Samstag, 6. Januar 2018

Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

 

Sadhu van Hemp

 

 

Vor einem Jahr verabschiedete der Deutsche Bundestag einstimmig den Gesetzesentwurf der Bundesregierung, die Versorgung schwerkranker Menschen mit Cannabis und die Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen zu ermöglichen. Am 9. März 2017 war es dann soweit: Wer Anspruch auf ein Cannabis-Rezept hat, kann sich seitdem ohne Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in der Apotheke mit Medizinalhanfblüten versorgen. Der Deutsche Handverband (DHV) sprach seinerzeit von einem Meilenstein. Doch der entpuppte sich zunächst für viele Cannabispatienten als Stolperstein.

 

Der Wegfall der Ausnahmegenehmigung benachteiligte viele anerkannte Cannabispatienten, die plötzlich auf Grund der geänderten Gesetzeslage vor dem Problem standen, sich erneut mit den Krankenkassen wegen der Kostenerstattung herumschlagen zu müssen. Auch ist seither der Weg abgeschnitten, sich vom BfArM eine befristete Lizenz zum Eigenbau ausstellen zu lassen. Kritiker sprachen daher von einem „Cannabisanbauverhinderungsgesetz“. Nicht minder fragwürdig mutet es an, dass die Versorgung der Patienten mit den jeweils gewünschten Sorten an Medizinalhanfblüten nicht gewährleistet ist, da noch immer Lieferengpässe bestehen. Wie man es auch dreht und wendet, mit der Umsetzung der Gesetzesänderung hakt es an allen Ecken und Enden.

 

Ärgerlich ist auch, dass der erleichterte Erwerb von Cannabisblüten nicht allen gleich möglich ist. Ohne einen Arzt, der die Therapie mit Medizinalhanf unterstützt, oder eine Krankenkasse, die das Rezept für die nicht gerade billigen Hanfblüten bezahlt, stehen viele Patienten im Regen. Auf der Sonnenseite befinden sich hingegen die, die medizinisch erste Klasse fahren und das Apothekengras aus der Portokasse zahlen. Ob das im Sinne des Erfinders ist? Es ist fast schon anzunehmen in einer Welt, in der das liebe Geld regiert.

 

Es bleibt also noch viel zu tun, um die Missstände und Ungerechtigkeiten in der Versorgung der Cannabispatienten mit Hanfblüten zu beseitigen. Insbesondere das Hanfanbauverbot für Patienten gilt es aus der Welt zu schaffen. Wer sein eigenes Heilkraut züchtet, hat die freie Wahl und muss sich nicht den Regeln der Gesundheitsindustrie unterwerfen, deren simples Geschäftsmodell es ist, auf dem Rücken kranker Menschen Gewinne zu erwirtschaften. Zumal die Krankenkassen nichts unversucht lassen, die Versicherten auf den Kosten für das Apothekengras sitzen zu lassen.

 

Die Hanfcommunity muss endlich aufwachen und fest zusammenstehen. Die Cannabispatienten brauchen die volle Unterstützung aller Hanffreunde, denn sie sind die Vorhut im Kampf gegen die Prohibition. Ohne das Durchhaltevermögen der vom Hanfverbot am härtesten Getroffenen gäbe es kein Umdenken in der Gesellschaft.

Der Zeitpunkt für eine breit anlegte Offensive könnte nicht günstiger sein. Das Hanfverbot wackelt mehr denn je, auch dank der geänderten Gesetzeslage für die Anwendung von Medizinalhanf zu Therapiezwecken. Die verbotene Pflanze rückt immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit, und mit jedem Tag wächst der Zweifel an der Cannabisprohibition. Selbst die schlichtesten Gemüter müssen feststellen, dass in Sachen Cannabis irgendeiner nicht die Wahrheit spricht. Einerseits soll der Hanf laut der Bundesdrogenbeauftragten eine gefährliche Einstiegsdroge sein, die die Gesundheit zerstört, anderseits sprechen Mediziner dem Kraut lindernde und heilende Wirkung zu. Wer hat Recht?

 

Diese Frage den unaufgeklärten Menschen zu beantworten, ist auch Aufgabe der Hanffreunde. In ihrer Macht steht es, als „critical mass“ aufzutreten und der Bevölkerung vor Augen zu führen, dass das Hanfverbot nicht länger erwünscht ist.

