Dienstag, 17. Februar 2015

Interview mit „Die Cannabis GmbH“-Autor Rainer Schmidt

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 Bild: Rogner & Bernhard GmbH & Co. Verlags KG

 

Bereits im November hat das Hanf Journal den Roman „Die Cannabis GmbH“ vorgestellt. Das Buch hat Ende letzten Jahres einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Legalisierungsdebatte stärker denn je in die Mainstreammedien gerückt ist. Er Roman erzählt die Geschichte des ‚Dude‘, der mehr oder weniger unfreiwillig zum größten Cannabis-Plantagenbesitzer im Großraum Hamburg wurde, und beleuchtet anschaulich die geschäftliche Seite der leider immer noch illegalen Pflanzenzucht. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten und bot viel Diskussionsstoff. Autor Rainer Schmidt hat sich für uns Zeit für ein Interview genommen.

 

 

 

Wie ist Ihnen die Idee zum Buch gekommen?

 

Die Idee ist im Prinzip durch einen Zufall entstanden, durch die zufällige Begegnung mit einem Menschen. In Verlauf eines Partyabends stellte sich dieser als Cannabis-Grower heraus. Er hatte bereits die erste Hauptverhandlung hinter sich und wartete damals auf Berufung. An dem Abend erzählte er mir von seiner Tätigkeit und seinen Abenteuern und dem geschäftlichen Treiben der letzten Jahre. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Am nächsten Morgen habe ich mir gedacht: „Jeder weiß, dass Millionen Deutsche kiffen, als Produzent gilt man allerdings schnell als Krimineller, denn über die Produktion wissen nur wenige Bescheid“.

Am Anfang war die Idee eine Biografie über besagte Person zu schreiben, doch es wurde schnell klar, dass dies nicht funktionieren würde. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens konnte derjenige mir viel erzählen ohne, dass ich die Möglichkeit hatte das Gesagte zu überprüfen, was mich  als Journalist in eine zweifelhafte Position gebracht hätte. Zweitens hätte ich bei einer Biografie die Legalisierungsdebatte und andere gesellschaftliche Aspekte weitestgehend ausklammern müssen. Die beste Lösung damit umzugehen und die Geschichte so spannend wie möglich zu gestalten, war also einen Roman zu schreiben. Ich habe die Erzählungen meines Kontakts fiktionalisiert und gleichzeitig weiter recherchiert. Ich sprach mit Anwälten, mit Growshop-Besitzern mit Konsumenten und Leuten, die angebaut haben. Daraus wurde dann „Die Cannabis GmbH“.

 

 

Was meinen Sie hat den ‚Dude‘ dazu gebracht seine Geschichte zu erzählen?

 

Ich glaube in erster Linie fühlte er sich ungerecht behandelt. Er stand als Krimineller vor Gericht, doch ging er davon aus, dass er eine Bewährungsstrafe bekommen würde. In der Hauptverhandlung bekam er dann eine relativ hohe, mehrjährige Haftstrafe. Natürlich war er sich bewusst, dass er etwas Illegales getan hat, aber nichts schlimmes Illegales. Er hat niemanden verletzt oder anders geschadet. Alle fanden sein Zeug gut und er konnte die gesellschaftlichen Kriterien nicht nachvollziehen, nach denen er behandelt wurde wie ein schwer Krimineller.

Es gibt eine Stelle in dem Buch, die quasi echt ist. Kurz nach seiner Verurteilung gab es eine Jauch-Sendung zum Thema Jugendgewalt. Geladen wurde ein junger Koch, der von einer Jugendbande zusammengeschlagen wurde. Es gab keine Überwachungsaufnahmen. Daher konnte man zwar sagen, dass es die sechs Jungs waren, doch man konnte nicht exakt nachvollziehen wer dem jungen Mann welche Verletzungen zugefügt hat. Der Prozess wäre daher beinahe geplatzt. Es gab dann einen Deal mit dem Gericht, das einer der Typen die Schuld allein auf sich genommen hat und dafür acht Monate auf Bewährung bekam. In der Sendung saß dann der völlig traumatisierte Koch und konnte es nicht fassen.

Mein Cannabis-Produzent hat dagegen mehrere Jahre bekommen. Das erschien ihm genauso grotesk wie mir. Er fühlte sich nicht als Krimineller sondern als Geschäftsmann. Genau das wollte ich in meinem Buch darstellen.

 

 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Dude und die Recherche zu Ihrem Buch?

