Mittwoch, 5. Dezember 2018

Marokkanische Überraschungen

 

Teil II

 

 

Autor: Cristof Wackernagel

 

In der letzten Ausgabe dieses Zentralorgans einer besseren Welt beschrieb ich den ersten Teil einer Serie von Überraschungen nach dem Motto „es kommt immer anders als man denkt“ – heute folgt der zweite, schon etwas größere; auf den Oberhammer dieser Serie müsst Ihr allerdings noch bis zum nächsten Heft warten.

Was war bis jetzt passiert? Ich war an der Grenze in Tanger wegen eines Haftbefehls aus dem letzten Jahrtausend festgenommen worden und wartete auf einer abgewetzten Holzbank in einem schmuddeligen Polizeirevier vor der Tür eines schlechtgelaunten Abteilungsleiters, bewacht von einem Maschinenpistolen bestückten Aufpasser.

 

Da erschien erneut ein kleiner Mann im Haupteingang, allerdings etwas lässiger gekleidet und nur durch einfaches Salutieren gegrüßt und begab sich, ohne sich um die Begrüßungen oder gar um Christofs Versuch, ihn anzusprechen, zu kümmern, schnurstracks in das neben Christof gelegene Büro mit der Aufschrift über der Tür: „Chef de police judicaire“.

Christof beugte sich hinüber und konnte sehen, wie der Neuankömmling direkt auf seinen Computer zusteuerte und, da dieser offenbar in Betrieb war, sofort anfing, schnell und konzentriert zu schreiben.

Von Zeit zu Zeit sah Christof wieder in das Büro des „Chef de police judicaire“, aber dort saß der kleine Mann in der lässigen Kleidung nach wie vor und unentwegt vor seinem Rechner und tippte lange Texte, nur durch kurzes Nachdenken unterbrochen. Christof lehnte sich zurück, lehnte sich vor, tippte mit den Füßen auf den Boden, dehnte sich und legte wieder das Kinn auf die auf dem Knie aufgestützte Hand.

 

Plötzlich entspannte sich unerklärlicherweise die Lage, der Glattgescheitelte ließ sein knorriges Gerät sinken und lächelte wieder freundlich, und der Nette kam aus seinem Büro gerannt, klatschte in die Hände und sagte: „Das wird schon alles, dauert nur ein wenig“, versicherte aber noch mehrmals, dass die Sache im Grunde geklärt sei, dieses jedoch nur noch von höchster Stelle abgesegnet werden müsse.

„Ich habe Ihnen doch versprochen, dass alles gut wird“, schloss er und stellte Christof zwei zivil gekleidete Herren vor, mit denen er nur noch einen kleinen Ausflug in die Zentrale machen müsse, um letzte Formalitäten zu regeln. „Dann bekommen sie sogar eine kleine Tangerrundfahrt“, fügte er hinzu, „und das auch noch kostenlos!“

 

 

„Ach ja?!“, sagte Christof und machte nicht den Eindruck, dass er keinen sehnlicheren Wunsch habe. Vor dem Haupteingang erwartete die drei ein kleiner verschlissener Gefangenentransporter mit rundum Totalvergitterung. Einer der beiden Zivilen machte sich am Schloss der hinteren Tür zu schaffen, und Christof protestierte: „Moment, ich bin nicht festgenommen, da fahr ich nicht mit!“

Der Zivile ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern verstärkte im Gegenteil seine Anstrengungen, das verklemmte Schloss aufzubekommen, aber je mehr er rüttelte und drückte und schimpfte, desto weniger ging es auf.

 

Als Christof anfing zu grinsen, winkte der andere Zivile ab, ging nach vorne, schloss die Seitentür auf und wies Christof an, in der Mitte der Sitzbank Platz zu nehmen, die nur noch aus lochzerfressenem, verdrecktem Schmuddelschaumgummi bestand – der Bezug hatte schon vor langer Zeit das Weite gesucht.

