Donnerstag, 8. Mai 2014

Wiener Blut in der Oper

Sadhu tanzt Walzer
 

Autor: Sadhu van Hemp
 
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Es geschah am 26. Februar 1987 bei Rot an der Ampel. Ich irrte an jenem Donnerstag auf der Suche nach einem Quartier durchs nächtliche Wien, als plötzlich eine wildfremde Person am Karlsplatz meine Beifahrertür aufriss und sich dreist zu mir ins Auto pflanzte. „Bitte, retten Sie mich!“ flehte eine junge Frauenstimme. „Heute ist Opernball! Die sind hinter mir her!“ Ich blickte mich um – und tatsächlich: Eine Horde Polizisten rannte Knüppel schwingend direkt auf uns zu. Ich zählte eins und eins zusammen und gab instinktiv Gas – instinktiv deshalb, weil ich ohnehin schon auf der Flucht war. Was für ein Albtraum, dachte ich, während mich die junge Frau durch das Straßengewirr Wiens bis zu sich nach Hause lotste. Wenige Stunden zuvor war ich noch gerade so der Festnahme durch österreicherische Drogenfahnder entgangen, und nun bewahrte ich auch noch eine linksautonome Chaotenbraut vor der Prügelorgie der Polizei.
 

„Ich bin die Mizzi“, sagte die Maus zum Abschied, und das hätte es auch schon sein können, wäre ich nicht so ein triebgesteuerter Testosteronjunkie, der noch jeder Frau allzu gerne Kopf und Sinne verdreht. Damals sogar ohne jede Anstrengung, da es in friedensbewegten Zeiten normal war, dass sich Frauenherzen der Liebe schneller öffneten, als der Mann flüchten konnte. Und so kam es, wie es kommen musste: Ich, der Piefke, bekam ein Nachtlager in der Donaustadt und Mizzi dazu. Zwar überwog das Liebesglück nicht den finanziellen Verlust, den ich an jenem Tag erlitten hatte, doch ich tätigte mit Mizzi zugleich eine Investition in die Zukunft. Bereits neun Monate später durfte ich Alimente zahlen – für Sophia-Amelie, mit der mich Mizzi zum Rabenvater machte. Doch alles war gut: Das Töchterchen war gesund und munter, und Mizzi machte keine Anstalten, mich in irgendeiner Form an ihrem Mutterglück beteiligen zu wollen. Ich richtete einen Dauerauftrag ein, besuchte Sophia-Amelie, so oft ich konnte, und lud Mutter und Tochter jedes Jahr in den Sommerurlaub ein.

 

Ein Vierteljahrhundert hatte ich meine Ruhe vor meiner kleinen Familie in Wien, und ich konnte mich ganz meiner eigentlichen Berufung widmen – dem Haschischhandel. Der finanzielle Verlust des verratenen Österreich-Deals war schnell kompensiert, und ich verlegte meinen Geschäftssitz von Hamburg nach Amsterdam. Mizzi brach ebenso zu neuen Ufern auf, das heißt, sie wechselte pünktlich zum 30. Geburtstag von der linksautonomen auf die rechtsextreme Seite und investierte meine üppigen Unterhaltzahlungen in ein Portefeuille mit Aktien eines global agierenden Konzerns, der klimaneutrale Schneekanonen und Energiespar-Heizpilze produziert. Sophia-Amelie besuchte selbstverständlich ein Schweizer Elite-Internat, und alles lief seinen geraden Weg. Oh doch, ich bin stolz auf meine beiden Frauen. Zumal sie mich lieben, so wie ich bin, und keine Fragen stellen, woher das schöne Geld stammt, das ihnen das Leben versüßt. Doch dann kam er, jener unselige Tag, als Sophia-Amelie den idiotischen Gedanken gebar, dem Papachen das Herz schwer zu machen. Nein, meiner kleiner Engel wollte nicht zu mir nach Amsterdam ziehen und in einem meiner Coffeeshops ein unbezahltes Praktikum als Cannabisfachverkäuferin ableisten. Viel schlimmer, Sophia-Amelie beabsichtigte, sich mit einem Mann zu verloben, den ich nicht für sie ausgesucht hatte. Eine Katastrophe bahnte sich an, und ich sah keine Chance, das Unglück abzuwenden. Und so wurde ich Ende Februar an die schöne blaue Donau zitiert, um die geplante Verbindung finanztechnisch zu regeln und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wie bei Frauen üblich, wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt: Die Verlobung sollte standesgemäß auf dem Opernball stattfinden. Ich war natürlich entsetzt, erinnerte Mizzi an jene Nacht anno 1987, als sie noch eine Frau voll mutiger Überzeugung war und ihr unbestechlicher Charakter sich gegen das Böse und Verkommende auflehnte. Doch nichts half – Opernball, das musste sein an Sophia-Amelies schönstem Tag.

