Samstag, 12. April 2014

Cáñamo

„Uns geht es um die Normalisierung von Hanf“

Interview mit Moisés López vom spanischen Cáñamo Magazin, geführt von Daniel Werner am 9. November 2013 in Prag

Canamo
v.l.n.r Gaspar Fraga, Jack Herer und Moisés López in der Redaktion von Cáñamo, 2006

Moisés López gehört zum Urgestein des Hanfaktivismus in Spanien und ist Mitbegründer der spanische Monatszeitschrift ‚Cáñamo‘ (‚Hanf‘), der ersten spanischsprachigen Hanfzeitschrift weltweit.

D.W. Moisés, wie und warum kamst du dazu, die Zeitschrift Cáñamo zu gründen?

M.L. Ich bin nicht der einzige Gründer. Der eigentliche Gründer war Gaspar Fraga, der leider schon verstorben ist. Er war ein Meister seines Faches, ein großer Freund und mit allen Wassern gewaschen. Cáñamo entstand als Lebensprojekt und nicht als profitorientiertes Projekt.

D.W. Wie fing alles an?

M.L. Ich war erfolgreich im Verlagswesen tätig und wurde Mitglied bei der Organisation Ramon Santos für Cannabisstudien (ARSEC), weil mich diese Pflanze schon seit jeher begeistert hatte. In den 90er Jahren wurde ich mir des Potenzials dieses neuen Marktes bewusst und sah Platz für eine Firma zur Distribution von Hanfprodukten. Meine Frau und ich reisten nach Amsterdam und wir kehrten mit vielen Neuigkeiten zurück. Gaspar hingegen war zur ersten Cannabusiness Messe nach Deutschland gereist. Als wir uns danach bei ihm zu Hause trafen, überzeugte er uns, anstelle einer Handelsfirma eine Zeitschrift zu gründen.

D.W. Verzeih die Unterbrechung… War nicht ‚Yerba‘ die erste derartige Publikation in Spanien?

Nein, absolut nicht, da bist du schlecht informiert. Cáñamo war im Juni 1997 die erste spanischsprachige Publikation dieses Sektors. Yerba wurde 2001 gegründet.

D.W. Es wird gemunkelt, dass ‚Yerba‘ als Franchising der amerikanischen Zeitschrift Hightimes begann und dass der Direktor von Hightimes euch zuerst besucht hatte. Danach soll er euch vor die Wahl gestellt haben, entweder ein anderes ihm vorliegendes Angebot für ‚Hightimes Spanien‘ zu überbieten oder Hightimes als Konkurrenten in Spanien zu haben. Angeblich soll Gaspar daraufhin veranlasst haben, den Namen Hightimes für Cáñamo zu registrieren und die neue Zeitschrift musste sich einen anderen Namen suchen… Was ist an diesem Gerücht dran?

M.L. Ich möchte derartige Gerüchte lieber nicht kommentieren…

D.W. Und Jaime Prats war auch von Anfang an dabei?

M.L. Ja klar, er war Teil der Cáñamo Genese von Anfang an. Wir kannten uns seit 1994, weil wir beide als Aktivisten für die Normalisierung von Hanf kämpften. Ich sage bewusst Normalisierung. Eine Pflanze wächst und du konsumierst sie. Nicht mehr und nicht weniger. Das Experiment der Prohibition hatte damals wie heute versagt.

D.W. Ich hatte immer den Eindruck, dass der Cannabiskonsum in Spanien so weitläufig verankert ist, dass die gesetzliche Prohibition eine untergeordnete Rolle spielt bzw. nichts am weit verbreiteten Genuss von Hanf ändert?

M.L. Spanien als Land ist sehr unterschiedlich und kann nicht derart vereinheitlicht werden, aber es gibt eine interessante anarchistische Strömung. Vielleicht das einzig wirklich einheitliche an Spanien. [Moisés ist Katalane]

D.W. Und das hat indirekt mit der Cannabisbewegung zu tun?

M.L. Ja, wegen des damit verbundenen Kampfes um individuelle Rechte und Freiheit.

D.W. Mein Eindruck einer darüber hinausgehenden und von weiten Bevölkerungsgruppen getragenen Akzeptanz des Cannabiskonsums hat mich also getäuscht?

M.L. Nun ja, wie ein großer Freund von mir zu sagen pflegte, war Spanien bzw. die iberische Halbinsel immer durch die Pyrenäen vom restlichen Europa getrennt und könnte auch als Insel der Rauschliebhaber bezeichnet werden. Den Lastern kam immer schon eine besondere Bedeutung zu, seit den Römern. Pflanzenreichtum und Fiestas prägen seit jeher Spaniens Kultur, weshalb die ‚Unterstützung‘ durchs Volk hier nicht wirklich überrascht. Rausch und Trunkenheit gehören zum Wesen Spaniens, wobei hier eher von einer Kultur des Genusses als der Selbstzerstörung zu sprechen wäre.

