Freitag, 20. Mai 2016

Angewandte Ethnopharmakologie

 

Ethnobotanische Giftspritzen – Teil 1

 

 Gartenhortensie-Hortensie-Blüte-Ethnopharmakologie-Psychonautik

von Markus Berger

 

 

In der Gruppe jener Pflanzen, die in unserer Klimazone nicht heimisch sind und aufgrund mangelnder Winterhärte im Kübel kultiviert und überwintert werden, existiert eine Reihe von giftigen Gattungen oder Arten. Das ist zunächst nicht verwunderlich, denn immerhin sind die toxischen Gewächse über den gesamten Erdball verteilt. Die Gefahr, die aber von einigen Pflanzen ausgeht, ist nicht immer auch bekannt. So enthalten beispielsweise der Granatapfel, die Gartenhortensie und auch der Brasilianische Korallenstrauch Wirkstoffe, die erhebliche Risiken bergen. Zum Beispiel für Kinder und Haustiere, die Pflanzenteile kauen oder schlucken. Und auch für jene Zeitgenossen, die Anleitungen aus Büchern zur Naturheilkunde nachahmen und aus den entsprechenden Gewächsen Aufgüsse, Auszüge und andere Zubereitungen herstellen.

Die Eigenbehandlung mit selbstgemachten Pflanzenheil- und Rauschmitteln erfährt in dieser Zeit eine zunehmende Popularität, das Wissen um die natürlichen Medizinalien und deren nicht immer nur positive Wirkung ist hingegen nur sehr sparsam gestreut. Daher beschreibe ich in vorliegendem Artikel eine Auswahl von ethnobotanischen Kübelpflanzen mit toxischen Qualitäten, deren Aussehen, Pflege, Inhaltsstoffe und Giftwirkungen.

 

 

Australische Silbereiche, Grevillea robusta

Proteaceae, Silberbaumgewächse

 

Die Australische Silbereiche stammt, wie der Name vermuten lässt, aus Australien, ist aber heutzutage ein Neophyt Südafrikas und Südamerikas. Das Silberbaumgewächs kann bis zu fünf Meter hoch werden und trägt gefiederte Blätter. Der Flor, der in Kübelkultur nur sehr selten bis nie erscheint, wird im Sommer ausgebildet und blüht in gelblichen bis orangen Tönen.

 

Pflege:

Das Gewächs steht gern in einem leicht gedüngten Substrat aus Lauberde, Lehm und Sand. Ein nicht zu sonniger, aber dennoch warmer Standort wird bevorzugt. Im Sommer täglich, aber moderat wässern. Auch in der Überwinterung nie vollständig austrocknen lassen. Vermehrung über Aussaat und Stecklinge.

 

Inhaltsstoffe:

Grevillea robusta enthält Grevillol-5-Alkylresorcine. Berührung kann zu Hautreizungen und Allergien führen.

 

Die Australische Silbereiche ist ein Gewächs des ökologischen Landbaus der Tropen, zum Beispiel innerhalb der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tropischer Bergländer. Aus dem Holz werden unter anderem Möbel und Parkettmaterialien gefertigt.

 

 

Brasilianischer Korallenstrauch, Erythrina crista-galli

Fabaceae/Faboideae, Schmetterlingsblütengewächse

 

Der brasilianische Korallenstrauch stammt, wie wiederum der Name verrät, aus Brasilien und ist ein bis zu drei Meter hoher Strauch oder Baum mit dreizähligen, ovalen Blättern. Die fleischigen und roten Blüten erscheinen von Juli bis Oktober.

 

Pflege:

Der Korallenstrauch gedeiht gut in handelsüblichem Kübelpflanzensubstrat und muss regelmäßig gedüngt werden. Ein vollsonniger Standort wird bevorzugt. Während der Vegetationsphase kräftig, aber nicht übermäßig wässern. Die Pflanze sollte im Frühjahr ausgelichtet werden und während der Überwinterung nie ganz austrocknen. Vermehrung über Aussaat und Stecklinge.

 

Inhaltsstoffe:

Erythrina crista-galli enthält hoch giftige Isochinolin-Alkaloide, zum Beispiel Erythratin, Erythramin und Erythralin und andere. Diese Stoffe kommen in der gesamten Pflanze vor, sind aber in den Samen am stärksten konzentriert.

