Sonntag, 13. Juli 2014

Der Tag, an dem das Paradies unterging

Autor: Sadhu van Hemp

 

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Deutschland feiert dieses Jahr gleich zweimal Jubiläum: Zum einen erinnern wir uns an jenen Novemberabend vor 25 Jahren, als sich unsere Brüder und Schwestern jenseits des Antifaschistischen Schutzwalls in einer Nacht- und Nebelaktion ihres Staates entledigten, zum anderen sind wir Zaungast, wenn unsere Mutti der Nation im Bundeskanzleramt ihre Sause zum 60. Geburtstag steigen lässt.

 

Auch wenn es viele Deutsche nicht mehr wissen, aber es gab einmal zwei Deutschlands – ein gutes und ein böses, beide fein säuberlich durch einen Eisernen Vorhang getrennt. Welche Seite nun genau das Böse beherbergte, und ob das Gute tatsächlich siegte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Noch immer wird die Verschwörungstheorie überliefert, dass nicht der Westen den Osten annektiert hat, sondern umgekehrt. Als Beweis dafür soll die kampflose Übergabe der freien Stadt Westberlin herhalten –  also jene von den Westalliierten besetzte Exklave, die wie ein eiternder Stachel im faulen Fleisch des Warschauer Paktes steckte und als „selbständige politische Einheit“ weder Eigentum der BRD noch der DDR war.

„Der 9. November 1989 war blanker Horror“, berichtet ein Zeitzeuge aus Moabit, der in jener Nacht hinter schwedischen Gardinen tatenlos zusehen musste, wie Millionen Rote Socken über die Böse-Brücke ins vermeintliche Schlaraffenland einmarschierten und en passant zwei Millionen freie Westberliner in Geiselhaft nahmen. „Wir hatten keine Chance! Die Ossis kamen, sahen und plünderten unsere Discounter. Meinem Töchterchen wurde auf offener Straße eine Banane aus dem Mund geraubt, und niemand konnte oder wollte gegen diesen Wahnsinn einschreiten. Wir Westberliner sind Opfer des größten Verrats der Weltgeschichte geworden.“

Recht hat er, der Zeitzeuge aus dem untergegangenen Westberlin. Die Blitz-Annexion der Halbstadt durch den DDR-Volkssturm war völkerrechtswidrig, und die Deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 hätte ohne das Niemandsland westlich des Brandenburger Tores vollendet werden müssen. Bis heute wurde kein Bürger der freien Stadt gefragt, ob er wirklich in die Bundesrepublik zwangseingebürgert werden wollte. Als die Polit-Eliten aus Bonn und Ostberlin die Einheit Deutschlands ausbaldowerten, fehlten die Westberliner am runden Tisch. Dabei ging es nicht nur um den freiwilligen Beitritt der blutleeren DDR zur beinahe bankrotten BRD, sondern auch um den Status des eigenständigen Stadtstaates. Immerhin galt Westberlin als Hongkong Europas, und die goldenen Zeiten der Freistadt schienen gerade erst anzubrechen.

 

Das von Bolschewiken umzingelte und von den Westalliierten wie ein Augapfel gehütete Kuschelnest im Herzen der DDR garantierte durchaus ein bequemes und sorgenfreies Leben. Auf nur 481 Quadratkilometern gab es soviel Freiheiten wie auf der ganzen Welt nicht. „Berlin tut gut“ war der Slogan, der das ummauerte Paradies im märkischen Sand anpries und bis 1989 immer mehr freiheitsliebende Pazifisten an den unsichersten Ort des 20. Jahrhunderts lockte.

„Ich musste weg aus dem engen Spessart“, erzählt ein Flüchtling von damals. „Die Feldjäger waren hinter mir her, um mich wegen Fahnenflucht einzubuchten. Westberlin war meine Rettung. Für die Nachfolgeorganisation der Wehrmacht war die Insel tabu. Ich fühlte mich wie im siebenten Himmel!“

Und dieser Himmel hatte rund um die Uhr geöffnet und wurde zum El Dorado für aus der Art geschlagene Bundesbürger. Wer zu Hause in der westdeutschen Provinz wegen seiner Gesinnung, Religion oder sexuellen Orientierung aus dem Schützenverein geworfen wurde, der schlug in den unendlichen Tiefen der Westberliner Subkultur neue Wurzeln.

