Sonntag, 23. Dezember 2018

Marokkanische Überraschungen – Teil III

 

Autor: Christof Wackernsagel

 

Zur Erinnerung: die erste Überraschung war meine Verhaftung aufgrund eines über 30 Jahre alten Haftbefehls, die zweite der Chef von Interpol Tunis, der mich nicht nur wieder frei ließ, sondern sich auch noch als Verbündeter in Sachen Weltrevolution anbot.

 

Die dritte Überraschung folgt sogleich. Sie ist zwar noch nicht in Buchform nachzulesen, weil sie noch gar nicht geschrieben ist und erst im zweiten Band der „Selbstentführung“s Trilogie erscheinen wird, aber aus Gründen der Einheitlichkeit werde ich sie als exklusiven Vorabdruck für das Hanfjournal im gleichen Stil formulieren.
Wir waren stehen geblieben, als der Präsident von Interpol Tanger sich bei mir entschuldigt und versprochen hatte, dass ich in ganz Westafrika nie wieder Probleme mit der Polizei bekommen werde. Dieses Versprechen hat er in einer Weise eingehalten, wie sie sich kein Mensch, vor allem kein Kiffer, in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann! Und zwar streng nach dem Motto dieser Artikelreihe: es kommt immer anders als man denkt. Das wiederum kann ich versprechen!

 

Zum Abschied gab er seinen beiden Untergebenen, die mich in dieser alten Gefangenentransport Rostlaube hergebracht hatten, einige Anweisungen auf arabisch, weswegen ich sie nicht verstand, aber sein strenger Ton und die Tatsache, dass die beiden ängstlich salutierten, klangen nach Rüffel und ließen auf von nun an bessere Behandlung schließen:

 

So brauste der Schlitten auch vom Hafenzoll ungebremst bis vor den seitlich abgestellten LKW, aus dem Ebby grinsend ausstieg, aber mit unüberhörbarem Vorwurf in der Stimme fragte: „Wo bleibst Du denn?“
„Immer das Gleiche“, sagte Christof achselzuckend, „aber diesmal hatte es immerhin keine Nacht gekostet, obwohl es kurz danach aussah – und zwar nicht so feudal wie in Tunis. Das wäre ein verpisstes Rattenloch geworden, kein Luxushotel zum Schnäppchenpreis! “
Ebby grinste gemütlich.

 

„Dafür“, fuhr Christof fort, „hat es sich immerhin mittendrin plötzlich in einen ausgewachsenen Staatsempfang verwandelt – am Schluss haben sie alle salutiert!“
Nachdem Ebby ihm erklärt hatte, dass er zwar fast alle Formalitäten hinter sich gebracht habe, Christof aber noch als Besitzer des Renault ausweisen müsse, bevor die Genehmigung zur Weiterfahrt gegeben werden könne, wandte sich Christof an seine beiden neuen Freunde und bat sie um Hilfe. Wortlos nahm ihm der eine der beiden den Pass aus der Hand, nickte, und die beiden verschwanden im Zollbüro.
Ebby und Christof berichteten sich ausführlich, wie es ihnen ergangen war und Ebby bemerkte betont nebenbei, dass alle drei Bobbycars weg seien. „Das ist ja unglaublich!“, empörte sich Christof.
„Dass sie den Globus geklaut haben, finde ich viel schlimmer!“, sagte Ebby, aber in diesem Moment kamen die beiden Interpolizisten zurück, überreichten Christof seinen Pass und bestätigten, dass alle notwendigen Stempel und Nummern korrekt eingetragen seien.

 

„Siehste!“, grunzte Christof stolz, „wir sind jetzt Interpol VIPs – lästige bürokratische Verrichtungen werden von unserem persönlich beigestellten Geheimdienstpersonal erledigt!“
Ebby und Christof bestiegen ihren PAN, die Schranke des Zolls hob sich, und die beiden Zivilisten traten zwei Schritte zurück und grüßten militärisch, während unsere beiden Helden ihre verdiente Weiterreise antraten.
„Pustekuchen“, sagte Christof, als sie in die Hauptstraße einmündeten, „als der nette Bulle kam und sagte, alles sei ok, man müsse nur nochmal in die Stadt zur Absegnung und ich dann auch noch hinten in die Grüne Minna sollte, dachte ich echt, das sei nur ein Trick und sie wollten mich einbuchten – aber dann kam´s doch anders“.
„Glück gehabt“, sagte Ebby.

