Samstag, 2. März 2019

www.sucht.de – Nummer 2

Dein Automobil!


Im ersten Teil hatten wir es mit der Magic Queen aller Süchte, der Geldsucht. Sie steht vor, hinter, über und unter allen anderen Süchten. Mehr noch: sie braucht und benützt die nachgeordneten Süchte, um ihre niemals zu befriedigende Gier zu stillen zu versuchen.

Sie, wie alle anderen Süchte, ist weder allgemeinmenschlich noch unausweichlich, sondern Folge der falschen Verhältnisse, in denen wir leben. Und deshalb geht es mir, wenn ich darüber schreibe, allein darum, eben jene falschen Verhältnisse daran einmal mehr deutlich zu machen – nicht darum, jemandem seine Sucht auszureden. Soll sich doch jede und jeder dahin katapultieren, wo es am meisten Spaß macht, und wenn es das Jenseits ist. Vor allem letzteres ist besonders verständlich angesichts der Dauerterrors einer Kaufen- und-Verkaufen-Gesellschaft, aus der es kaum ein anderes Entrinnen gibt, als sich Genüsse reinzuziehen, die das Unerträgliche wenigstens kurzzeitig erträglich erscheinen lassen.  Und wenn man sich das alles bewusst macht, kann gerade der Zustand, in dem alles erträglich scheint, verstärkt dazu führen und Energie geben, den unerträglichen zu ändern, weil man ja erfahren, sogar gespürt hat, wie es besser gehen könnte.

Aber diese Notwendigkeit, sich ab- und rauszuseilen aus dem dämlichen Getriebe der sogenannten »Realität«, zu der es angeblich keine Alternative gebe, benützen die Zerstörer jeglichen menschenwürdigen Daseins konsequenterweise dann auch noch, um ihre Profite ins Unermessliche zu steigern.

Profitdenken gehört aber nicht zur Natur des Menschen, wie vor allem die Profiteure panisch suggerieren. Kein Tier legt sich mehr Vorräte an, als es wirklich gebrauchen kann. Wir sind aber Tiere, und Sucht ist ein so verzweifelter wie legitimer Ausbruch aus fehlgeleiteter Menschwerdung.

Menschsein hieße genießen, denn der Sinn des Lebens ist ja bekanntlich die Sinnlichkeit – und diese zu erhöhen, zu verfeinern und bis zum Gehtnichtmehr auszukosten, ist Sinn und Zweck der psychoaktiven Stoffe wie der im Folgenden betrachteten unsichtbaren und unbewussten Stimulationsmittel. Damit sie ihren Sinn und Zweck erfüllen, müssten sie aber bewusst und richtig dosiert eingesetzt werden, im richtigen Moment, in der richtigen Umgebung, mit den richtigen Menschen drumherum. Aus bestimmten Gründen – die immer die gleichen sind – werden sie zur Betäubung, Verdrängung und Erzeugung von Ohnmacht missbraucht – und so werden aus Stimulanzien: Suchtmittel; aus Genießern: Abhängige.

Hier geht es allerdings nicht um Alkohol oder Heroin, Tabak oder Koks, Kaffee oder anderen Speed.

Es geht um die unmerkbaren Süchte, die gesellschaftlich anerkannten, ja gewünschten Süchte, die »harmlosen«, die angeblich sogar wirtschaftlich »notwendigen«, in Wirklichkeit aber nur der Diktatur des Profits unterworfenen Süchte: Autos und Zucker, Fernsehen und Salz, Klamotten und Weißmehl – um nur einige der gängigsten zu nennen, die heutzutage ja nicht einmal vor Kindern zurückschrecken, ohne dass das als Kindesmissbrauch geahndet und mit lebenslanger Zwangsarbeit bestraft wird. Denn wer das zukünftige Leben von Kindern zerstört, indem er sie Klamotten- und Zuckersüchtig macht, gehört den Rest seines Lebens dafür bestraft.

