Dienstag, 27. Oktober 2015

The Selecter im Interview

 

von Janika Takats

 

The Selecter
Bild: theselecter.net

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wir sprechen vielleicht nicht viele Sprachen, aber wir haben wohl immer gewusst, was das Wort für Gunja ist“

 

The Selecter gehört zu den Bands, welche die 2 Tone Ska Ära geprägt haben. Die Band wurde 1979 in Coventry, England gegründet. In verschiedenen Kombinationen und mit einigen Unterbrechungen, kann die Gruppe um Sängerin Pauline Black heute auf eine über 35jährige Geschichte zurückblicken. Nach der Veröffentlichung ihres aktuellen Albums „Subculture“ befinden sich The Selecter derzeit auf Europa- Tour. Diese Gelegenheit haben wir genutzt, den beiden Frontmitgliedern, Pauline und Arthur ‚Gaps‘ Hendrickson, ein paar Fragen zu stellen.

 

 

 

The Selecter blickt auf eine lange und ziemlich bewegte Bandgeschichte zurück. Könnt ihr die wichtigsten Meilensteine kurz für uns zusammenfassen?

 

Pauline: Als Meilensteine können wohl am ehesten unsere Alben betrachtet werden. „Too Much Presure“ war unser Debütalbum, auf dem die gesamte Band in ihrer ursprünglichen Besetzung vertreten war. Auf „Celebrate the Bullet“ hatten wir einen neuen Keyboarder und einen neuen Bassisten. Danach haben wir eine zehnjährige Auszeit genommen und als wir zurück kamen, haben wir insgesamt fünf Alben aufgenommen. Manchmal war Gaps dabei, andere Male haben wir ohne ihn aufgenommen. 2010 haben wir eine Show gespielt, um uns quasi wieder neu dem Publikum vorzustellen. Daraufhin folgten drei Alben, von denen das neueste „Subculture“ vor einigen Monaten erschienen ist. Wir sind wieder dabei und das ist das Wichtigste. Wenn man 35 Jahre Musik zusammen macht, ist es normal, dass es Höhen und Tiefen gibt und man einige Federn lassen muss.

 

Welche Rolle hat die Band in dieser Zeit in eurem Leben gespielt?

 

Gaps: Jedes Mal wenn ich zur Musik zurückgekehrt bin, wurde sie zum wichtigsten Teil meines Lebens. Für die Musik habe ich jederzeit alles andere stehen und liegen gelassen. Alles andere stand also an zweiter Stelle hinter meiner Position in der Band.

 

War diese Band immer euer Baby oder was hat euch dazu gebracht an der Band bzw. dem Namen festzuhalten anstatt ein neues Band-Projekt zu starten?

 

Pauline: Nun ja, wir hatten viele verschiedene Projekte in der Zwischenzeit. Ich war für zehn Jahre als Schauspielerin tätig und habe mich in der Zeit kein bisschen um die Band gekümmert. Ich hatte zudem eine Soloscheibe aufgenommen und auch Gaps hat in der Zwischenzeit in anderen Gruppen gesungen. Man macht einfach verschiedene Sachen an den jeweiligen Punkten im Leben.

 

Und trotzdem seid ihr immer wieder zu The Selecter zurückgekehrt…

 

Pauline: Wir kommen immer zurück. ‚The Selecter‘ steht im Singular, es selektiert die Musik und es sucht sich auch sein Personal aus, in gewisser Weise. So sehe ich diese Band. Auch wenn die Musiker über die Jahre gewechselt haben, wusste man immer sofort, wenn jemand neues kam, dass dieser absolut richtig für die Band war. Wie Gaps mal gesagt hat: am Anfang waren wir eine Band aus sehr starken Charakteren. Das war nicht immer einfach, aber genau deshalb hatte die Band so wahnsinnig viel Energie auf der Bühne und kommunizierte mit dem Publikum auf eine Weise, die viele vorher noch nie zwischen Schwarzen und Weißen gesehen haben. Jede neue Form von The Selecter war davon geprägt und ich persönlich glaube, dass die aktuelle Zusammensetzung die bisher beste ist.

 

Gaps: Die jetzige Ära ist auf jeden Fall eine von denen, die am meisten Spaß machen.

 

Was könnt ihr mir über das neue Album erzählen?

 

Pauline: Fangen wir mit dem Namen an. Von deiner Beschreibung her hört es sich so an, als würde euer Journal ebenfalls an eine Subkultur gerichtet sein. Menschen die Gunja zu Entspannung oder medizinischen Zwecken nutzen, bilden eine Subkultur in der Gesellschaft.

Ich habe die Band immer als Teil der 2 Tone-Bewegung verstanden, in dem Sinne, dass Schwarze und Weiße dort zusammenkommen und eine Botschaft von Anti-Rassismus und Anti-Sexismus verbreiten. Wir sprechen eine ganze Palette von Subkulturen an und viele von denen rauchen vermutlich Gras (lacht). Wir riechen es auf unseren Konzerten. Wir sprechen vielleicht nicht viele Sprachen, aber wir haben wohl immer gewusst, was das Wort für Gunja ist, egal in welchem Land wir waren.

 

Gaps: Es ist schön zu wissen, dass euer Journal sich mit der Cannabis-Thematik beschäftigt. Es geht einfach schon zu lange, dass Leute wegen Cannabis strafrechtlich verfolgt und als Kriminelle abgestempelt werden. Solange man damit diskret umgeht, sollte es wirklich keine große Sache sein.

 

Verfolgt ihr die internationalen Ereignisse diesbezüglich?

 

Gaps: Nicht wirklich. Ich denke da gibt es zu viele Grauzonen, über die man auch gar nicht Bescheid wissen will…

 

Wie sieht die Situation in Großbritannien derzeit aus?

