Samstag, 3. Oktober 2015

Ein Mann mit Mumm und Männerherz

 

Von Sadhu van Hemp

 

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Grafik: Sadhu van Hemp

 

 

Neue Männer braucht das Land! Als Ina Deter Anfang der Achtziger dieses Lied trällerte, war er zur Stelle: Frank Henkel, 19 Jahre alt, DDR-Wirtschaftsflüchtling, fest davon überzeugt, er sei gemeint. Ja, unser Fränki hat durchaus dieses gewisse Etwas, das das schwache Geschlecht schwach werden und gebräunte Schönlinge blass aussehen lässt. Er ist der Traumschwiegersohn einer jeden deutschen Mutti. Kein Wunder: Einem Mann ohne Rückgrat muss dieses nicht erst mühselig gebrochen werden.

 

Im November 1963 erblickte die Welt das Kind, dem anzusehen war, dass es kein Talent für eine Politkarriere in der DDR besitzt, dafür aber dank vererbten chronischen Reisefiebers als Berliner Innensenator in die Geschichte eingehen wird. Doch statt den Eltern den Säugling sofort zu entreißen, wie es im Reich des Bösen üblich war, ließ Ulbricht den kleinen Klassenfeind aus unerfindlichen Gründen in der Obhut der Erzeuger.

Das war gar nicht gut so, denn Papa und Mama Henkel träumten von Bananen und Westmark. Dieser Traum prägte den kleinen „Frank“, der nur deshalb nicht auf den Namen „Mark“ getauft wurde, weil es die auch im Osten gab. Abend für Abend betete das Knäblein heimlich zum katholischen Gott, wünschte sich, sofort und unverzüglich in die Freiheit ausreisen zu dürfen, um dort den Einheimischen Wohnung, Arbeit und Frauen wegzunehmen. Er sah sich schon in schicken Westklamotten über den Ku’damm flanieren – angekommen im Paradies des goldenen Westens, wo Milch und Honig fließt und neue Männer gebraucht werden.

 

1981 ging der Traum Erfüllung: Die DDR wollte mit den Henkels nichts mehr zu tun haben, und Fränki machte seine erste große Reise ins kapitalistische Ausland. Doch bereits im Asylbewerberheim war die Enttäuschung groß: Westberlin brauchte gar keine neuen Männer wie ihn – es gab genug alte, die sich mit Bundeswehrdeserteuren, Südländern und alliierten Soldaten um die wenigen Frauenherzen balgten. Überall nur Sodom und Gomorrha. Statt zu arbeiten, lungerten die Insulaner in Kneipen und Schwulenbars herum, nahmen Rauschgift und futterten Döner statt Erbsensuppe. Das war schon ein Kulturschock für den Bub, der fast zwei Jahrzehnte stramme DDR-Vaterlandsliebe genossen hatte.

 

Es ist nicht überliefert, wo es war, ob im Wirtshaus Moorlake oder in einer der vielen Nachtbars. Jedenfalls kam die Stunde, als unser Held beseelt von dem Wunsch, als Innensenator den Sumpf trocken zu legen, seinem großen Vorbild Heinrich Lummer gewahr wurde. Es muss wie eine göttliche Eingebung gewesen sein, als er nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Ähnlichkeit mit dem Gründungsvater der Berliner Mai-Krawalle entdeckte. Ja, der Lummer-Heinz, das war ein Provinzpolitiker ganz nach dem Geschmack eines gebürtigen Anti-Zonis. Ja, so einer wie der, so müsste man werden, wird sich der Henkel-Frank gedacht haben, als er sich seine Laufbahn in der CDU ausmalte. Schön gemütlich als zweiter Mann in der Senatskanzlei in den Sessel furzen und hintenrum denen von der Polizei auf die Fresse hauen lassen, die einem nicht passen. Der Job könnte gefallen.