 

Wir hatten den Großteil unserer Gespräche abgeschlossen bevor er inhaftiert wurde. Die ersten Monate habe ich ihn nicht besuchen können, weil die wenige Besuchszeit, die zur Verfügung stand für seine Familie genutzt werden sollte. Ich habe mich derweil auf andere Quellen konzentriert. Im Buch gibt es zum Beispiel den ‚Dude-Workshop‘, indem sein Vorgehen beim Anbau beschreiben wird. Ich wollte, dass auch jemand, der sich auskennt im Buch keine Fehler findet und brauchte daher jemanden, der die angegebenen pH-Werte bestätigt. Dafür habe ich einen sehr kompetenten Growshop-Besitzer aus Berlin befragt.

 

 

Wie geht es dem Dude?

 

Die ersten Monate waren wirklich hart. Er hatte im Vorfeld keinen Kontakt mit einem kriminellen Milieu. Man sagt ja, es gibt keinen unsicheren und seltsameren Ort als deutsche Gefängnisse. Dort ist man auf sich allein gestellt. Vorher war er einer der selbstbestimmtesten Menschen überhaupt, hat sein Leben allein kontrolliert und war nie in einem Angestelltenverhältnis oder ähnlichem. Jetzt ist er seiner Freiheit und jeglicher Selbstbestimmung beraubt. Insofern waren die ersten Monate ein Schock. Er klang nicht gut während unserer ersten Telefonate, doch das hat sich inzwischen gebessert. Er hat sich an seine Situation gewöhnt und erhält inzwischen ab und zu Freigang, das hilft natürlich sehr.

 

 

Hatten Sie sich bereits vorher mit der Problematik Cannabis-Prohibition auseinander gesetzt oder war dieses Gebiet völliges Neuland für Sie?

 

Intensiv hatte ich mich mit dem Thema vorher nicht auseinander gesetzt. Allerdings hatte ich mich bereits mit Drogen und Drogenschäden befasst. Mein vorheriger Roman spielte in der Techno-Szene. Dieses Buch ist noch mehr ein Drogenroman, als „Die Cannabis GmbH“.

Ich habe während meiner Arbeit als Journalist immer wieder mit dem Thema Kontakt gehabt. In den eineinhalb Jahren Recherche zum aktuellen Buch bin ich dann das erste Mal in die Tiefe gegangen.

 

 

Haben Sie dadurch eine klarere Position zur Legalisierung entwickelt?

 

Absolut. Ich fand schon früher die Heuchelei und Verteufelung von Drogen allgemein und von Cannabis speziell grotesk. Bei Cannabis klaffen die Fremdwahrnehmung und die Eigenwahrnehmung wohl am stärksten auseinander. Ich bin stark für eine Aufhebung der Prohibition und für die Legalisierung. Für eine kontrollierte Legalisierung. Ich halte eine komplette Freigabe nach dem Motto „Jeder kann damit machen was er will“ für keinen sinnvollen Schritt, doch eine kontrollierte Freigabe sollte es unbedingt geben. Wenn es nicht so ernste Folgen für viele Menschen gäbe, könnte man die geltenden Gesetze direkt als lächerlich bezeichnen. Es ist grotesk, dass wir 2015 noch keinen Schritt weiter sind.

Als ich angefangen habe an meinem Buch zu arbeiten, haben die Leute gesagt: „Kiffen, was ist das denn für ein Thema?“. Doch ich fand die Geschichte an sich interessant. Plötzlich kam die Diskussion von den USA ausgehend zu uns rüber. Nach der Legalisierung in Washington State und Colorado setzten sich viele damit auseinander. Die Veröffentlichung meines Buchs war wie eine Punktlandung, die nicht beabsichtigt war, die mich aber natürlich freut.

Das Diskussionsklima in Deutschland hat sich seitdem verändert. Ich glaube so viele bürgerliche Stimmen über die Abschaffung der Prohibition hat es in der Konzentration noch nie gegeben. Vom Schildower Kreis über den Bund Deutscher Kriminalbeamter etc., die Liste ist lang und ich hoffe das daraus eine Veränderung folgt und die Stimmen nicht einfach wieder verstummen.

 

 

Ihr Buch hat für Aufsehen gesorgt. Gingen die Reaktionen in eine bestimmte Richtung oder blieben sie zwiegespalten?

