Freitag, 29. Juli 2016

Yucca-Palmen

 

Ethnobotanische Betrachtung

 

yucca-palmen-pflanze-berger

 

 

Markus Berger

 

Die populären Palmlilien, die Yucca-Palmen, kommen allesamt vom amerikanischen Kontinent und entstammen der botanischen Familie der Agavaceae (Agavengewächse). Die Gattung Yucca umfasst etwa 40 Arten, von denen einige als Heilpflanzen gegen Dysenterie gelten und andere für vielfältige medizinische und hygienische Zwecke und auch als Nahrungsmittel bzw. diätische Nahrungsergänzung und allgemeine Gebrauchspflanzen genutzt werden.

 

Seit Hunderten von Jahren haben Indianer der südwestlichen USA und Nord-Mexikos die Yucca in Gebrauch. Verschiedene Stämme, beispielsweise die Apachen in Arizona, nutzen die Pflanzen bis heute, hauptsächlich für hygienische Zwecke. Die Apachen benutzen die Fasern der Yuccablätter, um Zahnseide und Seile herzustellen. Früher bereiteten die Indianer aus Yuccafrüchten und Wacholderbeeren sowohl eine Soße als auch ein alkoholisches Getränk. Yucca-Blüten werden roh als Salat oder gekocht als Gemüse gegessen. Die unreifen Schoten werden gebraten und die getrockneten Yucca-Schoten und -Samen zu Mehl verarbeitet. Auch Vögel und andere Säugetiere lieben Yucca-Früchte. Die Palmlilien-Arten werden außerdem bis heute von den Hopi, den Papago und den Ute-Indianern (aus Utah) für eine Vielzahl anderer nicht medizinischer Zwecke genutzt, beispielsweise zur Herstellung von Sandalen, Riemen, Tüchern, Körben, Kordeln und Matten. Die Zuni benutzen eine Seifen-Mischung aus Yucca-Saft und der Aster-Spezies Aster falcatus var. commutatus (TORR. et GRAY) JONES (oder auch dem Süßgras Buchloe dactyloides (NUTT.) ENGELM.), um das Haarwachstum neugeborener Babys anzuregen. Die Navajo binden ein Bündel aus Yuccafasern, um es als Bürste für Reinigungsmetaten zu benutzen (eine Metate ist ein Mörserstein, also ein Stein, der zum Zerkleinern von verschiedenen Materialien verwendet wird). Das bittersüße braune Yucca-Extrakt wird auch als Zusatz für Eiscreme und andere Nahrungsmittel benutzt. Das Extrakt der Yucca schidigera ROEZL ex ORTGIES (Syn.: Yucca aloifolia; Mojave Yucca, Spanish Dagger) wird außerdem als Additiv für Tiernahrung verwendet. Es soll angeblich die Darmaktivität beschleunigen, Stuhl- und Uringerüche verringern und die Verdauung bei Hunden und Katzen verbessern. Das Extrakt kann der Tiernahrung auch in Form von Tropfen oder eines Sprays hinzugefügt werden. Einige Studien belegen, dass mit Yucca schidigera-Extrakt ergänztes Tierfutter das schädliche Ammoniak-Gas im Exkrement von Geflügel, Schweinen, Kühen und Pferden deutlich verringern kann. Eine derartige Abnahme des Ammoniakspiegels kann sowohl die Ei- als auch die Milchproduktion bei Hühnern bzw. Kühen erhöhen.

