Freitag, 12. September 2014

Was wäre wenn…

Cannabis legal und an vielen Orten zu kaufen wäre? 

 

Von Michael Melter

 

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„Hasch rauchen führt zum Tod“ war kürzlich die Titelseite einer Berliner Boulevard-Zeitung. An sich nichts neues, denn das Leben, egal in welcher Form mensch es auslebt, führt immer zum Tod. Das ist noch nicht mal philosophisch, sondern ein ganz banaler Fakt. Den Gegnern der Legalisierung von Cannabis ist keine Phrase zu billig, um vor etwas Angst zu machen, vor dem mensch möglicherweise gar keine Angst haben müsste. Es könnte politisch zu einer befriedeteren Situation und stimmungstechnisch zu einer Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation beitragen. Könnte.

 

Ein Zustandsbericht aus Berlin.

 

Wenn ich einen nächtlichen Spaziergang durch meinen Kiez mache, bin ich Sommer wie Winter sicher, nach 22 Uhr auf bestimmt 8 bis 10 verschiedene Gerüche von Marihuana zu treffen. Ich habe eine feine Nase, und die Unterschiede sind groß: Von herb über leicht bitter und ranzig und muffig bis hin zu angenehm, betörend süßen Düften, die zwischen orientalischen Verführungen und süßer Anmutung pendeln. Zu Glück hat ja jeder seine eigenen Geschmacksvorlieben und eine Vielfalt an Zuchtformen und Verarbeitungen in der Geschichte von Cannabis spricht da ja seine eigene Sprache. Aber selbst wenn ich von den gehäuften Erlebnissen in der Nacht weggehe: Auch tagsüber ist es in Kreuzberg und Friedrichshain zunehmend normal geworden, sich seine „Kippe mit Jeschmack“ zu ziehen, wie es ein Berliner Freund gerne nennt. Keine Tüten mehr wie früher, sondern schlankes und gut gedrehtes Rauchwerk für die kleine Portion zwischen drin. Kiffen „to go“ sozusagen. Auch in diversen Cafés ist es tagsüber durchaus normal geworden, sich eine zu drehen, ohne vorher verschämt nach links oder rechts zu schauen. Soweit ich recherchiert habe, ist es noch zu keinen massiven Beschwerden oder gar zu den viel befürchteten „Verführungen“ von Kindern und Jugendlich gekommen.

 

 

Verändertes Bewusstsein bei Konsumenten

 

Deshalb kam mir die Idee, einige wenige Fragen zu überlegen, die ich zunächst Freunden und Bekannten, dann Fremden im öffentlichen Raum gestellt habe. Fragen, die möglicherweise auch für Politiker, Sozialwissenschaftler und andere Forscher interessant sein könnten, genauer genommen, die Antworten darauf. Und das trotz ihrer offensichtlichen Banalität.

 

1/ Wenn du Cannabis legal an vielen Orten zu (fast) jeder Uhrzeit kaufen könntest – würdest du dann mehr kaufen?

 

2/ Würdest du mehr an öffentlichen Orten rauchen, dort, wo auch andere Raucher (Zigaretten) rauchen dürften/könnten?

 

3/ Würde sich dein Kaufverhalten ändern oder würdest du die gleiche Menge kaufen, die auch jetzt deinen Gewohnheiten entspricht?

 

4/ Hättest du mehr Erwartungen an Geschmack/Qualität als jetzt und würdest du nach Sorte unterschiedliche Preise bezahlen?

 

 

Sicherlich habe ich keine repräsentativ große Menge von Menschen dazu befragt, und sicherlich ist auch der Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg kein repräsentativer Normbezirk für den Alltagskonsumenten einer nicht legalisierten Alltagsdroge. Aber gerade darin liegt ja der Reiz, etwas eben durch diesen analysierten Alltag festzustellen, was keine Angst, sondern Hoffnung macht.

 

Wenn Cannabis regulär und legal an vielen Orten zu kaufen wäre, würden die hier im Kiez wohnenden Menschen des Öfteren kleine Mengen kaufen – wahrscheinlich nur die Bedarfsmenge für ein paar Tage. Vor allem: Sie würden nicht mehr kaufen. Denn in diesem Stadtteil ist jetzt schon Cannabis in fast jeder Qualität rund um die Uhr verfügbar.

 

Die meisten Menschen, die Drogen konsumieren, finden ihre eigene, ihnen zuträgliche (regelmäßige) Dosis, die sie brauchen, um sich gut zu fühlen. Auch das zeichnete sich in den Gesprächen mit den Kiffern in meinem Kiez ab. Nur einer sagte, bei einer dauerhaften Verfügbarkeit, die legal sein, würde er auch mehr konsumieren. Wissenschaftliche Studien in verschiedenen Ländern der Welt haben gezeigt, dass es dabei keine Rolle spielt, ob Alkohol, Zigaretten oder Cannabis konsumiert wird. Nur rund 10% der Konsumenten überzieht das „Maß“, egal bei welcher Droge.

 

Doch zurück nach Berlin. Während die Bewohner der Stadt auf die Dealer ihres Vertrauens setzen, kaufen die Touristen und die Neueinsteiger (meist Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren) den benötigten Stoff im Görlitzer Park (mit den bekannten Problemen „schlechte Qualität“, „Unsicherheit“, „psychisch unter Druck gesetzt fühlen“). Und im Görlitzer Park oder der Hasenheide kaufen sie aufgrund begrenzter oder mangelnder Verfügbarkeit in ihrem Herkunftsort dann größere Mengen – was wiederum zu erhöhter Kriminalität führt, denn die dortigen Dealer wissen sehr wohl, dass die Kunden durchaus mal 100 oder 200 Euro im Portemonnaie bei sich haben.