Ich weiß ein Lied davon zu singen, weil ich einen sechsjährigen Sohn – und Erfahrungen mit Sucht habe. Wenn ich sehe, wie dieser lebenslustige, phantasievolle, kreative kleine Kerl sich in ein unansprechbares, dumpf stierendes, am liebsten nebenher Salamipizza mit Gummibärchen und Schokolade in sich hineinstopfendes Legoninjago-Youtubes einsaugendes, unkontrolliert hin und her zuckendes amöbenhaftes Gegenteil seiner selbst verwandelt, dann könnte ich echt wieder zum Terroristen werden, wenn ich das nicht schon hinter mir hätte. Alle erschießen, die diesen kleinen Noch-Menschen in eine Arbeitsbestie umprogrammieren wollen, die bewusstlos ihr Ameisenwerk vollstreckt und in der freundlicherweise »Frei«zeit genannten Zwischenarbeitszeit ihr mühsam verdientes Geld für Autos ausgibt, die so gebaut sind, dass sie so schnell wie möglich kaputt gehen. Sich mit Antibiotikafleisch, Weissmehl und Zucker so vollstopft, dass sie krank wird und in der Gesundheitsmühle von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen vollends zu Schrott gemahlen wird, wenn sie nicht an Depressionen, Burn-out oder an dem Krieg auf den Straßen zugrunde geht.

Nur damit es keine Missverständnisse gibt, falls jemand den Sarkasmus falsch verstehen will: erschießen bringt ja vor allem deswegen nichts, weil dann noch skrupellosere, noch gefährlichere, noch raffiniertere Verbrecher auf die Posten der Bestimmer dieser Höllenwelt nachrücken.

Man müsste schon langsam endlich mal damit anfangen, diese Verhältnisse auf den Kopf zu stellen, wie es mal einer vor 200 Jahren schon gesagt hat, die Diktatur des Profits auf den Mülleimer der Geschichte zu schmeißen und die Profiteure mitsamt ihren Aktienhäufen und Börsenbilanzen zur Hölle schicken, wo sie dann wie der gute alte Dagobert Duck drin baden dürfen, aber das ist ein anderes Thema.

Wir waren beim Thema Auto als Sucht. »Des Deutschen liebstes Spielzeug«, wie dieser Sargnagel der Zivilisation verniedlichend genannt wird. In Wirklichkeit die dümmste, überflüssigste und menschliche wie materielle Ressourcen gnadenlos am meisten Ressourcen verschrottende Wixvorlage, die es gibt, um es mal mit einem Bild der einzig legitimen, menschlichen, gesundheitsfördernden und überhaupt das beste auf der ganzen Welt darstellenden Sucht zu sagen: der Sexsucht. Würden alle Menschen so viel und so genussvoll wie möglich vögeln, bräuchten sie keine Autos, keinen Zucker und schon gar kein Fernsehen: alles nur unbefriedigende Ersatzbefriedigungen, mit denen die Profite in die Höhe geschraubt werden, man kann es nicht oft genug wiederholen. Kirche, Moral, Monogamie: dieser ganze Abklatsch ist nur da, um die Menschen suchtfähig zu machen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Und die Profiteure reiben sich die Hände, was anderes zum Reiben haben sie ja nicht mehr.

Ich mache mir nicht die Mühe, irgendwelche Zahlen zu recherchieren, wie viel diese leibhaftig entlebten Graumänner und so leb- wie lieblosen Graufrauen an ihrem Terror verdienen, denn diese Unsummen kann sich ein Normalo wie unsereins sowieso nicht mehr vorstellen und ich kenne auch keinen oder keine, der oder die sie gerne hätte. Macht ja nur Stress, soviel Kohle, und wenn man sich beim Arzt mal in den entsprechenden Magazinen die frustrierten Fressen dieser Puppen aus Fleisch und Blut anschaut, könnten sie einem nur leid tun. Sie sind aber verantwortlich dafür, dass kaum ein Mensch mehr ein erfülltes Leben führen kann, denn nur wenn die ganzen Aktien, Börsennotierungen und Zinsen wegfielen, könnte jeder mit Freude seinem Job nachgehen, befriedigend vernünftige, brauchbare und haltbare Dinge produzieren (ein Bruchteil von dem, was weltweit produziert wird, wäre wirklich nötig) und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Selbst die Zerstörung der Umwelt ist nur ein zwangsläufiger logischer Nebeneffekt, die Zerstörung des Menschen wäre Grund genug, diesen Unsinn sein zu lassen.

Und nur um diese abartige Gegeneinanderlebensstruktur aufrechterhalten zu können, brauchen sie Gott und die Süchte.

