Sonntag, 26. Mai 2019

Verschollen am Hindukusch

von Sadhu van Hemp


Seit September 2009 wird ein Generalmajor der Bundeswehr in Afghanistan vermisst. Das Brisante daran ist, dass der Major eine Frau und zugleich eine Deserteurin ist. Alle Versuche der obersten Heeresleitung, die Fahnenflüchtige in der Terra incognita des Hindukusch aufzuspüren und ihrer habhaft zu werden, scheiterten bislang kläglich. Und das Schlimme ist, dass bislang keiner der entsendeten Feldjäger je von der Jagd auf die Generalmajorin zurückgekehrt ist. Dem Hanf Journal wurde nun der Brief eines Leutnants an seine Mutter zugespielt, dessen Feldjäger-Einheit seit Anfang des Jahres als verschollen gilt.


Liebes Mamachen,

mach Dir keine Sorgen, ich bin nicht fürs Vaterland gefallen, sondern lebe. Und das gar nicht mal schlecht. Sogar eine Verlobte habe ich, eine echt liebe Frau aus Tadschikistan, die mich umsorgt und behütet, als wäre ich ihr Söhnchen. Also, Mama, alles ist gut, und Du musst Dich nicht grämen, auf Dein Bübchen nicht aufgepasst zu haben.

Nun will Dir aber erzählen, was beim letzten Einsatz in Afghanistan geschehen ist. Ich hatte Dir ja geschrieben, dass ich überhaupt kein gutes Gefühl hatte, als ich in Kabul auf die sechs Kameraden traf, die mir unterstellt waren. Die Unbekümmertheit der Jungs machte mir Angst. Auch gefiel mir ganz und gar nicht, dass ich meine Soldaten darüber im Ungewissen lassen musste, dass wir Deutschlands Staatsfeind Nr. 1 vom Hindukusch ins Vaterland zurückholen sollen. Lange habe ich mit mir gerungen, sie nicht doch einzuweihen, damit sie den Ernst der Lage erkennen.

Auf der Fahrt von Kabul nach Kundus studierte ich die vom Militärischen Abschirmdienst geführte Akte der Zielperson. Generalmajorin Marie-Johanna von Steiner ist wirklich eine Erscheinung, ob mit oder ohne Uniform. Die Photographien zeigten eine bildschöne Frau mit dämonischen Augen und Blick. Geboren ist sie 1978 in Pinneberg, wo sie auch aufwuchs. Der Vater war ein Gymnasiallehrer, die Mutter Ärztin bei der Bundeswehr. Nach dem Abitur nahm sie das Offiziersstudium an der Bundeswehr-Universität in Hamburg auf, dass sie „summa cum laude“ abschloss. 2002 verpflichtete sich Marie-Johanna von Steiner auf Lebenszeit für den Dienst an der Waffe. 2006 wurde sie wegen ihres beherzten Einsatzes während der Elbhochwasserkatastrophe zur Generalmajorin befördert. 2007 übernahm sie den Stabsposten des Einsatzführungskommandos in Kundus. Am späten Abend des 4.September 2009 verschwand die Generalmajorin aus dem Feldlager spurlos – mit ihr sieben weitere Soldaten, ein Schützenpanzer „Marder“, ein Kampfpanzer „Leopard 2“, ein Artillerieraketensystem „MARS II“ und diverses andere Kriegsgerät.

Nach fast zehn Jahren gab es noch immer keine Spur vom Verbleib der Soldaten. Letzten Gerüchten zufolge hatten die Deserteure im hintersten Winkel des nordöstlichen Hindukusch einen autonomen Ministaat gegründet, in dem alle Fäden des afghanischen Haschischhandels zusammenlaufen. Die Generalmajorin wurde dabei eine zentrale Rolle zugeschrieben. Das Dossier des MAD beschreibt eine Frau, die sich auf brutalste Weise durchsetzt und vor nichts zurückschreckt. Mir war sehr wohl klar, dass das eine heikle Mission für uns wird.

In Kundus hatten wir noch einen Ruhetag. Doch es herrschte eine seltsame Anspannung. Insbesondere das überfreundliche Verhalten der afghanischen Offiziere machte mich stutzig. Es kam mir vor, als sähe man in uns ein Himmelfahrtskommando. Als Dolmetscher wurde uns ein kriegsversehrter, begnadigter Taliban-Kämpfer zur Seite gestellt, der alles andere als vertrauenerweckend war.

Die erste Etappe zum Wakhan-Korridor verlief ohne besondere Vorkommnisse. Am Morgen des nächsten Tages starteten wir dann die Suche nach der Generalmajorin und ihren Gefolgsleuten. Über eine Woche lang kletterten wir mit unseren drei Allschutz-Transport-Fahrzeugen über die Bergkämme des schwer zugänglichen Suchgebietes. Die wenigen Bergbewohner, die uns begegneten, waren freundlich, schwiegen sich aber aus, wenn wir nach der deutschen Majorin fragten.

Doch am zehnten Tag ereignete sich schließlich das, was mein Leben und das meiner Kameraden grundlegend veränderte. An einer Weggabelung auf 3000 Meter Höhe trafen wir auf einen Eisverkäufer, der uns den Weg zur Majorin wies. Auf Serpentinen ging es hinunter in eine enge Schlucht. Wir waren wirklich guter Dinge, bis zum Abend unser Ziel zu erreichen. In der Euphorie hatten wir überhaupt nicht bemerkt, dass uns der Dolmetscher abhanden gekommen war. War einfach verschwunden, der Kerl.

