Samstag, 3. Mai 2014

Interview mit Bunji Garlin

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Wie so viele karibische Artists fing Bunji Garlin schon in der Schule an zu singen. Ende der 1990er zog er, anfänglich unter dem Pseudonym Little Bounty – in Anlehnung an den damals schon bekannten und gefeierten Bounty Killer – durch die Lande. Später widmete er sich stärker dem Soca, der Musik seiner Heimat Trinidad und Tobago. Viermal gewann er dort den Soca Monarch Wettbewerb bevor er beschloss sich neuen Herausforderungen zu stellen. Sein Hit Differentology war eine der Hymnen des Karnevals 2013 und sorge nicht nur in der von Major Lazer geremixten Version für Aufsehen. Im Interview erklärt Bunji Garlin was es mit Soca, Karneval und dem Hype um den Song auf sich hat.

 

Reggae und Dancehall Künstler hatten wir ja schon einige im Hanf Journal, Soca kam eher nur am Rand vor. Beschreibe doch bitte kurz, was diese Musik ausmacht?

Soca-Music stammt aus Trinidad und Tobago und ist eine Weiterentwicklung aus der traditionellen Musik der Region, zu der unter anderem Calypso gehört. Calypso war damals die Musik, welche armen Leuten die Nachrichten überbrachte. Es hatte nicht jeder Zugang zu Zeitungen oder ähnlichen Medien, deshalb wurde Musik genutzt, um Neuigkeiten zu übermitteln. Gerade auf dem Land wurde Calypso als eine Art gesellschaftlicher Kommentar verstanden. Soca hingegen transportiert eher die Partystimmung, um Stress abzubauen und die Leute zum Tanzen zu bewegen. In den letzten zehn Jahren wurden allerdings auch versucht vermehrt sozial kritische und tiefgründigere Texte in die Musik mit einfließen zu lassen. Die Songs sollen nicht nur zum Feiern motivieren sondern auch eine Geschichte erzählen.

 

Wie hat diene Karriere begonnen?

Ich habe meine professionelle Karriere 1999 begonnen. Damals war mein Style noch ein anderer. Mein Hauptmerkmal war ein Ragga Soca Artist zu sein. Ragga Soca ist im Wesentlich die Fusion aus Dancehall und Soca. Als ich zur Schule ging wurde die Musikszene in Trinidad und Tobago stark von jamaikanischem Reggae und Dancehall geprägt. Soca war ausschließlich eine Karnevals Musik und es bestand die Tradition, dass Soca nicht mehr im Radio gespielt wurde, sobald die Karnevalszeit vorüber war. Es blieb uns also nichts anderes übrig als Musik zu hören, die aus dem Rest der Welt zu uns drang. Das war Pop, Reggae, Techno, House oder R&B. Jamaika ist eine unserer Nachbarinseln, da war der Einfluss natürlich am stärksten. Daher begannen sich immer mehr junge Leute für Reggae und Dancehall zu interessieren. Zu Beginn meiner Laufbahn eignete ich mir Skills im Dancehall an, die ich dann später auf Soca Musik übertrug.

 

Wie war die Reaktion des Publikums auf diese Mischung?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Ich habe Ragga Soca nicht erfunden. Vor mir gab es schon einige Entertainer, die die beiden Musikstile mischten. Sie wurden vom Publikum gefeiert, doch aus irgendeinem Grund wurde es zum Problem, als ich dasselbe versuchte. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe was die Ursache war. Während andere lediglich ihre Interpretation von Dancehall darstellten, die auf Grund ihrer kulturellen Prägung Soca-Elemente enthielt, war ich der erste, der beide Richtungen offen miteinander vermischte. Das hat vielen Leuten am Anfang nicht gefallen.

 

Du bist Teil der Asylum Family, was genau ist dieser Zusammenschluss und wer ist noch dabei?

Ich habe diese Gruppe damals mit der Idee gegründet, die talentiertesten Künstler mit denen ich gearbeitet habe, zusammen zu bringen. Dazu gehören nicht nur Sänger bzw. Sängerinnen sondern auch Musiker und Produzenten. Daraus ist das Asylum Vikings Team entstanden. Meine Frau Fay Ann Lyons und ich sind die Leader dieser Bewegung, die mehr ist als nur eine einfache Band. Als ich  in Schweden war, habe ich den Beinamen ‚The Viking Of Soca erhalten‘. Das mag mit daran liegen, dass ich nicht nur die Leichtigkeit und Freude verbreite mit der die meisten Soca assoziieren, sondern gleichzeitig auch als Eroberer auftrete, um mir neue Länder zu erspielen und meine Karriere voranzutreiben. Auch wenn uns über die Jahre einige Mitglieder verlassen haben und neue dazu gekommen sind, haben wir den familiären Charakter unserer Vereinigung immer aufrechterhalten, um in einer guten Atmosphäre gemeinsam kreativ sein zu können.

 

Du hast über Jahre hinweg an der ‚Soca Monarch Competition‘ teilgenommen und vier Mal gewonnen. Warum hast du dich 2011 dazu entschlossen in Zukunft nicht mehr anzutreten?