 

„Interessant fand ich ja mal wieder“, sagte Christof und schmatzte befriedigt, „dass der Polizeipräsident das Wort ‚Terroristen‘ nicht einmal in den Mund genommen hat, sondern ausschließlich von ‚Guerilla‘ sprach, so wie wir das auch genannt haben“ – er schmatzte noch einmal und grinste breit, sah sich um – „in jedem normalen Land außer in Deutschland ist man nämlich eine Respektsperson, wenn man Mitglied der Rote Armee Fraktion war“, er räusperte sich und nickte, „so sieht’s nämlich aus“.
Ebby lachte kurz meckernd.

 

„Wahrscheinlich lebe ich deswegen auch so gern in Mali“, fuhr Christof fort, „da achtet man mich dafür, und redet mich nicht so saublöd an, wie in Deutschland jeder Provinzblatt-Journalist, der sich dann auch noch einbildet, ganz mutig zu sein!“

 

Inzwischen war es dunkel geworden und schwierig, auf den wenigen und schwach beleuchteten Straßenschildern, die zudem teilweise auch noch arabisch beschriftet waren, etwas genaues zu erkennen.
„Auf jeden Fall müssen wir auf die A1 nach Casablanca“, sagte Christof, „und von mir aus können wir sogar darauf verzichten, eine Kneipe zu suchen, Hauptsache, wir kommen so schnell wie möglich hier raus“.
„Auf jeden Fall“, erwiderte Ebby, „müssen wir erstmal einen durchziehen nach dem ganzen Schlamassel! Ich hatte ja genug Zeit, vor zu drehen.“ Mit diesen Worten zauberte er einen dünnen weißen Stängel aus seiner Westentasche und zündete ihn mit einem Blick in den Rückspiegel an“.

 

„Oh je“, maulte Christof, ich seh doch schon, dass Du ihn wieder so fest gedreht hast, dass man sich totsaugen muss, um nur ein bisschen Rauch zu ergattern. Gib mit sofort mein Tütchen zurück, damit ich auch einen drehen kann“.
„Gierhammel“, meckerte Ebby, blies eine dicke Rauchwolke aus und sah wieder in den Rückspiegel. Dann nahm er einen weiteren kräftigen Zug, gab den Joint an Christof weiter, sah wieder in den Rückspiegel und fragte: „Ihr seid doch in einem schwarzen Audi gekommen, oder?“
„Quattro de luxe und so weiter“, krächzte Christof und hustete Rauch aus.
„Die ham wir jetzt hinten drauf“, knatterte Ebby, während er die Wagen auf die Autobahn A1 Richtung Casablanca lenkte, die, obwohl kaum befahren, kilometerweit hell beleuchtet war.

 

„Ja und?“, bemerkte Christof, sog kräftig an dem Joint und gab ihn Ebby, der das Teil weit von sich weghielt und angeekelt ansah: „Schon wieder ganz schief abgebrannt! Wann wirst Du je lernen, wie man richtig Joints raucht!?“
„Wenn du nach über 40 Jahren immer noch nicht weißt, wie man richtig Joints baut“, erwiderte Christof, „kannst du überhaupt nicht beurteilen, wie man richtig raucht – das ist natürlich eine traurige Wahrheit, aber die kann ich Dir nicht ersparen, wenn Du mir so dämlich daherkommst“.
Ebby pumpte weiße Rauchwolken in den Wagen aus und sah in den Rückspiegel.
„Die traurige Wahrheit ist“, erklärte er und sandte genervte Blitze aus seinen kleinen, aber rötlichen und zu engen Schlitzen geschrumpften Augen an Christof, „dass wir überwacht werden“.
„Ebby!“, rief Christof und sandte verzweifelte Blicke an das Dach des Führerhäuschens ihres LKWs mit Pfarrkirchener Nummer, „merkst du denn gar nichts!???“

 

