Sonntag, 21. Oktober 2018

Back to the roots III

 

Walter Benjamin: Über Haschisch

 

 

Autor: Christof Wackernagel

Langsam kommen wir zum unteren Ende der Roots: Die Notizen, aus denen 1972 dieses Buch (Suhrkamp Taschenbuch 21, Frankfurt 1972, Zahlen in Klammern weisen die jeweiligen Seitenzahlen aus) zusammengestellt wurde, entstanden zwischen 1927 und 1934, am Ende also schon auf der Flucht vor den Nazis, die Walter Benjamin nicht überlebte, weswegen er nicht mehr dazukam, auf Basis der Notizen ein durchgehendes Buch zu schreiben.
Schade eigentlich, denn was er uns Nachgeborenen über Dope zu sagen hat, übertrifft in seiner Radikalität alles, was die heutigen Schlaumeier oft kompromisslerisch und angepasst zu sagen haben.
Schon auf dem Rückumschlag des Buches steht ein Satz, der in so riesigen Lettern in die Zugspitze eingehämmert werden müsste, dass man ihn bis Hamburg lesen kann:

 

„Die passionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen über das Denken (das ein eminentes Narkotikum ist) nicht halb so viel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens über den Haschischrausch.“
Abgesehen von der interessanten Erinnerung, dass Denken selbst schon ein Narkotikum sein kann, beschert dem Kiffer dieser göttliche Stoff nichts mehr oder weniger als Erleuchtung:
Wer kifft, heißt das kurz und knapp, kann sich den ganzen Buddhameditationsspiritualismusesoterikkram also sparen.

 

Aber nicht nur Erleuchtung wird ihm zuteil, nein, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit kommt dazu und wird dadurch hammerhart, wie sonst gar nichts: „Profane Erleuchtung“ – das heißt, dieser Rausch ernüchtert. Er macht keine Illusionen – wie Alkohol oder Heroin – er zerstört sie. Er öffnet die Augen. Er lässt keinen Fluchtweg:
„Die Welt insgesamt ist so künstlich wie sie nicht sein darf. Das spricht die Inspiration der Kunst und des Rauschs aus.“ (22)
Man könnte auch sagen: Haschisch ist eine Wahrheitsdroge (nur noch übertroffen von LSD) – deshalb mögen sie die Herrschenden nicht, deswegen hassen sie die Mächtigen, deswegen verteufeln sie die verlogenen Frommen.
Genauer gesagt:

 

„Hilft Rauscherfahrung zur Einsicht ins Wesen der Dinglichkeit als der ins Unwesen der Verdinglichung, so wirft sie Licht vor allem aufs darin verstrickte Subjekt selber. Dies Licht ist vielleicht schwerer zu ertragen als das, das in der narkotischen Illumination aufs Objekt fällt. Denn gerade das Rausch-Ich lässt das reelle als verstümmeltes hervortreten.“ (23)

 

Man sieht bekifft also, um es auf gut Deutsch zu sagen, nicht nur wie bekloppt die Welt ist, in der wir leben müssen, sondern auch wie bekloppt sie inzwischen schon uns selbst gemacht hat.
Es gab Zeiten – ich weiß, es nervt, dass ich immer wieder mit dem Vergleich zu den 60er Jahren anfange, aber es ist nun mal ein nervender Widerspruch – in denen Kiffen aus den von Benjamin genannten Gründen sozusagen automatisch zu Widerstand und Veränderung der eigenen, vor allem sozialen Lebenssituation führte.
Inzwischen haben diejenigen, die diesen Widerspruch nicht ausgehalten haben, drei alternative Antworten zu Widerstand und Veränderung gefunden:

 

1) Sie kommen bekifft auf Panik, weil sie die Wahrheit über sich selbst und diese Drecksgesellschaft, in der wir gefangen sind, nicht ertragen und gehen zur Betäubungsdroge Alkohol über, die einen freundlichen Schleier über die Hölle des Alltags legt;

 

2) Sie gehen zu harten Drogen über – das ist die Wahrheit hinter der angeblichen „Einstiegsdroge“ Haschisch: entweder sie ist der Einstieg zum Ausstieg aus diesen gesellschaftlichen Zwängen oder der Einstieg zu so harten Drogen, dass man an diesen Zwängen nicht kaputt geht, aber auf Dauer dann auch nicht zur Ameise taugt (im Gegensatz zu Alkohol, die Einstiegsdroge zum Ameisenverhalten) – beides kann die Diktatur des Profits, in der wir vegetieren, nicht gebrauchen, deswegen wird Haschisch solange verboten bleiben, wie es nicht auch denjenigen Schweinen massiven Profit bringt, die die Welt zur Hölle machen;

 

3) Sie rauchen hammerhart hochgezüchtetes Dröhnzeugs, das sie so dicht macht, dass sie den Horror verschlafen, nicht aufdrehen, sondern abdrehen.

