Montag, 17. April 2017

Alter schützt vor Torheit nicht

 

Seine Meinung

 

Foto: Freeimages user dynamix

 

Sadhu van Hemp

 

Das Alter ist wie die Kindheit, nur umgekehrt: Statt zu reifen, verblüht der Mensch. Am Ende muss er wieder gewickelt und gefüttert werden. In der Jugend kann die Zeit nicht schnell, im Alter nicht langsam genug vergehen. Eines haben die beiden Lebensabschnitte jedoch gemeinsam: Greise und Kinder führen ein fremdbestimmtes Leben.

 

In meinem Fall sieht das so aus, dass mich meine Familie in die Obhut eines Altenheimes am Stadtrand gegeben hat, wo ich bis zu meinem Ableben niemanden störe. Ich beschwere mich nicht, denn ich bin ein genügsamer Mensch, der mit zehn Euro Taschengeld im Monat auskommt und auf Luxus verzichten kann. Nein, ich will nicht in einer Seniorenresidenz mit Blick auf den Ku’damm wohnen, mittags in der Fressetage des KaDeWe dinieren und abends in der Oper sitzen. Mir reicht meine Bank vor dem Haus. Dort parke ich zwischen Frühstück und Abendbrot, mit Blick auf die Schweinemastanlage vis-á-vis, deren Futtersilo ganztags Schatten spendet und vor UV-Strahlung schützt. Ich muss nicht Champagner und Austern schlürfen, denn ich bekomme alle Mahlzeiten auf Wunsch auch ans Bett.

Also, warum im Alter noch Straßenschuhe anziehen und als Zaungast teilhaben an dem, was sich andere leisten können? Ich bin alt und arm, damit die Reichen reich sein können. Das ist gesellschaftlich so gewollt – und ich füge mich dem Schicksal.

 

Umso erstaunter war ich, als neulich mein Enkelsohn und seine Ische die beschwerliche Reise von Berlin-Kreuzkölln auf sich nahmen, um mich zu besuchen. Das war ein ungeheuerlicher Vorgang, denn zuletzt hatte ich den Lümmel kurz nach der Geburt gesehen. Ich blickte in das Gesicht eines mir völlig unbekannten Menschen, und ich dachte zunächst, dass ich Opfer des Enkeltricks werden sollte. Aber warum? Wir hatten Monatsende, und mein Taschengeld war bis auf zwei Euro und ein paar Zerquetschte aufgebraucht.

 

„Na, Opa, erinnerst du dich an mich“, herzte mich das Bübchen. „Ich bin’s, der Dennis. Und das ist meine Freundin, die Gina-Lisa.“

„Kenne euch nicht“, bellte ich die beiden an. „Geht weg, ihr Betrüger!“

„Aber Opa, ich bin’s doch, der Sohn deiner Tochter Heike. Wir sind keine Betrüger! Wir wollen dich nur besuchen.“

„Ihr könnt mir viel erzählen“, knurrte ich. „Will keinen Besuch. Brauche ich nicht!“

„Opa, hör zu!“, ließ der Knabe nicht locker. „Wir wollen dich hier rausholen aus dem Loch. Wir haben nämlich die Möglichkeit, mit dir richtig viel Geld zu verdienen.“

„Wie? Um Geld geht’s? Hab ich’s doch gleich gewusst. Wollt ihr meine Organe verkaufen?“

„Nein, Opa. Aber wir drei gemeinsam können richtig fett abgreifen. Wir haben da nämlich eine geniale Geschäftsidee. Und du sollst unser Partner sein.“

“Partner, aha! Partner von solch Nichtsnutzen wie euch. Nee, danke!“

 

Die beiden Grünschnäbel tauschten einen kurzen Blick, und das Mädchen signalisierte dem Enkelsöhnchen, nicht aufzugeben.

„Mensch Opa, kapier doch! Das ist die Chance deines Lebens. Ich erkläre das mal. Einverstanden?“ Ich nickte. „Mama hat dir sicher erzählt, dass ich bis vor kurzem völlig zu Unrecht im Knast war. Weißt du auch, warum?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wegen Haschgift. Du weißt, was Haschgift ist?“ Ich nickte. „Genau, und deshalb habe ich vier Jahre gebrummt. Nur weil ich aus Holland, wo das Zeug fast legal ist, ein paar Kilos für meine Freunde mitgebracht habe. Das ist eine Riesenschweinerei, ist das.“ Ich schüttelte den Kopf. „Doch, das verstößt gegen die Menschenrechte. Deutschland ist ein Unrechtsstaat!“ Ich nickte voller Überzeugung. „Siehst du! Und jetzt kommt’s, Opa. Weil die Substanzfaschisten in der Regierung merken, dass der Anti-Hanf-Krieg verloren ist, haben die Spackos schon mal Cannabis für Leute freigegeben, die krank sind. Ja, der Hanf ist jetzt als Medizin in Apotheken legal erhältlich. Und eine Krankheit wirst du ja wohl haben, oder?“ Ich nickte. „Und der Hammer ist: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten! Irre, nicht!“

