Dienstag, 4. Dezember 2018

Novemberrevolution 1918

Buchtipp

 

…unvergessen und neu gedeutet

 

 

„Die größte aller Revolutionen – November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit“

 

Dass der Geschichtsrevisionismus auf dem Vormarsch ist, ist kein Geheimnis. Das bedeutet, dass die Geschichtswissenschaft inzwischen einen anderen Zugang zum Narrativ des ersten und zweiten Weltkriegs sucht – inklusive des kurzen Intermezzos der ersten Demokratie auf deutschem Boden: der Weimarer Republik. Galt noch bis zur Wiedervereinigung das Diktum, dass der erste Weltkrieg alleine von den Deutschen verschuldet war und dass der Nationalsozialismus aufgrund seiner ungezügelten Brutalität und dem industriellen Töten von Menschen ein singuläres Ereignis darstellt, so wurden im Nachgang der Vereinigungsfeiern hier erste Umdeutungsversuche laut.

 

Inzwischen ist es nicht nur in Pegida- und AfD-Kreisen en Voque die positiven Seiten des Kaiserreichs und die Defizite der Weimarer Republik hervorzuheben. Vor der letzten Geschichtsbastion, die noch nicht in diesem Sinne umgedeutet wurde, dem Nationalsozialismus, scheint immer noch zu viel Scheu zu bestehen, um diese Epoche einem radikalen Geschichtsrevisionismus zu unterwerfen. Fragt sich, wie lange noch. Wichtige Impulse zur Neudeutung historischer Ereignisse und Epochen stammen naturgemäß aus dem geschichtswissenschaftlichen Diskurs.

 

Zunächst einmal für die weniger Geschichtskundigen zum historischen Inhalt des Buchs. Die Novemberrevolution fand im November 1918, also in der Endphase des Ersten Weltkriegs statt. Deutsche Marinesoldaten verweigerten eine letzte, für den Kriegsausgang sinnlose Entscheidungsschlacht mit der britischen Navy und starteten eine linksgerichtete Revolution. Dieser Matrosenaufstand verbreitete sich in Windeseile und überall wurden Soldaten- und Arbeiterräte gebildet. Räterepubliken wurden ausgerufen und Monarchen dankten ab. Nach der Ausrufung der Republik und der Abdankung des Kaisers entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen der republiktreuen sozialdemokratischen Fraktion (MSPD) und einem revolutionären Ableger (USPD).

 

Robert Gerwarths „Die größte aller Revolutionen – November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit“ kann hinsichtlich des geschichtsrevisionistischen Moments zumindest kritisch hinterfragt werden. Punktgenau zum 100-jährigen Jubiläum untersucht Gerwarth die Revolution in Deutschland, die sich an die deutsche Weltkriegsniederlage von 1918 anschloss. Diese Revolution war lange eingehender Untersuchungsgegenstand des eher linkslastigen, kritisch-dialektisch inspirierten historischen Diskurses, während konservative Historiker diesen Zeitabschnitt gerne als lästiges Zwischenspiel mehr oder weniger unter den Tisch fallen ließen. Auch heute noch gilt die Revolution von 1918 als gescheitert und als Einfallstor für den Aufstieg der Nationalsozialisten, der eine globale Katastrophe einläutete. Hier liegt Gerwarths Ansatzpunkt für eine Neuinterpretation, denn er sieht mehrere Revolutionen am Werk beziehungsweise er interpretiert die Auswirkungen der einen Revolution auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Dimensionen. Denn die Revolution von 1918 zerschlug die jahrhundertealte autoritäre Monarchie der Hohenzollern. Zudem erschuf sie – vergleichsweise unblutig – den ersten deutschen demokratischen Nationalstaat.

 

Detailgenau und in einer gut lesbaren Sprache schildert Gerwarth die dramatischen Ereignisse zwischen den letzten Kriegsmonaten 1918 und dem Hitlerputsch 1923. Dabei beschreibt er, welche nachhaltigen Auswirkungen die Revolution auf das politische System und die Gesellschaft hatte. Dabei versucht er mit einem Mythos aufzuräumen, der sich seit Jahren als herrschendes Narrativ in der Geschichtswissenschaft hält, nämlich, dass die Weimarer Republik von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Im Gegenteil, so Gewarth, die Zukunft der Weimarer Republik war durchaus offen und hätte positiv enden können.

 

Der Autor hat einen Lehrstuhl am irischen University College Dublin für Moderne Geschichte inne und leitet das dortige Zentrum für Kriegsstudien. Diese Information hilft, die Forschungsergebnisse Gerwarths besser zu kontextualisieren. Denn in Irland wurden sowohl der erste als auch der zweite Weltkrieg immer schon etwas anders gewichtet, da die Hauptstoßrichtung gegen die Engländer ging. Gemäß dem Motto der Feind meines Feindes ist mein Freund, erlaubten sich die Iren in diesem Sinne schon seit längerer Zeit eine positivere Gewichtung des deutschen Kaiserreichs und dem von ihm geführten ersten Weltkrieg, zumal die Deutschen damals via logistischer und materieller Hilfe versuchten, den irischen Widerstand gegen die britischen Besatzer in eine veritable Revolution umzumünzen.

 

Gewarths Buch versucht in meinen Augen einen „sanften“ Geschichtsrevisionismus. Dies verrät zumindest eine Analyse der Sprache. Denn alles, was mit dem Adel und Rechtnationalen Kreisen zusammenhängt, wird mit positiven Ausdrücken belegt, während der Autor sich deutlich schwer damit tut, seine Antipathien gegen die linksgerichteten Revolutionäre zu verbergen. Auch die Siegermächte bekommen in diesem Sinne ihr Fett weg, indem Gerwarth sie für Millionen von Toten verantwortlich macht, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der im Versailler Vertrag zementierten neuen Nationenbildungen und wegen der exorbitanten Belastungen durch den Versailler Vertrag entstanden sind- gemeint sind Bürgerkriege und Revolutionen, die Europa in den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts heimsuchten.

 

Last but not least: Egal wie man zum Thema Geschichtsrevisionismus steht, Gerwarths „Die größte aller Revolutionen“ ist durchaus lesenswert. In flüssigem Stil vergegenwärtigt der Autor uns plastisch die damaligen Ereignisse und hilft dem Leser dabei, sie einzuordnen. Ein streitbares, aber in jedem Fall lesenswertes Buch.

 

Christian Rausch

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