9 Antworten auf „Wenn nicht jetzt, wann dann?

  1. Lotus

    Ich bin Nervenstoffwechselpatient,
    und wurde leider bisher abgelehnt und eher belächelt,
    als ich meine Ärztin auf Cannabis als Medizin ansprach,
    selbst nach einer deutlich gewonnenen Diskussion,wies sie mich einfach ab ,
    sie hatte zwar keine Argumente,aber teilte mir mit ,das sie es eben anders sehen würde
    und nur im Falle einer MS z.B. zum Einsatz kommen würde…
    Dr Franjo Grothenherme ist der einzige Bekannte Arzt ,der mir einfällt der Cannabis als Medizin verschreibt,
    der ist aber ein Privat Arzt und Terminlich völlig ausgelastet.
    Also auf gut Deutsch mir bringt das Gesetz Cannabis als Medizin rein garnichts,
    weil es keinen direkten Wege gibt,bzw. der breiten Masse der Zugang verwährt wird.
    Ich bitte euch… von ca (offiziel) 4 Millionen Cannabis Konsumenten in Deutschland,
    haben es nur so wenige geschafft,den Patientenstatus zu ereichen… Wow 🙁

  2. André

    Ich bin sogar MS Patient. Und mir wurde die Kostenübernahme auch erst mal abgelehnt. Ich denke aber mein Neurologe hat sich den Antrag zu einfach gemacht. Ich wurde auf ein billigeres Medikament verwesen.
    Aber ich bin auch Ansprechpartner für Cannabis als Medizin in der Piratenpartei und werde notfalls vor Gericht klagen. Einspruch gegen den Bescheid habe ich bereits eingelegt. Meine Idee wäre es Fachanwälte in den großen Städten zu haben die sich mit der Materie auskennen und gegebenenfalls Fälle übernehmen würden. Wenn Klagen gehäuft auftreten ist das zwar noch keine Sammelklage aber so etwas ähnliches.

  3. Rainer Sikora

    Außer immer wiederkehrendem Auf und Ab beim Hoffnungspegel, hat sich seit Jahrzehnten nichts getan.

  4. Sigi

    @Rainer: Stimmt, davon habe ich auch so einige mitgemacht … Momper-Senat, Neskovic-Urteil, Kohl-Abwahl 1998 … Aus eigener Kraft schaffen es die Deutschen nicht. Nun aber kommt die Flower Power aus Nordamerika … und das ist mal eine ganz andere Hausnummer. Ich vermute mal, dass in zehn bis fünfzehn Jahren auch in Deutschland Schluss ist mit dem Verbot. Vorausgesetzt bis dahin gibt es keinen Weltkrieg.

  5. Papa

    Ich bin mal gespannt wie es bei mir abläuft. Mein Arzt und der Schmerztherapeut haben nun die Kostenübernahme an meine Krankenkasse geschickt. Ich soll nächste Woche bei der Kasse mal anfragen wie es aussieht. Mal abwarten.

  6. COSMO

    Beglückwünsche alle, die einen Arzt haben, welcher sie unterstützt. Ich als Schmerzpatient habe leider keinen Gefunden und meine Ärztin lehnt Cannabis ab. Da hilft keine Diskussion, die halten sich für schlauer und gebildeter, selbstreflektion fehlanzeigen. Da ja die Argumente auf unserer Seite liegen, heißt es dann eben:“Ich bin nicht überzeugt“ oder „Da gibt es nur komische Studien aus Übersee“…

  7. Lotus

    Es is doch vielleicht mal an der Zeit die frage zu stellen,
    bei welchem anderen Medikament auf dem Markt,man so ein Bittsteller sein muß
    und dann noch abgewiesen werden kann.
    Das ist eine Schande und unmenschlich,
    zu behaupten man wäre sich nicht ganz sicher ob Cannabis als Medizin geeignet ist,
    ist auch keine vernünftige Antwort aus Ärztlicher Sicht,
    die Antwort die ich als sinnvoll ansehen würde wäre,bei einem Zweifel des Arztes,
    das er den Versuch startet ob es dem Patienten der darum bittet hilft oder eben nicht,
    wenn nicht glaube ich nicht das sich jemand freiwillig selber quälen würde bzw. etwas einnehmen würde was einem eh schon erkrankten leidenden Menschen nicht hilft oder nochmehr Schadet.
    Ich sehe das Gesetz für Cannabis als Medizin in weiten Teilen gescheitert,solange der Zugang für Patienten nicht enorm vereinfacht wird…
    und wenn sich Ärzte und Pharma Lobby zu fein sind,um Cannabis als Medizin zu verschreiben,müßen eben andere Alternativen möglich gemacht werden wie zB. ein Cannabis Sozial Club etc.