D.W. Du sagtest vorher, dass das Projekt nicht gewinnorientiert war?

M.L. Als wir uns nach unserer Rückkehr aus Amsterdam trafen und mit Gaspar über unsere Ideen sprachen, fragte er mich: Willst du Geld verdienen oder Spaß haben? Ich bejahte Letzteres und er sagte: dann machen wir es. So wurde Cáñamo geboren. Der Firmenname ‚La Cañamería‘ wurde von Jaime erfunden. Wir waren auch von der grünen Bewegung in Deutschland beeinflusst, welche es geschafft hatte, unterschiedliche ökologiebewusste Gruppierungen zu vereinen. Uns war klar, dass die Zeitschrift an allen Zeitungsständen Spaniens ebenso wie beispielsweise Autozeitschriften erhältlich sein musste. Das war für uns ein Teil der Normalisierung, und wir erreichten dieses Ziel.

D.W. Wie sah es mit gesetzlichen Problemen aus? Welcher war der bisher skandalträchtigste Artikel in Cáñamo?

M.L. Unser Skandalniveau war immer linear, alles war skandalös. Rechtlich betrachtet fiel die Geburt der Zeitschrift in die Regierungsphase der rechtskonservativen Partido Popular. Sie gründeten eine Art Weisenrat um das Phänomen der aufkeimenden Growshops etc. zu untersuchen. Die Resultate waren absurd, ohne darauf näher eingehen zu wollen. Aber es kam nie zu einem direkten Versuch uns zu stoppen. Zudem arbeiteten wir mit einer der renommiertesten Anwaltskanzleien Spaniens zusammen.

D.W. Und nun gibt es sogar ein Cáñamo in Chile!?

M.L. Und vermutlich kommen noch weitere dazu.

D.W. Was geschah mit eurem ‚Cânhamo‘ in Portugal?

M.L. Tja, fast zeitgleich mit der ersten Ausgabe verabschiedete die portugiesische Regierung ein Verbotsgesetz für Cannabissamen, ähnlich wie in Deutschland. Die Zeitschrift hielt sich ein Jahr und wir veröffentlichten insgesamt sechs Nummern. Danach mussten wir sie einstellen.

D.W. War es hilfreich, Cáñamo in Katalonien gegründet zu haben?

M.L. Viele interessante Sachen kommen aus Katalonien. Ich wurde in Barcelona geboren, aber mein Vater ist aus Toledo und meine Mutter aus Madrid. Verallgemeinernd und in Stereotypen sprechend könnte man sagen, dass die Katalanen mehr zur Ironie neigen, wohingegen die Spanier eher zum Sarkasmus tendieren. Die Katalanen bevorzugen Spaß und Witz wohingegen der Spott eher zu den ‚Spaniern‘ passt.

D.W. Wie hoch ist eure Auflage?

M.L. Normalerweise 21,000 Exemplare pro Monat, außer wenn wir gratis Samen beilegen. Dann sind es etwa 20% mehr.

D.W. Wären 100.00 nicht besser?

M.L. Wir sind nicht ehrgeizig. Wir verstehen uns auch mit den Mitbewerbern gut. Uns unterscheidet von ihnen, dass wir unabhängig von anderen Tätigkeiten und Zweigen unserer Branche sind. Wir sind Herausgeber, sonst nichts. Dazu zählen natürlich auch die von uns herausgegebenen Bücher.

D.W. Überrascht dich die Entwicklung in Spanien seit den ersten Gehversuchen von Cáñamo? Immerhin gibt es heute mehrere gut besuchte Hanfmessen und der Wirtschaftszeig hört nicht auf zu wachsen.

M.L. Ja, natürlich freut es mich.

D.W. Wie siehst du das Phänomen der asociaciones cannabicas (Cannabisclubs)? Ist das der richtige Weg zur Normalisierung?

M.L. Ein weiteres Glied in der Kette. Umso mehr Glieder, umso besser, finde ich.

D.W. Was wäre dein Traumziel für Cáñamo? Bist du schon zufrieden? Was würdest du gerne noch erreichen?

M.L. Unser Hauptziel- und anliegen hat sich seit der Gründung nicht geändert: die Normalisierung von Hanf. Ganz zufrieden bin ich also noch nicht.

D.W. Wie kann das Erbe weitergereicht werden?

M.L. Das besorgt mich etwas. Meine Kollegen sagen mir immer, dass ich mich diesbezüglich doch etwas beruhigen soll. Es sollte eine natürliche Entwicklung sein. Als Gaspar starb, wurden wir oft nach der weiteren Zukunft gefragt. Aber wenn der Direktor stirbt, dann gibt es keinen Direktor mehr. Er war unersetzlich. Cáñamo ist toll, die Arbeit macht Spaß. Wir stecken uns mit unserem Enthusiasmus gegenseitig an. Die richtige Person wird zur richtigen Zeit kommen.

D.W. Danke für das Interview und alles Gute für die Zukunft.

M.L. Es war mir ein Vergnügen!

 

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