Sonntag, 22. Oktober 2017

Wenn Erben ins Verderben schleichen

 

Seine Meinung – Sadhu van Hemp

 

Bild: Archiv

 

Über zwanzig Jahre waren wir ein Paar, mein Mann und ich. Allzeit führten wir eine glückliche Liebesbeziehung– und das in wilder Ehe. Wir brauchten keinen Trauschein, um uns treue und fürsorgliche Partner zu sein. Und vielleicht war genau das die Basis für unsere Liebe – eine Liebe, die ganz ohne Eifersucht auskam und uns Frieden und viele schöne Stunden innigster Gemeinsamkeit geschenkt hat.

 

Begegnet sind wir uns 1996 auf der „Zappanale“ in der Klosterruine Althof bei Bad Doberan – oben an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Unvergessen ist der Nachmittag, als Ulli und seine beiden Freunde neben uns ihre Zelte aufzuschlagen versuchten, aber über das Aufklappen der Campingstühle nicht hinauskamen, weil sie etwas zu stoned waren. Wir, drei Mädels aus Teterow, hatten unsere helle Freude, den drei Berlinern dabei zuzugucken, wie sie einen Joint nach dem anderen rauchten und zwischendurch immer wieder am Zeltaufbau verzweifelten.

 

Es war Liebe auf den ersten Blick. Ulli war exakt mein Typ. Ich stand damals total auf Männer mit langen Haaren, die Zappamusik hören und statt zu saufen lieber Haschisch rauchen. Unvergessen ist der Moment, als es zwischen uns funkte. Auf der Bühne agierte eine Band aus den Niederlanden. Ein Vater mit seinen Kindern spielte gerade den Zappasong „Lucille Has Messed My Mind Up“, als wir uns tief in die Augen schauten und einander für immer verfielen. In dieser Augustnacht legten wir das Fundament für unsere Liebe, die 21 Jahre währte und voller Glück und Leidenschaft war.

 

Im Herbst letzten Jahres sollte dieses Glück ein jähes Ende nehmen. Ulli bekam die Diagnose Lungenkrebs. Nach der Operation hatten wir noch die Hoffnung, dass der Kelch an ihm vorüberziehen und er gesunden würde. Doch als die Nebenwirkungen der Strahlentherapie statt abzuklingen immer schlimmer wurden, war klar, der Krebs zehrte weiter. Das Frühjahr über quälte er sich mit stetem Kopfschmerz und andauernder Übelkeit. Er magerte immer mehr ab, und schließlich kam das Ergebnis, dass Ulli bereits im Endstadium seiner Krebserkrankung war und nur noch wenige Wochen zu leben hatte. Die Ärzte rieten mir, mich seelisch auf den Tod meines geliebten Mannes vorzubereiten.

 

An sich kann Sterbebegleitung ein ruhiges und friedvolles Abschiednehmen sein, wenn der Mensch, der dem Sterbenden am nächsten steht, alle Vollmachten hat und nicht von dem Wohlwollen selbsternannter Wohltäter abhängig ist. Mein Mann und ich hatten jedoch das Pech, dass plötzlich die bucklige Verwandtschaft auf der Matte stand, kaum dass sie über sieben Ecken erfahren hatte, dass da bald einer sterben wird, der zu beerben ist.

Ich werde den Tag nie vergessen, als Ullis große Schwester und ihr Mann im Krankenhaus auftauchten und sich meinem Ulli an den Hals warfen. „Jetzt bin ich bei dir und gehe nicht mehr weg“, flüsterte ihm das Schwesterchen ins Ohr und legte sich halb zu ihm ins Bett. Das war’s mit unserer Zweisamkeit. Ich war mal eben abgemeldet und zur Statistin degradiert.