„Westberlin war das Amsterdam des Ostens“, schwärmt ein mittlerweile in den Ruhestand getretener Btm-Fachhändler. „Als ich 1968 meiner schwäbischen Heimat den Rücken kehrte und in Westberlin aufschlug, wusste ich sofort: Hier geht was.“

Möglich machte das der DDR-Zoll, der den Schmuggel mit Suchstoffen aller Art nach Westberlin zuließ, insbesondere den mit unversteuerten Zigaretten und Alkoholika zur Devisenbeschaffung. Auch illegale Drogen fanden ihren ungehinderten Weg über den Transitverkehr auf den Westberliner Schwarzmarkt – dank der perfiden Strategie der DDR-Bonzen, der Klassenfeind möge sich doch bittschön selber ins Nirwana fixen.

„Die Stasi war der Garant für mein Importgeschäft aus dem Orient“, erläutert der gewiefte Ex-Schwabe seinen Aufstieg zum Haschisch-Großimporteur. „Nicht nur, dass mir die Heinis eine Wohnung in Ostberlin als Lager zur Verfügung stellten, nein, die waren darüber hinaus top in die Westberliner Behörden vernetzt. Ich wusste immer, wie die Aktien um mich stehen. Fast zwanzig Jahre stand ich unter Kuratel der Stasi – und das war auch gut so. Ohne meine über Schönefeld eingeflogene Importware hätte so mancher Westberliner in die leere Bong geguckt.“

 

Wer heute in den verschlafenen westlichen Bezirken seine provinzielle Ruhe findet, wird es nicht glauben, dass in Kalten-Kriegs-Zeiten rund um den Kurfürstendamm eine offene Drogenszene zu Werke ging, gegen die das heutige Treiben der paar Softgrasdealer im Görlitzer Park ein Kindergeburtstag ist. Anno 1970 versammelten sich mit Einbruch der Dunkelheit hunderte Dealer vor den einschlägigen Ku-Damm-Diskotheken, und der Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf war schon vor Schulschluss schwarz vor Hanffreunden, die angesichts des Überangebots edelster Rauchwaren die Qual der Wahl hatten. Auch die Neuköllner Hasenheide galt bereits in Ende der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts als größter offener Coffeeshop der Welt, dem die Strafverfolgungsbehörden außer ein paar fruchtlosen Razzien nichts entgegenzusetzen hatten.

 

Und das alles hätte bis zum Sankt Nimmerleinstag so weitergehen können, wäre da nicht jene unglückselige Nacht über die Westberliner gekommen, als die Ostdeutschen in einem Anfall geistiger Umnachtung wie die Heuschrecken über die schlafende Stadt herfielen und das ohnehin überfüllte Boot zum Kentern brachten.

„Plötzlich war nichts mehr so, wie es mal war“, schildert der ehemalige Haschgrossist die Chaoszeit der Wende. „Sämtliche Kontakte rissen binnen weniger Tage ab. Zwei größere Lieferungen sind nie angekommen. Mein Lager wurde noch im November geplündert, und ich musste erst einmal auf dem Prenzlauer Berg untertauchen, da niemand wusste, inwieweit meine Aktivitäten noch gedeckt waren und die Mitwisser vom Westberliner Zoll dichthielten.“

Die Karten im Haschischhandel wurden neu verteilt. Westberlins Abstieg war Ostberlins Aufstieg. Bis zur offiziellen Wiedervereinigung bot Ostberlin den geeigneten rechtsfreien Raum für den zu bedienenden explodierenden Haschischmarkt. Zudem gewannen die östlichen Innenstadtbezirke zunehmend an Attraktivität, vor allem für ausgehungerte Westberliner Männer, die auf der anderen Seite der Spree mit kleinem Budget wie die Fürsten lebten und den unbedarften Brüdern aus der Noch-DDR die Schwestern ausspannten.

 

Wer sich 25 Jahre später West- und Ostberlin näher betrachtet, wird jedoch feststellen, dass die Stadthälften bis heute nicht richtig zusammengewachsen sind. Noch immer hadern die Westberliner mit ihrem Schicksal, Gastgeber einer großdeutschen Veranstaltung zu sein, die nicht die ihre ist. Zurückgezogen leben die mittlerweile verwitterten Ur-Westberliner in ihren gutbürgerlichen Wohnquartieren und leisten fleißig zivilen Ungehorsam, indem sie alles und nichts boykottieren und sabotieren – wie man eindrucksvoll am Flughafen BER sehen kann. Letzter Höhepunkt Westberliner Querulantentums war ein netter kleiner Volksentscheid, der den Merkel-Vasallen des Preußischen Landtags den Verkauf und die kommerzielle Nutzung des stillgelegten Tempelhofer Flugfeldes untersagte.

Nein, in Feierlaune anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls sind diese armen, aus der Zeit gefallenen Seelen ganz und gar nicht. Und jeder Westberliner kennt mindestens einen Westberliner, der sich lieber die Zunge abbeißen würde, als Angela Merkel ein Geburtstagsständchen zu singen.

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