Samstag, 21. April 2018

Rauschs Coffeeshop-Scenes NL revisited: Teil II

 

 

Rotterdam ist immer noch anders…

 

 

Teil II von Christian Rauschs Rausch durch Hollands Metropole Nummer Zwei.

 

In der Februarausgabe des Hanf Journals (#217) begleiteten wir Christian Rausch auf seinem Spaziergang durch Rotterdam. Da die Erlebnisse den Rahmen sprengten, folgt nun der zweite Teil der gemachten Erfahrungen und Eindrücke in niedergeschriebener Form, der mitten in einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Coffeeshop’t Centrum beginnt. In Teil I äußerte sich dieser schon etwas näher über die aktuellen Probleme der ansässigen Cannabisszene. Hier folgt nun jedoch der weitere Verlauf des Gespräches mit Luuk aus dem Coffeeshop’t Centrum sowie ein kleiner Überblick der restlichen in Rotterdam besuchten Coffeeshops.

 

 

„Die Festivals in Rotterdam haben geschadet“, fährt Luuk fort. „Festivals und Partys sind toll. Denn das bedeutet, dass viele niederländische und ausländische Touristen in unsere Stadt kommen“, verrät er mit breitem Grinsen. „Dann kaufen sie den Laden in einer Stunde leer“, lacht er, um dann sofort wieder ernst zu werden. „Im Zusammenhang mit den Festivals gab es tatsächlich jede Menge Probleme. Viele Besucher haben sich nicht gut benommen. Die Blödmänner haben randaliert, Sachbeschädigung betrieben, und es gab Anzeigen wegen sexueller Belästigung. Der Oberbürgermeister und die Polizei gehen davon aus, dass es sich bei den Übeltätern um Kiffer handelt. Es kann natürlich sein, dass ein paar Kiffer bei denen waren, die hier übermäßig auf den Putz gehauen haben. Aber wer weiß: Vielleicht haben die sich noch was anderes reingepfiffen. Und wenn jemand randvoll mit Alkohol ist, dann reicht das doch schon, um Randale zu machen, oder?“

 

Dann kommt der erste Kunde – nach meiner Wenigkeit – hereingeschneit. Ein blonder, gepflegter Niederländer. Er kauft sich zwei Gramm Amnesia Haze und verschwindet wieder, da er vermutlich ins Büro muss. Wir können unsere Konversation ungestört fortführen.

„Und nach den „Randalen“ hat der Bürgermeister beschlossen, die Läden dicht zu machen? “, frage ich, um den wesentlichen Punkt der Unterhaltung festzuhalten. Luuk nimmt einen Zug und nickt.

„Ja, so kann man das sehen. Keine guten Zeiten, Mann. Und ich fürchte, es wird noch schlimmer.“

Das waren die letzten Worte in dieser Sache. Denn plötzlich wird es betriebsam. Eine Horde Italiener hat wohl nicht mehr in den Stockbetten der Gemeinschaftssäle schlafen können und macht sich auf zum zweiten Frühstück – vielleicht ist es auch das erste des Tages. Luuk und ich winken uns mit der Hand zum Abschied zu und ich bedanke mich, denn es ist nicht immer einfach, auskunftsfreudige Cofffeeshop-Besitzer oder Mitarbeiter von Coffeeshops anzutreffen.

„Dui, dui“, mein er noch, was so viel wie „Tschüss“ oder „Bis später“ meint.

 

Omar ist achtzehn Jahre alt und ich frage mich, wie gründlich sein Ausweis von den Türstehern der Coffeeshops geprüft wurde, denn er sieht zwei Jahre jünger aus. „Warst du das erste Mal im Coffeeshop?“, fragt er mich mit stolzem Blick, während er an seiner Super-Pollen-Tüte kräftig zieht. Als ich ihm verrate, dass ich mich schon vor seiner Geburt in Coffeeshops herumgetrieben habe, schaut er desillusioniert drein. „Und da hast du auch das geraucht?“, will er wissen und nickt in Richtung meines Haze-Joints. Klar, was denkt der denn? Kiefernnadeln?