 

Diverse indigene Völker Amerikas verarbeiten Wurzelextrakte der Spezies Yucca aloifolia L., Yucca baccata TORR., Yucca elata (ENGELM.) ENGELM., Yucca filamentosa L. und Yucca glauca NUTT. zu Seife. Yucca glauca wird außerdem als Haar-Shampoo und die Fasern der Yucca filamentosa zur Herstellung von Textilien und Seilen verwendet. Außerdem werden aus diversen Yucca sp. Körbe geflochten. Yucca gloriosa L. ist ethnobotanisch als Wasch- und Spülmittel in Gebrauch. Ein Extrakt aus Yucca schottii ENGELM. wird industriell als Schaumstabilisator für Getränke verwendet. Yucca schidigera ist als Zahnpasta und Nahrungsergänzung zur metabolischen Entgiftung in Gebrauch. Yucca whipplei TORR. wird in Südkalifornien sowohl Mescal als auch Maguey (Trivialname für die Agave) genannt. Dies könnte möglicherweise eine Anspielung auf psychopharmakologische Effekte der Pflanze sein, könnte aber auch die Tradition der Alkohol-Bereitung aus Yucca-Arten assoziieren. Immerhin wird aus den Früchten bzw. stärkehaltigen Wurzelknollen einiger Yucca-Spezies, zum Beispiel Yucca baccata TORR., Yucca macrocarpa COVILLE und Yucca treculeana CARR., ein ‚Aguardiente’ genannter Schnaps destilliert. In Peru werden Yucca-Arten auch zum Brauen von Bier genutzt.

 

Die heilkräftigen Yuccas

 

Die Yucca-Arten werden ethnomedizinisch hauptsächlich gegen Arthritis, Schmerzen und Entzündungen gebraucht. Dabei wirkt Yucca am besten gegen Arthritis, wenn sie über einen längeren Zeitraum eingenommen wird. Die indigenen Völker Amerikas nutzen den Saft der Yucca-Blätter für Packungen oder Bäder zur Behandlung von Hautverletzungen, Verrenkungen und Verstauchungen, Entzündungen und Blutungen. Yucca wird heute zur Therapie von Osteoarthritis und rheumatischer Arthritis verwendet. Im Allgemeinen wird aus dem Wurzelextrakt diverser Yuccas eine Alternativmedizin bereitet, überwiegend Diuretika und Brechmittel. Dieses Yucca-Extrakt wird benutzt, um eine Vielzahl von Leiden und Erkrankungen zu behandeln, zum Beispiel Migräne, Colitis, Geschwüre, Wunden, Gicht, Schleimbeutelentzündung, Bluthochdruck und hohen Cholesterinwert. Leber-, Nieren- und Gallenblasenstörungen werden ebenso mit Yucca-Extrakt therapiert.

Yucca aloifolia L. gilt als Brechmittel und Diuretikum und wirkt außerdem lungenstärkend und lindernd bei tumoralen Leiden. Einige Indianer-Stämme nutzen Yucca-Seife gegen Schuppen und Haarausfall und bereiten eine gegen Hautausschläge wirksame Yucca-Hautcreme. Yucca australis (ENGELM.) TREL. wird zur Bekämpfung von Katarrhen in Likörform aufbereitet. Yucca baccata TORR. ist Antidot bei Schlangenbissen. Gegen Gonorrhoe und als Brechmittel benutzen einige Indianer die Yucca brevifolia ENGELM. Die Faden-Palmlilie Yucca filamentosa L. enthält Steroidsaponine (Tigogenin, Sarsapogenin, Gritogenin) und ein ätherisches Öl und wird als Laxans sowie gegen Kopfschmerzen, Gallenstein und andere Gallenleiden, Depressionen, Drüsenleiden, Gonorrhoe, Hepatitis, Entzündungen, Reizbarkeit, Lebererkrankungen, Melancholie, Nervosität, Rheuma und Zungenkrankheiten eingesetzt. Die homöopathische Potenz Yucca filamentosa HAB34 aus frischen Pflanzenteilen wird bei Erkrankungen der Galle, der Leber, der Haut und der Bauchspeicheldrüse angewendet. Zur Wundverheilung, insbesondere von Frakturen, Verstauchungen und Schwellungen sowie als wirksames Hämostatikum, wird Yucca glauca NUTT. appliziert. Yucca gloriosa L. ist ein Antiseptikum, Bakterizid und Brechmittel und wird gegen Asthma, Bronchitis, Dysenterie, Ödeme, Hämorrhagie, Lepra, Tuberkulose, Rheuma und zur Wundverheilung benutzt. Yucca torreyi SHAFER gilt ethnomedizinisch als Hustenmittel, Yucca treculeana CARR. als Emetikum. Die trockenen Blätter der Yucca schottii ENGELM. (Yuccae schottii folium) enthalten die Saponine Sarsapogenin und Yuccageninglykosid und werden innerhalb der mexikanischen Ethnomedizin gegen Arthritis und rheumatische Beschwerden angewendet. Yucca schidigera wird seit langem verwendet, um ein breites Spektrum von Krankheiten, insbesondere Kopfschmerzen, Gonorrhoe, Arthritis und Rheumatismus, zu behandeln. Aus Wurzeln und Blättern dieser Art werden Brechmittel und Diuretika bereitet. Um eine Seifenlösung herzustellen, wird die (verrottende) Wurzel zerquetscht und gekocht. Es heißt, dass Frauen, die diese Seifenlösungen trinken, in die Wechseljahre kommen und unfruchtbar werden.

