Montag, 23. Oktober 2017

Rache statt Recht: Der Umgang mit Cannabis-Patienten

 

von Dr. med. Franjo Grotenhermen

 

Warum straft der Staat? Als Vergeltung für die Opfer? Um die Gesellschaft zu schützen? Um den Straftäter an weiteren Straftaten zu hindern? Um seine Resozialisierung zu fördern? Alle diese Fragen stehen im Zentrum des Strafrechts.

Wenn es aber um Cannabis als Medizin geht, machen alle diese Gründe keinen Sinn. Es gibt im Gegensatz zum Einbrecher und Gewalttäter kein Opfer, für das der Staat Vergeltung organisiert. Der Straftäter benötigt auch weiterhin Cannabis, und er wird daher weiterhin Straftaten begehen. Die Krankheit ist ja nicht verschwunden. Vor die Resozialisierung hat die Psychologie die Einsicht in die Schändlichkeit der Straftat gesetzt. Menschen, denen Cannabis hilft, ihre Leiden zu lindern, sehen aber keineswegs ein, dass sie unrecht gehandelt haben. Im Gegenteil.

 

Patienten, deren Angehörige, deren Umfeld und viele andere, die davon erfahren, sind über das Vorgehen der Exekutive, der Judikative und der Legislative in dieser Frage empört. Zu Recht.

Das Betäubungsmittelgesetz wurde geschaffen, um die Gesellschaft zu schützen. Es sollte die Bürger vor den Gefahren von Drogen schützen. Es wurde nicht gemacht, um kranke Menschen zu schädigen. Mit dem fachlichen Wissen von heute können die Bürger erkennen, dass das Betäubungsmittelgesetz seine Legitimation verloren hat, wenn es um die medizinische Verwendung von Cannabis geht. Es macht aus unbescholtenen Bürgern Straftäter. Es schadet der Gesellschaft.

 

Dass Menschen, die von der medizinischen Verwendung von Cannabis profitieren, nicht bestraft werden sollen, ist heute in unserer Gesellschaft Konsens. Die Durchsetzung des Betäubungsmittelgesetzes, also des geltenden Rechts in Deutschland führt dazu, dass kranke Menschen geschädigt werden. Wenn es aber Unrecht ist, kranke Menschen mithilfe des Betäubungsmittelgesetzes zu quälen, wie kann es dann weiter Recht oder rechtmäßig sein?

 

Es gibt viele Patienten, die erlebt haben, wie Polizisten, Mitarbeiter von Führerscheinstellen, Staatsanwälte und Richter ihre Macht und Deutungshoheit gegen ihre eigene Gesundheit verwendet haben.

In der Wochenzeitschrift Die Zeit vom 15. März 2016 war zu lesen: „Rache gilt in der zivilisierten Gesellschaft als archaisch und verachtenswert. Für sich selbst reklamiert sie aber fast jeder als Ausdruck seiner menschlichen Natur. Wie passt das zusammen?“

Auf der Basis des Betäubungsmittelgesetzes ist es möglich, dass sich mit Macht ausgestattete Personen, sei es als Beamter, als Mitarbeiter einer Behörde oder anderen Institution oder als medizinischer Gutachter in einem Strafverfahren, seine Missbilligung gegenüber Cannabis konsumierenden Personen auszudrücken. Die Rechtslage macht es möglich, Rache als rechtmäßiges Vorgehen zu legitimieren, ja sogar als unvermeidlich und notwendig darzustellen. Die eigene Rache kann als Aufrechterhaltung der Ordnung legitimiert werden.

 

Der französische Philosoph Michel Foucault hat sich mit der Geschichte des Strafrechts auseinander gesetzt und dabei die fortschreitende Humanisierung beschrieben, also wie die Strafen im Laufe der Jahrhunderte milder wurden, angefangen von den schlimmsten Folterungen bis hin zu modernen Strafvollzug. Die Zukunft der Entwicklung zu Cannabis als Medizin ist absehbar. Worauf warten wir also? Es ist an der Zeit, das Gesetz dahingehend zu verändern, dass Recht geschieht und Rache nicht mehr möglich ist.