Ich betreibe ein wenig Small-Talk und lasse mir von Omar die Coffeeshop-Topographie von Rotterdam erklären. „Gibt es im Zentrum auch Coffeeshops, in denen man sich hinsetzen kann?“, möchte ich wissen. Omar nickt eifrig. „Klar, ganz in der Nähe. „The 4 Floor“ – geradeaus auf der linken Seite. Nicht zu verfehlen. Maximal 500 Meter von hier. Und der andere heißt „Pluto“. Wie der Planet. “Omar strahlt ob seines Wissens. „Gibt es noch „The Reef“ und das „Trefpunt“ in der Nähe der neuen Markthalle?“, glänze ich mit meinem Wissen zahlreicher früherer Rotterdam-Besuche. „Das „Reef“ haben sie geschlossen“, antwortet Omar. Was schade ist, denn das „Reef“ war ein cooler Shop, der in Form eines Riffs mit Aquarien, Taucherglocken und sonstigem maritimen Zeug dekoriert gewesen war. Ziemlich spaciges Interieur, wenn man dicht ist. Nachdem ich mich von Omar verabschiedet habe, zeige ich dem Türsteher vom „The 4 Floor“ im „Eendrachtsweg 29“ meine Visitenkarte.

 

Der holt seinen Chef, der mich willkommen heißt. „Ein bisschen Werbung kann nicht schaden“, meint der Maghrebiner. Er erklärt mir das System. Zunächst macht der Muskelprotz mit der Meister-Propper-Frisur am Eingang eine Ausweiskontrolle. Dann darf man ein Drehkreuz passieren und muss sich in die Schlange vor dem Dealer-Tresen einreihen. Denn in Rotterdam muss man vor jedem Coffeeshop-Besuch mit Sitzgelegenheit etwas in dem Shop erwerben. Das ist anders als in Amsterdam, wo es meistens ausreicht, ein Getränk zu konsumieren, ohne THC-haltiges zu erwerben. Nachdem man das Gewünschte im „4 Floor“ erworben hat, begibt man sich über eine steile Stahltreppe nach oben, wo der Raucherraum ist. Warum der Laden übersetzt der vierte Stock heißt, erschließt sich nicht, gibt es doch nur das Erdgeschoss und das 1. Stockwerk. Der Chef sorgt dafür, dass ich einen Platz am Fenster erhalte. Obwohl alle Fenster geöffnet sind, füllen Rauchschwaden den Laden. Die Stimmung ist freundlich, was nicht zuletzt an der netten, hellen Einrichtung und den hohen Fenstern liegt. Ich halte es beinahe für ausgeschlossen, dass hier jemand eine Panik-Attacke bekommt, wie sie in Amsterdam häufig zu beobachten sind, da die Shops dort dunkel und mit wenig Tageslicht versehen sind. Die Aussicht auf die Grachten, die gegenüberliegende Kirche und die feiernden Menschen auf der Straße ist angenehm. Es läuft moderne Elektro-Musik in dezenter Lautstärke. Nachdem ich die Empfehlung des Chefs probiert habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Was im Gegensatz zu Amsterdam fehlt, ist ein Getränkeservice. Was die Rotterdamer Shops bereitstellen, sind Getränkeautomaten. So gibt es Softdrinks-Maschinen für diejenigen, die eine Limonade bevorzugen. Und dann sind Kaffeeautomaten da. Beides ist, verglichen mit Amsterdam, deutlich günstiger, dafür kann der Automatenkaffee keinesfalls mit der ausgezeichneten Kaffee-Qualität der Amsterdamer Coffeeshops mithalten. Andere Städte, andere Sitten.

 

Beim „Coffeeshop Pluto“ im „Nieuwe Binnenweg 54“ läuft es anders als gedacht. Zwar nimmt der Türsteher freundlich meine Visitenkarte und leitet diese an seinen Chef, der hinter dem Verkaufstresen sitzt, weiter. Aber dieses Mal gibt es kein „Hallo“ und „Herzlich Willkommen“. Der Koloss hinter dem Tresen schüttelt energisch den Kopf. „Wir haben es nicht mit der Presse“, erklärt er mir.

