Dienstag, 26. Juli 2016

High fliegt’s sich höher  

 

von Sadhu van Hemp

 

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450 Millionen Menschen sind süchtig nach Basketball. Die Wiege dieser Sucht steht in Springfield (USA), wo 1891 zwei Pfirsichkörbe aufgehängt wurden, um darin Bälle zu versenken. Was in Europa der Fußball ist, das ist in den USA das Korbballspiel – nur mit dem kleinen Unterschied, dass die Akteure des „körperlosen Spiels“ nicht mit Bier duschen, sondern mit einem Joint entspannen. 70% der NBA-Profis rauchen Pot, weiß die „New York Times“ zu berichten. Einer dieser „Skywalker“ verirrte sich anno 1975 nach Westberlin – und setzte eine Duftmarke, die bis heute dort zu riechen ist, wo Körbe hängen.

 

High, Clifford, du olles Drogenwrack! Du hast also den Anti-Drogen-Krieg überlebt und bist über Berlin, Antwerpen und Amsterdam zurück nach Los Angeles, wo du heute Teilhaber einer „Medical Marijuana Dispensary“ bist und in direkter Nachbarschaft zu deinem alten UCLA- Kommilitonen Kareem Abdul-Jabbar wohnst. Wir sehen, dir geht’s prächtig im Kreis deiner Familie. Doch bevor wir die nächste Tüte rauchen, erzähl mal unseren Lesern von deiner Zeit als Basketballprofi in Good Old Germany.

 

Erst mal schön, euch nach so viel Jahrzehnten wiederzusehen, Brüder! Mein Gott, was waren wir damals jung! Und ich war sportinvalide dazu, nachdem ich beim Football fast alle Zähne verloren und einen Wirbelbruch erlitten hatte. Zum Glück war ich ja noch Basketballspieler, zwar nicht gut genug für die NBA, aber für euer Entwicklungsland reichte meine Kunst völlig aus. Damals gab es einen Mann, Jim McGregor, der Spieler ohne Profivertrag in den USA einsammelte und in Europa verhökerte… und so bin ich einfach mit. Mein Nachteil war, dass ich für die Spitzenclubs in Israel, Italien und Spanien zu klein war. Centerspieler waren gefragt, und keine Playmaker. Mein Schicksal entschied sich dann in Bamberg, wo der Rest unseres Haufens wie Zuchtbullen auf einer Auktion versteigert wurde. Das war echt gruselig, als am Ende nur noch ich übrigblieb. Ich sah mich schon unverrichteter Dinge zurückzufliegen. Doch dann tauchte der Vereinspräsident eines Zweitligaclubs auf, überreichte meinem „Besitzer“, ohne vorher mein Gebiss überprüft zu haben, ein paar Scheinchen – und ab ging es auf die Autobahn Richtung Osten.

 

Und das war dann blanker Horror für dich. Damals gab es noch die DDR, und du hattest keinen blassen Schimmer, wohin die Reise geht.

 

Au Mann, das war nicht spaßig. Ich dachte echt, der bringt mich hinter den Eisernen Vorhang nach Nord-Korea. So ausgeliefert gefühlt habe ich mich nie wieder. Wusste ja nicht, dass es da in der Finsternis noch einen Leuchtturm des Kapitalismus gibt. Im Nachhinein kommen mir die vier Stunden Autofahrt durch Dunkeldeutschland wie eine halbe Ewigkeit vor. Mein neuer Besitzer kaufte mir auf der nächsten Raststätte im Intershop eine Pulle Jim Beam, um mich einigermaßen ruhigzustellen. Doch dann kam die Überraschung in Gestalt des Kurfürstendamms, der mir sofort das Gefühl gab, dass ich an einem guten Ort angekommen war.

 

Und dann standest du vor unserer Tür und wurdest von deinem „neuen Eigentümer“ einfach in unserer Spieler-WG abgeladen.

 

Das war echt bizarr. Ihr wisst ja, man muss sich riechen können. Und euch konnte ich sofort riechen, zumal eure Hippiebude nach Haschisch und Rouladen roch. Ja, Rouladen waren es, mit Rotkohl und Kartoffeln, die eure Mitbewohnerin auftischte. Dieser Abend bleibt mir unvergessen, denn es gab auch tüchtig Bier zu den Joints, die wir uns bis morgens reinzogen. Nicht zu vergessen eure Mitbewohnerin der Damenmannschaft, die mich kurzerhand neben sich in ihrem Bett schlafen ließ.

 

Ach, guck an! Haben wir damals in unserer Breitheit gar nicht mitbekommen. Doch mal Hand aufs Herz, Cliff! Im Grunde war es ein Fehler, dass du die ersten Wochen bei uns auf dem Besuchersofa campiert hast. Schließlich waren wir es, die dich auf die schiefe Bahn gebracht haben.

