Sonntag, 12. August 2018

Timothy Learys »Politik der Ekstase«

 

Back to the roots oder Gesellschaftsveränderung durch Bewusstseinserweiterung:

 

 

1.: Timothy Learys »Politik der Ekstase«

 

Ein Beitrag von: Christof Wackernagel

 

In Zeiten, in denen keiner mehr durchblickt, was eigentlich los ist, gleichzeitig aber jeder selbst ernannte Esoterik-, Spiritualitäts- oder gar Drogenguru daherkommt und behauptet, er sei der Einzige, der wisse, was los ist, macht es Sinn, sich mal genauer anzuschauen, wie eigentlich alles anfing. Was hatten diejenigen für Kicks, die vor fünfzig oder gar hundert Jahren durchgezogen haben? Was verstanden sie unter dem Begriff »Bewusstseinserweiterung«? Was verbanden sie für Hoffnungen, Erwartungen, Sehnsüchte damit, was für Zielvorstellungen hatten sie dabei?

 

Tim Learys »Politik der Ekstase« beantwortet allein schon mit dem Titel alle diese Fragen. So heftig und intensiv leben, dass jede Faser des Körpers, jede Zelle so genüsslich wie bewusst mitschwingt. Und weil damals Leben und Politik zusammenfielen, war dieses Bewusstsein zu leben, zu tun, zu sein – selbst schon Politik: Gesellschaftsveränderung durch Bewusstseinserweiterung.

So verstanden dies die Freaks damals, als alles anfing. »Wie alles anfing«, das gleichnamige Buch, dieser Klassiker des leider schon verstorbenen Bommi Baumann, gehört natürlich auch dazu, zumal für ihn zu »high sein« und »frei sein« genauso »Terror muss dabei sein« gehörte, was ja dann in den siebziger Jahren solch Ausmaße annahm, dass diese Schiene wieder eingestellt wurde und der Schwerpunkt eben doch auf der Bewusstseinserweiterung zu liegen hat: »Bewusstseinserweiternde Drogen – eine Aufforderung zur Diskussion« von Ronald Steckel, dem sozusagen »deutschen Leary« werde ich aus diesem Grund in einer der nächsten Ausgaben vorstellen, genauso wie Walter Benjamins »Über Haschisch«, um nur die allerdringlichsten Basics zu nennen.

 

»Turn on, tune in, drop out« – das war, politisch gesagt, die Strategie. Sozusagen das politische Programm: »Schalt dich an, stimm dich ein, steige aus« – man könnte auch übersetzen: »wach auf, schau dich um – und hau ab«, denn wer diese Welt des Scheins, der Lüge und des Verrats an aller Menschlichkeit einmal wach gesehen hat, wird nicht mehr in ihr leben wollen und können. Das führte damals zum Versuch einer Revolution – heute eher zu Nischenbildung, Arrangement mit der schlechten Wirklichkeit, Anbiederung: auch »legalize it« ist zwar eine notwendige, jedoch lange nicht hinreichende Initiative – aber was heute nicht mehr ist, kann ja mal wieder werden!

 

Es kommt nicht darauf an, was man macht, sondern was man daraus macht. Turn on und tune in ohne drop out ist ein Rohrkrepierer, nicht Fisch nicht Fleisch, nichts Halbes und nichts Ganzes. Einen durchziehen kann jeder – damit die Richtung der Gesellschaft ändern, ist die Kunst, die das Vergnügen erst zur Ekstase macht.

 

Handlungsanleitungen gibt die »Politik der Ekstase« nicht:

 

»Mein Rat für mich und alle anderen, vor allem junge Menschen ist: turn on, tune in, drop out. Mit drop out meine ich das Lösen von den profanen, äußerlichen sozialen Spielen. Doch das ›ausdroppen‹ muss innerlich vollzogen sein, bevor es ins Äußere umgewandelt wird.« (Hervorhebung von mir) »Ich erzähle keinem Kind, es solle die Schule verlassen, ich erzähle keinem Erwachsenen, er solle seine Arbeit sausen lassen. Dies sind nur unausweichliche Entwicklungen des Prozesses von turn on und tune in.«

 