 

1985 fühlte sich der Spätaussiedler so weit im Westen integriert, dass er es wagte, der Jungen Union beizutreten. Es war kein leichtes Unterfangen, als Ossi gegen die Söhne aus gutem Westberliner Hause zu bestehen. Oberschichtkinder aus Zehlendorf, Neu-Westend und Reinickendorf sind keine Minigolfspieler. Vielmehr verfügt dieses Geldproletariat über einen ausgeprägten Sinn für Standesdünkel und weiß, sich den Plebs vom Halse zu halten. Wir wissen nicht, wie diese Schnösel den neuen Parteifreund aus dem Osten seinerzeit behandelt haben, aber anzunehmen ist, dass er nur Zaungast war auf den Bunga-Bunga-Partys in den Golf- und Tennisclubs der Halbstadt. Bis heute bleibt die Erbengeneration der Westberliner Hautevolee auf Sylt, in den Schweizer Bergen und an der Côte d’Azur unter sich.

 

Doch diese Ungleichbehandlung ficht einen Henkel nicht an. Als Christdemokrat mit ostzonalem Migrationshintergrund weiß man sich zu benehmen, wenn man am Katzentisch der Reichen und Schönen sitzen und diesem sittlich verwahrlosten Pack als Parteisoldat dienen will. Und das hat der Frank gemacht, Tag für Tag, Woche um Woche, Jahr auf Jahr. Wie es sich für einen Untertan gehört, hat er sich ganz dem Dasein als Wasserträger verschrieben und sich an jeden herangewanzt, der noch Platz für einen hat, der sich andient.

 

Und alles hätte bis zum Sankt Nimmerleinstag so hübsch weitergehen können: Der Frank wäre in der Pipeline nach oben steckengeblieben und ein anderer Komplettversager wäre heute Berlins Innensenator. Aber denkste, ein Ost-Frank hat den Langmut, höherrangigen Lebewesen die Filetstücke zu überlassen und sich an den Resten schadlos zu halten. Und als sich alle seine Konkurrenten überfressen hatten und einer nach dem anderen über die eigenen Füße stolperte, weil keiner in Eberhard Diepgens Schuhe passte, sollte sich Fränkis geduldiges Ansitzen auszahlen. Kurz gesagt, es fand sich kein politischer Tiefflieger mehr, der sich mit der zerrütteten Berliner CDU selbst beerdigen wollte. Der Knochen war abgenagt. Dann doch lieber ein schönes Plätzchen an den Fressnäpfen in Brüssel oder im Bund, sagten sich Diepgens Ziehkinder und beförderten das Henkelchen zum Totengräber des Landesverbandes.

 

Wie es sich für einen, der auch auf den Namen Diederich Heßling hören würde, ziemt, stand Henkel Gewehr bei Fuß und führte 2011 die Christdemokraten in den Wahlkampf gegen Berlins Sonnenkönig Klaus Wowereit. Und ja, um ein Haar hätte der annoncierte Loser das schlechteste Ergebnis aller Zeiten für die Berliner CDU eingefahren. Nur 2,1 % fehlten zum Rekord seines Vorgängers Friedbert Pflüger, der mit 21,3 % kaum mehr zu toppen ist. Henkels Polit-Karriere schien an Ende. Aus und vorbei der Kindheitstraum, als oberster Befehlshaber die Trottel von der Polizei mit dem eisernen Besen die Stadt ausfegen zu lassen.

 

Doch einer hatte Mitleid mit dem armen Kerl. Ausgerechnet der Wahlsieger Wowereit rettete den „ewigen Ossi“ vor dem Untergang, indem der Narziss das gedemütigte CDU-Männchen zur grauen Maus an seiner Seite machte. Und da regiert er nun in der Senatsverwaltung des Innern und macht ganz in der Tradition seiner christdemokratischen Vorgänger alles verkehrt. Pannen, Pech und Pleiten sind sein Markenzeichen. Seit 2011 sitzt Henkel im Aufsichtsrat der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, die die weltgrößte Bauruine der Welt in den märkischen Sand gesetzt hat. Auch in der Landesbehörde für Verfassungsschutz geht’s drunter und drüber, und niemand weiß so genau, wer eigentlich Herr im Haus ist und die Akten der Nazis schreddert. Auch Henkels Steckenpferd, die Berliner Flüchtlingspolitik nach Volkes Stimme auszurichten, galoppiert in die falsche Richtung und ruft die Geister auf den Plan, die darin etwas Anständiges sehen, vor Flüchtlingsunterkünften mit Streichhölzern zu spielen.