 

Die Giftwirkung des Korallenstrauchs ähnelt der des indianischen Pfeilgifts Curare und äußert sich zunächst in einer Art Rauschwirkung, die sich durch übersteigerte Heiterkeit auszeichnet. Später kommen Bluthochdruck, Fieber und Bewusstseinsstörungen hinzu. Innerhalb weniger Tage kann es zum Tod kommen. In Brasilien wird die Pflanze als Schattenspender auf und um Kaffeeplantagen gepflanzt.

 

 

Gartenhortensie, Hydrangea macrophylla

Hyrangeaceae, Hortensiengewächse

 

Die verschiedenen Zuchtformen der Gartenhortensie können im Kübel wie auch im Freiland kultiviert werden. Einige Züchtungen sind robust, zum Beispiel die ‚Blue Wave‘ und die ‚Bouquette Rose‘, andere sind weniger frosthart und sollten im Kübel gehalten und überwintert werden, beispielsweise die Sorte ‚Masja‘. Die Gartenhortensie stammt aus Japan und ist ein bis zu eineinhalb Meter hoher und buschiger Strauch mit eiförmigen Blättern. Die Blüten, die von rein weißer bis bläulicher oder rosaroter Farbe sind, erscheinen – je nach Varietät und Form – von Juni bis September.

 

Pflege:

Hydrangea macrophylla benötigt ein durchlässiges und nährstoffreiches Substrat und einen sonnigen bis halbschattigen Standort. Während der Vegetationsperiode regelmäßig und kräftig wässern, aber Staunässe vermeiden. Ab und zu düngen. Nach der Blüte empfiehlt es sich, die Triebe zurückzuschneiden. In der Überwinterung sollte die Gartenhortensie an einen hellen, aber recht kühlen Standort verbracht werden und niemals ganz austrocknen. Vermehrung über Stecklinge.

 

Inhaltsstoffe:

Die Gartenhortensie enthält Saponine, das Glykosid Hydrangin und das Iso-Cumarin Hydrangenol.

 

Besonders für Haustiere, aber auch für Vögel und Hasen ist die Gartenhortensie eine Gefahr. Die Wirkstoffe verursachen Kreislaufstörungen und Magen-Darm-Probleme. Auch der Mensch kann sich vergiften. Allerdings nur, wenn Pflanzenmaterial eingenommen wird. Dann können Beklemmungen und Schwindel die Folge sein. Gelegentlich wird auch von Kontaktallergien berichtet. Medizinisch wird die Hortensie als harntreibendes Mittel genutzt, homöopathisch zur Behandlung von Blasenstein.

 

 

Granatapfelbaum, Punica granatum

Lythraceae, Weiderichgewächse

 

Punica_granatum_var._nana (Zwerg Granatapfel)
Bild: Markus Berger

 

Der Granatapfel stammt aus dem vorderen Orient und ist im westlichen und mittleren Asien verbreitet. Wegen seiner Bedeutung als Nutzpflanze wird der Granatapfelbaum heute in vielen wintermilden Gebieten angebaut. Punica granatum ist ein bis zu fünf Meter hoher Strauch oder Baum mit ledrigen, lanzettlichen und glänzenden Blättern. Die glockenförmigen Blüten sind von hellgelber bis oranger Farbe und blühen von Juni bis August (September). Die apfelartigen Früchte, die von September bis in den Dezember erscheinen, sind von großer kultureller Bedeutung.

 

Pflege:

Die Pflanze benötigt ein durchlässiges Substrat und einen vollsonnigen oder aber auch halbschattigen, jedoch immer warmen Standort. Während der Wachstumsperiode moderat wässern, selbst kürzere Trockenzeiten schaden dem Gewächs nicht. Im Winterquartier mäßig feucht halten. Die Vermehrung geschieht vorzugsweise per Aussaat.

 

Inhaltsstoffe:

Punica granatum enthält in der Rinde der Wurzel diverse toxische Alkaloide, hauptsächlich den Wirkstoff Pseudopelleterin, und Polyphenole. Die Granatapfelfrucht enthält Anthocyane, Flavonoide, Polyphenole, Vitamin C, Eisen, Kalzium und Kalium.