 

Die medizinischen Eigenschaften der Pflanze begründen sich in der Anwesenheit von Saponinen, also in Cortisonvorläufern, die die Freisetzung von Giftstoffen im Darm verhindern. Saponine werden von den adrenalen Drüsen produziert. Sie kommen in vielen Nahrungsmitteln vor, zum Beispiel in Bohnen. Saponine sind für Menschen zwar giftig, doch werden sie nur schlecht vom Körper aufgenommen. Durch Erhitzen, etwa langsames Backen, werden die seifenartigen Substanzen zerstört. Für Fische sind diese wesentlich toxischer, weshalb viele Indianerstämme die Yucca auch als Fischgift, oftmals nur zum Betäuben, benutzen. Die Standarddosierung für konzentrierte Yucca-Saponine liegt bei zwei bis vier Tabletten bzw. Kapseln am Tag. Yucca-Saponine sind auch als Tee verfügbar, durchschnittliche Dosierung sind drei bis fünf Tassen pro Tag. Die Kapseln und Tabletten können über Reformhäuser und Apotheken bezogen werden.

Innerhalb der Wissenschaft ist die Yucca-Palme nur unzulänglich erforscht. Daher sind etwaige Gefahren und Nebenwirkungen, auch und gerade für Kinder, Schwangere und stillende Mütter, nieren-, herz- oder leberkranke Menschen und Krebspatienten nicht bekannt, aber auch nicht ausschließbar. Aus Yucca extrahierte Saponine gelten im Allgemeinen und bei sachgemäßer Anwendung als sicher, immerhin werden die Pflanzen seit Jahrhunderten von der nativen amerikanischen Bevölkerung als Medizin und Nahrungsmittel verwendet. In den vergangenen Jahren wurde einzig über einige seltene Fälle von Unverträglichkeiten in Form von Diarrhöe und Übelkeit nach Einnahme von Yucca berichtet. Langfristiger Gebrauch von Yucca-Extrakt kann allerdings die Absorption der Vitamine A, D, E und K behindern.

 

 

Bibliografie:

 

Bell, Willis H.; Castetter, Edward F. (1941), Ethnobiological Studies in the Southwest VII. The Utilization of Yucca, Sotol and Beargrass by the Aborigines in the American Southwest, University of New Mexico Bulletin 5(5): 1-74.

 

Duke, James A. (2004), Internet Ethnobotany Database, http://www.ars-grin.gov/duke/

 

Elmore, Francis H. (1944), Ethnobotany of the Navajo, Sante Fe, NM.: School of American Research

 

Foster, Steven; Tyler, Varro E. (1999), Tyler’s Honest Herbal: A Sensible Guide to the Use of Herbs and Related Remedies, Binghamton, NY: The Haworth Press, Inc.

 

Gilmore, Melvin R. (1913), Some Native Nebraska Plants With Their Uses by the Dakota, Collections of the Nebraska State Historical Society 17: 358-70.

