Samstag, 29. April 2017

Nix für Weicheier!

Buchtipp

 

„Porno“ von Irvine Welsh
 
Zwischen Drogen- und Porno-Sudelheft mit literarischen Ambitionen

Christian Rausch

 

Wann ein Buch erscheint oder wann ein Buch verfilmt wird, sagt nichts über das tatsächliche Erscheinungsdatum aus. So auch jüngst bei dem von Heyne Hardcore publiziertem „Porno“ von Irvine Welsh. Zur Orientierung: Welsh war der Typ, der uns alle mit seinem Buch „Trainspotting“ (oder spätestens dessen Verfilmung) viel Freude bereitet hat. „Trainspotting“ erschien 1993 und „Porno“ 2002. Porno ist also weder brandaktuell noch taufrisch wie uns die Werbestrategen des großen Publikumsverlags und der Filmindustrie weismachen wollen. Ach ja, die Verfilmung von „Porno“ durch Oscar-Preisträger Danny Boyle erscheint aus verkaufstechnischen Gründen unter dem Titel „Trainspotting 2“ und erfolgt weitgehend mit der ursprünglichen Originalbesetzung: also Ewan McGregor, Ewen Bremner, Johnny Lee Miller und Robert Carlyle.

 

Zum Inhalt: Erstaunlich, wie langlebig und zäh Junkies doch sind, denn es gibt sie auch noch zehn Jahre später, die legendären Jungs aus der Trainspotting-Crew! Eigentlich müsste der Leser davon ausgehen können, dass sie in den zehn Jahren etwas weiser (und leiser) geworden sind, aber weit gefehlt, Satz mit X, das war wohl gar nix. Im Gegenteil: Sie haben nach wie vor die ultimative Abzocke im Kopf und niemand auf der ganzen Welt kann sie davon abbringen. Alte Rechnungen sind noch offen und wollen beglichen werden und keiner kann sicher davor sein, von dem anderen in die Pfanne gehauen oder über den Tisch gezogen zu werden. Schließlich haben die Jungs die ultimative Idee, wie sie an den maximalen Schotter kommen wollen, denn sie wollen den internationalen Durchbruch in der Pornoindustrie schaffen. Und welcher Platz würde sich dafür besser eignen als Amsterdam? Ja, eben, das wissen wir alle.

 

„Porno“ ist vielschichtig und komplex. Eigentlich ein Buch mit literarischen Ansprüchen (Dialogführung, Innenleben der Charaktere, angemessene Verwendung der Gossensprache, stimmiger Gesamtplot…), das über Lebenspläne, Freundschaften und das Geschäftemachen erzählt. Und alle kriegen ihr Fett weg: Scheinheilige, moralische Saubermänner und das ach so vordergründig biedere Bürgertum. Die Beurteilung von „Porno“ fällt mir unverhohlen schwer. Für mich ist der Roman eine perfekte Mischung aus einer ambitionierten Drogengeschichte à la William S. Borroughs und Jörg Fauser und einer rein pornographischen Abhandlung à la Henry Millers „Opus Pistorum“ (und zum Teil einem Schuss Bukowski).

 

Eigentlich klingt das doch ganz vielversprechend, aber im Gegensatz zu „Trainspotting“ will bei „Porno“ der letzte Funke nicht überspringen. Bei „Trainspotting“ war bis in die letzte Faser jeden Satzes zu spüren, wie sehr sich Welsh in seinem schottischen Home Turf auskennt und wie sehr er ihn verinnerlicht hat. In „Porno“ spielen aber auch A’dam und Cannes gewichtige Rollen, beides Plätze, die ich (insbesondere natürlich A’dam) bis zum Abwinken kenne. Und gerade bei A’dam fehlt die atmosphärische Dichte und Welsh versteht es leider nicht, diese zauberhafte Stadt im Windmühlenland dem inneren Auge des Leser wirklich näher zu bringen – es bleibt alles zu blass und schemenhaft, um der Amstel-Metropole wirklich gerecht zu werden und da blutet dem Amsterdam-Liebhaber dann schon das Herz, das ist verschenktes Potenzial. Und last but not least machen Redundanzen einen Roman wirklich auch nicht besser: Wenn immer wieder dieselben Dialoge über gehäuften Drogenkonsum jeglicher Art und die Schmerzen aber auch Freuden von Analverkehr vor der Kamera dem Leser eingebläut werden, dann hat dieser irgendwann einmal genug davon und fühlt sich gelangweilt.

 

Trotz der genannten kleineren Schwächen ein beachtliches, lesenswertes Buch, das sich von der Massenware wohltuend abhebt und jedem Drogen- und Sex-Freak ans Herz gelegt sei. Ihr werdet bestimmt eure Freude damit haben – allen anderen sei geraten: Finger weg davon! Das ist bestimmt nichts für prüde Leser mit Bluthochdruck.

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