Donnerstag, 28. März 2019

Neuer Trend: Die grünen Fernsehserien

Fraglich bliebt dennoch, wohin die Reise geht


Eigentlich sind das doch gute und beruhigende Nachrichten, denn in US-amerikanischen und europäischen Fernsehserien geht es in den letzten Jahren mitunter ziemlich grün zu – Tendenz stetig steigend und die Skala nach oben ist noch ziemlich offen. Was ist denn in der Fernsehlandschaft passiert? Einige der im Fernsehen dargestellten Protagonisten lieben nämlich Cannabis und machen daraus überhaupt keinen Hehl – zumindest nicht vor dem Fernsehzuschauer.

Das hat doch wirklich positive Seiten. Denn Fernsehserien sind in diesem Sinne wohl ein ziemlich idealer Ort, um die inzwischen globale gesellschaftspolitische Debatte um ein rigides Verbot oder eine libertäre Erlaubnis von THC-Konsum kontrovers darzustellen. Denn noch nie stand die Welt in Sachen Cannabis in den letzten hundert Jahren vor einem solch gewaltig-globalen gesellschaftspolitischen Umbruch wie heute. Dabei ist jedem kleinen Kind bereits klar: Natürlich sind Fernsehserien keine Realität. Aber es ist ein wichtiges Moment der Fernsehschaffenden, dieses wichtige soziopolitisch Thema auf die TV-Agenda zu heben. Dabei wird der Themenkomplex wahlweise auf eine humoristisch-satirische oder pädagogisch-erziehende Art angegangen, aber das wichtige ist, dass er überhaupt zur Prime-Time Erwähnung und Behandlung findet.

Fernsehserien besitzen außerdem in hohem Maße und weit besser als viele andere Medien die Möglichkeit, der Gesellschaft erbarmungslos einen Spiegel vorzuhalten. Dieses Ranking gilt selbst innerhalb der Fernsehlandschaft, denn Fernsehserien sind manchmal effektiver und eindrucksvoller als so mancher ambitionierte und noch so gut gemeinte Spiel- oder Dokumentarfilm.

Das alles sind doch recht gute Gründe, einen kursorischen Blick auf einige wenige Fernsehserien zu werfen, in denen die Debatte um den THC-Konsum beinahe mindestens so intensiv entbrannt ist, wie in unserer heutigen Gesellschaft. Erfreulicherweise steht in jedem Fall fest, dass Cannabis inzwischen so gesellschaftsfähig geworden ist, dass die Fernsehbranche und Bezahlsender ganze Fernsehserien um die grüne Pflanze der Götter entwerfen und ausstrahlen; ein Umstand, der noch vor wenigen Jahren ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Dieser erfreuliche Trend der Thematisierung von Cannabis im TV ging – wie so vieles – wieder einmal von den Vereinigten Staaten von Amerika aus. Deshalb fokussieren wir uns hier im Folgenden kurz auf drei US-amerikanische Fernsehserien, die inzwischen aber in Deutschland einigermaßen bekannt sein und auch bei unserer Leserschaft Anklang gefunden haben dürften.

Das erste hier ausgewählte Beispiel hat es schon bezüglich des Namens in sich und ist bereits jetzt als ein Klassiker einzustufen: „Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn“ lief zwischen 2005 und 2012 auf dem Kabelsender „Showtime“ und wurde in Deutschland von der FSK ab 16 Jahren freigegeben. Ganze acht Staffeln mit sage und schreibe 102 Episoden (!) umfasst die bekannte Dramedy-Serie. Darüber hinaus fand sie künstlerische Ehrungen und wurde sogar mit dem begehrten Golden Globe ausgezeichnet, was in der Fernsehbranche einem Adelsschlag gleichkommt. Für alle Unbedarften beziehungsweise mit der Materie noch nicht Vertrauten kurz zum Inhalt: Die Fernsehserie „Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn“ dreht sich um die amerikanische Hausfrau Nancy Botwin, deren Mann Judah plötzlich beim Joggen einem Herzinfarkt erliegt. Dies ist bereits eine bitterböse Pointe, denn eigentlich sollte Joggen ja der Gesundheit durchaus förderlich sein, führt in diesem Fall aber zum Ableben, was das Bonmot vom Sport als (Selbst-) Mord durchaus auf die Spitze treibt. Durch den überraschenden und plötzlichen Tod ihres Mannes entstehen Nancy finanzielle Schwierigkeiten – ein Umstand, der in den USA so häufig vorkommt, da viele Amerikaner immer bis zum Limit bzw. Anschlag ihrer Kreditrahmen leben und nichts Unvorhergesehenes passieren darf, um dieses finanzielle, wacklige Gerüst zum Einsturz zu bringen.