 

Gilmore, Melvin R. (1919), Uses of Plants by the Indians of the Missouri River Region, SI-BAE Annual Report #33

 

Hart, Jeffrey A. (1981), The Ethnobotany of the Northern Cheyenne Indians of Montana, Journal of Ethnopharmacology 4: 1-55.

 

Heinerman, John (1990), Aloe Vera, Jojoba, and Yucca, Chicago: Keats Publishing

 

Hiller, Karl; Melzig, Matthias F. (2003), Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen, Heidelberg / Berlin: Spektrum Akademischer Verlag

 

Johnston, Alex (1987), Plants and the Blackfoot, Lethbridge, Alberta: Lethbridge Historical Society

 

Jones, Volney H. (1931), The Ethnobotany of the Isleta Indians, University of New Mexico, M.A. Thesis

 

Kavasch, E. Barrie; Baar, Karen (1999), American Indian Healing Arts: Herbs, Rituals, and Remedies for Every Season of Life, New York: Bantam Books

 

Lynch, Regina H. (1986), Cookbook. Chinle, A-Z, Navajo Curriculum Center: Rough Rock Demonstration School

 

McClintock, Walter (1909), Medizinal- Und Nutzpflanzen der Schwarzfuss-Indianer, Zeitschrift fur Ethnologie 41: 273-279.

 

Miller, Lucinda G.; Wallace, J. Murray (1999), Herbal Medicinals: A Clinician’s Guide, Binghamton, NY: The Haworth Press, Inc.

 

Miyakoshi, M. et al. (2000), Antiyeast Steroidal Saponins from Yucca schidigera (Mohave Yucca), a New Anti-Food-Deteriorating Agent, Journal of Natural Products 3: 332-338.

 

Null, Gary (1998), Secrets of the Sacred White Buffalo, Paramus, NJ: Prentice Hall

 

Nyerges, Christopher (1997), Naturally Clean: How to Find and Use Some of Nature’s Most Common Soaps, Mother Earth News Aug./Sept.: 18-19.

 

Rätsch, Christian (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT Verlag

 

Robbers, James E.; Tyler, Varro E. (1998), Tyler’s Herbs of Choice: The Therapeutic Use of Phytomedicinals, Binghamton, NY: The Haworth Press, Inc.

 

Robbins, W.W., Harrington, J.P.; Freire-Marreco, B. (1916), Ethnobotany of the Tewa Indians, SI-BAE Bulletin #55

 

Rogers, Dilwyn J. (1980), Lakota Names and Traditional Uses of Native Plants by Sicangu (Brule) People in the Rosebud Area, South Dakota, St. Francis, SD: Rosebud Educational Scoiety

 

Stevenson, Matilda Coxe (1915), Ethnobotany of the Zuni Indians. SI-BAE Annual Report #30

 

Stoffle, Richard W.; Evans, Michael J.; Olmsted, John E. (1990), Calculating the Cultural Significance of

American Indian Plants: Paiute and Shoshone Ethnobotany at Yucca Mountain, Nevada, American Anthropologist 92: 416-432.

 

Swank, George R. (1932), The Ethnobotany of the Acoma and Laguna Indians, University of New Mexico: M.A. Thesis

 

Vestal, Paul A. (1952), The Ethnobotany of the Ramah Navaho, Papers of the Peabody Museum of American Archaeology and Ethnology 40(4): 1-94.

 

Wang, Y. et al. (2000), Effect of Steroidal Saponin from Yucca schidigera Extract on Ruminal Microbes, Journal of Applied Microbiology: 887-896.

 

Weber, Steven A.; P. Seaman, David (1985), Havasupai Habitat: A. F. Whiting’s Ethnography of a Traditional Indian Culture. Tucson, The University of Arizona Press

 

Wells, Ken R. (1995), Gale Encyclopedia of Alternative Medicine, http://www.findarticles.com/p/articles/mi_g2603/is_0007/ai_2603000747

 

White, Leslie A. (1945), Notes on the Ethnobotany of the Keres, Papers of the Michigan Academy of Arts, Sciences and Letters 30: 557-568.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.