 

Ich zuckte mit den Schultern und legte die Stirn in Falten. Langsam dämmerte mir, worauf die Bagage hinauswollte.

„Opa! Du kannst zum Arzt gehen und dir ein Rezept geben lassen, mit dem du monatlich 100 Gramm Medizinalhanf für lau abgreifen kannst. Verstehst du, für Nullower! Das Gramm kostet 15 bis 20 Euro.“ Ich rechnete. „Ja, deine Monatsration hat dann einen Wert von …“

„2000 Euro“, beendete ich den Satz. „Und das Haschgift soll ich dann dir geben, weil du als vorbestrafter Drogendealer Experte bist. Richtig?“

„Genau, Opa. Du hast es erfasst. Wir nehmen dir das Gras ab. Aber nicht nur das. Wenn du noch ein paar deiner Mitbewohner davon überzeugen kannst, sich ebenso ein Rezept geben zu lassen, dann können wir das Business richtig groß aufziehen. Multipliziere die 2000 Euro mit zehn, und du siehst, dass jeder Greis hier ein Goldesel ist. Stell Dir mal vor, du schleppst fünfzig Leute an! Das wäre Gras im Wert von 100.000 Euro – im Jahr weit über eine Million. Geschenkt von der AOK. Soviel Geld hast du in deinem ganzen Leben nicht verdient.“

 

Das stimmte, da hatte der Junge recht. Ein ganzes Arbeitsleben lang habe ich für einen Hungerlohn geackert, und am Ende bleibt eine Rente auf Hartz-IV-Niveau.

„Und ihr verkauft das dann weiter?“ Die beiden nickten eifrig. „Das würde ja bedeuten, dass wir zwei Millionen Euro Gewinn machen, wenn wir die handelsüblichen 100 Prozent auf den Einkaufspreis aufschlagen. Wahnsinn!“

„Nee, stopp mal, Opa“, winkte der Lümmel ab. „So einfach ist das nicht. Die Kalkulation folgt in diesem Fall etwas anderen Regeln. Unser Business ist als Verlustgeschäft angelegt.“

„Wie jetzt? Keine zwei Millionen Euro pro Jahr, die wir durch zwei teilen?“

„Nee, Opa. Ich kann dir pro Gramm höchstens ein bis zwei Euro zahlen. Ich muss das Zeug nämlich erstmal auf dem Schwarzmarkt loswerden. Da können wir maximal vier bis sechs Euro verlangen.“

„Wieso Schwarzmarkt?“ Ich witterte Betrug. „Ich denke, das Zeug ist legal.“

„Ja, aber nur für Leute, die krank sind. Gesunde, die Cannabis nehmen, um nicht krank zu werden, machen sich strafbar, wenn sie beim Erwerb erwischt werden.“

„Aber das ist doch Schwachsinn.“

„Ja, aber darauf beruht unser Geschäft. Der Preis für Medizinalhanf ist ja nur deshalb so hoch, weil Pharmafritzen und Apotheker absahnen wollen und die Krankenkassen den sittenwidrigen Preisaufschlag akzeptieren. Die haben keine Konkurrenz, die Gangster. Wir aber, wir müssen mit denen mithalten, die Hasch aus dem Orient importieren und Marihuana illegal anbauen. Der Markt ist gesättigt. Apothekenpreise aufzurufen, ist wie Sauerbier anbieten.“

„Also, keine Million in einem Jahr.“

„Ja, so sieht’s aus. Wir wollen aber auch nicht gleich gierig werden. Oder, Opa?“ Ich nickte. „Wir fangen erstmal klein an. Du lässt dir ein Rezept geben und bekommst von uns 100 Euro Vorschuss. Okay? Dann sehen wir weiter, wie das Business anrollt.“

„Also, ich weiß nicht so recht. Aber gut, ich überlege mir das. Und nun tschüss!“

 

Die Kinder versprachen hoch und heilig, dass sie es ehrlich mit mir meinen. Was sie jedoch nicht bedacht hatten, war, dass ich ihnen kein Wort glaubte. Doch die Geschäftsidee, die hatte was. Sollte ich auf meine alten Tage noch meine Stulle mit Kaviar belegen können?