Ich weiß, Mama, ich war nicht aufmerksam genug. Ja, ich gebe zu, es war meine Schuld. Ich hätte dem Eisverkäufer nicht trauen dürfen. Natürlich war die Schlucht ein Hinterhalt. Als wir durch das Tal fuhren, hätten mich bereits die zerstörten Bundeswehrfahrzeuge am Wegesrand alarmieren müssen. Stattdessen fuhren wir immer tiefer hinein in die Schlucht, bis schließlich klar wurde, dass wir in einer Sackgasse gelandet waren. Wir mussten also umkehren. Doch dort, wo wir zuvor die Fahrzeugswracks passiert hatten, schnappte die Falle schließlich zu. Plötzlich stand er vor uns – der „Leopard 2“. Es war aussichtslos.

Kurz und gut, nachdem wir unsere „Dingos“ verlassen und unsere Waffen niedergelegt hatten, traten fünf mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer hinter dem Leopard-Panzer hervor, grüßten mit einem „Moin“ und reichten jedem von uns einen Joint. Das waren sie also, die Deserteure, die wir jagten. Der Wortführer, der sich als Generalfeldmarschall Bommel vorstellte, eröffnete mir dann, dass wir bis auf Weiteres „Gäste“ der Majorin sind. Wir mussten unsere Uniformen gegen weiße Hemden und Hosen eintauschen und die Dingos wurden zerstört. Mit verbundenen Augen ging es dann zwei Tage lang auf Maultieren über unzählige Pässe, bis wir jenen geheimnisumwitterten Ort erreichten, an dem sich Deutschlands meistgesuchte Frau versteckt hält.

Mama! Du musst jetzt stark sein. Keine Tränen jetzt! Du ahnst es ja bereits: Ich komme nicht zurück nach Deutschland. Ich bleibe hier bei der Generalmajorin. Es ist einfach zu schön hier, um dieses Paradies wieder zu verlassen. Von dem, was in der Akte über Marie-Johanna von Steiner steht, stimmt nicht einmal die Hälfte. Die Frau ist eine Visionärin und keine Verbrecherin. Ja, es stimmt, hier ist ein Handelsplatz für Haschisch und von den Hängen zieht des Abends ein schwerer berauschender Ganjaduft ins Tal. Aber das Klischee, dass es hier wie im wilden Westen zugeht, trifft einfach nicht zu. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Jeder ist hier entspannt. Es gibt keinen Lug und Trug, keine Gewalt, und alle ziehen an einem Strang. Der Generalmajorin und ihren Gefolgsleuten ist es in den zehn Jahren gelungen, in einem unzugänglichen fruchtbaren Tal des Hindukusch eine deutsche Exklave zu gründen und mit Leben zu füllen. Als mir nach meiner Ankunft die Augenbinde abgenommen wurde, dachte ich zunächst, ich bin in Reit im Winkl gelandet. Häuser, Straßen, Plätze, Grünflächen und Spielplätze – alles da und top in Schuss. Es gibt ein kleines Theater, eine Jever-Kneipe mit Kicker und Kegelbahn, einen deutschen Bäcker, der Leberkässemmeln verkauft, und ein Hallenbad mit Sauna. Ich kann gar nicht alle Vorzüge aufzählen, die mir hier geboten werden – und das völlig kostenlos. Der Unterhalt für die Infrastruktur der Exklave wird komplett aus dem Haschischhandel bestritten. Überhaupt muss hier niemand arbeiten, um Geld zu verdienen. Arbeit ist für uns Freizeitgestaltung. Ich zum Beispiel bringe mich in die Community ein, indem ich mich im hiesigen Schützenverein engagiere.

Ach Mutti, mir geht’s einfach saugut– wie allen anderen Feldjägern auch, die auf der Suche nach der Generalmajorin das Glück hatten, sie zu finden. Sie ist wie eine Mutter zu uns, die für alles ein offenes Ohr und Verständnis hat. Sie ist so gut zu uns! Sie ist eine Göttin, die wir alle lieben! Sie ist alles in einer Person: Mensch, Oberhaupt, Befehlshaberin, Richterin und sogar Standesbeamtin. Der Majorin ist es gelungen, jeden ihrer Männer glücklich zu verheiraten. Auch meine tadschikische Verlobte hat sie mir zugeführt, und ihre Wahl war genau richtig. Die erste Begegnung mit Sitora, so heißt Deine zukünftige Schwiegertochter, war Liebe auf den ersten Blick.

So, nun will ich aber schließen, liebe Mutter. Im Herzen bin ich stets bei Dir. Hoffe sehr, dass ich Dich bald zu uns in die Deutsche Exil-Republik Cannabistan einladen kann, damit Du siehst, dass Deutsche auch anders können, als sich nur gegenseitig das Leben zu versauern.

Dein Bübchen

4 Antworten auf „Verschollen am Hindukusch

  1. André B.

    Als Satire durchaus gelungen, aber der „Leopard“ müsste wenn überhaupt dann auch noch geklaut wurden sein, denn die Bundeswehr selbst hatte in Afghanistan keine Leopard Panzer und auch keine MARS-II im Einsatz bzw. zur Verfügung. ^^ Dagegen die Cannadier und Dänen schon, doch ihre Panzer waren im Jahr 2009 nicht in Kunduz, sondern die der Cannadier in Kandahar aktiv und die der Dänen in der Provinz Helmand stationiert bzw. im Einsatz.

    …. und sorry für den Faktencheck 😉

  2. Sadhu van Hemp

    Pardon, André, mein Fauxpas. Es war natürlich die Gorch Fock und kein Leopard Panzer.

    Winke winke
    SvH

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