und wenige Benzodiazepine aufbewahrt. In einem einschlägigen Internetforum hat er gelesen, dass eine minimale Benzodiazepin-Beigabe bei Opiaten diese nicht nur verstärkt, sondern die Wirkung derselben auch noch verlängert. An der Haltestelle „Kottbusser Tor“ deckt er sich in der Regel bei Drogensüchtigen mit den opiathaltigen Tabletten ein. Die Drogensüchtigen erhalten die Medikamente auf Rezept von ihrem Arzt verschrieben, um Entzugserscheinungen abzumildern, Schmerzen zu tilgen und so weiter. Viele Drogensüchtige verkaufen dann die rezeptpflichtigen Medikamente, um sich „richtigen Stoff“ wie Meth oder Crack kaufen zu können. Nach kurzer Überlegung, welches Präparat für ihn heute ideal geeignet ist, entscheidet er sich für das eher „moderat“ wirkende Tramadol. So mischt er 350 Milligramm dieses Wirkstoffs mit einer 0.5 Milligramm enthaltenden Tablette des Benzodiazepins Diazepam. Beide Substanzen benötigt eine gewisse Anlaufzeit, während der er noch einmal seine Mails checkt. Doch außer Spam und unwichtigen Nachrichten von Freunden findet sich nichts Neues. Folglich wendet sich Markus noch einmal der Playstation zu, bevor die angenehme Wirkung der Mixtur einsetzt und ihn ein wenig besänftigt. Dann hört er mit dem Spielen auf, da dies – wie er meint – ihn zu sehr von seinen kreativen Gedankengängen ablenkt. Stattdessen legt er eine CD seiner Lieblingsband Led Zeppelin auf und lauscht der Musik. Jetzt kann er sich ganz hervorragend entspannen. Die Drogen entfalten ihre Wirkung und Markus empfindet auf einen Schlag, dass alles in seinem Leben sehr gut und schön ist.

Es gibt also keine großen Probleme mehr in seinem Leben und die kleinen wird er in jedem Fall lösen können. Eingehüllt in eine schöne Wärme und abgeschirmt durch einen vermeintlichen Schutzschild hängt er weiter seinen Gedanken nach. Er lässt vergangene Probleme Revue passieren und überlegt sich, welche Anforderungen bei künftigen Projekten auf ihn zukommen könnten. Er fühlt sich inzwischen ein wenig schläfrig. Aber da er dennoch nicht völlig loslassen kann, checkt er erneut seine Mails. Und siehe da: Es ist tatsächlich ein neuer Auftrag eingetroffen. Er soll für ein kleines Start-up-Unternehmen einen Videoclip zusammenstellen. Die Materialien für den Werbefilm haben die Jungunternehmer bereits in mehreren Anhängen mitgeschickt. Er muss dieses Material quasi nur noch in die richtige Form gießen. Dabei gibt das Aufgabenprofil vor, die Kreativität, die Einzigartigkeit des Produkts und die Jugendlichkeit sowohl der Käufer als auch der Hersteller in den Vordergrund zu stellen. Natürlich möchte Markus sofort loslegen, zumal der Auftrag mit einer Summe verbunden ist, die er gerne baldmöglichst auf seinem Konto sehen würde. Aber durch die konsumierte Mixtur bedingt, fühl er sich der Aufgabe nicht sofort gewachsen. Auch ein Kaffee und ein Espresso helfen da nicht weiter. Darius merkt, dass er jetzt etwas benötigt, das sein Gehirn auf Hochtouren trimmt, damit er für die Aufgabenstellung richtig funktioniert und auch lange durchhalten kann. Folgerichtig beschließt er, sich eine kleine Line Speed zu gönnen. Doch die kleine Line vermag noch nicht die Oberhand über das Tramadol zu gewinnen. Also legt er eine weitere kleine Line nach. Danach fühlt er sich in Bestform. Doch nach einer Weile der Schneidetätigkeit hegt er Zweifel an seiner Arbeit. Genügt das den Ansprüchen der Auftraggeber? Kann er wirklich nicht noch eine Schippe drauf legen? Das Speed „schickt“ ihn jetzt ziemlich heftig – er hat schweißige Hände, einen trockenen Mund und fühlt sich am ganzen Körper zittrig. Die gewünschte kreative Aura vermisst er immer noch. Also beschließt Markus, dieses Defizit durch ausreichenden Cannabis-Konsum zu beheben. Er baut sich eine fette Tüte, lässt sie kurz wirken und macht sich wieder mit frischem Schwung an die Arbeit. Jetzt hat er das Gefühl, das ihm die Arbeit wie von selbst von der Hand läuft. Einige Joints und Stunden später hat er den ersten Rohentwurf fertiggestellt. Er ist zufrieden mit seiner Arbeit, beschließt aber, diese am nächsten Morgen noch einmal im nüchternen Zustand zu kontrollieren. Den Abend lässt Markus entspannt beim Spielen ausklingen. Am nächsten Morgen steht er früh auf und macht sich in nüchternem Zustand erneut an das bereits bearbeitete Projekt, um dieses zu überprüfen und Finalisierungen vorzunehmen.