„Du kannst dir was kaufen und dich im Laden umschauen. Keine Fotos und keine Interviews“, lautet sein letztes Angebot. Also kaufe ich mir eine vorgerollte Gras-Tüte. „Enjoy it“, gibt der Chef mir noch auf den Weg mit. Hier herrscht eine andere Atmosphäre als im „The 4 Floor“. Was mir auffällt, ist, dass es kaum Touristen gibt. Fast nur Einheimische. Das „Pluto“ changiert zwischen Dunkel und Silber, was eine einladende Atmosphäre verleiht. Hier finden sich Silbertische und gemütliche Sitzecken und Sofas. Das gibt dem „Pluto“ einen Gemütlichkeitsbonus, allerdings fehlt die Aussicht, denn erstens ist das Fenster dunkel, zweitens liegt das „Pluto“ ebenerdig. Ich setze mich zu einem Surinamesen. Die Konversation ergibt sich entspannt. Er erzählt, dass er nächstes Jahr sechzig wird und nur biologisches Gras raucht, da er keine Düngemittel mit inhalieren möchte. Als ich einwende, dass das Zeug schwächer ist, winkt er ab und meint, das würde zum Alter passen. Wir plaudern und verlassen uns als Freunde. Ich habe beschlossen, dass ich einen Absacker benötige.

 

Zufällig weiß ich noch, wo es in Rotterdam die potentesten Spacecakes gibt. Mein Weg führt mich an der neuen Markthalle vorbei, die ein architektonisches und künstlerisches Meisterwerk ist. Ebenso sind die dort zu erwerbenden Köstlichkeiten unbeschreiblich gut.

 

Der Coffeeshop „Trefpunt“ liegt in der Nähe der Markthalle, am Botersloot 7. Auch hier fehlt von außen einladender Charme. Wieder muss man das Sicherheitskreuz passieren. Ein Schild weist die Gäste darauf hin, dass man seinen Ausweis griffbereit, sich für die Ware entschieden und das Geld abgezählt haben sollte. Hinter dem Sicherheitskreuz befindet sich eine Panzerglasscheibe. Hinter dieser hockt der Dealer und er hält jedem Kunden drei Beutelchen seiner Wahl an die Glasscheibe, sodass dieser sich das am besten aussehende aussuchen kann. Ich kaufe mir 2 Spacecakes und muss 9 € berappen. Nachdem ich meine Beute gesichert habe, betrete ich den schmucklosen Raum. Wieder sind keine Touristen da. „In jedem Spacecake ist mindestens ein Gramm gemischtes Gras enthalten“, hatte der Dealer mir versichert. Damit ist ein Spacecake in Rotterdam deutlich günstiger als in Amsterdam und potenter. Die Spacecakes des „Trefpunt“ sind keine Meisterleistung. Ein lieblos in Alufolie gepacktes, trockenes Stück Vanille- und Schoko-Rührkuchen. Da hilft eine kalte Cola aus dem Automaten. Ich taxiere die Länge des Heimwegs und entscheide mich, anderthalb Stück zu essen und den Rest als Betthupferl aufzuheben.

 

Nach einer erholsamen Nacht mit etwas trockenem Mundgefühl mache ich mich am nächsten Morgen zur nächsten Runde auf. Denn das „Mon Camarade“ steht auf meiner Liste. Also ziehe ich durch Rotterdams Chinatown. In der Saint Anny Bakery holen mich verspätete Munchies ein und ich kaufe mir abgefahrenes Zeug, das es in Deutschland nicht gibt. Brötchen mit gefüllter Schweinefleischsoße und Riceballs, die mit Pudding gefüllt sind. Mit derartigem verrückten Scheiß gestärkt mache ich mich weiter auf den Weg. Zugegeben, Chinatown Rotterdam ist ein heikles Pflaster. Ethnien aus aller Herren Länder treffen aufeinander und exotische Waren werden feilgeboten. Hier gibt es harte Drogen zu kaufen, wie die Pusher belegen. Als ausländisches Weißbrot sollte man sich hier schon ein wenig in Acht nehmen und Obacht geben, mit wem man Geschäfte macht, wenn man nicht böse über den Tisch gezogen werden möchte. Das „Mon Camarade“ hat eine Fassade, die für das Viertel vorbildlich ist und sieht gepflegt aus. Hier sorgen meine Presse-Akkreditierung und mein interessiertes Wesen für Begeisterungsstürme. Im Shop arbeiten Marokkaner und Tunesier. Allesamt super nett und freundlich. Ich werde hinter den Dealer-Tresen zur Ware beordert. Das ist eine besondere Ehre. Voller Stolz zeigt der Inhaber mir seine Schätze: Haze, Skunk, Hawaiian, Haze … Und das Hasch-Sortiment ist vom Allerfeinsten. Viele Produkte aus dem Rif-Gebirge, von erlesener Qualität. Aber auch öliges Haschisch aus Nepal, aus Indien, aus Pakistan und sogar eine Tupper-Box mit Rotem Libanese findet sich. „Es gelingt uns leider nicht immer, alle Sorten gleichermaßen zu besorgen“, versichert mir der Inhaber. „Aber wir geben unser Bestes, all unseren Kunden möglichst alle Wünsche zu erfüllen. Und vor allem setzen wir auf faire Preise. “Die Stimmung im Laden ist gut. Das spürt man. Positive Vibes, ein guter Flow. Auch wenn es „nur“ wieder ein Takeaway-Laden ist, herrscht beim Personal und bei der Kundschaft beste Laune. „Wie ist die Situation von eurem Laden?“, will ich vom Boss wissen, um die Informationen zu verifizieren oder falsifizieren, die ich am Tag vorher im Coffeeshop „T Centrum“ erhalten habe. „Seid ihr auch jeden Tag von der Schließung bedroht?