Die »Politik der Ekstase« erinnert an die Idee, an die Haltung, an das Bewusstsein, das Bewusstseinserweiterung in verändernde Kraft verwandeln kann. Dass diese Veränderung der Gesellschaft noch nicht eingetreten ist, heißt nicht, dass der Versuch dazu falsch war, sondern dass Jahrtausende alte Programmierungen unserer DNA eben leider nicht nur mit einem guten Zug oder Trip umprogrammiert werden. Viele Wahrheiten dieses Buches haben sich als Illusionen herausgestellt, was ihre unmittelbare Verwirklichung anging – das Schicksal der gesamten Hippie- und Jugendbewegung der 60er Jahre. Umso notwendiger ist es heute, sich daran zu erinnern, worum es überhaupt ging, was falsch und was richtig war, welche Ziele angestrebt wurden. Denn die »Umwälzung aller Verhältnisse«, wie der gute alte Karl Marx sie voraussah, ist voll im Gange – im Moment nur leider nicht zum Besseren, sondern zum so grauenhaften Gegenteil davon, wie nicht einmal die bösesten Albträume der 60er Jahre es voraussahen. Also hängt es von uns ab, wohin der Trip geht.

 

Auch wenn – und gerade weil – Timothy Learys Vision »innerhalb von zehn Jahren wird auf dem Times Square Gras wachsen. Die großen, schattenwerfenden Wolkenkratzer werden einfallen. Wusstest du nicht, dass die nur Staffage sind? War Dir nicht klar, dass die eines Tages einstürzen würden? Diese Umwandlung wird entweder mit Gewalt (durch Krieg) oder sanft und ätherisch vor sich gehen (durch eine psychodelische Aussteigerbewegung)« am 9.11.2001 nur in der negativen Form Wirklichkeit wurde, ist die Zeit reif, wieder über die Essentials nachzudenken, mit denen dieser Trend umgedreht werden könnte. Natürlich kann es nicht darum gehen, einfach etwas wieder aufzugreifen und weiterzumachen, nachdem es gescheitert ist, sondern es muss darum gehen, zu erkennen, was ist, wo man selbst darin steht, also wer man ist und wohin man will – das Ziel.

 

Deshalb möchte ich zum Abschluss aus einem Interview zitieren, in dem Leary auf die Frage antwortet, was die psychodelische Bewusstseinserweiterung denn mit uns macht/machen kann, letztlich die Vision beschreibt, wie eine menschenwürdige Gesellschaft aussehen könnte:

 

»sie wird jeden Menschen erkennen lassen, dass er kein spielender Roboter ist, der auf diesem Planeten ausgesetzt wurde, um eine Sozialversicherungsnummer zu bekommen und auf dem Fließband von Schule, Universität, Berufslaufbahn, Versicherung, Begräbnis, Lebewohl entlanggeschoben zu werden. Durch LSD wird jedem Menschen das Verständnis dafür beigebracht, dass die gesamte Evolution in seinem Körper aufgezeichnet ist; die Herausforderung des ganzen menschlichen Lebens wird für jeden sein, alle Aspekte und Wandlungen dieser alten majestätischen Wildnis zu rekapitulieren und durch Erfahrung zu entdecken. Jeder wird sein eigener Buddha, sein eigener Einstein, sein eigener Galilei sein. Statt sich auf konserviertes, statisches, totes Wissen zu verlassen, das andere Symbolproduzenten weitergeben, wird er seine Zeit von 80 oder mehr Jahren auf diesem Planeten nutzen, um jede Möglichkeit des menschlichen, vormenschlichen und sogar submenschlichen Abenteuers auszuleben. Je mehr Rücksicht und Zeit er auf diese Erkundungen verwendet, umso weniger wird er in den trivialen, äußeren Zeitvertreiben verfangen sein. Und das ist vielleicht die natürlichste Lösung des Freizeitproblems. Wenn alle schwere Arbeit und geistige Sklaverei von Maschinen übernommen wird, was machen wir dann mit uns – noch größere Maschinen bauen? Die einzige und einleuchtende Antwort auf dieses Dilemma ist, dass der Mensch die Unendlichkeit des inneren Raums erforschen muss. Dann wird er den Schrecken und die Ekstase finden, die in uns allen sind.«

 

Timothy Leary – Politik der Ekstase – Volksverlag, Linden 1982

Antiquarisch erhältlich, gekürzte Neuauflage in Vorbereitung.

 

Christof Wackernagel

Juli 2018

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