Am nächsten Morgen wurde ich in Wiens exklusivster Maßschneiderei vermessen und mit allem ausgestattet, was der Strizzi fürs Schaulaufen braucht. „Paps, das mit den Haaren geht ja nun mal gar nicht“, stellte Sophia-Amelie obendrein fest, als wir bepackt wie Lastesel aus Wiens edelstem Schuhsalon spazierten. „Und der Bart muss auch ab!“ Ich litt wie ein Hund, doch zugleich erfüllte es mich mit Stolz, Vater einer so schmucken Braut zu sein. Nur die dunkle Vorahnung, dass meine Kleine im Begriff war, sich ins Unglück zu stürzen, wollte einfach nicht weichen.

 

Am Vorabend des Opernballs bestätigten sich dann meine Befürchtungen. Mizzi und Sophia-Amelie hatten zur Soiree geladen, und ich bekam sie zu fassen, die feuchte und lasche Hand des angehenden Schwiegersohnes. „Du bist also der Ferdi?“ Vor mir stand ein grundhässliches Kerlchen, das viel Gebiss und ein falsches Gesicht zeigte. Sein Blick hatte etwas Unheimliches, und es kam mir vor, als hätte ich die Hackfresse schon mal gesehen. „Und du maßt dir also an, meiner Tochter ein guter und treusorgender Ehemann zu sein?“ „Ja, das maßt er sich an, Paps“, funkte Sophia-Amelie dazwischen. „Ferdi ist bereits Doktor der Rechte und Abgeordneter im Nationalrat. Mein Schatzi wird mich auf Händen tragen.“ Bevor ich peinlich werden konnte, zog Sophia-Amelie ihren Liebsten von mir ab. Ich brauchte erst einmal frische Luft und stahl mich auf die Terrasse, wo sich eine alleinstehende Dame anfand, mit der ich den Rest des Abends kiffen und schäkern konnte.

 

Nach einer kurzen Nacht folgte der große Tag. Ich hatte mich halbwegs mit dem Verlust der einzigen Tochter abgefunden und harrte der Dinge, bis sich meine Frauen herausgeputzt hatten und der Showdown beginnen konnte. Augen zu und durch, war die Devise  – doch leichter gesagt, als getan. Längst war ich Teil der Wiener Folklore, hübsch verpackt in einen Frack und mit einer weißen Fliege um den Hals. Vor der Oper angekommen fiel ich sogleich aus allen Wolken, als wir unversehens im Scheinwerferlicht einer laufenden Kamera standen und mir eine Reporterin das Mikrofon unter die Nase hielt. „Ja, ich bin der Papa der Braut, und das ist mein erster Opernball“, beantwortete ich wie im Trance die Fragen. „Ja, ich habe den Ferdi schon ein bisschen ins Herz …“ Ich stockte, sah in das feiste Gesicht des Lümmels und fragte: „Sag mal, Sohn! In welcher Partei bist du eigentlich?“

Mizzi reagierte sofort, zog mich beiseite und zischte: „Nicht solche Fragen! Keine Politik heute Abend!“ Sie sah mich böse an. „Der Ferdi ist in der FPÖ! Und bitte, mach jetzt bloß keinen Aufstand! Das steht dir als Deutscher nicht zu. Oder willst du unserem Kind den Abend verderben?“