Nancy steckt aber den Kopf nicht in den Sand und findet eine „clevere“ Lösung zur Aufbesserung ihrer finanziellen Lage, indem sie beginnt in der Nachbarschaft Cannabis zu verkaufen. Als Tarnung dient ihr eine Bäckerei, um den „schwunghaften Handel“ (um hier den angemessenen juristischen Terminus Technicus zu verwenden) mit der illegalen Substanz vor ihren Söhnen geheim zu halten. Aber nicht nur ihre Kinder, sondern auch Teile der weniger Cannabis-affinen Nachbarschaft dürfen nichts von ihren illegalen, kriminellen Machenschaften mitkriegen. Dies ist ein sehr realistisches Szenario, denn es kommt in „Weeds – Kleine Deals unter Nachbarn“ vor, dass andere Familien bei diesem Thema gespalten werden, denn während sich ein Teil massiv gegen Cannabis ausspricht, gehört der andere Teil zu Nancys bester Kundschaft. Aus diesem „Running-Gag“ speist sich ein guter Teil der Spannung und des mitunter sarkastischen Humors der TV-Serie.

Der Titel der nächsten hier thematisierten Fernsehsendung ist weniger programmatisch als „Weeds“, aber auch „Disjointed“ bietet dem Cannabis-affinen Zuschauer bereits hinlänglich Anhaltspunkte, worum es in der Serie geht. Disjointed bedeutet wörtlich übersetzt unzusammenhängend, aber selbstredend steckt auch das Wort Joint in dem Titel, wodurch der Name Programm ist oder anders ausgedrückt: Nomen est Omen. Netflix gab zwanzig Folgen in Auftrag, die Chuck Lorre und David Javerbaum realisierten. Die ersten Folgen liefen im Sommer 2017 auf Netflix – für deren Kunden via Streaming zu empfangen. Die Serie „Disjointed“ ist ziemlich stark im Stile eines Stoner-Movies stilisiert und dreht sich um den Gebrauch von Cannabis als Medikament und als Freizeitgenussmittel. Thematisch behandelt „Disjointed“ damit beinahe die ganze Bandbreite des aktuell-globalen Cannabis-Diskurses. In „Disjointed“ kämpft Ruth bereits seit Jahrzehnten für die Legalisierung von Cannabis. Damit stößt sie jedoch beim Großteil ihrer Nachbarschaft auf Unverständnis. Doch dadurch lässt sich Ruth nicht entmutigen, und sie träumt davon, später einmal eine Ausgabestelle für Cannabis aufzubauen und zu besitzen – sicherlich ein Traum, wie ihn Hunderttausende von Amerikanern in den strikten THC-Prohibitionszeiten geträumt haben. Schließlich erfüllt sich Ruths Traum, und sie kann ihre eigene Cannabis-Dispensary einweihen – dies ist zutiefst symbolisch und metaphorisch, denn Ruths Dispensary steht hier stellvertretend für die Cannabis-Politik eines des größten sowie des wirtschaftsmächtigsten Landes der Welt. Zunächst kann Ruth ihr Glück gar nicht fassen, aber dann beginnt der wahre Stress, wie so oft im Leben, wenn vermeintliche Träume Wirklichkeit werden. Denn wie bei jedem anderen Laden gilt auch bei Dispensaries: Wenn das Geschäft lahmt und die Kunden ausbleiben, ist das Ganze für Ruth ein Zuschuss-Geschäft. Hinzu kommt: Ihre Mitarbeiter sind meistens ziemlich zugedröhnt und verursachen beinahe mehr Arbeit als sie erledigen – dieser ironische Seitenhieb dürfte zwar manchem Dispensary-Inhaber Kopfzerbrechen bereiten, da er sie auch betrifft, aber in der Regel sind Dispensaries Verkaufsstellen wie andere Läden auch, und es ist bisher nichts von Undiszipliniertheiten im größerem Maße bekannt geworden. Aber in „Disjointed“ kommt es noch dicker: Ihr Wachmann ist insgesamt und generell total überfordert, was noch mehr Ärger und Zusatzarbeit verursacht. 2018 wurde die Serie nach 20 Folgen (2 Staffeln) erst einmal eingestellt, wobei damit das letzte Wort in dieser Sache sicherlich noch nicht gesprochen ist.

