Sonntag, 30. Oktober 2016

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

 

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Sadhu van Hemp

 

Es gibt Menschen, die sich ein Leben lang treu bleiben und den einmal eingeschlagenen Weg bis zum bitteren Ende gehen. Diese Zeitgenossen folgen ausschließlich der inneren Stimme, die ihnen sagt, welche Richtung einzuschlagen ist. Doch diese Naturen gehen oftmals einen steinigen Weg – einen Weg ohne Ziel. Das Hanf Journal sprach mit so einem Menschen, der voll mutiger Überzeugung immer wieder in dieselbe Sackgasse gelaufen ist und an sich selbst scheiterte.

 

Moin, Karl! Du bist der „Mr. Nice“ der Deutschen. Du hast seit den frühen Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts tonnenweise Haschisch und Marihuana gehandelt. Und du hast tüchtig gebrummt: fünf Jahre in Oldenburg, sieben Jahre in Landsberg, zwei Jahre in Andalusien und zuletzt vier Jahre in England. Im Grunde bist du die volle Verlierertype.

 

Stimmt! Egal, was ich auch angefasst habe, es ging immer schief. Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich der völlig falsche Mann für das illegale Geschäft des Hanfhandels war – und noch immer bin. Das Handicap ist mein Herz, das – so lange ich denken kann – der Freundschaft offen ist. Ich bin blind für unredliche Menschen. Alle Aktivitäten scheiterten an Leuten, die entweder für die Drogenfahndung arbeiteten oder zu Verrätern wurden. Die schlimmste Erfahrung, die ich machen musste, war, dass selbst Freunde, mit denen ich bereits im Sandkasten gespielt habe, keine Skrupel hatten, mich ans Messer zu liefern. Die Tugend, einem Freund auch in schweren Zeiten ein wahrer Freund zu sein, ist Charaktersache und leider nicht jedem gegeben. Und nicht jeder hat den Mut, dem Gebot der Klugheit zu folgen und den Attacken der Justiz mit Abwarten, konsequentem Schweigen und Ausdauer zu begegnen. Wer jedoch die Waage Justitias mittels Verrat zu seinen Gunsten beeinflussen will, soll wissen, dass er auch sich selbst verrät und alles Ehrgefühl verliert.

 

Besonders übel wird es, wenn wie in deinem Fall der Verräter vor einem bayerischen Gericht steht und Sachen ausplaudert, die gar nicht zur Debatte stehen.

 

Ja, das war in den Neunzigern, nachdem ich längst meine Strafe für einen Deal mit österreicherischen Geschäftpartnern in Niedersachsen abgesessen hatte. Ich bin nach der Haft nach Norfolk zu meiner Schwester, um dort fernab der Szene neu durchzustarten. Nach etwa zwei Jahren friedvollen und braven Lebens flatterte aus heiterem Himmel eine Vorladung von der Münchener Staatsanwaltschaft ins Haus. Man wollte mich als Zeuge hören. Blöd wie ich war, bin ich hin nach Bayern – dachte ja, das Thema wäre nach fünf Jahren JVA Oldenburg durch. Doch das war ein Irrtum. Noch im Gerichtssaal wurden mir Handschellen angelegt, und ich wurde tatsächlich binnen kürzester Frist für ein und denselben Deal ein zweites Mal verknackt. Die Aussage des Kollegen reichte aus, um einen völlig neuen Straftatbestand zu konstruieren, der geradeso noch nicht verjährt war. Wäre ich bloß in Norfolk geblieben und hätte die paar Monate bis zum Ablauf der Verjährungsfrist abgewartet.

 

Stattdessen wurdest du zu satten neun Jahren Knast verurteilt, von denen du sieben abgesessen hast.

 

Ja, im Nachhinein unglaublich, dass ich den bayerischen Strafvollzug durchgestanden und mich nicht am Bettpfosten aufgeknüpft habe. Als ich aus der Kiste kam, war ich eigentlich schon durch mit dem Leben. Der Zug der Resozialisierung war längst abgefahren, und ich strandete dort, wo alles angefangen hatte – im Kinderzimmer des Elternhauses. Zunächst war ich zu nichts zu gebrauchen. Das Arbeitsamt versuchte zwar alles, mich wieder einzugliedern, doch ohne Erfolg. Nicht dass ich mir zu schade gewesen wäre, als Fünfzigjähriger körperlich zu arbeiten, aber bitteschön nicht für einen Lohn, der nur ein Almosen ist. Na ja, und wie das so ist, kam ich wieder ins Geschäft.