„Eben sehr wohl“, knatterte Ebby, drückte den Joint aus, entsorgte ihn durch das Seitenfenster und zauberte das nächste weiße Röhrchen aus seiner Westentasche, „die Bullen sind uns drauf“.
Christof warf einen Blick auf den Rückspiegel und seufzte. „Wir schreiben nicht das Jahr 1977, sondern 2009, erklärte er geduldig, „seit der Jahrtausendwende hat sich alles umgekehrt“!
„Ach nee“, knarzte Ebby und zündete das dünne Stengelchen an.
„Die Revolutionäre sind in Rente und die Revolution wird von Interpol gemacht“, erklärte Christof.
„Ach so“, knurrte Ebby. „Gut, dass ich das weiß“, fügte er hinzu und setzte den Joint an seine Lippen.
Christof sah auch in Rückspiegel und nickte mit zufriedenem Gesichtsausdruck: „das ist keine Überwachung, das ist Geleitschutz!“

 

Ebby blies aus, ließ den Joint sinken und sah Christof kurz baff an. Dann lachte er kurz meckernd, schüttelte den Kopf, nahm einen weiteren Zug und fragte, während er den Rauch ausstieß, „und vor wem oder was sollen wir geschützt werden?“, was wiederum einen Hustenanfall erzeugte.
„Vor Verhaftung“, verkündete Christof, „daran müssten Sie eigentlich ein ureigenes Interesse haben, Sie drogenabhängiges Subjekt, Sie!“
Mit weit aufgerissenen Augen strecke Ebby Christof den Joint hin und kreischte: „Hilfe!“
„Man hat schon Kamele vor Apotheken kotzen sehen“, mahnte Christof.
„Ich kotz auch gleich“, erwiderte Ebby, „jetzt haben wir die Bullen nicht nur hinter uns, sondern auch vor uns.“
Tatsächlich blinkte Blaulicht vor ihnen und ein Uniformierter kam in Sicht, der den LKW der beiden mit Hilfe einer Kelle in die Auffahrt zu einem Parkplatz wies, auf dem weitere Uniformierte, Polizeiautos und vor allem zwei Hunde auf ihren Einsatz warteten.

 

„Grr“, knurrte Ebby und verpflanzte sein Grastütchen von der Hosentasche in die Unterhose. Christof tat es ihm gleich und setzte sein freundlichstes Gesicht auf, während er die Fensterscheibe herunterkurbelte:
„Ca va?“, strahlte er in ein finster dreinblickendes Gesicht, das sich dadurch freilich nicht aufhellen wollte, sondern aus dessen Mund der unmissverständliche Befehl kam, auszusteigen.
Innerlich kochend, aber äußerlich die Liebenswürdigkeit in Person, stieg Christof aus, und der Störenfried forderte mit einer harschen Handbewegung die Autopapiere von Ebby. Er gab sie einem hinter sich stehenden Kollegen und begann sofort, die Seitenfächer der Tür zu durchsuchen, was er so energisch tat, dass die Türverkleidung des nicht gerade taufrischen LKWs aufbrach, was er gleich dazu benutzte, mit seiner Taschenlampe dahinter zu leuchten.
Inzwischen war der Kollege mit dem Hund gekommen und forderte diesen auf, in das Führerhäuschen des LKWs zu springen.

 

Grinsend und schwanzwedelnd gehorchte der blöde Hund seinem Herrchen – und wurde aufs herzlichste von Ebby empfangen, der ihn mit den Worten: „Na, du bist aber ein liebes Hundi!“ begrüßte und so liebevoll unterm Kinn kraulte, dass das – offensichtlich noch sehr junge – Tier ihm dankbar die Hände ableckte und zwar ab und zu unkonzentriert herumschüffelte, aber immer wieder und immer stürmischer Ebby liebkoste und ihm bald sogar das Gesicht ableckte.
„Was suchen Sie denn?“, fragte ich so scheinheilig wie unglaubwürdig, erntete aber nur einen bösen Blick als Antwort.
Ebby kraulte dem Schnüffler liebevoll die Ohren, ließ sich die seinen ablecken und grinste mich zwischendrin hämisch an.