 

Deshalb würde ich am liebsten nur noch ein Zitat nach dem anderen raus suchen, um daran zu erinnern, wie man kiffte als die Welt noch in Ordnung war und was man aus Kiffen alles herausholen kann, wenn man dazu bereit ist. Ich kann mir aber nicht verkneifen, die Gedanken jeweils zu kommentieren – es gibt also nur eine Lösung: besorgt Euch dieses Buch, Leute, Ihr werdet es nicht bereuen. Lasst Euch von Benjamins heutzutage altmodischer oder gar umständlicher Sprache nicht abschrecken – versteht man ein Fremdwort nicht, googelt man es halt, schadet nie, es dann zu kennen! – manchmal muss man den einen oder anderen Satz vielleicht zweimal lesen, dafür wird man auf jeden Fall mit ein wenig Erleuchtung belohnt – der Rest kommt dann mit der nächsten Wolke in der Lunge.
„Man geht die gleichen Wege des Denkens wie vorher. Nur scheinen sie mit Rosen bestreut.“ (68)

 

Und so führen die gleichen Wege zu anderen Zielen! Und zu Überraschungen, wie sie komischer nicht kommen könnten, aber profaner die harte Realität des Unsichtbaren und Unmessbaren nicht evident machen könnten:
„Bloch wollte leise mein Knie berühren. Die Berührung wird mir schon lange ehe sie mich erreicht hat, spürbar, ich empfinde sie als höchst unangenehme Verletzung meiner Aura.“ (73)

 

Auf meinem ersten LSD Trip 1967 sah ich eine grünviolettgelbe, wabernde Haut um alle Menschen und wusste, dass dies die Aura war und damit die Quelle der Vibes. Ich erkannte, dass mein Feeling gegenüber anderen Menschen – vor allem in dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sah – nicht nur von meiner Vordisposition – Projektion, Vorurteil, Übertragung von anderen – herrührte, sondern auch in ihrer Ausstrahlung lag, die mich angenehm oder unangenehm traf. Das klassische Beispiel ist, wenn jemand den Raum betritt, den man nicht sieht, aber sofort ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl hat; das ist nicht auf das „dritte Auge“ zurückzuführen, sondern auf die Ausstrahlung, die Vibrations, die dieser Mensch aussendet. Und die zu 100% nur auf ihn zurückzuführen sind.

 

Benjamin dazu nochmal:
„Erstens erscheint die echte Aura an allen Dingen. … Zweitens ändert sich die Aura durchaus und von Grund auf mit jeder Bewegung, die das Ding macht, dessen Aura sie ist. Drittens kann die echte Aura auf keine Weise als der geleckte spiritualistischer Strahlenzauber gedacht werden, als den die vulgären mystischen Bücher sie abbilden und beschreiben. Vielmehr ist das Auszeichnende der echten Aura das Ornament, eine ornamentaale Umzirkung in der das Ding oder Wesen fest wie in einem Futteral eingesenkt wurde.“ (107)
Das ganz aktuell zum Esoboom derer, die oft gekifft haben, dies aber, siehe oben nicht ausgehalten haben und sich in diese Illusionen flüchteten, anstatt bei dem zu bleiben, was Kiffen uns bringt:
„Nun kommen die Zeit- und Raumansprüche zur Geltung, die der Haschischesser macht. Die sind ja bekanntlich absolut königlich. Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht zu groß und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange.“ (96/97)

 

Und die Revolution ist möglich! Alles kann ganz anders werden. Es gibt keine Grenzen, wir bilden sie uns nur ein.
„Und wenn ich dieses Zustands mich erinnere, möchte ich glauben, dass der Haschisch die Natur zu überreden weiß, jene Verschwendung des eigenen Daseins, das die Liebe kennt, uns – minder eigennützig – freizugeben. Wenn nämlich in den Zeiten, da wir lieben, unser Dasein der Natur wie goldene Münzen durch die Finger geht, die sie nicht halten kann und fahren lässt, um so das Neugeborene zu erhandeln, so wirft sie nun, ohne irgend etwas zu hoffen und erwarten zu dürfen, uns mit vollen Händen dem Dasein hin.“ (104/105)

 

 

Eine Antwort auf „Back to the roots III

  1. zero-zero

    „Aber nicht nur Erleuchtung wird ihm zuteil, nein, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit kommt dazu und wird dadurch hammerhart, wie sonst gar nichts: „Profane Erleuchtung“ – das heißt, dieser Rausch ernüchtert. Er macht keine Illusionen – wie Alkohol oder Heroin – er zerstört sie. Er öffnet die Augen. Er lässt keinen Fluchtweg“
    .. kann ich glatt so unterschreiben. .. Da habt Ihr mich angefixt mit dem Buch.
    ..danke HaJo-Team für den Artikel

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