Montag, 5. Mai 2014

Cool runnings im Dachgeschoss

Manche mögen‘s gar nicht heiß

 es wird heiß in der Box
Sommer 2013, irgendwo in Deutschland: Es ist Mitte August und die Außentemperatur beträgt 32 Grad im Schatten, als ich mich mit Steve* treffe. Steve ist ein alter Freund aus lange vergangenen Lehrjahren, den ich aus den Augen verloren hatte. Als wir uns vor ein paar Wochen, nach fast 15 Jahren, zufällig wieder trafen, mussten wir feststellen, dass wir zwar ganz unterschiedliche Lebenswege beschritten hatten, diese jedoch eines gemeinsam haben: Die Liebe zum illegalisierten Hanfanbau.

 

Mit dem kleinen Unterschied, dass ich nur drüber schreibe, wohingegen mein ehemaliger Kollege echten Hanfpflanzen beherbergt. Steve gehörte noch vor 15 Jahren eher der Biertrinker-Fraktion an, wobei er auch gerne mal tief inhalierte, wenn sich die Gelegenheit ergab. Im Arbeitsleben ging es erst einmal feucht-fröhlich weiter und noch ein paar Jahre später, mit knapp über 30, wog er über 100 Kilogramm und hatte laut Aussage seines Arztes ein mittleres bis schweres Alkoholproblem. Durch einen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz 2001 kam Steve wieder regelmäßiger mit Cannabis in Kontakt und merkte, dass sein abendliches Verlangen nach Alkohol nachließ, wenn er stattdessen ein bis zweimal am Joint eines Kollegen gezogen hatte. Also fing er an, anstelle seines Feierabendbierchens mit den Kollegen regelmäßig einen „Feierabend-Ofen“ zu rauchen. Da das auf die Dauer zwar gesünder, aber eher teurer war, als sich allabendlich drei Liter Bier zu gönnen, entschloss sich Steve, es seinen Kollegen gleich zu tun: Er baute in seinem kleinen Schweizer Domizil ein wenig Weed an – Indoor unter einer 400 Watt Lampe. Das Know How, die Ausrüstung und sogar die Stecklinge waren bei den Eidgenossen damals einfach zu haben. So rauchte und ackerte mein Ex-Kollege zwei Jahre lang in der Schweiz, hatte 20 Kilo abgenommen und fühlte sich fitter denn je, als er sich entschied, aus beruflichen Gründen nach Deutschland zurückzukehren. Sein Groweqipment nahm er natürlich mit und seitdem baut er, in seiner alten und neuen Heimat, heimlich Gras@home an.

 

Nachdem er mir seinen gärtnerischen Werdegang geschildert hatte, wollte ich natürlich unbedingt sehen, was sich Steve da so „zusammengrowt“. Meine Bemerkung, in Kalifornien wäre er anerkannter Cannabispatient, Stichwort Substitution, nahm Steve anfänglich als Scherz auf. Als ich ihm dann aber erzählt habe, dass in den USA bereits viele Menschen mit Alkoholproblemen erfolgreich mit Cannabis behandelt werden, hat er sich erst einmal über meine Sicht des Wortes „positive Suchtverlagerung“ Gedanken gemacht und über das nachgedacht, was ja bei Junkies oder auch Schmerzmittelpatienten seit Jahren erfolgreich praktiziert wird. Aber so weit sind wir in Deutschland noch lange nicht. Nach ein paar Tüten „Gremlin“, einer stark Indica-lastigen, leckeren, aber undefinierbaren Eigenkreation meines Gesprächspartners, haben wir dann vereinbart, dass ich ihn in absehbarer Zeit besuche und mir die kleine Kammer mal näher anschaue.
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Kühle Köpfe

 

So stehe ich ein paar Wochen später vor einer unauffälligen Wohnung im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses in einer deutschen Großstadt, wo Steve meinen Besuch bereits erwartet. Mir fällt sofort auf, dass die Wohnung meines Ex-Schulkameraden nicht gerade kühl ist, was besonders im Hochsommer Probleme beim Indoor-Anbau mit sich bringen kann. Bevor er mir sein stilles Kämmerlein zeigt, baut mein Gastgeber eine schöne „Critical-Bilbo“- Tüte, die ihre Wirkung nicht verfehlt, als wir uns endlich ins Nebenzimmer begeben, in dem ich auf den ersten Blick Nichts erkennen kann, was auf einen Grow hindeutet. Gut so, denke ich, der Kollege ist in Sachen Tarnen und Täuschen auf dem neuesten Stand. Auf meinen fragenden Blick hin schiebt mein Gastgeber einen Vorhang in der Zimmerecke beiseite, hinter dem eine kleine Growbox erscheint. Vor der Box befindet sich ein winziger Vorraum für das Zubehör. Die eigentliche Growkammer besteht aus zwei 60×60 „Coolboxen“. Diese aus Spanien stammenden Growzelte lassen sich mit einem Klettverschluss einfach miteinander verbinden, so dass eine Anbaufläche von 120 x 60 Zentimetern entsteht.