 

Doch halt! Wer Frank Henkel persönlich kennt, weiß, dass ihmchen es nur gut mit sich und uns meint. Beinahe hätte er sich in seiner Nebentätigkeit als Sportsenator profiliert, als er gegen den Willen der Berliner die Olympischen Spiele an die Spree holen wollte. Doch, doch, unser CDU-Mann im Senat handelt stets nach bestem Wissen und Gewissen. Der Vorwurf, er wisse nicht, was er tue, ist gemein. Im Rahmen seiner geistigen Möglichkeiten ist er durchaus noch einer der Schlaueren. Bösewichten Daumenschrauben anlegen zu wollen, verlangt schon einen gewissen Hang zur Grobschlächtigkeit. Und was ist da hinderlicher als zuviel Grips und Feinsinn?

 

Wir sehen, der als Innensenator vereidigte Bruder der schlagenden Verbindung „Sängerschaft Borussia“ macht alles richtig, denn er ist angetreten, um aufzuräumen. Das wird von ihm verlangt. Damit das sichtbar wird, müssen natürlich Erfolge her. Und da eine Verhaftungswelle in Sachen Flughafen und Verfassungsschutz für ungerechtfertigten Kahlschlag unter den systemrelevanten Stützen unserer feinen Gesellschaft sorgen würde, müssen stellvertretend die Hanffreunde aufs Maul bekommen.

 

2012 startete Henkel eine symbolpolitische Offensive im Anti-Hanf-Krieg, abgesichert durch die CDU-Senatskollegen Mario Czaja (Gesundheit) und Thomas Heilmann (Justiz). Zwar scheiterte das Vorhaben, den straffreien Eigenbedarf von Cannabis von 15 auf 6 Gramm abzusenken, dafür aber wird seit 1. April diesen Jahres an ausgewiesenen Brennpunkten mit einer Null-Toleranz-Vorgabe mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Flankiert werden die überfallartigen Kriegshandlungen mit tüchtig Kriegspropaganda, die der unbeteiligten Zivilbevölkerung eintrichtert, dass nach dem Krieg alles besser wird und keiner mehr fürchten muss, mit der „Einstiegsdroge“ in Berührung zu kommen.

 

Nun ja, ein halbes Jahr tobt nun schon die Schlacht rund um den Görlitzer Park. Die erste Bilanz ist erfreulich. Seit Kriegsbeginn konnte die Kampfeinheit von 60 Polizisten sage und schreibe 15 Kilogramm Einstiegsgift unschädlich machen. Das heißt im Klartext, alle 4,3 Stunden spüren die Superspezialexperten der Polizei ein ganzes Gramm des Teufelszeugs auf. Das ist eine sensationelle Erfolgsquote, die den vom Fiskus geknechteten Bürgern zeigt, dass Frank Henkel verantwortungsvoll mit unseren Steuergeldern umgeht.

Umso ärgerlicher, wenn ausgerechnet ein Polizist querschießt: Steve Feldmann von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) behauptet doch frech, dass der Innensenator mit diesem Sondereinsatz die Kriminalitätsbekämpfung und Verkehrssicherheit gefährde:

„Wenn sich Eltern fragen, warum in Neukölln und in Friedrichshain-Kreuzberg ein bisschen weniger Schulwegsicherung stattfindet als in anderen Bezirken, dann sage ich: eine Dankeskarte an den Innensenator schicken!“

 

Ob die Karte aber ankommt? Unser aller Innensenator ist ständig im Ausland auf „Dienstreise“ und kaum zu Hause. Die Lokalpresse verhohnepiepelt den Faulenzer schon als „Reisekönig“ des Senats, der unter Reisefieber leidet. Nun ja, dafür kann er nichts – ist angeboren!

 

 

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