 

Nein, der Weg, so wie ich ihn in Berlin und anschließend in den Beneluxländern gegangen bin, war vorgezeichnet. Westberlin war damals voll mit amerikanischen Soldaten, die in der Halbwelt der geteilten Stadt Party feierten und mich zum Mitmachen animierten. Zudem bestand unser Team ja fast nur aus solchen Typen wie euch, die zwar Talent hatten, aber den Sport nur als Hobby auffassten. Von Professionalität nicht die Spur. Ich war der einzige, der mit ein bisschen Handgeld und in Naturalien bezahlt wurde. Was will man da erwarten? Sofortigen Aufstieg in die erste Liga? Nee, da war nicht mehr drin – für beide Seiten. Ich hatte meine Bude am Ku’damm, meinen Ford Capri und bekam neue Zähne geschenkt. Hatte ich einen Wunsch, bin ich zu den Mäzenen des Clubs, und die haben mich freigehalten. Selbst die gemeinsamen Besuche im „Bel Ami“ wurden spendiert. Da habe ich dann auf Vereinskosten mit den Herthanern im Whirlpool gesessen.

 

Na toll! Und wir haben für fünfzig Mark Siegprämie und ein Schulterklopfen des Vereinspräsidenten geschwitzt. Während du massiert wurdest, mussten wir selbst Hand anlegen.

 

Na nun, ich war der Local Hero und ihr nur die langhaarigen Amateure, die mich auf dem Parkett umrahmten. Glaubt mal nicht, dass das immer angenehm war, sich von den Honoratioren der Stadt als Exot vorführen zu lassen. Außerdem: Dass wir etwas zu oft verloren haben, war nicht meine Schuld. Ich habe immer meine zwanzig und mehr Punkte gemacht und euch mit No-look-Pässen gefüttert. Wenn ihr in eurer Breitheit nicht springen könnt und die einfachsten Korbleger verlegt – was kann ich dafür? Immerhin sind wir nicht abgestiegen! Und ehrlich mal, Brüder: Die Hauptsache war doch der Spaß, den wir hatten, wenn wir auf unseren Auswärtsfahrten nach der Dritten Halbzeit eine Verlängerung nach der anderen spielten. Erinnert euch, wie uns die Mädels in der wesdeutschen Provinz anhimmelten, wenn wir in den Discos auftauchten.

 

Stimmt, Cliff, das wollen wir nicht vergessen. Schön war die Zeit. Deine Abdankung war dann aber leider auch von Undank geprägt – von Seiten der Vereinsmeier.

 

War aber nachvollziehbar. Der Club wollte auf die Erfolgsspur, und dazu war unsere Kiffer-Truppe einfach nicht geeignet. Wäre ich Trainer gewesen, ich hätte uns alle ins Bootcamp gesteckt. Wenn der Coach nach dem Freitagabendtraining anordnete, sofort ins Bett zu gehen, sind wir am nächsten Morgen direkt aus dem Nachtclub zum Flughafen. Die Hälfte der Mannschaft hat geraucht und gekifft, der Rest hat gesoffen. Nein, das war schon klar, dass meine und eure Zeit mit zunehmender Professionalisierung des Basketballs abläuft. Und so war es eben nicht verwunderlich, dass der Club einen zweiten Amerikaner engagiert, der mir Konkurrenz bietet. Und da damals nur ein Ausländer pro Team erlaubt war, konnte ich mir an einem Finger abzählen, dass ein Eigentümerwechsel anstand.

 

Das war wirklich bitter damals. Zumal Dein Nachfolger ein Weißer mit ausgeprägter „Bodenhaftung“ war, der im Alleingang gänzlich humorbefreit und nüchtern die Spiele verlor.

 

Nun gut, immerhin hat mich der Vereinspräsident noch in der Off-Season als Türsteher in der „Villa Rasputin“ untergebracht, bevor ich im Herbst 1977 zu einem westdeutschen Provinzclub im Frankfurter Raum wechselte und berufsbegleitend an meiner zweiten Karriere als Btm-Fachhändler bastelte. Die letzten Stationen in Europa waren dann Belgien und die Niederlande, bis mir der Boden schließlich doch zu heiß wurde. Nach Deutschland habe ich mich schon gar nicht mehr getraut. Alles in allem bin ich von meinem Europa-Trip ohne blaues Auge, aber mit gefestigter Persönlichkeit nach L.A. zurückgekehrt, wo mich Kareem Abdul-Jabbar in die kalifornische Community re-integrierte und Zugang zu allerlei neuen Herausforderungen verschaffte.

Aber das ist eine andere Geschichte. Der Way of Life hat mich mit der „Medical Marijuana Dispensary“ ans Ziel geführt, und ihr ollen europäischen B-Ball-Gamblers habt ein Stück dieses Weges mit Haschisch gepflastert – dem Stoff der selbst greisen und sportinvaliden Sportlern noch Geschmeidigkeit und Flügel verleiht. Ex-Profis sind unsere besten Kunden. Und wenn ich mir euch Vögel so angucke, höre ich förmlich das Knacken eures Knochengerüsts. Aber wie ich sehe, wisst ihr Potheads, wie man mit Würde sein Leid erträgt. So gesehen folgt der Schluss, dass wir in unserer aktiven Zeit schon alles richtig gemacht haben und den jungen Spielern gute Vorbilder sind.

 

Clifford, thanks für die kleine Reminiszenz an die gute alte Zeit, als in der Bundesliga noch mit Cannabis gedopte Basketballspieler ungestraft um Ruhm und Ehre spielen durften.

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