Freitag, 2. Mai 2014

Ist das Buntblatt psychoaktiv?

Über das Mysterium Coleus blumei
Autor: Markus Berger
Ist das Buntblatt psychoaktiv?

„Man braucht keine Labortiere, man braucht keine großartige Forschungsfinanzierung,

man braucht keine Unmengen von Universitätspersonal, man muss nur die Aktivität der Pflanzen verstehen – und man muss sie halt kosten.“

JONATHAN OTT

Allen Unkenrufen zum Trotz
Christian Rätsch hat Coleus blumei in die große monografische Übersicht seiner ‚Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen’ aufgenommen, sie also ganz klar in die Reihe der bekannten Psychonautika eingeordnet, obgleich in seinem Werk auch Kapitel für ‚wenig erforschte’ und ‚angebliche’ psychoaktive Pflanzen existieren. Das finde ich persönlich sehr gut, auch wenn einige Autoren der Ansicht sind, das Buntblatt sei nicht aktiv. Genau dies herauszufinden, ist Ziel vorliegender Arbeit. Ich werde zunächst anhand diverser Literaturstellen darstellen, wie manche Autoren der Gattung Coleus die Psychoaktivität absprechen, um anschließend die Stimmen zu reflektieren, die die geistbewegende Wirkung der Coleus-Spezies bejahen.
Die ungefähr 150 Arten umfassende Gattung Coleus gehört zur Familie der Lippenblütler (Labiatae/Lamiaceae) und stammt aus den tropischen Gebieten der Alten Welt. Coleus wurde relativ zeitig, vermutlich während der Kolonialzeit, nach Amerika eingeschleppt, wo die Pflanzen schnell ein wichtiger Bestandteil der Zauberkulte wurden. Bei den Mazateken wird die Buntnessel als Salvia divinorum-Ersatz verwendet und gehört zur selben Pflanzengeist-Familie. Salvia divinorum gilt hier als Mutter (la hembra), Coleus pumilus als Vater (el macho), Coleus blumei als Kind (el nene) bzw. Patenkind (el ahijado). Die Pflanzen sind zumeist krautig oder buschig und erreichen eine Höhe von etwa einem Meter. Die Arten tragen bis zu 15 Zentimeter lange, kreuzständige, ovale, zackige, bunte Blätter. Die annähernd glockenförmigen, purpurnen bis bläulichen, etwa einen Zentimeter langen Blüten wachsen in endständigen rispigen Ähren. In ihrer tropischen Heimat vermag Coleus das ganze Jahr über Blüten zu bilden, heute ist die Gattung hauptsächlich als Zierpflanze verbreitet und blüht im Wohnzimmer von Juni bis September. Gerade von C. blumei existieren eine Menge Kultivare, also Hybridformen, was häufig zur Verwechslung mit anderen Spezies führt. So sieht z. B. die Hybride Coleus blumei cv. Verschaffetii der Coleus forskohlii verblüffend ähnlich. Medizinisch wird Coleus gegen Elephantiasis (Samoa), Dysenterie und Verdauungsschwierigkeiten (Südostasien) und Kopfschmerzen (bei den Nekematigi aus Papua-Neuguinea) eingesetzt. Die Art Coleus atropurpureus BENTH. wurde lange Zeit als empfängnisverhütendes Mittel benützt.
Behauptung: Coleus ist nicht psychoaktiv
Den Anfang macht Bert Marco Schuldes (in memoriam). Sein Buch ‚Psychoaktive Pflanzen’ listete Coleus blumei in den ersten Auflagen noch als aktives Gewächs, während die Art in der letzten Auflage des Buchs mittlerweile dem Kapitel ‚Nicht psychoaktive Pflanzen’ untergeordnet ist: „Die Buntnessel findet man in jedem Fachbuch über Rauschdrogen. Auf der anderen Seite haben nach Erscheinen der ersten Auflage sowohl ich selber, als auch eine größere Zahl mir bekannter Personen Versuche mit dieser Pflanze unternommen, teils auch mit wirklich großen Mengen der Blätter. In keinem Fall kam es zu irgendeiner Wirkung. Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten der Erklärung: Irgend eine der etwa 150 Buntnessel-Sorten ist psychoaktiv, aber die scheint es in Deutschland nicht zu geben. Oder die Information ist schlicht falsch. Dafür spricht eine Mitteilung des Ethnopharmakologen Daniel J. Siebert. Er war selbst im Gebiet der Mazateken und schrieb mir, dass dort nur ein einziger Indianer behauptet, die Buntnessel wäre psychoaktiv. Die anderen Indios verneinen dies.“

