Samstag, 31. Oktober 2015

Interview mit einem Dealer

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage

 

 

von Fritz Fölster

 

Bild: Freeimages / Troy Stoi
Bild: Freeimages / Troy Stoi

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Ruf illegaler Drogen, wie Cannabis wird durch neue Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse immer besser. In sozialen Netzwerken wird über die Sinnlosigkeit der deutschen Cannabis-Politik diskutiert und 122 namhafte Strafrechtsprofessoren sprechen sich für eine Regulierung aus. Jeder würde von einer Legalisierung profitieren: der Staat, die Medizin und der Konsument. Wirklich jeder? Was hält der Schwarzmarkt von der Legalisierung? Würde der Staat den Dealern die Jobs wegnehmen oder erleichtern? Mit diesen Fragen habe ich mich zu einem Grasdealer begeben, nennen wir ihn Paul, um seine Meinung zu hören.   

       

Paul ist Student und ein starker Befürworter der Cannabis-Legalisierung und setzt sich aufgrund seines Eigenkonsums oder seiner Nebentätigkeit als Dealer, intensiv mit dem Thema Gras auseinander. Er dealt seit 2 Jahren ausschließlich mit Gras, andere Drogen verkauft er nicht. Im Interview spricht er über seine Anfänge, das Geschäft und die Legalisierung von Cannabis.

 

 

Wie bist du zum Dealen gekommen?

 

Ich kannte die richtigen Leute, ich hatte viele Leute die Gras brauchten und ich konnte es. Es war so, ich wollte nie viel für meinen eigenen Konsum ausgeben, deswegen habe ich dann angefangen einen 50er zu holen und sie in kleinen Mengen wieder zu verkaufen. Davon behielt ich dann immer 1g für mich. Ich war ja am Anfang auch nur ein normaler Konsument, der beim Dealer eingekauft hat. Am Anfang bekam ich auch keinen guten Kurs und habe halt das Beste daraus gemacht.

 

Hast du durchs Dealen auch einen steten Verdienst?

 

Um ehrlich zu sein achte ich darauf nicht so, ich weiß zwar, dass da was reinkommt, aber ich mach mir dazu keine Notizen. Ich bin nicht darauf angewiesen. Im ersten Jahr habe ich damit nur meinen eigenen Konsum gesponsert. Mittlerweile kann ich damit was verdienen, aber nicht so viel, weil ich die Leute nicht übers Ohr haue. Ich will einen guten Kurs geben und qualitativ gutes Gras. Der Preis ist zwar ein wenig über dem normalen Kurs, aber dafür ist dann die Qualität auch entsprechend. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es weder gestreckt ist, noch irgendwie anders verunreinigt.

 

Wie erkennst du verunreinigtes Gras?

 

Ich habe mir natürlich über die Jahre angeeignet wie man schlechtes Gras erkennt, da gibt es  mehrere einfache Techniken. Man kann es ein bisschen fühlen, man kann beim anbrennen auf die Asche gucken, man kann es ein bisschen zwischen den Zähnen kauen, um Sand zu entdecken, dann würde es knirschen.

 

Sind die Kunden hauptsächlich Freunde?

 

Ja, ich verkaufe, mittlerweile kaum, bzw. wenig an Fremde oder Freunde von Freunden. Früher war das so: ich musste so viel abdrücken wie ich konnte, weil ich ja meinen Eigenkonsum finanzieren wollte und das war am Anfang ein wenig schwer, aber es sind immer mehr dazugekommen. Ich habe dadurch auch Verbindungen sowohl mit alten Freunden aufrecht erhalten, als auch neue Freunde gefunden, die dasselbe Interesse teilen.

 

Bevorzugst du befreundete Kunden?

 

Ja, da differenziere ich schon. Für engere Freunde gebe ich manchmal einen besseren Kurs oder kleinere Mengen, da ich sonst nur noch ab 50€ verkaufe. Wenn die nach einem 10er oder 20er fragen, dann geht das klar, weil ich mich mit denen eh treffen mag.

 

Gab es mal Probleme mit Kunden?