Zügig zu einem Beispiel, das sich nahtlos an die bisherigen aufgeführten anschließt, aber dennoch eine Besonderheit besitzt: „High Maintenance“ ist sowohl eine Fernseh- als auch eine Internetserie. Erneut wird das Genre als Mischung von Comedy und Drama angegeben, was dem Dramedy-Trend der Zeit entspricht. Zuerst wurde „High Maintenance“ Ende 2012 als eine Web-Serie auf Vimeo vorgestellt. Knapp vier Jahre später gelang der „Durchbruch“ und der renommierte Bezahlsender HBO sendete „High Maintenance“ und erhöhte damit die Reichweite und den Impact der Serie um ein Vielfaches. Zu Beginn letzten Jahres erfolgte am selben Ort die Ausstrahlung der zweiten Staffel und die dritte Staffel wurde erneuert. Auch hier in aller gebotenen Kürze zum Inhalt: „High Maintenance“ handelt von einem Cannabis-Lieferanten aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn namens „The Guy“. „The Guy“ liefert seine Produkte an Kunden in New York City und ist damit de facto vor dem Gesetz dieses US-Bundesstaats ein Drogendealer – allerdings ist das Szenario eng an der Realität orientiert, denn in New York City gibt es bekanntermaßen jede Menge solcher illegalen Cannabis-Lieferservice: für die Lieferanten ein einträgliches Geschäft und für die Kunden viel bequemer, als zu einer Dispensary fahren zu müssen, die es im Bundesstaat New York ohnehin bisher nur zu medizinischen Zwecken gibt. „The Guys‘“ Kunden sind reichlich exzentrisch und so scheint es auch logisch, dass sich jede neue Episode auf einige neue Charaktere fokussiert, die ihr Cannabis von „The Guy“ beziehen.

Doch damit nicht genug, denn es gibt auch zahlreiche weitere Fernsehserien, die Cannabis zum Inhalt besitzen. Dort wird das Thema zwar nicht zum dermaßen dominierenden Faktor wie in den oben drei vorgestellten Serien, aber es besitzt immer noch eine große inhaltliche Relevanz – allerdings gemischt mit anderen wichtigen Themen. „Breaking Bad“, „The Wire“ und „Two and a half Man“ seien hier stellvertretend für etliche weitere solche Beispiele erwähnt.

Und vor allem nicht zu vergessen all die großartigen US-amerikanischen Zeichentrickserien, die auch Cannabis zum Inhalt besitzen. In den „Simpsons“ zum Beispiel gibt es etliche Folgen, die sich um Cannabis drehen: Ob die Jam-Band „Phish“ darin für die Legalisierung von Cannabis wirbt, Otto im Schulbus beim Fahren mal wieder (mehr oder weniger heimlich) einen puren Joint durchzieht oder Papa Homer heimlich mit Chief Wiggam eine Bong durchzieht – ein dauerhaftes Grinsen ist dem Cannabis-affinen Zuschauer in jedem Fall gewährt, das sich manchmal sogar in laut schallendes Gelächter verwandelt. Aber auch hier gibt es viele weitere solcher Beispiele: in „Futurama“, „Family Guy“, „South Park“ spielen Cannabis & Co. immer wieder eine gewichtige Rolle.

Dieser kurze Artikel dürfte gezeigt haben, dass inzwischen einige US-amerikanische Fernsehserien Cannabis (beinahe) zum alleinigen Inhalt gemacht haben. Diese Fernsehserien verankern damit ein wichtiges drogenpolitisches Thema auf der gesellschaftspolitischen Agenda, das die herrschenden Zustände beinahe mustergültig dekonstruiert, indem sie den Cannabis-Diskurs – seine Akteure und die daraus resultierenden Interaktionsroutinen – sarkastisch, humoristisch und spielerisch rekonstruieren. Produzenten, Drehbuchautoren und Schauspieler (innerhalb der ihnen auf den Leib geschriebenen Rollen) sind in der Lage, knallharte Kritik an der Cannabis-Politik im allgemeinen und an Cannabis-Prohibitions-Befürwortern im Besonderen zu üben, ohne dass sie deswegen juristische Konsequenzen oder anderweitige Sanktionen zu befürchten haben.

Ein Beitrag von Christian Rausch

4 Antworten auf „Neuer Trend: Die grünen Fernsehserien

  1. Rainer Sikora

    Es ist harmlos ,solange es im Flimmerkasten bleibt.Manche Politiker sind für eine Legalisierung,solange es verboten ist.Sobald es erlaubt wird,sind diese gegen eine Legalisierung.Strategie und Taktik.Weil die keine Ahnung oder Erfahrung mit der Materie haben,sich aber gut mit Geld und Macht auskennen.Ob die Wirklichkeit in den Filmen immer authentisch echt erdacht ist?

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