Man ist ein erniedrigtes, geknechtetes, verächtliches Wesen und bekommt es jeden Tag vom Chef und den Preissteigerungen im Laden bestätigt – aber dann setzt man sich ins Auto und ist selbst Gott! Man ist übermenschlich schnell, fühlt sich geil – obwohl wahre Geilheit was völlig anderes ist – und fährt halt ab und zu mal ein Kind tot, mein Gott, es gibt eh zu viele! Suchtbefriedigung hat eben ihren Preis, und weil die entsprechenden Leute daran richtig gut verdienen, ist das so offiziell wie verlogen »legitimes Freizeitvergnügen« und keine Sucht.

Dabei könnte es ganz anders laufen. Man stelle sich mal vor, es gäbe es keinen Privatbesitz an Autos – völlig unbegründbar völlig unvorstellbar – aber wir tun es trotzdem mal. Damit man sich in diesem Fall genauso wie jetzt bequemer und schneller fortbewegen kann als zu Fuss oder mit dem Fahrrad, stünden dann nämlich überall große, mittlere und kleine Autos rum, in die man sich nur rein zu setzen bräuchte, sich einloggte und dann von a nach b führe, sich wieder ausloggte und ein entsprechender Betrag vom Konto abgeführt würde, so einfach.

Das wäre nicht nur billiger als ein eigenes Auto zu haben, man hätte nicht nur weniger Stress, weil man sich nicht um Reparaturen, Unterbringung und Reinigung kümmern müsste, sondern es gäbe auch nicht jeden Morgen Millionen von Kilometern Schlangen von tonnenschweren Autos, in denen Millionen von leichtgewichtigen einsamen Witzfiguren säßen.

Aber dann bräuchte man nur einen Bruchteil der Autos, die heute jeden Tag sinnlos hauptsächlich nur noch von Robotern zusammengesteckt werden. Und dann verdienten nicht jene Zinsdiebe, es tut mir leid, dass ich dauernd wieder darauf hinweisen muss, obwohl es doch längst klar ist und diese Herr- und Frauschaften längst zurückgetreten worden sein müssten, dann verdienten sie nicht so viel (und das, ohne einen Finger krumm zu machen), während andere sich abrackern, um unnützes Zeugs zu fabrizieren – und noch viel mehr andere schlicht verhungern deswegen.

Deshalb braucht es ja nicht nur die Autosucht, sondern die Eigenhabsucht; auch ein völlig unbefriedigendes Ding. »Mein« Auto muss es sein, nicht deins, so wie bei meinem sechsjährigen Sohn, selbst wenn er mit seinem besten Freunden zusammen ist. Das ist das intellektuelle Niveau unserer Gesellschaft, und zwar auch der Porsche fahrenden Fernsehredakteure, die dafür sorgen, dass es bei diesem Niveau bleibt. Also damit die Zinsdiebe und Profitterroristen weiter ihre krumme Tour durchziehen können, ohne dafür in den Knast zu wandern, sondern auch noch gesellschaftlich was hermachen. Die dafür sorgen, dass diesen weißgebleichten Kragen lieber gedienert wird, anstatt sie als das zu sehen, was sie sind: der wahre Abschaum der Gesellschaft, diese blubbernde giftige Brühe, die man manchmal am Rande von Flüssen sehen kann, in denen man nicht mehr baden kann. Auch die Eigenhabsucht ist keine natürliche, sondern so menschengemacht wie eingeredet und widernatürlich. Jedes Kleinkind teilt automatisch, gibt instinktiv ab, solange es noch nicht zur »meins« Bestie umerzogen wurde, solange es noch nicht den Anforderungen der Diktatur des Profits entsprechend zusammengestutzt wurde, solange es noch nicht gehirngewaschen wurde, um aus einem Menschen eine panisch um sich schlagende und blind in sich hineinfressende Riesenameise zu machen.

Ich will nicht mit der kitschig verherrlichenden Verklärung des Matriarchats gemeine Sache machen, die in den 60er und 70er Jahren eine Zeitlang „en vogue“ war, aber da war jeder Gebrauchsgegenstand, solange er nicht gebraucht wurde, für jeden anderen, der ihn brauchen konnte, frei verfügbar.