Ich bin dann schnurstracks zum Doktor, dem ich mein handtellergroßes Dekubitusgeschwür am Hintern vorführte. Fünf Minuten später hatte ich das Rezept. Allerdings verlangte die Apotheke 2000 Euro Vorkasse von mir, da die Kostenübernahme von der Krankenkasse noch nicht genehmigt war. Aber darum machte ich mir keinen Kopf. Gesetz ist nun mal Gesetz – und darauf ist hundertprozentig Verlass. Das ist wie eine Bürgschaft – und die genügte meinen Mitbewohnern, mir Kredit zu gewähren.

 

Ja, und dann, dann bin ich rein in meine Straßenschuhe und nach Kreuzberg in den Görlitzer Park gereist, wo ich alle zwanzig Döschen à fünf Gramm en gros für 1000 Euro an eine Schulklasse aus Niederbayern verkauft habe. Ich denke, ich werde das Geschäft meines Lebens besser ohne meinen Enkel und seine Braut aufziehen – diese Betrüger, die.

So, und nun – nun warte ich darauf, dass die Krankenkasse so ehrlich ist und mir meine Auslagen auch erstattet, damit ich meine Schulden tilgen kann.

8 Antworten auf „Alter schützt vor Torheit nicht

  1. alexander

    ich wäre vor lauter lachen beinahe von meiner liege gefallen. dann fiel mir ein, wie traurig die sache eigentlich ist, vorbei war der lachanfall……

  2. Dr. Vape

    Sadhu van Hemp das ist weder Satiere noch etwas zum nachdenken… Das ist einfach nur SCHEIßE!!!
    Das ist genau das warum man die medizinische Nutzung strikt vom Freizeit Konsum trennen sollte. Solche Artikel befeuern nur die Vorurteile gegen uns Patienten an. Sowas braucht keiner…. Ist nur ne prima Steilvorlage für GKV & MDK Funktionäre um weiterhin mit noch mehr Nachdruck zu fordern das Cannabis Blüten nicht in die Apothheke gehören sondern nur Fertigarzneimittel am besten mit synthetischen Cannabinoiden in Patientenhände gehören, weil ansonsten das Missbrauchpotential zu hoch ist…

    Vielen Dank dafür!

  3. Günter

    Wer – wie ich – zur Zeit mit der KK / MDK in der „Diskussion“ wg med Cannabis ist, kann sowas nicht lustig finden….

    Schaut lieber dass Ihr Ärzte aktiviert die z.B. gegen einen solchen Schwachsinn wie hier
    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/schmerz/article/933687/cannabis-weicht-hoffnung-schon-bald-ernuechterung.html
    anschreiben möchten.
    Damit die Kassen nicht weiter systematisch Hürden aufbauen können. Wie Wirksamkeit sei nicht belegt. Gibt nicht genug Studien. Dein Fall ist nicht sauber belegt. Du bist gar nicht schwer krank. Du hast zwar eine Ausnahmegenehmigung aber wir prüfen das alles nochmal. ….etc.

  4. Rainer Sikora

    Freiwillig hätte die Krankenkasse niemals auch nur einen Cent für C.Medizin bezahlt.Auch nachdem unter bstimmten Voraussetzungen die Krankenkassen verpflichtet wurden die Kosten zu übernehmen,winden und drehen die sich
    solange bis alles wieder so ist wie es vor dem Versorgungsgesetz war.

  5. Fred

    Klasse Satire ! Legt offen, das man mit einer halbgaren Teillösung, zumindest theoretisch, einen weiteren Schwarzmarkt eröffnet haben könnte. Kann man übrigens leicht mit einer kompletten Legalisierung verhindern.

  6. E.B.

    Entlarvend gesponnen, zackig pointiert.

    Tja, es ist, wie es ist: Wo ist die Gewähr oder Plausibilität, dass sich mancher Patient nicht mehr verschreiben lässt, als er braucht? Und wie schaut’s aus mit dem Präventivpotenzial von Cannabis?

    Alles nicht zufriedenstellend. Bedauerlich vor allem für die Patienten mit den schwersten Leiden, sollte die gesteigerte Nachfrage zu häufigeren Lieferschwierigkeiten führen.

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