Auch Jim DeKorne hat allerhand Anhaltspunkte zu glauben, Coleus sei inaktiv. Er schreibt in seinem Buch Psychedelischer Neo-Schamanismus: „Wasson hatte berichtet, dass seine mazatekischen Informanten ihm erzählt hätten, dass Coleus, eine verbreitete Zierpflanze und eine Verwandte von S. divinorum, ebenfalls von Heilern als Halluzinogen benutzt würde. Dies ist viele Male in der Literatur wiederholt worden. Einige Briefpartner erzählten mir, dass Coleus nicht psychoaktiv ist, andere sagten, er sei wirksam. Da ich ihn nicht probiert habe, kann ich mich nicht für eine der Positionen entscheiden. (Nach einer gewissen Zeit verliert man den Enthusiasmus für Versuche mit großen Mengen bitterer, zum Erbrechen reizender Blätter, besonders, wenn weniger zweideutige psychotrope Pflanzen so leicht erhältlich sind!) Hier ist ein Bericht eines Schamanen, der es wissen sollte: Der Heiler hatte ebenfalls zahlreiche Exemplare von Coleus-Arten, die in der Nähe seines Hauses wuchsen. Wasson hatte berichtet, dass die Mazateken glauben, dass Coleus eine Heilpflanze oder ein halluzinogenes Kraut ist, dass [sic!] eng mit S. divinorum verwandt ist (…). Trotzdem sagte Don Alejandro, dass die Pflanzen keine medizinischen seien und dass seine Tochter sie auf dem Markt gekauft hatte, weil sie hübsch sind (…).“
Behauptung: Coleus ist psychoaktiv
Mazatekische Schamanen sind der Ansicht, Coleus wirke ähnlich wie Salvia divinorum, in Brasilien wird Coleus (‚maconha’), u. a. während der Macumba-Zeremonien und sogar als Marijuana-Substitut geraucht. Während meiner Recherchen zu einem Artikel über die verschiedenen pychoaktiven Salbei-Spezies (erscheint demnächst in Entheogene Blätter) fand ich im Internet einen interessanten Artikel („The other psychoactive Salvias“), der u. a. auch die psychotropen Eigenschaften einer Coleus-Art thematisiert (http://www.spiritplants.com/articles/othersalvia.html):

„Eine als Forskolin-Extrakt bekannte, aus Coleus barbatus (= Coleus forskohlii) isolierte Substanz, (…) aus der Klasse der Neo-Clerodan-Diterpene und mit einer ähnlichen chemischen Struktur wie Salvinorin A, wurde im Rahmen (…) einer Experimentenreihe getestet und für ähnlich, wie gerauchte Salvia splendens-Blüten befunden, die um einiges stärker als die Blätter sind.“

Der Autor vergleicht im Artikel die Wirkung gerauchter Coleus forskohlii (hier noch mit dem Synonym Coleus barbatus angegeben) mit der des Feuersalbeis und kommt dabei zu dem Schluss, dass beide Pflanzen in der Tat ähnliche Effekte induzieren, also definitiv psychoaktiv sind, was ich nur bestätigen kann. Aus Salvia splendens wurden die Neo-Clerodanditerpene Salviarin und Splendidin isoliert, die im Vergleich zu Salvinorin A eine zwar etwas schwächere aber analoge Wirkung haben.
Im Kapitel ‚Rauchmischungen’ seiner Enzyklopädie führt Christian Rätsch Coleus spp. als psychoaktives Rauchkraut an. Im Abschnitt ‚Diterpene’ werden bicyclische Diterpene in Coleus blumei sowie Forskolin, Labdane und Coleone in Coleus spp. als ‚Diterpene in psychoaktiven Pflanzen’ gelistet. Im ‚Lexikon der Liebesmittel’ erfassen die Autoren Coleus blumei und Coleus pumilus als mexikanische Aphrodisiaka, und im Abschnitt ‚Rauch und Rausch’ des Werks ‚Räucherstoffe’ wird Coleus spp. als aktive Räucherungs-Ingredienz angegeben. Soviel zu Rätsch.