 

Pauline: In Großbritannien hat die Diskussion über Cannabis noch nicht richtig begonnen. Vielleicht höchstens ein bisschen wenn es um den medizinischen Nutzen geht.

 

Gaps: Es ist das gleiche alte Lied. Wenn du erwischt wirst, nehmen sie es dir weg und du musst mit einer Strafe rechnen. Jedes Mal wenn die Diskussion aufkommt, wird sie ziemlich schnell wieder unterbunden. Im Parlament wollen sie das Thema nicht angehen.

 

Sollte es euerer Meinung nach unter strengen Jungendschutzauflagen legalisiert werden?

 

Pauline: Sicher. Ich danke alle diese Sachen sollten legalisiert werden. Cannabis, Drogen, Prostitution. Warum sollte man Menschen für etwas kriminalisieren, das man sowieso nicht verhindern kann?

 

Ihr spielt Musik aus einer anderen Ära. Ist es heute schwieriger das Publikum mit dieser Musik zu erreichen?

 

Pauline: Es ist eine sehr lange Zeit her, aber lass mich dir etwas sagen: Rockmusik – die jeder mag – von wann ist die? Blues Musik ist nun wirklich alt, aber kommt da jemals jemand und sagt zu einem Rochmusiker „deine Musik ist alt“ – Nein! Warum sollte man das dann über Ska sagen? Wir machen keine Musik wie die Skatelites oder Prince Buster. Wir haben unseren eigenen Stil und wir mischen die verschiedensten Musikrichtungen.

 

Sind die Reaktionen vom Publikum die gleichen oder finden die Leute heute andere Botschaften in euren Liedern?

 

Pauline: Das hoffe ich. Ich würde nicht wollen, dass sie immer noch die gleichen Aussagen finden. Die Zeiten damals waren andere. Menschen fühlen sich von Musik angesprochen, die sich auf die Zeit bezieht in der sie leben. Schau dich nur mal um, was derzeit in der Welt passiert. Wir haben Songs auf der Platte wie „Break Down“ und haben Songs über die Aufstände damals in London gemacht. Wir reden darüber was heute passiert, wie Schwarze auf der Straße behandelt werden. Menschen werden in Ferguson und in anderen Orten erschossen, das Gleiche passiert in Großbritannien, deswegen haben wir „Break Down“ gemacht. Es geht darum etwas Neues zu machen und nicht nur die alten Sachen immer wieder hochzuholen.

 

Gaps: Wir wollen keine Tribute-Band von uns selbst sein. Wenn man solange dabei ist wie wir, kann man nicht die ganze Zeit das Gleiche machen. Wir haben Freude daran Neues auszuprobieren. Dabei helfen uns auch die neuen Bandmitglieder. Jeder bringt seine Persönlichkeit mit ein und schafft dadurch neue Inspiration.

 

Was habt ihr während eurer Bandpausen gemacht?

 

Gaps: Ich habe mich auf meine Familie konzentriert und mich um sie gekümmert. Damals hatte ich auch einige persönliche Dinge zu klären. Es war nicht immer einfach, daher war ich so froh in die Band zurückzukehren und mit neuer Energie dabei zu sein.

 

Pauline, du hast 2013 ein Buch veröffentlicht, was kannst du mir darüber erzählen?

 

Pauline: „Black By Design“ sind meine 2 Tone Memoiren. Darin lege ich zum einen die Bandgeschichte aus meiner Sicht dar. Viele würden das sicher andere sehen, aber egal ich war die erste (lacht). Ich dachte allerdings, dass es ziemlich langweilig wäre, nur ein über die Band zu schreiben und das ganze wie ein Tagebuch zu gestalten. Daher habe ich die Geschichte zum anderen mit meiner Jugend verbunden, die zur damaligen Zeit ziemlich besonders war. Damals wurden in Großbritannien zum ersten Mal Kinder adoptiert, die einen schwarzen und einen weißen Elternteil hatten. Wir wurden von weißen adoptiert, was einige Debatten ausgelöst hat. Ich bin aufgewachsen ohne andere Schwarze zu kennen. Das blieb so bis ich zur Universität gegangen bin. Gleichzeitig war ich mir stets der Vorurteile, die viele gegenüber Schwarzen hatten bewusst. Ich wuchs in der Zeit des Civil Rights Movements in den Staaten auf, welches meine Sichtweisen sehr geprägt hat.

Zu der Zeit habe ich gefunden, was ich wollte und wusste, was ich machen will und welche Musik ich hören will. Die Bewegung, der ich angehören wollte, war eine der letzten politischen Bewegungen, würde ich behaupten. Das war die 2 Tone Bewegung. Als halb Schwarze/halb Weiße habe ich da perfekt rein gepasst.

 

Was steht nach eurer Tour bei euch an?

 

Gaps: In einigen Wochen werden wir ein neues Musikvideo aufnehmen.

 

Pauline: Genau, für „Walk The Walk“, was unsere nächste Single werden wird. Anfang Oktober wird unser Album dann in den USA erscheinen, dafür stehen eine Menge Interviews an.

Nächstes Jahr werden Gaps und ich mit Jools Holland und seinem Orchester für ca. 16 Shows auf Tour gehen. Danach gehen wir wieder auf Tour und spielen an all den Orten, die wir bisher nicht geschafft haben. Es gibt also einen dritten Teil der Subculture-Tour. Danach fliegen wir nach Australien und spielen auf dem Byron Bay Blues Festival und geben noch einige weitere Konzerte.

 

Gaps: Wir werden also eine Weile unterwegs sein. Alle sind glücklich. Die Reaktionen vom Publikum sind toll. Klar, versucht man immer es noch besser zu machen, aber wir sind an sich zufrieden damit wie alles läuft.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

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