In einem Artikel der Zeit heißt es zu diesem Thema: „Schon immer hat es daher Bemühungen gegeben, die Rache einzuschränken, um ihre gemeinschaftsschädliche Wirkung zu verhindern oder zu verringern.“

Solange das Betäubungsmittelgesetz nicht klarmacht, dass Patienten, die Cannabis nach Auffassung eines Arztes aus medizinischen Gründen benötigen, nicht strafrechtlich verfolgt werden dürfen, solange ist das Betäubungsmittelgesetz gemeinschaftsschädlich. Es nützt der Gesellschaft nicht. Ganz im Gegenteil. Es untergräbt die Glaubwürdigkeit des Rechts in Deutschland. Es untergräbt die Glaubwürdigkeit des Gesetzgebers, also von Bundestag und Bundesrat. Es untergräbt ihren Anspruch, im Namen des Deutschen Volkes zu handeln und das Zusammenleben gerecht zu regeln.

 

Demokratie ist nichts Fertiges. Demokratie muss immer wieder durchgesetzt werden, neu definiert werden. Das Recht muss sich fortentwickeln, und diese Entwicklung bedarf Anstrengung und Auseinandersetzung.

Beenden wir in dieser Legislaturperiode des Bundestags die Kriminalisierung von Menschen, die Cannabis als Medizin benötigen!

Recht statt Rache!

 

14 Antworten auf „Rache statt Recht: Der Umgang mit Cannabis-Patienten

  1. Leo

    Da Cannabis im Gegensatz zu „Chemotherapien“ fast keinerlei Nebenwirkungen zeigt und es jedem Laien bekannt sein dürfte wie ungesund und unbekömmlich konservative Krebstherapien sind ( was in der „Natur“ der Sache liegt) so liegt der Gedanke nahe, über den Einsatz von Cannabis Blüten in der Krebstherapie ernsthaft nach zu denken.
    Daher ist Cannabis in der Krebstherapie, speziell auch bei Kindern eine venünftige Vorgehensweise.
    Durch die dümmlichen Versuche der Alkohol und Medikamenten Lobby werden mit Unwarheiten weiter Menschen fehlgeleitet und gegeneinander aufgehetz!
    So werden veranwortungsbewusste fürsorgliche Elternm wenn Sie laut über Cannabis als Medizin nach denken als Vebrecher, Asoziale oder geistiv verwirrte abgestempelt und maximal geächtet und bestraft!
    Politik und Medien jammern über Fake News und sind selber des Übels Wurzel!
    Darauf einen Schnapps!
    Prost!

  2. Faktenchecker

    Absolut Flach für einen Arzt – Sachlichkeit findet man keine, nur profane Unterstellungen ohne Belege.

    Aber dafür viel Pathos…
    Vom Doc zum Guru welch ein Wandel!

  3. Axel Junker

    @Faktenchecker

    Bevor man anderen Menschen „Flachheit“ unterstellt, immer schön die automatische
    Rechtschreibungsprüfung aktivieren.
    Sonst wird`s selbst für Faktenchecker „unterflach“.

  4. Fred

    @faktenchecker

    Ob mit oder ohne Belege…. ich könnte dir zwei Storys aus meinem Leben erzählen, die durchaus zum Artikel passen. Hatte nichts mit Drogen zu tun, aber auch in anderen Bereichen biegt man sich das Recht so wie man es braucht. Ich bin in beiden Fällen vor Gericht gezogen, beide Angelegenheiten waren in Minuten erledigt. Zu meinen Gunsten. Und in beiden Fällen kann ich mich noch an die Richter erinnern, die vor lauter Kopfschütteln Kopfschmerzen hatten.
    Beim nächsten Mal werde ich nicht nur vor Gericht ziehen, sondern diesen Sachbearbeitern juristisch noch einen mitgeben. Und das kann ich auch jedem Cannabispatienten raten.

  5. U-G

    Hunger erst einmal 2 Wochen wie Herr Doc. Med. Grotenhermen…

    @Faktenchecker und Zweifler… Guckst du hier, falls du Ami kannst…und wie Dolmetscht, Schlussfolgerst du danach…?

  6. Easy

    @ Faktenchecker: Jeder sollte natürlich seine eigene Meinung äußern dürfen – wir sind ja in Deutschland. Aber „Wissen“ kann man Dir mit diesen Aussagen leider nicht unterstellen.
    Du schreibst u.a.: „flach“ und „profane Unterstellungen“; womit belegst DU das?!?… Das klingt nach Unterstellung – oder Unwissenheit… (bitte einmal „profan“ nachschlagen…).