Manchmal komme ich mir vor wie das Kind in »des Kaisers neue Kleider«, weil ich genau weiß, dass jeder unabhängig denkende Mensch das genauso sieht, aber nicht sagt, weil es sich nicht gehört und außerdem angeblich eh nichts dran zu ändern ist. Das stimmt, wenn man so denkt. Wenn man allerdings nicht so denkt, können die Karten neu gemischt werden.

Dabei könnte auch in diesem Modell – kein Privatbesitz an Autos, frei verfügbare Fahrzeuge für jeden Führerscheinbesitzer und funktionierender kostenloser Nah- und Fernverkehr – den Autosüchtigen geholfen werden. In leicht erreichbarer Nähe gäbe es für jeden Süchtigen und jede Süchtige Nürburgring-artige Anlagen, in denen er oder sie fahren um des Fahrens willen kann, bis zum Abwinken. Er oder sie könnte sich austoben, nur auf eigenes und der anderen Süchtigen Risiko. Daneben gäbe es jeweils rund um die Uhr besetzte Krankenhäuser, um die Unfallfetzen wieder zusammenzusetzen oder gleich einen validen Totenschein auszustellen.

Und kein normal braver Autofahrer könnte auf der Autobahn von einem verrückt gewordenen Autosüchtigen über den Haufen gefahren werden.

Es geht also nicht um die Sucht als solche, oder diese oder jene Sucht, sondern um ihren Missbrauch durch die Profitsüchtigen und ihre Komplizen in Politik und Medien, die ihnen einen Freifahrschein mit summa cum laude ausstellen, Haschischrauchen aber zur Sucht erklären, weil daran ja viel mehr Menschen sterben und verletzt werden als auf den Straßen.

Aber wenn sich genügend herumgesprochen haben wird, dass die entsprechenden Leute damit Kohle machen können, wird es plötzlich keine Sucht mehr sein, wetten?

Also man kann mit Fug und Recht sagen: umgekehrt wird ein Schuh draus. Die anerkannt offensichtlichen Süchte wie Alkohol und Tabak sind gesellschaftlich akzeptiert, die in viel höherem Ausmaß wirklich gefährlichen Süchte wie Autosucht werden schon gleich gar nicht als Sucht deklariert und bewusst gemacht, sondern zum Muss einer kranken Gesellschaft, in der das dicke Auto bekanntlich den vom Chef abgeschnittenen eh schon dünnen Schwanz darstellt – und bei Frauen das Missverständnis, Emanzipation bestehe darin, so wie die Männer zu werden. Falscher, kränker, verkorkster geht es nicht.

Ich wollte diese Sucht-Betrachtungen eigentlich mit diesem Text beenden, aber es gibt noch soviel zum Thema Weißmehl-, Fernseh- und Zucker- und Salzsucht zu sagen, dass ich mich genötigt sehe, noch ein drittes Mal in diesem Sinne zuzuschlagen, weil meine Anzahl Zeichen pro Artikel fast schon erreicht ist. 12 751 hab ich schon, sagt mir word, 13 000 darf ich nur. Aber aller guten Dinge sind drei, also bis in einem Monat:
Gut Sucht!


Beitrag von Christof Wackernagel

Eine Antwort auf „www.sucht.de – Nummer 2

  1. Ralf

    Die KFZ-Gesellschaft an sich ist schon eine chaotisch faschistische Grundstruktur. Wie sagte der Wirtschaftsminister des Despoten Erdogan bei der Einweihung eines Autobahnstückes: „Kommunisten bauen Eisenbahnen wir bauen Autos!“ Das sagt eigentlich alles wessen geistiges Kind die Automobilgesellschaft ist.
    Autobahnen bräuchten wir keine einzige, wenn wir die langen Strecken auf Schienen bewältigen würden (6 in Worten sechs bis 8 Schienenstränge passen auf eine 3-spurige Autobahn) meinetwegen mit Transporteinheiten für leichte Batteriebetriebene Fahzeuge die statt einer oder zwei Tonnen nur 200 Kilo auf kurzen Strecken bewegen würden. Das Schienennetz braucht keine Batterieen, dank Oberleitungen und könnte dabei noch den Stom für Haushalte und Wirtschaft transportieren. Wir könnten alle traumhaft mobil sein ohne diese chaotisch faschistische, für nichts anderes als den Krieg geeignete Individualverkehrsscheiße, genannt Automobil.
    Wie der Autor so treffent resumiert:“ Falscher, kränker, verkorkster geht es nicht“.

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