Nein, das wollte ich nicht, aber ich war kurz davor zu kollabieren. Und ja, wäre ich das nur! Denn das, was dann geschah, hätte ich mir mit einem Englischen Abgang erspart. Auf dem Weg zur Familienloge unseres zukünftigen Schwiegersohnes nahm mich Mizzi noch einmal ins Gebet: „Hör zu! Ferdis Vater ist Österreichs bedeutendster Ökonom. Also, wäre schön, wenn du mal deine unzeitgemäße politische Überzeugung für ein paar Stunden vergisst.“ Mizzi befahl, und ich folgte ihr schweigend durchs das Menschengewühl bis zur Loge. Dort angekommen empfingen uns zwei Muskelmänner, die mich ansahen, als wüssten sie bereits, dass sie sich mit mir noch näher beschäftigen würden. Mizzi stürmte vorweg in die Loge, die nicht größer als das Separee eines Puffs war. Dicht an dicht hockten mehr Frauen als Männer aufeinander, die allesamt jenem Schickeria-Klischee entsprachen, das einst die Spider Murphy Gang besungen hatte. Oh ja, ich kam mir vor wie im Panoptikum, und so viel Hässlichkeit auf einem Fleck hatte ich zuvor noch nie gesehen. Das war sie also, die Elite Österreichs, aufgeblasen mit Silikon und Botox, zugedröhnt mit Koks und Champagner und degeneriert von der eigenen Dekadenz.

„Papa, ich möchte dich vorstellen!“ Sophia-Amelie schob mich nach vorne zur Brüstung, wo ein kahlköpfiger Zwerg umringt von blutjungen Blondinen mit dem Rücken zu mir stand. „Herr Kommerzialrat“, sprach sie ihren Schwiegerpapa in spe an. „Ich möchte Sie mit meinem Vater bekannt machen.“ Als sich der Kerl umdrehte, blickte ich in ein von Schönheitschirurgen verunstaltetes Gesicht, das älter aussah, als es war. Schweigend starrten wir uns an, und es dauerte einige Sekunden, bis wir begriffen, wer sich da gegenüberstand. Und dann geschah das, worauf ich exakt 27 Jahre gewartet hatte: Ich packte den Kerl am Kragen, verpasste ihm einen Fausthieb und tunkte seine Rübe in die Kaviarschüssel. „Jetzt hab ich dich, du Drecksau“, brüllte ich die Ratte an, die mich um 21 Million Schilling betrogen hatte. Wie von Sinnen prügelte ich auf den Verräter ein, und als die Bodyguards und das Schwiegersöhnchen eingriffen, bekamen diese ebenfalls ihr Fett weg. Doch ich hatte keine Chance. Mit vereinten Kräften wurde ich zu Boden gerungen und schließlich unter tosendem Applaus der Gaffer an Händen und Füßen vom Ort des Geschehens weggetragen.

 

Das war’s mit meinem ersten Opernball. Zerschunden wurde ich über den Bühnenausgang an die frische Luft befördert, und mir klar, dass ich mich mit diesem Auftritt endgültig zur persona non grata in Wien gemacht hatte. Doch letztlich war’s egal, denn ich hatte meine Tochter so oder so verloren. Es stand nicht mehr in meiner Macht, mein Kind vor diesem Ganovenpack zu schützen und dem Recht Geltung zu verschaffen. Und doch, es war wie eine Befreiung, als ich über die Kärntener Straße zum Karlsplatz schlürfte und dort bei Rot an der Ampel eine Droschke bestieg. Die Taxifahrerin zögerte zunächst, mich zu befördern. Doch als ich als Fahrziel Amsterdam angab und ihr zwei Tausender reichte, lächelte sie mich freundlich an und sagte: „Ich bin die Mizzi. Ich denke, wir können uns auf so einer langen Fahrt ruhig duzen.“
 

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