 

Bis du in der Nähe von Almeria erwischst wurdest. Du hattest in einer Finca einen Bunker für frisch aus Marokko angeliefertes Haschisch unterhalten.

 

Ja, ich war sozusagen der Hausmeister des Bunkers. Das war ein Riesenunternehmen, das von Engländern und Spaniern aufgezogen wurde. Das Jahr, das ich dabei war, hatte es wirklich in sich. Die ehemalige Finca eines hohen Franco-Offiziers war offiziell an eine Gruppe junger deutscher Aussteiger vermietet, die dort Seminare und Selbstfindungskurse für linksalternative Wohlstandsbürger veranstalteten. Die Tarnung stimmte, und meine Aufgabe bestand darin, nachts die Boote zu lotsen und das Haschisch in den Bunker zu verfrachten. Das lief wie geschmiert, und ich hatte mehr oder weniger Vollzeiturlaub unter Deutschen. Darunter auch so einige alleinstehende Frauen, die auf Suche nach einem Flirt waren. Und so hat es mich dann auch erwischt – in flagranti. Anstatt die Augen offenzuhalten, lag ich neben einer Frau schnarchend im Bett, als die Guardia Civil die Finca stürmte und alle Gewehrläufe auf mich zeigten.

 

Du bist dennoch glimpflich davongekommen und nach zweijähriger Haft zurück nach Norddeutschland. Und weiter ging’s – diesmal mit Kurierfahrten über die deutsch-niederländische Grenze. Dann kam jener Tag, als du deine Schwester besuchen wolltest und in Harwich die Handschellen klickten.

 

Das war wie ein Déjà-vu. Wieder waren es Zeugenaussagen von Verrätern, die mich vor Gericht brachten. Das Problem war, dass die spanische Polizei die Engländer noch eine ganze Weile weiterarbeiten ließ – hübsch unter Beobachtung von Scotland Yard. Irgendwann – als ich längst verurteilt war und in Almeria einsaß – kam es zu einem zweiten großen Bust mit Dutzenden Festnahmen in England und Spanien. Wie und von wem mein Name ins Spiel gebracht wurde, weiß ich bis heute nicht. Auf jeden Fall muss die Ratte sehr nah dran gewesen sein, denn im Prozess wurde haarklein aufgelistet, was für Mengen in Andalusien angeliefert und nach England weitergeleitet wurden. Ich will jetzt nicht herumheulen und sagen, dass ich zu Unrecht verurteilt wurde, aber die Beweisführung war schon etwas fragwürdig. Fast alle Ex-Kollegen, die mit mir vor Gericht standen, die ich aber nur flüchtig bis gar nicht kannte, redeten sich damit raus, dass ich derjenige gewesen sei, welcher. Kurz und gut, gebracht hat es keinem etwas, sich gegenseitig zu verraten. Am Ende lag ich mit den sechs Jahren, von denen ich vier abgebrummt habe, im Mittelfeld.

 

Dein vorläufig letzter Streich war der erfolglose Versuch eines Grows in größerem Stil. Basis für diese Unternehmung war eine unerwartete Erbschaft in Form eines Einfamilienhäuschens in der Rhön. Doch anstatt die Immobilie zu versilbern und dich in den Niederlanden oder auf Jamaika zur Ruhe zu setzen, hast du noch einmal kräftig gezockt – und verloren. Du sitzt in U-Haft, weil dich einer deiner Kunden, dessen Frau zur Polizei gerannt ist, verraten hat. Und das ausgerechnet in Bayern, wo Btm-Straftäter wie Mörder abgeurteilt werden.

 

Ja, ich verdiene kein Mitleid. Selbst schuld. Ich bin diesen Weg gegangen. Haschisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Sicher, mein Faible für Hanf ist nicht normal, aber letztlich bin ich nur der Volksweisheit gefolgt, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll. Ich habe aus Überzeugung gehandelt, und nicht ausschließlich des Geldes wegen. Das Risiko und vor allem die vielen Jahre im Knast sind doch materiell überhaupt nicht aufzuwiegen. Meine Bilanz ist wirklich mies, und am Ende erwartet mich wieder einmal mehr Knast.

 

Dein Anwalt sagt, dass du nur ein bisschen Reue zeigen musst und den Ermittlungsbehörden die Namen deiner Kunden nennst, um vielleicht noch einmal den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dazu bist aber nicht bereit? Trotz deiner siebzig Jahre?