 

Klar, ich habe manchmal auch anderes Gras bekommen, das nicht so potent oder nach wenig aussah. Da gibt es dann Fragen warum das so wenig sei? Manchmal wiegt mein Typ auch falsch ab und dann musste ich das teurer verkaufen.

 

Wie stehen deine Familie und Freunde dazu?

 

Meinen Eltern habe ich erst aufzeigen müssen, dass man für die Legalisierung von Cannabis, bei dem Potenzial, viel tun sollte. Dadurch kam dann auch das Verständnis, dass ich täglich kiffe. Früher war es dann so, dass meine Mutter gesagt hat, dass sie es nicht gut findet und dann gab es Streit deswegen. Ich habe dann auch ein paar Tage aufgehört in der Wohnung zu kiffen und bin nach draußen gegangen, was im Winter natürlich auf Dauer belastend war (lacht). Ich gehe aber sehr verantwortungsvoll damit um und meine Mutter weiß das. Meinen Freunden ist es reichlich egal.

 

Sonst gab es keine Vorfälle, z.B. mit der Polizei?

 

Ich hatte einmal Kontakt mit Ziften, also nicht mit der Polizei direkt. Als Konsument und insbesondere als Dealer sollte man seine Rechte kennen und wissen wie man mit der Polizei umgeht und was bei einer Polizeikontrolle passiert und wie man sich verhalten sollte. Damals an einem Platz im Prenzlauer Berg, da war ich noch kein Dealer, sondern hing nur mit meinem damaliger Ticker herum. Da haben wir immer Tischtennis gezockt. Und an einem Nachmittag haben wir da mal wieder gespielt, die hatten zwei Joints gebaut und ich habe mir einen genommen und geraucht, als ich von hinten hörte: „ Bitte legen sie den Joint weg!“ Da kamen dann drei Männer und zwei Frauen an und haben unsere Ausweise kontrolliert und uns durchsucht. Lustiger weise hatten wir vorher das ganze Gras von meinem Ticker noch versteckt, unterm Tisch, unter Abfall, also einer Dose, wo man es eben nicht vermuten würde. Ich hatte meines in einer Seitentasche, die man von vorne gar nicht sehen würde. Sie haben alles durchsucht, alles aufgemacht und das war es. Sie haben zwar meinen Grinder gefunden, wo nichts drinnen war außer Staub. Ich habe dabei die ganze Zeit versucht alles zu dementieren. Ich wollte halt jede Schuld von mir weisen, ich wusste damals aber noch nicht wie ich mich verhalten sollte. Mein Herz hat gerast, weil ich zum ersten Mal mit autoritären Personen Stress hatte. Ich habe dann die ganze Zeit gesagt, dass ich den Joint nur in der Hand hatte um ihn weiterzureichen. Somit wurde mir dann keine Schuld angemaßt.

 

Hast du danach die Verhaltensregeln für solche Situationen gelernt?

 

Genau, im Internet gibt es auch so viele Videos und Texte dazu, egal ob bei einer Verkehrskontrolle oder in der Öffentlichkeit. Z.B. darfst du nicht wegen roten Augen kontrolliert werden. Sie sind kein Beweis sondern nur ein Indiz. Und das ist kein Grund für eine Durchsuchung. Man könnte ja auch eine Allergie haben oder schwimmen gewesen sein. Auch der Geruch ist nur ein Indiz, der kann anhaften.

 

Warum gerade Cannabis. Dealst du auch mit anderen Drogen?

 

Klar ich kaufe sehr oft für andere Leute Alkohol mit ein (lacht). Nein, ansonsten interessiere ich mich nicht für das Dealen mit anderen Drogen, ich habe Freunde die damit eine Menge Gewinn erzielen, aber das ist ja nicht mein Interesse.

 

Schon mal an unter 16-jährige Gras verkauft?

 

Ist vorgekommen, aber auch nur weil es der Bruder von einem guten Kumpel war und die untereinander sowieso gekifft haben. An unbekannte 14 oder 15 Jährige würde ich nichts verkaufen, aber wenn jemand anderes dafür die Verantwortung übernimmt ist alles okay. Da möchte ich die Schuld nicht auf mir haben.

