Samstag, 24. Februar 2018

Halt dich an meiner Liebe fest – Rio Reiser

Buchtipp

 

Macht kaputt, was euch kaputt macht

 

 

Ein sehr persönliches Buch über Rio Reiser: Ton , Steine, Scherben oder warum ein Rebell noch keine Revolution macht, aber ein Joint manchmal Not tut
Heute gibt es wohl nur noch wenige eingefleischte Fans der Band „Ton, Steine, Scherben“ und ihres charismatischen Leadsängers Rio Reiser. Dabei hat der Bandname bereits jede Menge Zündstoff, denn er ist wortwörtlich gemeint und zugleich Programm, denn zuerst gibt es ein Produkt das im kapitalistischen System hergestellt wird (Ton), dieses wird zerstört (Stein) und was bleibt, sind Scherben. Doch wer vollmundige Revolutionstiraden in Gert Möbius‘ im Aufbau Verlag erschienenem Buch „Halt dich an meiner Liebe fest – Rio Reiser“ erwartet, der wird enttäuscht. Denn der Bruder des sagenumwobenen Sängers gibt einen eher intimen, familiären Einblick in das Leben Reisers.

 

Was erwartet den geneigten Leser konkret? In dem sehr persönlich gehaltenen Buch beschreibt Gert Möbius das Leben seines Bruders, des großen Musikers und ausschweifenden Exzentrikers Rio Reiser. Dabei werden eine überraschende Persönlichkeit mit all ihren Brüchen und Verzweiflungen und zugleich ein Panorama deutscher Musik- und Politikgeschichte sichtbar, wobei die letzte Komponente durchaus stark ausbaufähig wäre. Aber die Persönlichkeit und Familiarität hat einen Vorzug, denn nie zuvor konnte man Rio Reiser so „hautnah“ erleben. „Hal dich an meiner Liebe fest – Rio Reiser“ enthält neben zahlreichen persönlichen Dokumenten, aus denen Gert Möbius erstmals zitiert, auch diverse Auszüge eines Tagebuches, das Rio Reiser in den Jahren 1972 bis 1974 führte. Arrondiert wird das Ganze durch zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos, die Gert Möbius wohl irgendwelchen Familienalben entnommen zu haben scheint.

 

Aber es geht natürlich auch um Musik und deren politischen Gehalt: Mit den sehr bekannten Anarchohymnen »Keine Macht für Niemand« und »Macht kaputt, was euch kaputt macht« wurde die Band „Ton Steine Scherben“ quasi zum Sprachrohr der linken, deutschen Szene. In dieser sammelten sich zu jener Zeit vor allem Alternative, Hausbesetzer und Wehrdienstverweigerer und probierten neue Daseinskonzepte jenseits alles Bürgerlichen und Etablierten aus. Möbius schildert in dem Buch zudem anhand von persönlichen Aufzeichnungen und Tagebüchern Rio Reisers die wilden Jahre, in denen die Welt auf den Kopf und wieder zurückgestellt wurde. Der Bruder des bekannten Künstlers zeigt aber auch die sensible und verletzliche Seite des Künstlers. Denn Rio Reiser litt an der Liebe und deren Vergehen und stürzte sich in immer neue erotische Abenteuer, deren Scheitern wir seine schönsten Liebeslieder verdanken. Dabei verdient die Anekdote besonderes Gewicht, in der Rio seinem Bruder gesteht, dass er homosexuell ist. Und Möbius hat es anscheinend toll gefunden, dass er einen schwulen Bruder hat. Nach der „Beichte“ fühlen sich beide erleichtert und besser. Obwohl der politische Gehalt der biografischen Erzählung leider etwas zu gering ausfällt, wird doch en Passant jede Menge über das Kiffen geredet. Denn sowohl Rio als auch sein Bruder haben gerne einen durchgezogen. Auch von anderen Drogen ist die Rede, jedoch scheint die Liebe zu Hasch und Gras bei den Beiden durchaus überwogen zu haben.

 

Insofern ist „Halt dich an meiner Liebe fest“ ein wichtiges Dokument, das die Familiengeschichte des Anarcho-Barden Rio Reiser akribisch durchleuchtet und mit vielen persönlichen Schmankerln würzt. Die Bandgeschichte, das Sozialkritische und das Rebellische kommen allerdings etwas zu kurz. Deshalb an dieser Stelle noch kurz für alle später Geborenen: „Ton, Steine, Scherben“ war eine der einflussreichsten deutschen Rockgruppen der 1970er und 1980er Jahre, die sich durch vehemente, sozialkritische und deutsche Texte auszeichnete. Die Songs waren ausdrucksvoll, emotional und politisch. Lange Zeit galten die Scherben als die Band der deutschen Hausbesetzerszene. Und eins lässt sich Möbius nicht nehmen, nämlich zu schildern, wie die Band ihre Managerin Claudia Roth quasi zu der Partei der „Grünen“ abschob, damit diese nicht weiter versuchte, sie für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Roth machte eine tolle Karriere ihrer Partei und die Scherben konnten sich treu bleiben. Vermutlich gut so für beide Seiten. „Halt dich an meiner Liebe fest“ ist sozusagen ein Rio-Reiser-Buch für Fortgeschrittene, das einerseits tiefgehende Einblicke in das Lebend des Rockstars ermöglicht und zugleich ein Stück der Sozialgeschichte Deutschlands erzählt. Kann man lesen, muss man aber nicht unbedingt. Dafür fehlen sowohl die Klasse als auch der analytische Tiefenblick. Dafür geht es intim zu. Und vielleicht ist es genau das, was Reisers Fans heute brauchen.

 

Christian Rausch

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