Der Dunst des Staubes und der Abgase der vom Feierabendverkehr vollgestopften Straßen von Tanger vernebelte die Sightseeingtour, und der kleine, schepperige Gefangenentransporter bewegte sich nur im Schritttempo in Richtung Stadtmitte.

Bis er einen düsteren Hinterhof erreichte, auf dem mehrere abgetakelte Transporter nebst heruntergekommenen PKW´s unter verstaubten Bäumen standen.

Christofs beiden Begleiter führten ihn zu einem Hintereingang, an den eine Wendeltreppe mit ausgetretenen Steinstufen anschloss, auf der die drei sich bis an den Rand des Schwindelgefühls höher und höher schraubten, bis sie endlich im fünften Stock angekommen waren und durch eine Stahltür auf einen breiten, auf einer Seite von großen Fenstern gesäumten Gang traten, und auf dessen anderer Seite sich nur zwei ledergepolsterte Türen befanden. Zielgerichtet steuerte der eine Begleiter die hintere der beiden Türen an, während der andere Christof anhielt, ihn durchdringend ansah, seinen Zeigefinger hob und sagte: „Interpol! Le Chef!“

 

„Ahh!“, freute sich Christof, „das ist ja gut, dann wird sich gleich alles in Wohlgefallen auflösen“.

 

Der Chef von Interpol Tanger war ein grauhaariger soignierter älterer Herr mit gepflegtem Vollbart, der freundlich lächelnd von seinem Schreibtisch am anderen Ende seines Büros, das ein mit Kronleuchter bestückter Saal war, aufstand und mit ausgestreckten Händen auf Christof zuging, um ihn mit vollendeter französisch geschulter Höflichkeit in der Mitte des Saales zu begrüßen. Selbstverständlich kenne er die „fraction armee rouge“ aus der Zeit seines Studiums in Paris, erklärte er lachend, senkte den Kopf, hob schmunzelnd den Zeigefinger und schwenkte ihn heftig: „Gefährlich, gefährlich!“, knurrte er, und Christofs Begleiter gingen in Hab-Acht-Stellung.

Er schüttelte den Kopf, hob seine Hände, und sein Gesicht bekam einen Ausdruck, als müsse er seinem Gegenüber zum Tod von dessen Großmutter kondolieren: „Die Weltrevolution, ja die Weltrevo-lution“, das sei eben so eine Sache mit der Weltrevolution, erklärte er und sah sinnend zum Fenster hinaus in die Sonnenuntergangsabendstimmung, es lasse sich eben nicht alles so einfach verwirklichen, wie man es gerne hätte.

 

Man habe sein Bestes getan, erklärte Christof daraufhin, „mancher Versuch gelingt ja durchaus, so mancher Versuch aber eben auch nicht!“

 

Der Interpolchef von Tanger nickte mitfühlend, fast mitleidend.

Man könne ja aus Fehlern lernen, fuhr Christof fort, an den Verhältnissen, die man habe umstürzen wollen, habe sich ja nichts geändert, im Gegenteil!

Der Polizeipräsident von Tanger nickte heftig: „Schlimmer sind sie geworden, viel schlimmer!“

Ein wahres Wort, fand Christof, deswegen sei er gerade auf dem Weg nach Westafrika, wo er sich niedergelassen habe, um dort sein Bestes zu versuchen, zumal das soziale Leben der Malier dem der Deutschen haushoch überlegen sei.

Das sei überaus löblich und wahr, erklärte der Polizeipräsident von Tanger, die Afrikaner hätten es gerade angesichts ihres reichen sozialen Lebens wirklich verdient, dass man ihnen beistehe, und so tue es ihm unendlich Leid, dass Christof dabei derartige Schwierigkeiten bekommen habe:

 

„Pardon“, sagte er, und gab Christof seinen Pass zurück, den er plötzlich aus der Tasche zauberte, „auch Interpol kann Fehler machen, aber wir werden das ein für alle mal aus der Welt schaffen“, was freilich noch einige Minuten dauere, weshalb er ihn bitte, solange in einem Nebenraum zu warten.