 

„Was haben sie unter der Plane“, fragte das böse Herrchen des lieben Hundis. Ich war versucht zusagen: „5 Tonnen Marihuana“, wollte aber lieber kein Risiko eingehen und hielt Mal meine gut vorbereitete Rede, nämlich, dass ich mit meinem ältesten und besten Freund meinen Umzug nach Mali machte, wir zwei arme alte Musiker seien und so froh, endlich in Marokko zu sein, dem schönsten Abschnitt unserer Reise.
„Abdecken!“ war die harsche Antwort.
„Das kann nur der Fahrer“ antwortete ich insofern wahrheitsgemäß als Ebby mich das nicht machen ließ.
„Dann soll er rauskommen!“
„Kein Problem“, antwortete ich und wandte mich so langsam es ging dem Fahrerhäuschen zu.
In diesem Moment klingelte sein Diensttelefon, das auf der Kühlerhaube des Polizeiautos stand. Mürrisch drehte er sich von mir weg und eilte zu seinem Wagen.
Ich blieb neben dem Fahrerhäuschen stehen und betrachtete den Fortlauf der Ereignisse.
Offenbar verstand der Fahnder nicht wer ihn anrief und raunzte verärgert ins Telefon.
Die Antwort, die er erhielt, ließ ihn zusammenzucken.
Ich merkte auf, meine Spannung stieg.

 

Der Zöllner erstarrte und je länger die offensichtliche Standpauke dauerte, die er über sich ergehen lassen musste, desto mehr konnte ich mit großem Vergnügen feststellen, dass er regelrecht Haltung annahm.
Daraufhin konnte ich ein deutliches „Pardon!“ hören, und als er das Gespräch beendete, salutierte er sogar, obwohl sein Gesprächspartner das ja gar nicht sehen konnte.
Nachdem er sich wieder mir zugewandt hatte, blickte ich in ein betretenes Gesicht. Er vermied, mir in die Augen zu sehen und sagte:
„Sie können weiterfahren.“
„Aber Sie wollten doch noch meinen Hausrat sehen“, frage ich enttäuscht.
„Nicht nötig“, antwortete er, ging zum Fahrerhäuschen und pfiff nach seinem Schnüffler, der sich nur schwer von seinem neuen Freund Ebby trennen konnte.
„Kein Problem!“, verkündigte ich großzügig – am liebsten hätte ich noch „Allah u akbar“ hinzugefügt, aber das Risiko war mir dann doch zu groß, dass er es in den falschen Hals bekommen könnte.
Also schwang ich mich auf meinen Beifahrersitz und schaute zum Fenster hinaus, um mich von ihm zu verabschieden.

 

Da winkte er mich nochmal zu sich.
Scheiße. Zu früh gefreut.
Ich stieg aus, ging aber nur langsam auf ihn zu, weil die Schnauze des neben ihm sitzenden schwanzwedelnden Hundis sich genau auf Höhe meiner Unterhose befand, in denen meine Tütchen mit zwei Sorten Dope und zwei Sorten Gras waren – bitte keinen Ärger jetzt zum Schluss!
Aber er winkte mich noch näher an sich und mir blieb nichts anderes übrig als bis auf einen Meter an ihn heranzutreten.
Er sah mich verlegen an, senkte den Kopf und sagte: „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen!“
„Kein Problem“ kam es von mir aus vollem Herzen zurück, und ich beeilte mich, auf meinen Beifahrersitz zurück zu kommen, von dem aus ich ihm fröhlich zum Abschied winkte und mir diesmal auch ein herzhaftes „Allah u akbar“ leistete, während Ebby so schnell wie möglich Vollgas aufnahm.

 

„Hab ich dirs nicht gesagt“, jubilierte ich, während ich die Papers zusammenklebte, „wir haben persönlichen Begleitschutz. Die ham den so zusammengeschissen, dass er ganz klein mit Hut wurde.“
Ebby lachte meckernd.
„Wir kiffen unter der Patronage von Interpol Tanger: Kiffen unter Polizeischutz – das soll uns einer mal nachmachen! Es lebe der Polizeipräsident von Tanger!“

 

„Tja“, sagte Ebby, „es kommt eben immer alles anders als man denkt“.

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