Ich habe mich dazu entschlossen nicht mehr teilzunehmen, weil ich mich durch ‚Soca Monarch‘ nicht mehr weiter entwickeln konnte. Ich wollte meine Musik international so weit wie möglich verbreiten. Dazu musste ich mich von den Wettkämpfen zurückziehen. Es bedarf einer Menge Vorbereitung so eine Competition zu gewinnen. Ich musste im Prinzip alle meine Songs auf ‚Angriff‘ ausrichten. Ich wollte mich von dieser Aggressivität entfernen und stattdessen lieber Songs machen, die die Menschen gerne mit singen, weil die Melodien im Ohr bleiben.

 

Welche Rolle spielt Marihuana in Trinidad?

In der Soca Musik spielt Marihuana keine Rolle. Wenn man an Jamaika denkt, denken viele Menschen auch gleichzeitig an Ganja. Das ist bei uns nicht der Fall. Trinidad und Tobago werden zuerst mit dem Karneval in Verbindung gebracht und dadurch mit Rum und Alkohol. Der Alkoholkonsum ist hoch, obwohl wir nur ein sehr kleines Land sind. Auf der Insel wird viel gefeiert und es gibt ständig Partys. Die treibende Kraft dahinter ist der Alkohol – hauptsächlich Spirituosen und Bier.

 

Liegt das auch daran, dass Marihuana illegal ist?

Ich denke der Hauptgrund, warum Menschen Marihuana wenig nutzen ist, dass es ein negatives Stigma hat und das zum Teil zu unrecht. Es ist allgemein bekannt, dass Marihuana eine beruhigende Wirkung hat im Gegensatz zu Kokain oder Methamphetaminen, die dich aufputschen und durchdrehen lassen. Daher ist die Gefahr, dass die Leute unter Einfluss dieser Drogen, aber auch unter Alkoholeinfluss gewalttätig werden, um einiges größer als bei Marihuana. Vor einiger Zeit gab es Bestrebungen im Parlament Marihuana zu dekriminalisieren. Das hat für Aussehen gesorgt und der Ausgang dieser Debatte ist noch ungewiss.

 

Dein Song ‚Differentology‘ hat letztes Jahr wie eine Bombe eingeschlagen und wurde weit über die Soca-Szene hinaus bekannt. Was war deiner Meinung nach der Grund dafür?

Die meisten Leute erwarten, dass Soca sich auf eine bestimmte Weise anhört. Soca soll immer die gleiche Geschichte von Party, Spaß und exzessivem Feiern erzählen. Letztendlich kann Soca, aber noch viel mehr, wie jede andere Musikrichtung auch. Die Musik ist vielseitig und es ist jedem Künstler selbst überlassen welche Inhalte er oder sie vermitteln will. Im Fall von ‚Differentology‘ haben wir uns von den klassischen Soca-Klängen entfernt. Wir verwendeten fünf anstatt 50 Instrumente. Die Melodie ist eingängig und man wird sofort mitgezogen.

 

Der Song wurde anschließend von Major Lazer geremixt. Wie kam es dazu?

Der Song wurde von Jarrod Faria, der unter anderem für den Produzenten von ‚Differentology‘  Keron „Sheriff“ Thompson arbeitet, promotet um ihn international bekannt zu machen. Jarrod kannte Jillionaire von Major Lazer schon eine ganze Weile, da dieser auch aus Trinidad stammt. Jarrod fragte nach einem Remix, doch zuerst hat er eine Absage bekommen, weil Major Lazer fast das ganze Jahr auf Tour war und daher keine Zeit hatte. Dann gab es allerdings eine Terminänderung und Major Lazer nutzte die freie Zeit einen Remix zu machen. Der Song hatte ihnen gefallen. Dadurch konnte der Song ein völlig neues Publikum erreichen, das mit Soca sonst gar nicht in Berührung kommt.

 

Werden Crossovers wie diese die Zukunft von ‚Nischenmusik‘ wie Soca sein?

Nun ja, letztendlich wurde Soca schon immer von anderen Musikrichtungen beeinflusst, wie es auch bei Reggae bzw. Dancehall der Fall ist. In den 1950ern und 60ern wurden viele der Stücke mit Flöten und Klarinetten anstelle der üblichen Blasinstrumente gespielt. Auch die üblichen Arrangements der Percussions wurden durch Jazz und Blues beeinflusst. Sänger wie Nat King Cole oder Harry Belafonte haben damals Calypso aufgegriffen und verändert. Heute wird die Musikwelt von Techno und Electro dominiert und beeinflusst dadurch auch Soca. Der gesamte Prozess wiederholt sich also in einem neuen Zeitalter. Ich persönlich will auch in Zukunft neue Wege finden Soca zu machen. Dabei will ich die Musik nicht verkomplizieren oder mich von ihrem Ursprung entfernen. Ich will sie bereichern und dadurch noch mehr Menschen erreichen. Ich will, dass das Publikum authentische Soca Musik kennen lernt und die Kultur dahinter versteht. Das ist meine Mission und daran werde ich unaufhörlich arbeiten.
Vielen Dank für das Interview. 

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