Am Ende dieses langen Ganges vor dem Bürosaal des Polizeipräsidenten befanden sich Schwenktüren, hinter denen rechts und links kleinere Büros lagen – in eines von ihnen wurde Christof von seinen Begleitern geführt und gebeten, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, während sie sich selbst auf einer Bank niederließen und Christof betrachteten als habe er sich aus einer Larve in einen Schmetterling verwandelt, auch war nichts mehr von Ruppigkeit oder gar Aggressivität in ihrem Verhalten zu spüren.

In dem Büro arbeiteten Zivilbeamte an mit Akten überladenen Schreibtischen, es roch nach ranzigem Bohnerwachs. Vor einem der beiden Schreibtische saß eine füllige arabische Mutter in blaugelben, rüschenverzierten Gewändern und mit Goldsplittern übersätem Kopftuch, die heftig gestikulierend argumentierte, während der neben ihr sitzende Sohn stumm den Kopf hängen ließ und an seinen Fingernägeln herumpopelte.

 

Christof studierte zum soundsovielten Male die Visa in seinem Pass, seine beiden Begleiter unterhielten sich leise – da erschien der gepflegte Graubart des Polizeipräsidenten in der Tür, aus dessen lächelndem Mund das Wort „Mannheim“ in den Raum flog, womit Christof zunächst überhaupt nichts anfangen konnte. Der Polizeipräsident trat ein: „Bande Mannheim“, erläuterte er -„Ach so!!“, verstand Christof und lachte, „Baader-Meinhof“ -„Jawoll!“, bestätigte der Polizei-präsident, „das ist es!“

 

Christof hob seinen Zeigefinger und schwenkte ihn hin und her: „Bande ist falsch“, stellte er klar, „das war eine Stadtguerilla Gruppe – das mit der ‚Bande‘ drückt nur die Weigerung der Deutschen aus, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, das ist ein regelrechter Komplex, den sie seit dem zweiten Weltkrieg haben!“

„Das klingt ja interessant“, sagte der Polizeipräsident, lehnte sich an einen Pfosten in der offenen Tür, schlug seine Beine übereinander und sah Christof erwartungsvoll an.

„Wie Sie wissen“ begann Christof zu erläutern, „haben die Deutschen im zweiten Weltkrieg mit der systematischen Ermordung der Juden das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen, sogar aus Marokko haben sie Juden entführt und über Frankreich nach Auschwitz transportiert, um sie dort zu töten“.

 

Der Polizeipräsident nickte düsterer Miene.

„Das haben die Deutschen aber nie eingestanden“ , fuhr Christof fort, „begriffen oder gar verarbeitet, bis daraus ein nur noch psychoanalytisch zu erklärender Schuldkomplex wurde, und dagegen richtete sich auch der Kampf der „Rote Armee Fraktion’“.

„Das ist bekannt“, sagte der Polizeipräsident, „wir haben damals in Paris viel über die die deutsche ‚guerilla urbaine‘ und ihre Geschichte diskutiert“.

„Nun gab es vor ein paar Jahren einen Film mit dem Titel ‚Der Untergang‘ “, erklärte Christof, „in dem Adolf Hitler als ganz normaler Mensch dargestellt wurde, eigentlich ganz harmlos und unschuldig, ein ‚Mensch wie jeder andere’“.

„Jeder Mensch“, erklärte der Polizeipräsident mit erhobenem Zeigefinger, „ist ‚ein Mensch wie jeder andere’“.

„Richtig“, bestätigte Christof, „aber in diesem Jahr gab es einen Film mit dem Titel ‚Der Baader-Meinhof Komplex‘, in dem Andreas Baader als zähnefletschender blutrünstiger Psychopath dargestellt wurde, womit klargestellt wurde, wer der wirkliche Bösewicht der deutschen Geschichte ist, und das haben sie sich viele Millionen kosten lassen, das war der teuerste Film der deutschen Filmge-schichte!“

 

Der Polizeipräsident begann zu grinsen.