 

Die Antworten auf die Frage, ob mehr Kiffer an öffentlichen Orten rauchen würden, ließen sich ganz klar unterscheiden zwischen Berlinern und Touristen. Während die Berliner es in den meisten Stadtteilen ohnehin gelegentlich öffentlich oder auf Partys tun (und in Kreuzberg am meisten), würden die meisten der Touristen es in ihren Heimatorten aus Angst vor Repression nicht mögen und sogar am liebsten alleine im geschlossenen Zimmer rauchen.

 

Am interessantesten fand ich jedoch die häufiger geäußerte Aussage, dass die Erwartungen an Qualität und Sortenvielfalt- sowie Reinheit steigen würden und damit auch ein Qualitätsbewusstsein. So berichteten mir einige, dass zeitweise nur „muffiges Zeug, weil nicht richtig getrocknet und dadurch schwerer“ verkauft wurde, andere berichteten davon, dass kaum mehr ein guter (echter) Afghane zu bekommen sein und man schon länger danach suchen müsse.

 

Allgemein, so wurde mehrfach konstatiert, sei exotisches und klassisches seltener und leicht zu ziehende Standardware häufiger zu bekommen. Ein Trend, der schon seit mehr als sechs Jahren in der Hauptstadt zu beobachten sei. Gute und langsam wachsende, beziehungsweise empfindliche Sorten werden erst teurer, dann sind sie kaum mehr zu bekommen. So betrachtet erschließt sich ein eigenes Feld für Soziologen und andere Wissenschaftler, aus denen sich für die Politik klare Zeichen ergeben: Eine Legalisierung würde nicht zum Schlechten verändern. Sondern zum Guten.

 

Eine Entkriminalisierung von Nutzern, Verringerung der Beschaffungskriminalität und ein entspannteres Miteinander im Alltag. Cannabis als Bestandteil einer anerkannten Drogen-Legalisierung neben Alkohol, Nikotin und Medikamenten. Eine Sortenvielfalt wie bei Kaffee oder Tee, nach Geschmack und Wirkung in Ruhe ohne Angst vor Bestrafung ausgesucht. Wo bitte schön ist da das Problem außer im Kopf einiger Politiker?

 

Eine Berlinerin sagte mir: „In Friedrichshain bekommst du Cannabis fast überall, immer. Es gibt keine höhere Kriminalität, den Menschen geht es gut, und bezahlbar und in annehmbarer Qualität ist es auch. Wo zum Teufel ist der Horror, von dem manche im Zusammenhang mit Kiffen so reden?“

 

Ich habe den Horror ebenfalls nicht erkennen können. Eher ist es ein Paradies: Ruhig, entspannt und ein nahezu entkriminalisierter Genuss… wenigstens vom Gefühl her. Wegziehen würden die meisten der Befragten schon allein deshalb nicht mehr.
 

 

3 Antworten auf „Was wäre wenn…

  1. FrancoFunghi

    Die Vorstellung entspricht ja dem Amsterdam Prinzip. Ich persönlich würde:
    1. nicht mehr kaufen, warum ist ja verfügbar.
    2.warum nicht, ist doch entspannt, in einem Cafe vielleicht mit schönen Ausblick und Freunden zu sitzen und zu rauchen.
    3.Nein, nur was man so für den Zuhause Bedarf benötigt.
    4.Klares JA, ich war immer schon bereit für bessere Qualität höhere Preise zu bezahlen. Das ist ja wie mitn guten Wein oder Whiskey zu vergleichen. Nur leider wurde ja in vielen Shops in NL auch miese Qualität verkauft..

    Hoffen wir bald auf ein „wahr“werden der beschriebenen Vision…
    So long

  2. Sternsch I. Gard

    Es ist schon wirklich schön im F’hain zu wohnen. Man kommt immer an was ran, aber wenn man schon seit einem Jahrzehnt konsumiert, dann kennt man seine Pappenheimer und hat den einen, der das beste hat und dann vllt noch ein, zwei Ausweichmöglichkeiten, falls es vom guten nix gibt und selbst die Auswahlmöglichkeiten, lassen manche mit den Ohren schlackern. Wenn du abends im F’hain unterwegs bist, dann kannst du in fast jeder Kneipe, wo man rauchen kann auch dampfen und meist sind die Kellner auch nicht abgeneigt mal ein zu zippeln.
    Auch wenn das natürlich alles schön ist, guckt man sich denoch, anders als im Artikel beschrieben, noch um, ob die Luft rein ist. Ich dampf denoch fast überall, letztens erst in Potsdam am Bhf. Schönes, stinkendes Weed. Hammer Geschmack! Und nach 4 Zügen? Laufen zwei Bullen an mir vorbei. Dachte scheiße, jetzt ham se dich, hatte ne ordentliche Ladung im Gepäck und was passiert. Ich puste mein letzten Zug aus, las den sticky unauffällig fallen und keiner merkt was. Schön und gut, aber ich will mich beim dampfen nicht ständig umgucken müssen. Hab zwar momentan auch ne schöne Auswahl von drei, vier verschiedenen Sorten, aber die gibt es nicht immer, aber ich hätte sie gern immer. Ich würde mir auch nicht mehr kaufen als jetzt, warum auch, wenn es alle ist, geh ich in den Coffeeshop meines Vertrauns, im besten Fall ist es dann sogar meiner ;), und nehm mir, was ich für zwei drei Tage brauch. Oder setz mich einfach entspannt in Laden, nehm nen vorgedrehten und noch ein mit nach Hause, falls es mich dann nochmal überkommt. Aber soweit ich das aus A’dam kenne, reicht son fettes Tütchen pur für fast nen ganzen Tag, wenn man nicht gerade mit 3 Freunden durch die schönste Stadt der Niederlande zieht. =D

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