 

“Der Inhaber schüttelt den Kopf. „Nein, kein Problem, mon Camarade“, antwortet er und ich bin mir nicht sicher, ob er einen Kalauer zum Besten gibt oder ob er die Corporate Identity derart verinnerlicht hat, dass er sie bei jedem halbwegs sympathischen Typen zum Besten gibt. „Das ist einfach“, erklärt er dann. „Wenn du dich an die Regeln des Bürgermeisters und der Stadtverwaltung hältst, dann bekommst du auch keine Probleme. Nur wenn du ausscherst und glaubst dein eigenes Ding machen zu können, dann machen sie dir Ärger – im schlimmsten Fall schließen sie dich. “Das ist eine ganz andere Aussage, als sich sie am Tag zuvor im „T Centrum“ erhalten habe. Nach einigen Tüten trete ich gut gelaunt meinen weiteren Weg an.

Als letzte Station meines Trips möchte das das „Bellamy“ in derselben Straße wie das „Mon Camarade“ ansteuern, muss dann feststellen, dass diese Sommerferien haben.

 

Nun gut, auch Coffeeshop-Besitzer und ihre Angestellten benötigen hin und wieder Urlaub. Dann mache ich mich weiter auf zum Take-Away-Shop „Nemo“, der genauso wie das „Pluto“ im Nieuwe Binnenweg beheimatet ist. Auch hier empfängt man mich freundlich. Die Vitrinen sind mit Pfeifen und anderen Räucherutensilien vollgestopft. Ich erwerbe ein Gramm Amnezia Haze und auch hier stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Sehr korrekte Ware für einen sehr korrekten Preis.

 

Das führt mich zum Fazit meines Rotterdam-Besuchs. Die Coffeeshop-Scene ist hier völlig anders als die in Amsterdam oder in vielen anderen niederländischen Städten. Das liegt daran, dass hier die Mehrzahl der Coffeeshops nur Verkaufsstellen für Gras und Hasch sind. Im Vergleich zu Amsterdam sind dafür aber die Preise und die Qualität deutlich besser. Was meistens fehlt, ist eine chillige Coffeeshop-Atmosphäre, in der man sich in Ruhe niederlassen kann, um gemütlich einen durchzuziehen und ein gutes Getränk von der Bar zu genießen. Aber beispielsweise mit dem „4 Floor“ und „Pluto“ sind auch diese Lücken in Rotterdam bestens gefüllt. Und last but not least ist Rotterdam eine Reise wert. Selbstverständlich liebe ich die heimelige Amsterdamer Atmosphäre mit den kleinen, historischen Pakhuises und den schmalen Treppenaufgängen. Rotterdam ist das genaue Gegenteil. Moderne pur, weitläufig, mit einem mehr als modernen Bauhaus-Stil. Die Stadt ist ein einziges architektonisches Museum. Und die vielen Freiluft-Locations, an denen man ungestört einen durchziehen kann, besitzen ihre Vorteile. Und deshalb sei am Ende das Fazit dieses Trips festgehalten: Die Coffeeshop-Scene in Rotterdam ist anders als die in Amsterdam, aber diese Stadt sollte man zumindest einmal in seiner Kiffer-Karriere besucht haben. Denn auch sie ist mindestens eine Reise wert.

 

Christian Rausch

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