„Psychoanalytisch gesprochen“, fuhr Christof fort, „haben die Deutschen ihre eigene Schuld auf Andreas Baader und die Rote Armee Fraktion übertragen, um sich damit endlich vom diesem Komplex zu befreien:

Nicht Adolf Hitler ist das Problem, sondern Andreas Baader!“

Der Polizeipräsident lachte schallend, klatschte in die Hände und rief: „Wunderbar!“. Er wandte sich zum Gehen. „Wirklich geistreich, überzeugend und witzig“ fügte er hinzu und ging lachend in seinen Bürosaal zurück.

Daraufhin nahmen die arabische Mutter und der Zivilbeamte, die so höflich wie verständnislos zugehört hatten, wieder ihren fruchtlosen Disput auf, die beiden Begleiter unterhielten sich leise, und Christof studierte seine Visa.

Doch diesmal dauerte es nicht lange, da klingelte das Telefon, und der von der arabischen Mutter gestresste Zivilbeamte bedeutete Christof und seinen beiden Begleitern, sie mögen sich doch bitte in das Büro des Chefs begeben. Wieder kam der Polizeipräsident der Gruppe, von seinem Schreibtisch aus, über dem ein Bild des Königs hing, bis in die Mitte seines Bürosaales entgegen.

 

„Ich muss mich bei Ihnen in aller Form entschuldigen“, erklärte er, „es tut mir wirklich sehr leid für die Unannehmlichkeiten, die Sie erdulden mussten, aber ich versichere Ihnen, dass Ihnen so etwas nicht nur nicht in Marokko, sondern auch in ganz Westafrika, nicht mehr passieren wird“.

„Und ich muss mich für den verdreckten Zustand entschuldigen, in dem ich hier erscheine“, sagte Christof und deutete auf seine ölverschmierte Hose, „es ist mir wirklich überaus peinlich“.

„Meine Güte“, rief der Polizeipräsident von Tanger, hob beide Hände in die Höhe und sah flehend an die Decke seines Bürosaales im obersten Stock des Präsidiums: „Die Welt“, rief er mit tragischem Timbre in der Stimme, „die Welt war sauber, bevor wir Menschen kamen und sie verdreckten“.

 

Nun klatschte Christof in die Hände und rief begeistert: „Wie wahr, wie wahr! Dann ändern wir das von nun an gemeinsam!“

Der Polizeipräsident lachte auf und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu: „Das“, sagte er, nahm mit der seinen Christofs rechte Hand und zwinkerte ihm zu, „das machen wir!“.

Und so wurde Christof mit ausgesuchter Höflichkeit gebeten zu folgen und zu einer klimatisierten Luxuslimousine geführt, auf deren bequemem Rücksitz er sich breit machte und zufrieden grinste. Der philosophische Polizeipräsident – so was traf man auch nicht alle Tage.  Er sah sich um, aber die von dem netten Zöllner versprochene Sightseeingtour, zu der er jetzt die nötige Muße mitbrachte, wurde durch die bereits einbrechende Dunkelheit beeinträchtigt.

Und die Lust auf Tanger war ihm gründlich ausgetrieben worden, er wollte nur noch raus und erstmal einen durchziehen. Auch fragte er sich, nachdem der erste Schock überstanden war, wie es wohl Ebby weiter ergangen war.

Sobald sein zivil getarntes Interpol-Luxus-Taxi nur in Sichtweite einer Schranke kam, ging diese hoch, und die Uniformierten grüßten mit an die Stirn gelegten Zeige- und Mittelfingern.

 

Wem ein Interpolchef, der bei der Weltrevolution mitmacht, noch nicht genug Überraschung ist, der freue sich auf das nächste Heft, denn da kommt alles nochmal ganz anders als gedacht, schließlich ist diese Zeitung nicht das Zentralorgan der Revolution, sondern des Hanfs!

 

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