 

Aus meinem unmittelbaren Bekanntenkreis gaben es anfänglich einige Menschen, die die Idee nicht gut fanden, die durch ihre Arbeit viele Menschen mit durch Cannabis ausgelösten Psychosen erlebt hatten. Dies waren Einzelstimmen. Die meisten haben es begrüßt und ich habe von allen Seiten viel Unterstützung erfahren. Ich vermute, dass dies zum einen daran liegt, dass ich nicht Partei in der Diskussion bin, sondern als Nichtkonsument das Thema von Außen angegangen habe. Vielleicht führt das dazu, dass ich in bestimmten bürgerlichen Kreisen ernster genommen werde. Zum anderen versuche ich nicht Cannabis zu verharmlosen. Ich bestreite nicht, dass Cannabis für manche Menschen gefährlich sein kann, doch darum geht es in der Diskussion letztendlich auch nicht. Durch die aktuelle Gesetzgebung werden diese Menschen nicht geschützt. Es muss darum gehen sachlich zu überprüfen, ob die Gesetzte sinnvoll sind und ob sie den Menschen wirklich nützen oder eher schaden. Die Prohibition verstört Existenzen und macht normale Bürger zu Kriminellen. Deswegen sollte sie abgeschafft werden, was aber noch lange nicht heißt, das Kiffen für 14jährige gesund wäre. Das darf man einfach nicht vermischen. Eine differenzierte Argumentation ist hier wichtig.

Ich hatte in verschiedenen Medien und einigen Talk-Shows die Möglichkeit über das Buch zu sprechen mit meist positivem Ergebnis. Eine kleine Geschichte dazu: mein erster Fernsehauftritt war im Sat1 Frühstücksfernsehen. Irgendwie hatten die gedacht, dass ich ein Drogengegner wäre und waren dann erstaunt, als ich da saß und mich für die Legalisierung aussprach. Deren erster Gedanke war „Oh Gott! Wie werden unsere Zuschauer reagieren?“. Die Produktionsleitung war dann unheimlich überrascht, dass sich an dem Morgen online rund tausend Leute an der Diskussion beteiligten und mehr als drei Viertel von ihnen fanden meine Position unterstützenswert. Ich musste dann noch ein paar Mal vor die Kamera, um die Reaktionen zu kommentieren. Dadurch sah man, dass in der normalen Bevölkerung ein ganz anderes Bewusstsein und eine Offenheit gegenüber den Argumenten der Legalisierungsbewegung herrscht, was natürlich erfreulich ist.

 

 

Werden Sie sich mit der Thematik auch weiterhin befassen?

 

Ja, unbedingt. Das Thema interessiert mich. Als Autor interessiert mich wie die Geschichte weitergehen wird. Es ist ein Nachfolgeroman in Planung. Das sage ich gerade zum ersten Mal, aber es ist so. Er ist für das nächste Jahr geplant. Ich habe mit der Recherche begonnen und was sich aus der aktuellen Diskussion entwickelt wird natürlich auch eine Rolle spielen. Die Stimmung hat sich gewandelt doch faktisch hat sich noch nichts getan. Es bleibt also spannend ob sich aus den guten Willensbekundungen ein praktischer Fortschritt entwickelt. 2333

 

 

Es soll auch eine Verfilmung von „Die Cannabis GmbH“ geben. Wie weit sind die Verhandlungen?

 

Ich habe schon einige Bücher in meinem Leben geschrieben, doch bisher hatte sich nie jemand für eine Verfilmung interessiert. Dieses Mal haben ich Anfragen von fast einem halben Dutzend  Produktionsfirmen erhalten. Wir stehen kurz davor einen Vertrag mit einer namhaften Produktionsfirma zu unterschreiben, daher kann ich noch nichts Genaues sagen. Es soll ein Kinofilm werden.

 

 

Wie wird es für den Dude weitergehen. Bleiben Sie in Kontakt?

 

Ja. Wir sind über die Recherchezeit Freunde geworden und sind regelmäßig in Kontakt. Wir telefonieren und haben uns einige Male kurz gesehen. Er muss noch eine Weile im Gefängnis bleiben. Bei guter Führung und allen möglichen Verkürzungsmöglichkeiten hat er noch ein gutes Jahr vor sich. Es hat sich an seine Situation gewöhnt, muss aber natürlich schauen wie es für ihn danach weitergeht, wenn er wieder draußen ist. Nach der Legalisierung wird jemand gebraucht, der sich auskennt und dann die großen Felder in der Uckermark bestellt (lacht).

 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

 

 

Eine Antwort auf „Interview mit „Die Cannabis GmbH“-Autor Rainer Schmidt

  1. Sternsch I. Gard

    Schönes Interview. Vielen Dank liebes HaJo. Wer das Buch nicht kennt, holt es euch, oder leiht es euch aus. Es ist wirklich gut. Liest sich sehr zackig durch, weil man auch die ganze Zeit wissen will, wie es weiter geht und man kann sich auch schon mit der ein oder anderen Person identifizieren oder erkennt eine Person vllt in einem der Charaktere wieder. Wirklich gut.

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