  8. Fred

    Ja, mal wieder handwerkliche Fehler dieser Bundesregierung. Da ergeht in Köln ein Urteil, das einem Cannabispatienten den Selbstanbau erlaubt, und ratzfatz schmeißt man das schon fertige Cannabis Medizingesetz auf den Markt. Ich will keinem Arzt oder gar einer Krankenkasse die Stange halten…. aber das man von einem Tag auf den anderen mit einem neuen Medikament, das gestern noch eine höllische Droge war, verantwortlich umgehen soll, und das der eine oder andere Arzt damit Probleme hat, kann ich nachvollziehen. Ein Stückweit zumindest.
    ( Denn wäre es eine IGEL Leistung die sich privat und damit gut bezahlt abrechnen liese, hätte man sehr schnell Fachwissen )

    Aber letztlich hat das ganze mal wieder unsere ach so beliebte Regierung verbockt. Ein derartiger Richtungswechsel muß einfach vorbereitet werden. Lange vor dem Inkrafttreten des Gesetzes hätte es Gespräche mit der Ärzteschaft und dem Krankenkassenverband geben müssen !
    Die die es verordnen und die die es bezahlen hätten genügend Zeit, sich mit der Materie zu beschäftigen. Und die Probleme von heute wären wahrscheinlich so nicht aufgetreten.

    Und da zählt auch nicht, das man „das mit dem Rauschgift “ eigentlich ja gar nicht will. Wer ein Gesetz zur legalen Verordnung von Cannabis an Kranke auf den Markt wirft, der hat dafür Sorge zu tragen, das dieses Gesetz auch umzusetzt wird. Bzw umgesetzt werden kann. Ansonsten hat der Gesetzgeber versagt.

    Und das diese Spezialisten nun schon wieder am grünen Tisch sitzen, und erneut über eine Regierungszeit sondieren…. Leute, da wird mir Angst und Bange. Nicht unbedingt wegen Cannabis, das wird kommen.Und zwar für alle . Es sind eher die großen Herausforderungen vor denen wir alle stehen. Die Digitalisierung und die Anpassung der Sozialsysteme z.b. Da wartet man auch „bis sie kommt „, und hat überhaupt nicht mitbekommen das dieser Prozess schon lange im Gange ist.

    @SvH
    Recht hast du. Wir werden alle zusammenhalten müssen. Und sehr laut schreien, um das ganze zu beschleunigen und am Kochen zu halten !

  9. Ralf

    Wer sind den bitteschön ALLE! Ich und alle die Verbrecher die illegal mit diesem Zeug hantiert haben und erwischt worden sind, sind ja wohl dabei außen vor, denn wir sollen doch, auch wenn wir immer recht gehabt haben, als kriminelle Mafiosi abgestempelt bleiben, die kriminellen Abstempler und Existenzvernichter aber werden hoffiert und sollen eine fette Pension kriegen. So ziemlich das schlimmste, noch lange vor dem Leiden durch die meisten Krankheiten kommt das Leiden und die Traumatisierung durch den Freiheitsentzug. Das kann allerdings keiner auch nur annähernd nachempfinden, der nicht selbst schon eingesperrt war wie ein Tier. Ich habe hier im Süden dieses Jahr unheimlich viele Leute getroffen, die das Leben in Dummland mittlerweile unerträglich finden, einige und noch nie waren es so viele, die ihre Zelte für immer abgebrochen haben. Alle mit denen ich gesprochen habe, sehen das ähnlich, diejenigen die auch nur Tage im Kiffer KZ gsessen haben sowieso. Deswegen, wer Solidarität einfordert soll erst einmal welche mit den am schlimmsten getroffenen Opfern zeigen. Sie weiter tot zu schweigen, wird euch deren Solidarität mit Sicherheit nicht bringen.

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