 

Würdest du mit abhängigen Kunden ein ernstes Wort reden?

 

Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand von Cannabis richtig abhängig wurde. Wir kiffen zwar jeden Tag, aber es ist noch nicht vorgekommen, dass jemand wegen des Kiffens mental abgekackt ist, also eine Sucht-Psychose bekommen hat. Wenn der Konsum überhand nimmt dann merke ich das schon daran, dass die Person immer öfter zu mir kommt. Ich würde dem dann schon als Beratungsstelle dienen, aber ich stelle es mir auch schwer vor so etwas von seinem Dealer zu hören.

 

Wer beliefert dich eigentlich oder wo bekommst du dein Gras her?

 

Es ist meist derselbe Typ von dem ich das bekomme. Er macht jetzt auch viel mehr Umsatz, aber der dealt halt auch mit allen Drogen. Ich hatte auch mal andere Leute, das war auch immer gut, aber ich bin trotzdem wieder zu dem Einen zurückgekommen, wo das Vertrauen am Stärksten war. Convenience.

 

Sollte Gras legalisiert werden? Also aus Sicht eines Konsumenten und aus der Sicht eines Dealers?

 

Ja, auf jeden! Man sagt zwar, dass die Legalisierung ohne Frage die Dealer töten würde, aber ich sehe das gar nicht so, ich würde selber was in die Richtung starten. Man hat ja schon das gewisse Knowhow. Jetzt ist man in der richtigen Zeit geboren, wo das Thema gerade wieder in den Medien groß wird, ein Indiz für die baldige Legalisierung.

 

Also würdest du bei einer Legalisierung weitermachen, egal ob legal oder illegal?

 

Ich würde auf jeden Fall legales Gras kaufen. Ich weiß aber nicht was die Zukunft bringt, der Bereich ist so groß, in Colorado sprießen ja die ganzen Start-Up Unternehmen aus dem Boden. Vieles ist möglich in dem Bereich, ich will das nicht nur darauf beschränken. Ich würde jetzt nicht extra Pharmazie dafür studieren, aber mich würde das rundum interessieren, das Management, wie man das groß aufbaut und den Menschen gute Qualität bringt.

 

Was spricht denn generell dafür?

 

Es gibt drei Dinge, angefangen aus der medizinischen Sicht: THC, CBD und CBG sind sehr wertvoll, weil sie eben Endocannabinoide sind, die an Rezeptoren im Nerven – und Immunsystem andocken. An sich ist das kein Nervengift wie Alkohol, sondern ein natürlicher Überschuss an Substanzen, die wir sowieso produzieren. Das kann sehr vielen kranken Menschen ohne Nebenwirkungen helfen, wie Studien belegen. Da kommt dann die Pharmaindustrie dazu, die Gras natürlich nicht legalisiert sehen will, weil es einen komplexen Markt gibt, der zur Behandlung von Menschen Chemie braucht und für die Nebeneffekte noch mehr Chemie. Die Legalisierung von Gras würde die Pharmaindustrie erheblich bedrohen und das wissen Lobbyisten zu verhindern. Da kommen wir auch schon zum zweiten Punkt die Holzindustrie: Es gab einen Unternehmer ich glaube in den sechziger oder siebziger Jahren in den USA, also als Gras illegal wurde, der die Illegalisierung stark vorantrieb, damit sein Holzunternehmen weiter Gewinn machen konnte. Da Hanf sich unter Anderem viel besser zur Herstellung von Papier eignet. Auch bei der Textilindustrie, Hanf könnte da so viel bewirken und wäre auch da als Ressource zum Einsatz  mehr als geeignet.

 

Volker Kauder von der CDU meinte zu dem deutschen Kulturgut Bier, dass bei ihm 2 oder 3 Weizenbier am Tag einfach sein müssen. Gehört bei dir der ein oder andere Joint am Tag dazu?