 

Der Granatapfel galt schon den alten Griechen als Symbol der Fruchtbarkeit und wird mehrfach in der Bibel erwähnt. Hier ist er unter anderem von Bedeutung, weil er angeblich 613 Kerne haben soll, was der Anzahl der Gesetze des Alten Testaments entspricht. Die Frucht wird vielfältig genutzt, zum Beispiel als Nahrungsmittel und zum Färben von Textilien. Medizinische Bedeutung hatten einst die Wurzel, die Rinde und die Fruchtschale. Sie wurden im Mittelalter als Abkochung gegen Wurmbefall verwendet. Zubereitungen aus Granatapfel sollen krebshemmende Eigenschaften aufweisen. Die Wurzelrinde kann allerdings eine gefährliche Senkung des Blutdrucks hervorrufen.

 

 

Oleander, Nerium oleander

Apocynaceae/Apocynoideae, Hundsgiftgewächse

 

Bild: Markus Berger

 

Der Oleander stammt aus dem Mittelmeergebiet und ist wegen mangelnder Winterhärte bei uns ausschließlich im Kübel kultivierbar. Diese bis zu fünf Meter hohe Pflanze hat ledrige und lanzettliche Blätter, weißliche oder rosafarbene Blüten, die von Juli bis in den September (Oktober) blühen, und eine glatte Rinde. Der Oleander ist eine ganz besonders beliebte Kübelpflanze. Daher existieren zahlreiche Zuchtformen mit den unterschiedlichsten Florfärbungen.

 

Pflege:

Der Oleander benötigt ein kräftiges und nahrhaftes Substrat, beispielsweise eine Mischung aus Lauberde, Torf und Sand. Ein vollsonniger und warmer Standort wird bevorzugt. Während des Wachstums kräftig wässern und regelmäßig düngen. Im Winterquartier, das vorzugsweise dunkel und kühl sein sollte, den Oleander nur mäßig feucht halten. Die Vermehrung erfolgt in der Regel über Stecklinge.

 

Inhaltsstoffe:

Nerium oleander enthält das herzwirksame Cardenolid Oleandrin (ein Glykosid). Die Aufnahme von etwa 20 Oleanderblättern kann tödlich sein.

 

Die Giftwirkung des Oleanders war bereits den alten Griechen bekannt. Außerdem starben nach einer Überlieferung einige Soldaten Napoleons nach dem Genuss von Fleisch, das auf Spießen aus Oleanderholz gebraten war. Der Oleander wird in der Medizin und der Homöopathie als Herztonikum, gegen Ödeme und bei Magen-Darm-Entzündungen verwendet.

 

Literatur:

 

Berger, Markus 2004. Handbuch für den Drogennotfall. Solothurn: Nachtschatten-Verlag

 

Foster. S.; Duke. J. A. 1990. A Field Guide to Medicinal Plants. Eastern and Central N. America. Houghton Mifflin Co.

 

Frohne, Dietrich; Pfänder, Hans Jürgen 2004. Giftpflanzen. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

 

Hunnius, Curt 1998. Pharmazeutisches Wörterbuch. Berlin/New York: De Gruyter

 

Rätsch, Christian 1998. Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau: AT Verlag

 

Roth, Daunderer et Kormann 1994. Giftpflanzen – Pflanzengifte. Sonderausg., Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft

 

Wichtl, Max (Hg.) 2002. Teedrogen und Phytopharmaka. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

 

2 Antworten auf „Angewandte Ethnopharmakologie

  1. Wunder von "Mutter Natur"

    Danke lieber Markus Berger für Deine fleissige Arbeit und die geduldige Wissensvermittlung. Ich freue mich immer wieder Neues zu lernen und meinen Horizont zu erweitern. Die kleinen Wunder finden sich oft am Wegesrand. Man muss nicht Milliarden Lichtjahre in’s Universum blicken, um die wunderbare Schönheit und Faszination der Natur zu entdecken. Denn wir alle sind das Universum – Teil und Ganzes – im Kleinen wie im Großen. Nur haben wir oft das Staunen verlernt. Danke für die vielen schönen Artikel zu diesen Wundern von „Mutter Natur“. 🙂

    Pflanzen helfen Menschenkindern: https://www.facebook.com/BraveMyKayla/posts/794499217346711 bin immer wieder gerührt. “This story is incredibly hopeful,” says Brian Dwyer, Waldo’s father. “It’s about plants, the people who grow them, and medicine that is sacred.” Wie eine Pflanze einem kleinen Jungen hilft einen aggressiven Augenkrebs zu besiegen…

    Liebe Grüße und schöne Tage und danke 😉

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