Samstag, 11. März 2017

Trumps Sin City

 

 

Konservatismus und Schwerstkriminalität Hand in Hand?

 

 

Autor: Christian Rausch

 

OMG! Oh mein Gott. Eine neue Ära hat begonnen und ich bin mitten drin. Der neue US-Präsident Donald Trump hat gerade eben sein Amt angetreten und ich befinde mich Downtown Las Vegas, weit abseits vom Bling-Bling-Glitzer-Glitzer-Glitter-Märchen-Disney-Land-Strip, der Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher aus aller Welt anzieht und Milliarden Umsätze macht.

 

Downtown Las Vegas sieht das ganz anders aus. Überall lungern Heroin-, Crack- und Crystal-Süchtige herum, schütteln die Köpfe wie Schamanen, kratzen sich wegen der  Shore den Körper wund, urinieren in der Öffentlichkeit und jagen verzweifelt dem nächsten Buck (Dollar) hinterher, um dem drohenden Affen zu entfliehen. Ich treffe mich mit zwei bekennenden Trump-Unterstützern, die für ein konservatives Amerika eintreten. Der Witz an der Sache ist, dass beide kriminelle Schwergewichte sind.

 

Rolando war einst mit dem Mob (also der Mafia!) assoziiert und hing mit Sammy Davis Junior und den anderen Jungs des Ratpacks ab. Über seine Tatbeteiligungen schweigt er, sagt aber: „Damals, als der Mob Las Vegas betrieb, gab es innerhalb der Stadtgrenzen keine Verbrechen. Wer dagegen verstieß, den ließen wir in der Wüste verschwinden. Schauen Sie sich das heutige Elend an. Überall Kriminalität: Da wird Trump aufräumen.“ Schon seltsam, dass ein ehemaliger Schwerkrimineller sich für einen Law-and-Order-Typen wie Trump einsetzt. Aber nicht erst seit dem Kennedy-Attentat ist bekannt, dass sich die Mafia mit den Demokraten schwertut.

 

Chris, genannt King Cuba, entstammt einer jüngeren Gangster-Generation. Er war eines der ranghöchsten Mitglieder der Latin Kings, der ehemals gefährlichsten Gang aus Chicago. Freimütig gibt er zu, dass er in Freiheit und aus dem Knast (immerhin 14 Jährchen) den tonnenweisen Schmuggel von Drogen, Bestrafungsaktionen bis hin zu Exekutionen angeordnet hat. „Unser Bandenkodex war wie der von La Familia. Da hat keiner bei den Schweinen ausgepackt. Sonst wäre seine ganze Familie dran gewesen: Mutter, Vater, Geschwister, Tanten und Onkel. Heute heulen 40-jährige Männer wie Tunten, wenn die Bullen ihnen mit einem Jahr ohne Bewährung drohen. Gangs im klassischen Sinne gibt es nicht mehr. Das führt zu Anarchie und dem Recht des Stärkeren. Heute gibt es nur noch gesetzlose Punks, wobei jeder den anderen für einen Dollar mehr über den Haufen knallt.“

 

Auch King Cuba erhofft sich von Trump eine Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung, auch wenn er befürchtet, dass Trump hart gegen Drogenhändler vorgehen wird. Als ich auf das Thema der Legalisierung von Freizeit-Marihuana zu sprechen komme, lachen beide. Rolando meint, er sei zu alt für so etwas. Chris räumt ein, dass es ein komisches, aber cooles Gefühl sei, das erste Mal legal einen Joint zu rauchen! Wow – ein Geständnis dieser Art von solch einem kriminellen Schwergewicht. „Aber es gibt noch Probleme bei der Gesetzesumsetzung“, gibt Chris einen wichtigen Hinweis. „2017 gibt es weiterhin nur Medical Marihuana Dispensaries, das hängt mit der Besteuerung des Freizeit-Weeds zusammen. Gras ist zwar legal und jeder darf bis zu einer Ounce (knapp 30 Gramm, C.R.) mit sich führen, ohne dass ein Vertreter der Staatsmacht ihm dafür etwas anhaben kann. Aber legal besorgen kann man sich den Stoff bis Januar 2018 nur, wenn man im Besitz einer Medical Marihuana Card ist.“ Uff, das hätte ich mir anders vorgestellt, denn Chris klärt mich auf, dass der Erwerb ohne die Karte weiterhin illegal ist und mit Gefängnis geahndet werden kann.

 

Hat man den Stoff aber erst einmal, ist man auf der sicheren Seite. „Die mexikanischen und kolumbianischen Kartelle haben die Legalisierung von Gras schon lange kommen sehen“, entzaubert er noch meinen nächsten Mythos. „Sie haben schon längst die Produktion und den Vertrieb auf Crystal und Teer-Heroin umgestellt. Allerdings werden sie auch einen Teil ihrer illegalen Gelder in den Anbau, in den Vertrieb und in den Verkauf von legalem Marihuana stecken.“ Na toll, die Kartelle benutzen also die Legalisierung von Freizeit-Marihuana, um ihre Gelder dort blütenreinweiß zu waschen und um sie wieder in harte Drogen wie Aitsch und Crystal zu investieren. Willkommen in der wunderbaren Welt des Turbokapitalismus, in der nur eine Farbe zählt und zwar grün! Aber nicht das Grün des allseits so beliebten Geschenks von Mutter Natur, sondern hier zählt nur der Dollar $$$, egal ob Republikaner oder Demokraten an der Macht sind.