 

Wie einige Leute das Feierabendbierchen sehen, sehe ich zum Abschluss des Tages den Feierabendjoint. Jetzt kommen wir zum dritten Punkt. Es sollte ein Recht auf Rausch geben, und zwar sollte jeder bestimmen dürfen wie er sich selber schadet. Im Endeffekt ist es ja nicht selber schaden, es kommt immer auch darauf an wie du was zu dir nimmst. Ein Joint + die Schadstoffe beim Verbrennen vom Tabak, Gras und Papier sind nicht so die besten. Dann doch lieber nen VapoKopf am Abend.

 

Da stellt sich dann natürlich die Gegenfrage, was spricht denn dagegen?

 

Es kommt darauf an wie man es legalisiert, wenn man es nur für medizinische Zwecke legalisieren würde, gäbe es immer noch extrem hohe Steuern und der Schwarzmarkt wäre so nicht ausgelöscht, da sein Kurs immer noch besser wäre.

 

Eine Entkriminalisierung würde so nicht funktionieren?

 

Im Endeffekt würde sich dann die Jugend wieder zum Schwarzmarkt wenden, der so weiterleben kann.

 

Würden bei einer Legalisierung Regulierungen wie Altersgrenzen etwas bringen?

 

Bei Alkohol ist es genauso. Du erlaubst es ab 18 und es trinken trotzdem schon 16 Jährige. Du erlaubst Bier mit 16 und die 14 Jährigen trinken es. Genau mit diesem Schema sollte man dann auch mit Gras umgehen. Wenn du es ab 21 Jahren freigibst werden es halt Leute mit 18 Jahren auch schon anfangen zu rauchen. Die Masse meine ich natürlich, es gibt bestimmt auch so einen Anteil, der da mit 14 anfängt und sich mit 16 schon täglich zukifft.

 

Würde es so auch mehr Kiffer geben?

 

Es gibt in Portugal das Beispiel, sie haben alle Drogen entkriminalisiert und haben bei allen Drogen keinen signifikanten Anstieg festgestellt. Daran kann man ja vermuten, dass es nicht ansteigt. Die Regierung wird das allerdings so auslegen, dass sie noch nicht alle Kiffer statistisch erfasst hat und dann wenn es so weit ist und sich Kiffer die bisher noch nicht erfasst wurden zeigen, verfälscht das natürlich die ganze Statistik.

 

Vor nicht allzu langer Zeit gab es ja den Gesetzesentwurf zur Graslegalisierung von den Grünen. Hast du den gelesen?

 

Es ist nicht so weit von dem entfernt was sich alle vorstellen. Er sieht ja z.B. vor, dass man maximal 30 g in der Öffentlichkeit besitzen darf. Das kann so nicht stimmen, weil man zu Hause ja 3 Pflanzen haben darf. Und mit den 3 Pflanzen hat man auf jeden Fall mehr als 30 g.

 

Und neben dem Grasbesitz?

 

Dann geht es natürlich noch um die Versteuerung, ich glaube es waren für Gras 2 €, für Hasch 3 € und für Öl 4 € das Gramm. Im Endeffekt würde das dann immer noch über dem Schwarzmarktpreis liegen. Sie haben auch selber gesagt, sie werden nicht den gesamten Schwarzmarkt auslöschen können, nur die Hälfte vielleicht. Aber das alleine würde ja schon reichen. Man würde damit ja schon genug Steuern einnehmen und auch den Jugendschutz signifikant steigern/unterstützen.

 

Wann können wir uns Uruguay anschließen und Gras legalisieren?

 

Entweder mit einer anderen Regierung oder sie durchleben einen Sinneswandel und legalisieren es vielleicht. Nächstes Jahr gibt es wieder eine UNO Konferenz die u.a. auch über die Drogengesetze urteilen soll. Es könnte also auch davon abhängig gemacht werden ob es legalisiert wird. Wenn es dazu kommen sollte, dass da was Positives beschlossen wird, dann kann man sich das im utopischsten Fall schon 2017 vorstellen, ansonsten setze ich da auf die 2020er Jahre, wenn jemand anderes regiert.

 

Danke schön!

 

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