 

Nein! Ich bereue nichts und verpfeife auch niemanden. Ich bin im Sinne des sittenwidrigen Betäubungsmittelgesetzes ein Verbrecher – und dazu stehe ich. Somit bin ich eine Gefahr für die Allgemeinheit und wegzusperren. Ich will keinen faulen Deal mit der Staatsanwaltschaft und fürchte die Strafe nicht. Viel schlimmer wäre es, wenn ich mich selbst bestrafte, indem ich andere und mich selbst verraten würde. Ich gucke lieber guten Gewissens in Unfreiheit in den Spiegel, als in Freiheit vor meinem eigenem Antlitz ausspeien zu müssen. So, Leute! Mehr gibt’s nicht zu sagen. Die Hoffnung stirbt zuletzt – schließlich haben auch Pechvögel Flügel. Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja noch mal Aufwind. Und dann fange ich selbstverständlich von vorne an.

 

(Das fernmündlich geführte Interview mit Karl wurde von Sadhu van Hemp protokolliert, zusammengefasst und zum Schutze des Delinquenten und anderer Beteiligter, was Orts-, Zeit- und Namenangaben betrifft, soweit verändert, dass von Seiten der Strafverfolgungsbehörden keinerlei Rückschlüsse gezogen werden können.)

3 Antworten auf „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

  1. mr.tomtola

    .,hut ab vor dem mann,ganz alte schule.respekt das du dicht gehalten hast,bei btm fällen wird meiner meinung durch aussagen viel unnötiges leid gesorgt,und über neunzig prozrent können ihren mund nicht halten..nochmal alles gute an den amigo.vielleicht haste ja glück und die bayern sind mal gnädig.wünsch dir noch nen paar gute jahre in feiheit

  2. Mörnest

    Wer nennt ihn hier einen Verlierer? Dieser Mann hätte zu Recht den Titel Deutscher Mr. Nice verdient, oder besser einen ganz eigenen. Jemand der nicht gleich alle verrät ist eher ein Held als jemand der zwar Millionen Umsetzt, selber gar nicht konsumiert und jeden über die Klinge springen lässt. Ihm hat ein großer Teil es zu verdanken Jahre lang was zum Rauchen gehabt zu haben. Wo bleibt ein Film über sein Leben? Das schreit nach ner Komischen Tragödie. Oder so einen Film wie Midnightexpress.

  3. Ralf

    (Das fernmündlich geführte Interview mit Karl wurde von Sadhu van Hemp protokolliert, zusammengefasst und zum Schutze des Delinquenten und anderer Beteiligter, was Orts-, Zeit- und Namenangaben betrifft, soweit verändert, dass von Seiten der Strafverfolgungsbehörden keinerlei Rückschlüsse gezogen werden können.)

    Alleine diese aus Sicherheitsgründen notwendige Formulierung sagt schon viel aus, in was für einem Staat wir wirklich leben. Leider gibt es zur Zeit auf der Welt keinen einzigen, die Menschenrechte wirklich achtenden, Rechtsstaat der diesen Namen auch verdient.
    Karl ist kein Verbrecher, der soll sich das ja nicht auch noch selbst einreden, er hat nur verkauft, WAS ER AUCH SELBST KONSUMIERT. Die Prohibitionisten sind die Verbrecher und Schuld am Elend von millionen Verfolgten, die auch nur verkaufen, wozu sie durch den eigenen Konsum legitimiert sind, egal welche verbrecherischen Gesetze die braunen Prohibitionsmörder auch mal wieder machen.

    [… „Wir wussten, dass wir es nicht illegal machen konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber indem wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren, und beides streng kriminalisierten, konnten wir diese Bevölkerungsgruppen schwächen. Wir konnten ihre Anführer festnehmen, Razzien in ihren Häusern durchführen, ihre Treffen auflösen, und sie Abend für Abend in den Nachrichten diffamieren. Wussten wir, dass wir logen, was die Drogen anging? Natürlich wussten wir das.“ …]
    Zitat: John Ehrlichmann, ehemaliger Nixon-Berater.

    Die prahlen ja in ihrer grenzenlosen Arroganz auch noch immer mit ihren Verbrechen. Mich erinnert dieses Zitat stark an das Interview welches der Nazimörder Eichmann einem Journalisten in Argentinien gegeben hat, worin er auch noch ebenso großkotzig wie oben das Sch..in bedauert, daß er nicht alle 10 Millionen Juden abgemurksen konnte sondern nur 6.

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