Im ‘Handbuch der Rauschdrogen’ taucht erneut die These von der Psychoaktivität der Buntnessel auf. Die Autoren behaupten, dass nordmexikanische Medizinmänner „in einigen nach Amerika importierten Pflanzen (Salvia divinorum (…), sowie den Buntnessel-Arten Coleus pumilus und Coleus Blumei [sic!]) halluzinogene Eigenschaften entdeckten, auf welche man in Europa nie gekommen war“. Wolfgang Schmidbauer unterstreicht die Behauptung mit der Aussage, dass „die Lippenblütler-Gattung Coleus (Buntnessel) in Amerika als Rauschmittel verwendet [wurde] (vor allem Coleus pumila und Coleus blumei)“. Professor Buzz hält in seinem Buch ‚Recreational Drugs’ fest: „Wenn Psilocybinpilze nur schlecht verfügbar sind und die User einen milderen aber ähnlichen Trip genießen möchten, dann bedienen sie sich manchmal der Coleus-Pflanze, hauptsächlich der Arten Coleus blumei und Coleus pumila. Die mazatekischen Indianer aus Südmexiko trippen schon seit Jahren mit dieser psychedelischen Minze”.
Ein pseudonymisierter User des Lycaeum-Forums postete am 19. August 2003 die seiner Ansicht besten Methoden und Maßnahmen, um beim Konsum von Coleus eine Wirkung zu provozieren. Die Pflanzen sollten in der vollen Sonne und bei feuchtem Boden gut gewachsen sein. Blattmaterial erntet man am besten, wenn die Blätter am buntesten (also am reifsten) sind. Grüne Blätter gelten als weniger potent. Die stärksten Blätter sollen Coleuszüchtungen mit tief purpurnem oder hellpinkem, purpur geadertem Blattwerk haben. Die Blätter sollten sparsam geerntet werden, um die Pflanze nicht zu töten, und in einem Trockenraum oder über einem nicht allzu warmen Heizkörper getrocknet werden. Das Rauchen von einem oder zwei Chillums dieser getrockneten Blätter soll eine geringfügige Intensivierung der Farben, ein verbessertes Vorstellungsvermögen und Tagträumereien induzieren. Selbst mit geöffneten Augen sollen sich nach dem Coleus-Genuss surrealistische Traumszenen eröffnen. Coleus-Blätter vor dem Schlafen geraucht, sollen das Vermögen, sich nach dem Schlaf an das Geträumte zu erinnern, erhöhen. Außerdem sollen sich die Effekte im Synergismus mit Cannabis verstärken. Meine eigenen Erfahrungen finden sich zum Vergleich weiter unten.

Die Newsgroup alt.drugs enthält einen von Nutzer ‚Keith’ geposteten Eintrag unter dem Titel „Coleus — hallucinogenic?“ von 1994, der, wenn authentisch, das Dargestellte bestätigt: „Auch auf die Gefahr dümmlich zu wirken, möchte ich meine Coleus-Erfahrung von vor 20 Jahren nicht unerwähnt lassen.   (…) Ich schwöre, dass ich etwas erfuhr, das einer milden Dosis Psilocybin sehr ähnlich war. [Ich sah] winklige, sich wiederholende Muster an den Wänden (wenn ich sie anschaute) und dergleichen …“
Die neutrale, wertfreie Betrachtung
Einige Autoren enthalten sich einer Meinung und geben einfach ihre Beobachtungen wieder. So geben R. E. Schultes und Albert Hofmann in ‚Pflanzen der Götter’ für Coleus an: „Zwei Arten dieser auf den Philippinen beheimateten Pflanze haben bei den südmexikanischen Mazateken eine Bedeutung erlangt, die derjenigen von Salvia ebenbürtig ist. Coleus hat magisch-religiöse Bedeutung und wird in der Wahrsagekunst verwendet. Die Blätter werden frisch gekaut, manchmal wird die Pflanze zerstoßen und mit Wasser zu einem Getränk verdünnt. Noch ist bei keiner der 150 bekannten Coleus-Arten eine halluzinogene Wirksubstanz entdeckt worden“. Weiter heißt es: „Die frischen Blätter werden genau wie Salvia divinorum verwendet, d. h. als Priem gekaut. Mazatekische Wahrsager und Schamanen benutzen die Buntnesselblätter anscheinend nur als Ersatz für Salvia divinorum. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich die Reputation des Buntblattes als psychoaktive Pflanze“.mIn der fünften Auflage des Werks von 2001, ergänzt Christian Rätsch: „Im Buntblatt wurden kürzlich salvinorinartige Substanzen (Diterpene) von noch ungeklärter chemischer Struktur entdeckt. Möglicherweise werden diese Diterpene durch das Trocknen oder Verbrennen chemisch zu wirksamen Stoffen modifiziert“.
Chemie
Coleus blumei wird heute Solenostemon scutellarioides genannt (Syn.: Coleus scutellarioides BENTH.) und enthält nach bisherigem Stand des Wissens Diterpene (möglicherw. Forskolin) und Rosmarinsäure in Zellkulturen. Coleus forskohlii (Syn.: Coleus barbatus (ANDREWS) BENTH., Plectranthus barbatus) enthält die zahlreiche Diterpene und diverse Triterpene.
Einnahmetechniken
Normalerweise werden getrocknete Coleus-Blätter pur oder mit anderen Pflanzen(-teilen) gemischt geraucht. Als Dosis werden drei Blätter und mehr angegeben. Die Mazateken kauen die frischen Blätter als Priem. Hinweise aus ‘Recreational Drugs’: „Man benötigt zwischen 50 und 70 große, bunte Blätter, um überhaupt etwas zu spüren. Diese müssen gründlich gekaut und heruntergeschluckt werden. Falls man möchte, können die Blätter auch geraucht oder in lauwarmem Wasser für eine Stunde oder länger eingelegt und der Absud davon getrunken werden. Niemand kann sagen, was der Buntnessel den psychoaktiven Kick verleiht, aber wir wissen, dass nur frische Blätter wirken. Getrocknete Blätter haben praktisch keinen Effekt.“ Beim Kauen eines Priems aus Blättern, sollte dieser nach Möglichkeit für etwa 15 Minuten im Mundraum (z. B. in der Wangentasche, wie bei Salvia oder Coca) verbleiben und gründlich ausgekaut und ausgelutscht werden. Das Buntblatt kann zerstoßen und mit Wasser zu einem Trank bereitet werden (z. B. auch im Mixer). Auch das Anfertigen eines alkoholischen Extrakts ist möglich. Hudson Grubber tätigt in seinem Buch zu dieser Methode einige Aussagen, die leider ohne Quellenangaben hingenommen werden müssen und bisher nicht weiter verifiziert wurden: „Die Dosierung kann schwanken, beginne mit 10 bis 20 frischen Blättern. Benutze frische Blätter, weil das aktive Prinzip höchstwahrscheinlich instabil ist. Die Blätter sollten gekaut werden, denn beim Auspressen des Saftes werden einige der aktiven Inhaltsstoffe zerstört“.

