Samstag, 25. Juli 2015

Das Schweigen der Alten

Foto: Freeimages user dynamix
Foto: Freeimages user dynamix  Sadhu van Hemp

 

von Sadhu van Hemp

 

Junge Menschen wissen nicht, wie sich das anfühlt, alt zu sein. Bei den Alten ist es umgekehrt: Ein Blick ins Photoalbum genügt, um festzustellen, dass man auch mal jung war und sich fest vorgenommen hatte, wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison keine 30 zu werden. Doch nicht jeder Gammler, Hippie und Punker hatte das Talent eines Sid Vicious, der sich vom Leben gelangweilt mit 22 Jahren den Goldenen Schuss setzte. Die Liste der Blumenkinder, die den Drogenfreitod suchten und fanden, ist lang. Nur eine ist länger: die der Überlebenden.

 

In der Ausgabe 303 des einzigen deutschen Bildungskanals „exzessiv.TV“ gibt es den Teaser eines „Smoke-In“ im Berliner Tiergarten zu sehen, zu dem im Juli 1969 der sagenumwobene „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ geladen hatte. Wer sich das Filmchen anguckt, schaut in junge Gesichter: Fesche Knaben mit Knackärschen und süße Mädels mit Rehaugen chillen einträchtig auf einer Liegewiese, Joints kreisen, Holzgitarren werden gezupft – Friede, Freude, Eierkuchen. Vor exakt 46 Jahren hatten diese unschuldigen Teenager und Twens den Mut zu etwas, das sich ziviler Ungehorsam nennt und unserer Tage den jungen Leuten weitgehend unbekannt ist. Zwar gab es im April diesen Jahres in Berlin die Neuauflage eines „Smoke-In“, doch die wenigen Mutigen, die aus der hohlen Hand kifften und in einer seltsamen Erwartungshaltung passiv verharrten, schafften es nicht, jenen widerspenstigen Geist heraufzubeschwören, der anno dunnemals unsere Großeltern beseelte.

 

Doch die Zeiten waren andere. Für Kiffer gab es vor einem halben Jahrhundert keine „Kuscheljustiz“, die uns heute vor dem bewahrt, was unseren Großeltern blühte, wenn sie mit einem Rauchpiece erwischt wurden. So gesehen war der Mut unserer ungehorsamen Großeltern schon beachtlich. Unter Androhung härtester Zuchthausstrafe nahmen sich die als „verlauste Affen“ verunglimpften Blumenkinder die kleine Freiheit heraus, mit Elvira-Zigarettenpapier gewickelte Joints öffentlich zu verbrennen und mit diesem Akt der freien Entfaltung den Altnazis symbolisch vor die Füße zu spucken.

 

Dass eine derartige Provokation nicht folgenlos bleibt, durfte der Haschrebell Georg von Rauch nach dem „Smoke-In“ am eigenen Leibe erfahren. Mit Einbruch der Dunkelheit griffen Polizeibeamte die „hilflose Person“ ab – verfrachteten den reichlich breiten und polizeibekannten „Anarchisten“ aber nicht, wie für solche Fälle vorgesehen, in die Ausnüchterungszelle, sondern gleich nach Moabit ins Untersuchungsgefängnis. Was heute nur noch Afrikanern auf der Bahnhofswache in Hannover halbwegs rechtsstaatlich widerfährt, wurde unserem Haschbruder seinerzeit nach altdeutscher Folterkunst, die sich bereits im Dritten Reich bewährt hat, verabreicht.

 

Wie zu Opas Zeiten mit Hippies, Punkern und Gammlern verfahren wurde, der möge sich vorstellen, wie sich das wohl anfühlt, wenn man von einer Horde unzulänglich entnazifizierter Polizisten fixiert wird, einem die Haare ausgerissen werden und der Magen ausgepumpt wird. Und was für ein Film mag sich im Kopf abspielen, wenn man zwecks erkennungsdienstlicher Sonderbehandlung bis zum Morgengrauen von einer Polizeidirektion zur nächsten gekarrt wird, um letztlich von einem Amtsarzt mit der Einweisung ins Irrenhaus bedroht zu werden?

 

Der Alptraum endete für Georg von Rauch, dem der Besitz von 0,01 Gramm Haschisch nachgewiesen werden konnte, mit ein paar Monaten Knast – und der folgenschweren Erkenntnis, fortan nicht mehr ohne Schießeisen aus dem Haus zu gehen. Am Abend des 4. Dezember 1971 kam es dann zum unabwendbaren Showdown in Berlin-Schöneberg: Zielfahnder der Polizei und des Staatsschutzes lauerten dem mit Haftbefehl gesuchten von Rauch in der Eisenacher Straße auf und streuten ein bisschen Blei: Kopfschuss, 24-jähriger Haschrebell tot.

 

Die Helden und Heldinnen von 1969 dürften heute, sofern sie den Polizeiterror des „Roten Jahrzehnts“ und die Heroinwelle der Siebziger Jahre unbeschadet überstanden haben, alt und grau sein. Aus dem Jüngling mit langem, vollem Haupthaar ist ein kahlköpfiger, gebeugter Opa geworden, der auf dem „Weg durch die Institutionen“ in der schweigenden Masse der Mitläufer versunken ist und sich am Ende seines Lebens fragt, wo die Träume geblieben sind. Die süßen Mädels von damals sind heute liebe Omis mit weißem Haar und schneeweißen dritten Zähnen, die dem verhätschelten Enkelkind politisch korrekte Märchen vorlesen.