„Ich wollte endlich mal auf einer rechteckigen Grundfläche anbauen, weil Natrium-Dampflampen ursprünglich ja auch für die Ausleuchtung rechteckiger Flächen konstruiert wurden. Bislang waren alle kleinen Growzelte, die ich kannte, quadratisch. Im Nachhinein finde ich, dass die Ausleuchtung auf der kleinen Fläche super war, vorausgesetzt natürlich man hängt das Leuchtmittel parallel zu den langen Seiten der Box. Allerdings hat die Qualität der Außenhaut beider Boxen Einiges zu wünschen übrig gelassen. Mir sind trotz vorsichtigster Handhabung bei der Montage beide Zelte ein wenig gerissen, so dass ich die Risse mit Panzerband kaschieren musste, um die Box lichtdicht zu halten. Die Klettverschlüsse, mit denen beide Boxen verbunden werden, waren zu meiner Überraschung absolut lichtdicht und die Box ansonsten gut zu handhaben.“

Trotz der sehr sommerlichen Außentemperaturen ist die Kammer erstaunlich kühl. Ich sehe zwar keinen Cooltube, wie aber kommt dann die optimale Temperatur von 29 Grad zustande, wenn es der Rest der Wohnung genauso warm ist?

damit es kühl bleibt in der Box
Wenn’s zu heiss wurde, gab’s nur noch 300 Watt

„Als ich in diese Wohnung gezogen bin war mir schon beim ersten Grow klar, dass ich im Sommer drastische Maßnahmen ergreifen muss, um keine Zwangs-Sommerpause einlegen zu müssen. Meine schöne Aussicht und die Südlage „bezahle“ ich mit Temperaturen bis zu 32 Grad in der Wohnung. In der Kammer wären das dann locker über 40 Grad, also ein absolutes No-Go für Hanfpflanzen.“  Stimmt genau, denn bei Temperaturen über 33 Grad stellen Hanfpflanzen das Wachstum ein und reifen viel zu schnell aus, bekommen also keine großen und kompakten Buds.

„Ich habe die Box vorausschauend auf der kühleren Seite der Wohnung positioniert und allein dadurch schon ein paar Grad gewonnen. Aber schon an Anfang des ersten Sommers wurden meine Befürchtungen wahr, der für meine Bude kühle Platz war nur bei Außentemperaturen bis zu 29 Grad kühl genug für mein Hobby. Ab 30 Grad in der Wohnung war es den Mädels zu heiß, so dass ich Gegenmaßnahmen ergreifen musste. Deshalb habe ich in Equipment investiert, das es mit der übermäßigen Wärme aufnehmen kann. Als Erstes habe ich mir einen für warme Räume konzipierten Reflektor besorgt. Der „Northstar“ von Swiss HighPro ist so gebaut, dass die Abwärme des Leuchtmittels wie in einem Schornstein nach oben entweicht. Dazu noch ein kompaktes, regelbares Nanolux-Vorschaltgerät, mit dem ich mich langsam an die Temperatur-Obergrenze von 30 Grad herangetastet habe. Ich habe es bei den frischen Stecklingen zuerst mit 50 Prozent Leistung, also 200 Watt, betrieben. Nach ein paar Tagen habe ich dann auf 75 Prozent (300 Watt) umgeschaltet und als ich gemerkt habe, dass die Temperatur mit 27 Grad immer noch im Grünen Bereich war, habe ich auf volle Pulle, also 400 Watt, gedreht. Wenn es draußen über 30 Grad sind, schalte ich auf 300 Watt herunter, weil es sonst in der Kammer auch über 30 Grad wären. Da die Ladys aber die Lichtphase nachts durchlaufen, musste ich das im aktuellen Durchgang bislang nur zweimal tun, trotz der hochsommerlichen Temperaturen. “