 

Was dann folgte war ein Horrorfilm vom Feinsten. Da die Sippschaft zu geizig war, sich in der Jugendherberge einzuquartieren, okkupierten sie einfach unser Zuhause. Nun muss erwähnt werden, dass unsere Wohnung aus zwei Wohnungen besteht. Ich hatte seinerzeit, als ich von Teterow nach Berlin zog, die Nachbarwohnung angemietet, und die ersten Jahre wohnten wir Tür und Tür – jeder für sich. Als wir die erste Dekade unserer Beziehung unbeschadet überstanden hatten, beschlossen wir, die beiden Haushalte zusammenzulegen. Wir durchbrachen die Wand und wirtschafteten fortan gemeinsam, geradeso wie in einer ganz normalen ehelichen Zugewinngemeinschaft.

 

Doch kaum hockten die „Schwagersleut“ in der Wohnung, war es aus mit unserer Privatsphäre. Während ich im Krankenhaus am Sterbebett saß, waren die lieben Verwandten bereits dabei, das anstehende Erbe zu begutachten. Schamlos durchwühlten sie alle Schränke und Schubladen, plünderten die Photoalben und soffen Ullis Rotweine für besondere Anlässe weg. Es war schrecklich, nach durchwachter Nacht nach Hause zu kommen und den „Schwager“ in Ullis Pyjama und Pantoffeln zu begegnen. Ja, er nutzte sogar Ullis Eau de Toilette, seine Zahnbürste und seinen Rasierapparat.

 

Nach einer Woche platzte mir der Kragen. Ich bat die beiden, vielleicht mal eine Pause einzulegen und für ein paar Tage nach Hause zu fahren. Doch vergebens. Stattdessen bekam ich zu hören, dass ich überhaupt kein Recht hätte, irgendetwas zu verlangen oder einzufordern. Ich sei mit ihrem Bruder kinderlos und nicht verheiratet, ranzte mich die Schwester an. Und als hätte sie nur darauf gewartet, kam auch schon die Retourkutsche. Plötzlich wurde ich aufgefordert, die Wohnung zu verlassen und überdies alle Bankkarten abzugeben. Zudem sei es wohl an der Zeit, den Durchbruch zwischen den Korridoren der zwei Wohnungen wieder zuzumauern.

 

Ich hatte keine Chance. Immer wenn ich aus dem Krankenhaus kam, überraschten mich die beiden Erbschleicher mit einer neuen Boshaftigkeit. Mal war es der Staubsauger, dessen Eigentumsfrage ungeklärt ist, dann die Leiter, und schließlich wurde mir sogar verboten, die Waschmaschine zu benutzen. Das alles und noch viel mehr Ungeheuerlichkeiten geschahen, als Ulli im Krankenhaus mit dem Tode rang.

 

Zwei Tage vor seinem Tod stießen noch zwei weitere Leichenfledderer hinzu. Die beiden erwachsenen Kinder der Schwester bezogen das Wohnzimmer, und noch einmal wurde die Wohnung bis in die kleinste Ritze nach Wertsachen durchsucht. Und dann passierte das, was ich bereits fürchtete. „Sag mal, Tantchen“, fragte mich der missratene „Neffe“. „Hinter der Schrankwand ist eine Tür. Gibt es da noch einen Raum? Weißt du, wo der Schlüssel ist?“

Ich wusste sehr wohl, auf was der Lümmel da gestoßen war, schwieg aber und gab vor, von nichts zu wissen. Diese Antwort genügte dem Neffen, um die Tür aufzubrechen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Zum Vorschein kam Ullis größter Besitz – eine doppelstöckige vollautomatische Cannabiszuchtanlage auf rund dreißig Quadratmeter, voll bestückt mit blühenden Pflanzen. Somit hatte die Mischpoke auch unser letztes Geheimnis gelüftet. Und als wäre es nicht schon schlimm genug, fand das Töchterchen der lieben Schwester auch noch Ullis eiserne Bargeldreserve, die er in der Schornsteinklappe deponiert hatte.