Und ja, wer sich umguckt, stellt fest, dass in Schland ganz schön viele dieser Grauköpfe herumlatschten – und die Grünschnäbel nerven. Die, die einstmals jung waren, stehen den wenigen Bettnässern von heute mächtig gewaltig im Weg – auch den Juniorkiffern, die immer öfter darüber klagen, dass die gutbetuchten Haschopas die Preise versauen. Mit jedem Tag, an dem die Großeltern lebendig aufwachen, wird es schlimmer mit der Rentnerplage: Überall und nirgends machen sie sich breit, unsere Tatter- und Lustgreise, drängeln sich vor, gründen schräge Parteien, betatschen unsere Mädels und wissen sowieso alles besser. Will man sich mal irgendwo auf einer Parkbank niederlassen und unbehelligt einen knattern, sitzt da bereits so eine Rentnerriege, zugedröhnt von bunten Pillen, die das Blut gefährlich verdünnen und die Probanden äußerst reizbar machen. Egal, wohin man auch flüchtet, es riecht nach Gammelfleisch, ob im Restaurant, im Tanzclub oder am Bierstand auf dem Festival. Nicht mehr lange, und good old Germany wächst sich zur größten Geriatrie der Welt aus.

 

Doch halt! Soll man das Alter nicht ehren? Sind die Kiffer von damals nicht aus demselben Holz geschnitzt wie wir – wir, die so unanständig jung, so dynamisch und so schrecklich potent sind, dass wir stante pede die Welt aus den Angeln heben könnten? Wäre es nicht endlich angebracht, den ewig währenden Konflikt der Generationen beizulegen und sich mit unseren Veteranen zu einem Zweckbündnis zu verbrüdern?

 

Immerhin war es die Rollator-Fraktion, die den Grundstein für unsere heutige Hanfkultur legte und somit verantwortlich bzw. schuld ist, dass Kinder und Enkel mittlerweile wie die Alten buffen. Kein Grow-Schrank würde leuchten, keine Wasserpfeife blubbern, kein Grasgeruch die Pupe anlocken, wenn die Hippies so luschi gewesen wären wie die, die sich heute auf den Errungenschaften ausruhen. Wäre heute gestern, gäbe es keine „Smoke-Ins“ und der Hanf bliebe so unbekannt wie „Abessinischer Tee“ (Catha edulis).

 

Saft- und kraftlos hängen unsere jungen Menschen in den Seilen, verharren im Würgegriff einer entsolidarisierten Gesellschaft und lassen sich vom Kommerz mit cheap thrills bespaßen. Wer heute Berlins Hotspots aufsucht, begegnet keinen entspannten und lässigen Hippies wie seinerzeit auf der Wiese im Tiergarten, sondern dehydrierten, hyperaktiven Aggro-Ichlingen, die die Nuancen des Hanfrausches gar nicht wahrnehmen, weil sie den Rekord von Amy Winehouse brechen wollen, die als Schnapsleiche mit 4,16 Promille intus zu Grabe getragen wurde. Nein, der Joint ist nur der Aperitif, der anregt, dann knallen die Korken. Das Heilige Kraut ist längst nicht mehr heilig, sondern einfach nur noch verfügbar wie Zigaretten, Kindermilchschnitten und Energy-Drinks.

 

Nun muss die Frage erlaubt sein, wieso unsere kiffenden Opas und Omas diese Subkultur der Subkultur zuließen und dabei behilflich waren, Schland zum größten Biosphärenreservat der Schluckspechte und Schnapsdrosseln verkommen zu lassen. Wie kann es sein, dass die Germanen ein halbes Jahrhundert danach noch immer nicht die Zivilisationsstufe der Niederländer erreicht haben? Warum habt ihr, liebe Omili, liebes Opilein, geschwiegen und das verraten, was euch einst so einmalig machte? Da hockt ihr nun im Schaukelstuhl und blickt auf ein anfänglich aussichtsreiches, zuletzt aber armseliges, unerfülltes Leben zurück, dessen Erbe den nachfolgenden Generationen in jeder Hinsicht eine ewige Last sein wird. Ihr habt aus Eigennutz und ganz im Geiste eurer Vorväter das unselige deutsche Wesen in neuer Pracht aufblühen lassen. Nicht „Peace & Love“ habt ihr der Welt gebracht, sondern Krieg, Hunger und Not. Eure Heilslehre ist der Raubtierkapitalismus, der wie ein Krebstumor in den Köpfen der Menschen wuchert und uns Wohlstandskinder zu Aktionären des Todes macht.

 

Und so rufe ich euch zu, Brüder und Schwestern: Haltet inne in eurer Lethargie! Hört auf, euch vorzumachen, dass alles gut ist, wie es ist. Nichts ist gut, und das wisst ihr sehr wohl! Glaubt mal nicht, dass das Jüngste Gericht Milde walten lässt bei Heuchlern und Lügnern, die schwere Schuld auf die schwarze Seele geladen haben. Also, wacht auf, ihr Alt-Hippies, und reiht euch ein – es ist nie zu spät, umzukehren und für etwas zu kämpfen, das Frieden bringt!

 

 

3 Antworten auf „Das Schweigen der Alten

  1. frank

    angeblich 4 millionen konsumenten in unserem tollen deutschland
    wo sind die denn ??
    auf demos??
    auf kundgebungen??
    bei petitionen?
    ich seh oder hör die nie!!
    die haben doch alle schiss!!
    sie könnten erkannt – erwischt oder bemerkt werden. wählt weiter fleißig
    die verlogennen tollen parteien cdu/csu und ihr werdet es niemals erfolg haben, niemals!!
    ich sag nur PROST

  2. Grandpa

    Wie jetzt? Soll ich auf meine alten Tagen die Pappe und meinen Privatgrow riskieren? Bin doch nicht blöd und setze mich in die Nesseln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.