Als Steve die Box öffnet, bitte ich ihn, noch ein paar Worte zu Dünger und der restlichen Hardware zu verlieren: „Beim Medium setze ich seit meinem zweiten Grow in der Schweiz auf ein Kokos-Perlite Gemisch (Mischverhältnis 80/20), als Töpfe dienen mir 8-Liter Root Pouches. Die haben ähnliche Eigenschaften wie Tontöpfe, die Wurzeln können atmen, Stichwort Root Pruning (siehe Hanf Journal #9/2012: Auf den Punkt Topf-fit ) sind aber ultraleicht und nach dem Grow kommen sie einfach bei 30 Grad in die Waschmaschine. Der Lüfter ist ein handelsüblicher 240m³/h Rohrventilator, an den ich noch einen Schalldämpfer geschraubt habe, und beim Aktivkohlefilter handelt es sich um einen 300m³/h RhinoPro. Zur Umwälzung der Luft habe ich zwei kleine Swiss HighPro Clipvans montiert, das reicht für die kleine Box. Zum Düngen nehme ich den Grunddünger Grow/Micro/Bloom von Genaral Hydroponics und die organischen Zusätze aus der Green Buzz Liquids Reihe, also „More Roots“ als Wurzel- und „Fast Buds“ als Blühstimulator, „Big Fruits“ für die Hauptblütezeit und „Clean Fruits“ zum Spülen. Mein Leitungswasser ist leider ein wenig hart, weshalb ich mich nicht traue, einen EC-Wert von 2,0 zu überschreiten. Deshalb denke ich schon eine Weile über die Anschaffung einer Osmoseanlage nach. Der pH-Wert liegt durchgehend bei 5,8.“

 

Mittendrin statt nur dabei
Mittendrin statt nur dabei

 

„Abwechselung ist mir wichtig“
Beim Blick auf die zehn Ladies entdecke ich mehrere Sorten. Vor allen Dingen die Dame mit den langen, dünnen Fingern und den extrem glitzernden, wenn auch nicht allzu großen Buds hat es mir angetan.

„Das ist meine Silver Haze“, erklärt Steve auf meinen fragenden Blick hin. „Die verträgt relativ wenig Dünger, der Ertrag ist auch nicht gerade immens, aber dafür sind Geschmack und Wirkung einmalig. Ein Freund, der diese Sorte zieht, tauscht manchmal Stecklinge mit mir, leider hat er selten mehr als ein zwei übrig. Der Rest ist meine Eigenkreation „Gremlin“. Ich habe mal aus Spaß für einen Durchgang eine Jack Flash mit männlichen Pollen einer sehr leckeren, namenlosen Outdoorsorte gekreuzt. Aus den Samen habe ich mir dann zusammen mit einem befreundeten Grower eine schöne Mutterpflanze selektiert, die uns seit fast einem Jahr kräftige Stecklinge abliefert. Außer der „Gremlim“ hat mein Kollege noch eine „Cidral“, eine „White Widdow“, eine „Crtical Bilbo“ und eine „Jack Flash“. Ich weiß, die „Gremlin“ ist eigentlich keine stabile Sorte und nur eine amateurhafte Kreuzung, aber sie ist nach 60 Tagen fix und fertig, verträgt ordentlich Dünger und ist ziemlich ertragreich. Pro Pflanze hängen 25 – 30 Gramm feinstes, sehr Indica-lastiges Weed am Stängel und bei der „Silver Haze“ sind es 10 – 13 Gramm pro Pflanze.

Neun Gremlins in der achten Woche
Neun Gremlins in der achten Woche

Insgesamt ernte ich pro Durchgang zwischen 250 und 300 Gramm, je nachdem, welche Sorten ich stelle. Beim nächsten Mal werde ich wieder auf die gute alte „White Widdow“ und eine neue selektierte „Cidral“-Mutterpflanze aus meinem Stecki- Netzwerk befreundeter Eigenversorger zurückgreifen. Eigentlich wollte ich die “Critical Bilbo“ haben, weil sie so ertragreich sein soll, aber die erholt sich gerade noch vom letzten Schnitt, habe ich mir sagen lassen.“

 

Nützlinge statt Chemo-Keule

 
Als ich meine Fotos mache, fallen mir bei den Nahaufnahmen noch einige unangenehme Punkte ins Auge: Mir nur allzu gut bekannte Spuren von Spinnmilben, deren Befall sich jedoch augenscheinlich in Grenzen hält. „Ich habe mir einen Raubmilben-Mix aus Phytoseiulus californicus und Phytoseiulus persimilis besorgt“, erzählt mein Gastgeber, „diese Nützlingsart macht selbst bei sehr hohen Temperaturen und vorübergehend geringer Luftfeuchtigkeit nicht gleich schlapp. Auch mehrwöchige Hungerphasen mit nur einem geringen Angebot an Spinnmilben oder Thripsen machen ihnen wenig aus. Dieses Mal habe ich sie mit Raubmilben der Art Phytoseiulus persimilis kombiniert, die man bei akutem Befall mit Spinnmilben einsetzt. Ich bekomme die Plage zwar nie ganz weg, aber soweit unter Kontrolle, dass es die Pflanzen nicht weiter schädigt. Für mich die bessere Alternative im Vergleich mit der Chemo-Keule, die bei Spinnmilben besonders giftig ist.“