Ein Beitrag mit dem Titel ‚Coleus Preparation’ findet sich in der Internet-Newsgroup alt.psychoactives. Dieser hält interessante Hinweise zur Einnahmevorbereitung bereit: „ Nimm 30 bis 50 große, helle Blätter und wasch sie! Sie könnten mit Insektiziden verseucht sein (meine holte ich mir aus des Nachbars Garten, da kann ich nie sicher sein). Zerkleinere die Blätter – ich benutze immer eine Schere (die Stückchen müssen klein genug sein, um sie herunterschlucken zu können, ohne zu kauen (…). Tu das zerhackte Blattwerk in einen Plastik-Verschlussbeutel und friere das Material ein, um die Zellen aufzubrechen. Zur Anwendung, nimm die Tüte aus dem Eisschrank und konsumiere die Preparation am besten sofort, mische das Blattmaterial günstiger weise mit etwas aromatischem oder einer zähflüssigen Trägersubstanz, so dass du die Mixtur einfach schlucken kannst, Schokoladenpudding ist zum Beispiel ok.”
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Wirkung
Wiederum Professor Buzz: „Obwohl die Droge keine unerwünschten oder gar gefährlichen Nebenwirkungen hat, fühlen manche User ungefähr eine halbe Stunde nach oraler Einnahme der Pflanze eine gewisse Übelkeit. Aber dieses Unwohlsein verschwindet rasch und wird durch einen Psilocybin-ähnlichen Trip, begleitet von farbigen Halluzinationen sowie telepathischen und hellseherischen Zuständen abgelöst. Der Trip dauert etwa zwei Stunden.“ (BUZZ 1989)

Und Christian Rätsch: „Bei ca. 30 % der Probanden, die getrocknete mexikanische Coleus-blumei-Blätter rauchten, traten ähnliche Wirkungen, wie bei einer kleinen Dosis gerauchter Salvia divinorum ein (Anstieg des Pulses, Köperschwere, walzende Gefühle, tanzende Lichter vor Augen). Möglicherweise bedarf es einer besonderen Körperchemie, um mit der Pflanze zu reagieren. Es kann auch sein, dass die Wirkung erst nach mehrmaligem Probieren wahrgenommen wird.“

Ich vertrete die These von der Eingewöhnungszeit, die man auch beim THC- (Cannabis spp.) und Salvinorin- (Salvia divinorum) Konsum beobachten kann. Es kann aber auch sein, dass manche Menschen schlicht keine Wirkung vom Buntblatt verspüren können. Woran auch immer dies liegen mag.

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