 

Nachdem der Mann meines Herzens gestorben war, folgte das Theater um die Beerdigung. Möglichst nichts kosten sollte sie. So wurde er kurzerhand verbrannt und die Asche anonym in Polen verstreut. Nicht mal einen Ort des Gedenkens war der Bruder der Schwester wert. Unseren Freunden und Bekannten wurde keine Gelegenheit gegeben, auf einer Trauerfeier Abschied von dem Mann zu nehmen, der den Menschen immer und stets ein guter und verlässlicher Bruder war.

 

Doch die Gier der Verwandten sollte ihnen zum Verhängnis werden. Ein befreundeter Anwalt und ein paar treue Kunden stand der Sinn nach Rache. Sie konnten es nicht ertragen, dabei zusehen zu müssen, wie sich die Verwandtschaft schamlos bereichert und das mit Füßen tritt, was unser gemeinsames Leben war. Sie schmiedeten ein Komplott gegen die Schwester und ihre Mischpoke. Der Plan war, einen Minderjährigen damit zu beauftragen, der Bagage die Cannabisernte abzukaufen, um anschließend alles der Polizei zu verraten.

Und tatsächlich, es klappte wie am Schnürchen. Gierig wie sie war, konnte die Bande gar nicht ablehnen, als der dreizehnjährige Sohn des Anwalts als Lockvogel auf der Fußmatte stand und mit ein paar dicken Bündeln Geld herumwedelte. Keine halbe Stunde dauerte die Aktion, und der Knabe verließ das Drogendealernest mit zwei prall gefüllten blauen Müllsäcken. Der Rest war Sache der Polizei, die alle vier Verwandten festnahm und dem Haftrichter vorführte. Bei der Hausdurchsuchung fanden sich schließlich noch rein zufällig eine Tüte Heroin und eine Pistole an, die DNA-Spuren und Fingerabdrücke aller vier Verdächtigen trugen. Das Bargeld und die Sparbücher wurde beschlagnahmt und die Wohnung versiegelt.

 

Welche Strafe die lieben Verwandten erwartet, ist schwer abzusehen. Aber es kann bitter, sehr bitter werden. Dank der umfangreichen Berichterstattung in Presse, Funk und Fernsehen, melden sich immer mehr Zeugen, die gesehen haben wollen, dass der „Drogenclan“ schon seit Jahren die Wohnung für ihre kriminellen Geschäfte nutzt.

Ob Ullis Freunde der Gerechtigkeit genüge getan haben, will ich nicht beurteilen. Darüber kann und will ich mir keinen Kopf machen. Meine Gedanken sind nur bei dem Mann, der mich für immer verlassen hat und den ich wie keinen anderen Menschen geliebt habe.

6 Antworten auf „Wenn Erben ins Verderben schleichen

  1. Ewa

    Sadhu bedeutet heiliger Mann…
    Die Geschichte ist echt scheisse irgendwie werdet ihr zur neuen Bravo…

  2. wibbbel

    Wusste nicht dass Sadhu eine Frau ist, kann aber auch ein
    homosexueller Mann sein, nicht schlimm; schlimm ist
    das Verhalten der Schwester und des Schwagers. Wenn
    es wirklich eine wahre Geschichte ist, dann werden sie
    ihre Gerechte Strafe bekommen.

    Mein Beileid.

  3. wibbbel

    Sadhu kann ja kein homosexueller Mann sein, da gleichgeschlechtliche Paare in den 90’er nicht
    heiraten durften. Da sich das Pärchen im oben geschilderten Fall bewusst für eine wilde Ehe entschied, stand die Option „Heirat“ demgemäss als alternative zur Wahl.

  4. Greenmind

    Ich kenne Sadhu noch aus dem Hanfburgforum. Dachte auch das „er“ ein Mann wäre. Hat immer ziemlich gute und professionelle Grows gepostet. Die Geschichte ist schon ziemlich krass. Mein Beileid.

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