 

Nach einer Weile verabschiede ich mich von den konservativen Old-School-Gangstern und mache mich auf die Suche nach einer Medical Marihuana Dispensary. Bald werde ich fündig und werde vom Manager von „The Grove“ herzlich willkommen geheißen. Chris erzählt mir von den Vorzügen seiner Dispensary. „Wir liegen nur einen Steinwurf vom internationalen Flughafen entfernt. Das wird eine Menge Kunden bringen.“ Aber in die „Heiligen Hallen“, in denen der gute, alte Pot verkauft wird, darf Chris mich ohne gültige Karte nicht hereinlassen. „Wir verlieren sonst unsere Lizenz, Mann“, lässt er mich wissen. „Die Polizei kontrolliert uns sehr streng und manchmal schickt sie auch Spitzel her, die ohne Karte Gras kaufen wollen und uns dafür hohe Bestechungssummen bieten.“

 

Ich frage nach, ob und wie sich deutsche Gras-Touristen 2017 in Nevada und Sin City mit Gras eindecken können, da es ja erst ab 2018 legale Recreational Marihuana Dispensaries geben wird. „Auf keinen Fall illegal bei einem Straßendealer kaufen!“, warnt Chris. Erstens sei das illegal und zweitens wüsste man nie, welche Qualität das Zeug besitze. „Bei uns gibt es nur 1A-Ware“, schwärmt Chris von der in „The Grove“ verkauften Qualität. „Es wird in Labors getestet und nur die beste Ware kommt in den Verkauf. Am geschicktesten wäre es für Urlauber aus Deutschland, wenn sie 2017 am ersten Tag in Las Vegas zu uns kämen. Wir beantragen dann sofort einen Medical Marihuana Pass. Der ist innerhalb von 24 Stunden da.“ Okay, damit wäre das Procedere also geklärt, aber ich hake nach, ob ich zu einem Arzt muss und was das kostet. „Das geht alles über das Telefon und online“, lacht Chris. „Wir helfen unseren Kunden sehr gerne dabei. Das läuft alles über uns und kostet – je nach Arzt – 60 bis 80 Dollar. Wir arbeiten ausschließlich mit Ärzten aus Kalifornien zusammen, die können aufgrund der dortigen hervorragenden Gesetzeslage am schnellsten die Pässe ausstellen.“ Als Gründe für die Beantragung würden Stress, Schlaflosigkeit oder Arbeitsbelastungen vollkommen ausreichen. Eigentlich hört sich das ja ziemlich gut an.

 

Als ich aber weiter recherchiere, stoße ich auf weitere Probleme. Denn eigentlich kann man als Tourist den Pot, den man sich legal als Medizin gekauft hat, nirgendwo rauchen. Und die hervorragenden Edibles (Schokoladenriegel, Gummibärchen, Getränke aller Art und sogar Cremes) sind ja nicht jedermanns Sache. Denn selbst die Raucherzimmer in Nevadas Hotels gelten eigentlich vor dem Gesetz als öffentlicher Platz und in genau diesen öffentlichen Plätzen ist das Kiffen verboten. Das ist erstens schwer zu kontrollieren und zweitens interessiert es vielleicht auch niemanden, aber wer ganz gesetzeskonform bleiben möchte, sollte auch davon lieber die Finger lassen. Wobei … Als ich den glamourösen Las Vegas Boulevard (The Strip) hinunterlaufe, rieche ich allenthalben Pot. Da sitzen sie gemeinsam: Alt-Hippies, Touristen und User härterer Drogen. Denn Gras ist nicht die einzige Droge, die auf dem Strip konsumiert wird. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich jemand groß darum schert. Die Polizei ist vielmehr daran interessiert, dass hier alles seinen geordneten Gang geht und die unzähligen Besucher aus dem Mid-West ungestört und ohne beklaut zu werden dem nachgehen können, was sie zu Hause niemals tun würden: Zocken, sich die Birne bis zum Abwinken mit Alkohol vollknallen und wilde Sex-Orgien feiern. Solange niemand diese Milliarden-Dollar-Maschinerie stört, nimmt vermutlich auch niemand Anstoß, wenn man mal ein oder zwei Tütchen in der Öffentlichkeit durchzieht.

 

Aber wie gesagt: das ist noch illegal! Dennoch bin ich guter Hoffnung, dass sich 2018 alles mit der Eröffnung der ersten Medical Marihuana Dispenaries zum Besseren wenden wird. Da wird sich einiges an der Gesetzeslage noch tun und dann werden auch Räucher-Touristen aus Deutschland auf ihre vollen Kosten kommen – ohne Arztkonsultation und ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

 

Christian Rausch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.