    Ein FACHarzt für Neurologie und Psychiatrie, mit elegantem, beeindruckendem Sitz an der Hamburger Alster, diagnostizierte einem Patienten „Depressionen im schweren Stadium“. Als dieser einen Termin nicht persönlich wahrnehmen konnte (Fahrtzeit ca. 2,5 Stunden x 2), erhielt er die „fachkundige“ (PROFANE!) Aussage (= schallende Ohrfeige!) des Arztes: „Ich halte Sie gar nicht für so krank. Sie haben doch zwei gesunde Beine“ ! ! ! (wörtlich!)

    Amüsierst Du Dich mit Freunden bei einem leckeren Drink? Ein Glas Wein zum Abendessen (weil es – nachweislich… – gut für die GESUNDHEIT ist) ?
    Ich „brauche“ keinen Alkohol (bin ja keine Alkoholikerin… ;)), kein einziges Tröpfchen.
    Ich brauche kein „high“, um mit „Drogen“ „gut drauf“ zu sein.
    Wie lange ich ohne das MEDIKAMENT Cannabis noch überleben werde, kann ich jedoch nicht sagen.

    @ Karli:
    Mach ich.

    @ Fred:
    Werde mir einen Fachanwalt für Medizinrecht raussuchen und ebenfalls so handeln.

    Wie lange muss ich noch durchhalten?!
    Aber, ich hab’s ja schon ein paar Jahre geschafft, in der kein einziges Medikament uvm. half – aber, hey: Immerhin springe ich nicht als „Junkie“ in die Kiste…

    Und nach 10 Jahren (ich bin mir sogar sicher, erheblich weniger, wenn das Ganze erstmal durch ist), wird man diese ganze „Aktion“ überhaupt nicht mehr nachvollziehen können.
    „Kinder, stellt Euch vor: Damals, da durfte man Tabak rauchen. Ne, ne: Einfach so. Nein, hatte natürlich überhaupt keinen gesundheitlichen Effekt. Gift pur. Und, stellt Euch vor: Alkohol trinken, SOVIEL man wollte – bis man mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus lag oder zur Ausnüchterung in einer Zelle landete. Aber, und jetzt kommt „der Hammer“: Cannabis war verboten! Doch, im Ernst!“ . . .

  7. Tobi

    @fred

    Wie wollen sie denn einen Sachbearbeiter nach geltendem Recht haftbar machen? Der wird bestimmt abgesichert sein in seinem Handeln, sonst würds des schon geben!

  8. Ralf

    „Mit dem fachlichen Wissen von heute können die Bürger erkennen, dass das Betäubungsmittelgesetz seine Legitimation verloren hat, wenn es um die medizinische Verwendung von Cannabis geht.“
    Ah, der Oberklasse Cannabisuser hat wieder für die besseren Cannabisuser gesprochen. Der andere Abschaum, der es nicht „medizinisch verwendet“ kann ja weiterhin schei..n gehen, der ist ja nur ein süchtiger Verbrecher der sich in der Vergangenheit um Recht und Gesetz, das ja immer nur „zeitgemäß“ (und nicht verbrecherisch) war nicht geschert hat. Ich entlarve euch durch eure Wortwahl und ekele mich davor. Was seid ihr nur für verlogene Schleimbeutel. Überall nur Heuchelei und wieder mal, vielen Dank für die Diskriminierung der Genußkiffer, die Mortler wird euer Hintertürchen zur Weiterdiskriminierung und Verfolgung zu würdigen wissen.

  9. Ralf

    Und noch etwas, eure verlogene Cannabis als Medizin-Kampagne behandelt alle möglichen Leiden, die posttraumatischen Belastungssyndrome durch Polizeimißhandlung und andre Auswirkungen der Kriminalisierung grenzt ihr aber systematisch aus. Das sagt für mich einfach alles . Ich nenne das Lügen durch Unterschlagen, mehr gibt es dazu nicht zu sagen!

  10. Ralf

    @U-G
    Tolles Video und ein braver Tommy Chong der die ganze regulierungs- und besteuerungs-Scheiße einfach nur ablehnt. Frei geben die Menschen einfach nur in Ruhe lassen das ist das was er genau wie ich unter Legalisierung versteht, alles andere führt nur wieder zu neuer verfolgungs-Scheiße und sorgt dafür daß die Bullen weiterhin ihren eigentlichen Job nicht tun müssen.

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