Im Vorraum stehen neben der Klimaanlage die notwendigen Utensilien wie Dünger und Messgeräte. Besonders viele „Wässerchen“ fallen mir nicht auf, die Pflanzen sehen trotzdem vital und gesund aus. „Ich bevorzuge es einfach, dafür aber genau. Ein Drei-Komponenten Dünger, und organische Zusätze mehr kommt mir nicht in den Eimer. Ich habe auch schon mal komplett „Bio“ gedüngt, aber der Geruch in den eigenen vier Wänden war für mich persönlich unerträglich. Ich denke schon eine ganze Weile über die Anschaffung einer Osmose-Anlage nach, um die Versorgung der Mädels zu optimieren. Was hilft die penibelste Ec- und pH-Kontrolle, wenn zu viel Kalk im Wasser ist? Bei meinem ersten Grow in der Schweiz habe ich in 6-Liter Töpfen auf Erde angebaut. Im Growshop meines Vertrauens hat mich dann ein Kunde von den Vorzügen des Anbaus auf Kokos/Perlite überzeugt. Seitdem messe ich die Werte auch sehr penibel und gieße genau nach einem festgelegten Plan. Ich weiß nicht, ob es am Medium oder meiner gewachsenen Erfahrung lag, aber die erste Ernte auf Kokossubstrat war so gut und lecker, dass ich dabei geblieben bin. Wobei ich Kokos eher wie Erde behandle: Ich dünge, anders als auf Erde, bei jedem Gießen, versorge aber jede Pflanze nur zwei bis drei Mal die Woche. Da ich noch kein Osmose-Wasser nutze, kann ich beim Ec-Wert sowieso nicht so hoch gehen, wie es bei weichem Wasser der Fall wäre. Die Silver Haze hat aber schon bei 2,0 mS erste Anzeichen von Überdüngung gezeigt, die „Gremlin“ verträgt ein wenig mehr. Natürlich spüle ich mindestens zehn Tage mit klarem Wasser, wenn ich intensiv gedüngt habe auch schon mal drei Tage länger

 

Fester, kompakter Gremlin-Bud
Fester, kompakter Gremlin-Bud

Der Nachwuchs wartet schon

 
Die Ladies stehen allesamt kurz vor der Ernte, mit der Steve loslegen möchte, sobald ich seine heilige Mini-Halle verlassen habe. Denn ein paar Wohnblocks weiter stünden bereits die schon erwähnten, gut bewurzelten „White Widdow“ und „Cidral“, Stecklinge bereit, erzählt mein Gastgeber nicht ganz ohne Stolz. „ Also los jetzt, lass uns noch einen rauchen und dann verschwinde und schreib Deinen Artikel, ich muss arbeiten“ grinst mich Steve an. „Für den kommenden Durchgang habe ich vor, je auf einer Seite der Kammer „Cidral“ und auf der anderen „White Widdow“ blühen zu lassen, Abwechselung ist mir sehr wichtig. Aber vorher muss ich mir heute noch eine Nachtschicht geben und meine kleine Trockenbox aufbauen, damit ich morgen Abend gleich wieder die Blühkammer voll stellen kann. Ich hasse Nichts mehr als lichtlose Tage im Growschrank. Meistens schaffe ich es auch so wie dieses Mal, direkt blütebereiten Nachwuchs in der Hinterhand zu haben. Gute Planung und ein zuverlässiges Netzwerk von Selbstversorgern ist die halbe Ernte.“

 

Also bewegen wir uns zurück in Richtung Wohnzimmer, inhalieren eine Abschiedstüte und ich mach mich auf den Weg, das eben Erlebte medial zu verarbeiten. Ich freue mich auf jeden Fall diebisch, dass aus einem meiner versoffenen Kollegen aus Schulzeiten nach 20 Jahren noch was Anständiges geworden ist. Wir sehen uns wieder, Steve.

 

* Name von der Redaktion geändert

2 Antworten auf „Cool runnings im Dachgeschoss

  1. hhhjjjjffff

    könnte man nicht den Tag-Nacht Rythmus der pflanzen umkehren, sodass die Pflanzen nachts ihr licht bekommen un tagsüber nicht zu warm kriegen?

  2. Blubba

    Ist ein bischen Spät aber dass macht er doch.

    „Da die Ladys aber die Lichtphase nachts durchlaufen, musste ich das im aktuellen Durchgang bislang nur zweimal tun, trotz der hochsommerlichen Temperaturen. ““

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