Samstag, 21. Oktober 2017

Born to Run – Bruce Springsteens Autobiographie

Buchtipp

 

Depressionen aber kein Joint

 

Quelle: Verlagsgruppe Random House GmbH, München

 

Bruce Springsteens im Heyne Verlag erschienene Autobiographie ist das, was man gemeinhin einen „Good Read“ nennt. Das heißt, dass sich das Buch flüssig und mitunter sogar recht spannend liest. Und das nicht nur für eingefleischte Springsteen-Fans. Vielmehr bietet das Buch einen gesellschaftskritischen und analytischen Blick auf die gesamtamerikanischen Zustände über einige Jahrzehnte des letzten und die ersten Jahre des neuen Jahrtausends.

 

Am wichtigsten aber ist, dass Springsteen aus dem Nähkästchen plaudert und das auf den Tisch packt, was seine Fans am meisten interessiert. Das gilt sowohl für das Persönliche als auch das Musikalische. Was hanfophile Menschen angeht, sei allerdings die Enttäuschung gleich auf den Tisch gepackt, denn wer hier begierig nach Geständnissen eines ersten Joints oder Marihuana überhaupt sucht, der wird nicht fündig. Und das ist sowohl für einen Musiker vom Kaliber eines Bruce Springsteen als auch die damalige Zeit mehr als erstaunlich. Springsteen hatte zwar mit einer Sucht zu kämpfen, dem Alkohol. Das scheint bei einem Spross mit irischen und italienischen Vorfahren ja auch nicht weiter verwunderlich. Jetzt kommt das große ABER: Springsteen gesteht in seiner Autobiografie ein, dass er immer wieder mit starken Depressionen zu kämpfen hatte. Die hat er, daran lässt das Werk keinen Zweifel, von seinem kranken Vater geerbt. Anstatt nun aber die Krankheit mit den heilenden Gaben von Mutter Natur zu bekämpfen, also allabendlich einen, zwei oder mehrere Joints durchzuziehen, um sich und sein Gemüt ein klein wenig aufzumuntern, vertraute er wohl lieber den Produkten der amerikanischen Pharma-Konzerne und reiht sich damit wohl eher in die Tradition der konventionellen Spießbürger ein, als in die „Hall of Fame“ des Rock’n Rolls. Zudem beteuert er immer wieder, wieviel seines Erfolgs und seines Lebens (das heißt, dass er keinen Suizid begangen hat) er seinem ihn betreuenden Psychiater zu verdanken hat.

 

Nun mag diese Analyse von „Born to Run“ einseitig, vereinfachend und verfälschend sein und dennoch scheint sie mir bezeichnend für einen Musiker und seine Bands, die nicht gerade berühmt-berüchtigt dafür waren, ein sehr drogenaffines Musikerleben zu führen oder ein drogenaffines Fansammelsurium zu besitzen. In Springsteens Lyrics geht es auch recht wenig um Drogen, sondern vielmehr um die Bewältigung seiner eigenen Geschichte und der amerikanischen Nation und ihrer Menschen als Gesamtes. Dennoch ist Springsteen ein teilweise „politischer“ Musiker. Er macht aus seinen Sympathien für die demokratische Partei und ihre Präsidenten keinerlei Hehl. Und zur Amtseinführung des ersten afroamerikanischen Präsidenten, Barack Obama, hat er eigens die Alternativhymne „This is our Land“ gesungen. Seinen Stolz verhehlt er auch kaum, dass er beim Super Bowl, also dem Endspiel um die US-amerikanische American Football Meisterschaft, „Working on a Dream“ singen durfte. Dieses Mega-TV-Ereignis wird nicht nur von über 100.000 Zuschauern live im Stadion, sondern von Abermillionen Menschen an den Fernsehgeräten in aller Welt verfolgt. Anscheinend stellte dieses Ereignis auch die Initial-Zündung für ihn dar, die Autobiografie zu schrieben, die sieben Jahre später (!) das Licht der Welt erblickt.

 

Springsteens „Born to Run“ ist eine Ode an den „American Dream“. Er stammt aus dem weißen Arbeitermilieu der Ostküste, ist ein rechtschaffener (also eben ohne die Drogenallüren anderer Rock’n Roll Stars) „Rockarbeiter“. Barack Obama soll über ihn gesagt haben, dass er zwar nicht der Präsident, aber der Boss sei. Und damit kommen wir zu den unangenehmen Charaktereigenschaften von Springsteen. Denn er gesteht, dass er ein Kontrollfreak und Ordnungsfanatiker sei. Diese Negativeigenschaften korrelieren perfekt mit dem Krankheitsbild der Depression. Die genannten Charaktereigenschaften kollidieren mit den in Springsteens Songtexten propagierten Idealen der Freiheit und des menschlichen Respekts. Dann wieder handeln seine Texte in hohem Maße von dem Alltagsmut der Menschen. Beim Singen schwingt er die Gitarre und stampft mit den Stiefeln auf.

 

Den täglichen Heldenmut hat er in der Kindheit und in seiner Heimatstadt in New Jersey kennengerlernt, in dem vor allem katholische Migranten aus Irland und Italien lebten. Springsteens Vater war trinkender und depressiver Ire, die Mutter Italienerin. „Burn to Run“ ist eine Hommage an die große persönliche und gesellschaftliche Depression.

 

Springsteens Autobiografie „Burn to Run“ ist zwar eine der besseren, schön geschriebenen und informativen Autobiografien. Allerdings lässt Springsteen tief in seine Seele und in seine Persönlichkeit blicken, sodass der Mythos des Rockstars dekonstruiert wird. Das macht ihn menschlich und sympathisch. Das Bild und Klischee eines Rockstars bedient er nicht. Im Gegenteil: Unter uns Gleichgesinnten: Wer möchte schon die Mucke eines Rockstars hören, in dessen Autobiografie nicht ein einziger, mickriger Joint erwähnt wird? Eben … „Born to Run“ ist dennoch ein interessantes und spannendes Buch für all jene, die die USA und den „American Dream“ lieben.

 

Christian Rausch

 

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