In der nächsten Ausgabe geht es um ein „bürgerlicheres“ Beispiel. Dann werden wir eine FH-Professorin auf ihrem Trip durch den Tag begleiten – inklusive reichlich Polytoxikomanie.

Christian Rausch

5 Antworten auf „Polytoxikomanie I

  1. Georg Elser

    Die meisten Deutschen Apotheken, Ärzte und Pharmakonzerne wollen genau das .
    Politoxen Patienten und Kunden , kann man alles verkaufen .
    Werden Patienten ,die nur und ausschließlich Cannabis als Medizin Akzeptieren als Monotoxisch bezeichnet ? Was denken Pharmakonzerne und Apotheker über Kunden die ihre Medizin billiger und qualitativ besser , selber herstellen , könnten ?

  2. Georg Elser

    Erst kommt Alkohol ,dann die Polytoxikomanie .

    100 % ,war der Mörder ,vom Frankfurter Hauptbahnhof ,während der tat, alkoholisiert . Wetten ?

    Ist er sogar Politox ? Das ist Deutschland , hier begehen diverse Alkoholiker ,täglich mind. einen Mord . Bis dahin wird besonders in der Sächsischen öffentlichkeit ,weiter Aufgelauert , Nachgestellt und Bedrängt .
    Frauenmörder , Kinderschänder und Umweltverchmutzer , sind während der tat ,Alkoholisiert .
    Alkoholwerbung und öffentlichen Konsum , sofort ,verbieten!!!

  3. Jo

    Warum Leute zuhause bleiben: Aus Angst vor der Polizei und willkürlichen Taschenkontrollen. Punkt.

    (Ach übrigens, bei mir funktioniert das nicht: Benachrichtige mich über nachfolgende Kommentare via E-Mail.)

  4. Geld aus dem Nichts

    @Georg Elser
    Bevor weitere Alkoholiker , morden und verletzen ,Kinder vor den Zug werfen und Frauen töten .

    Alkoholwerbung und öffentlichen Konsum , sofort ,verbieten!!!

  5. Hanfdiesel

    @Jo
    Weil es keine , sicheren , Bürgersteige gibt , bleiben die Leute zu Hause .

    @Geld aus dem Nichts
    Die Bundesbürger werden nicht informiert , wenn Alkohol ,der Auslöser für Mord und Totschlag war .
    Wie lange darf Alkohholwerbung noch lügen ?
    Die Öffentlichkeit wird nicht informiert , das Alkohol, emotionale Halluzinationen verursacht .
    Dieses Land befindet sich schon da wo die AFD hin will , in einer Konzern-Diktatur .

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