Mittwoch, 8. Januar 2014

Cannabis und Cannabinoide als Medizin bei Kindern

Autor: Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)

Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)
Dr. med. Franjo Grotenhermen, Foto: Archiv

Da der Konsum von Cannabis bei Kindern und Jugendlichen zumindest bei regelmäßiger Verwendung in hohen Dosen wegen des möglichen negativen Einflusses von THC auf die Gehirnentwicklung kritisch zu sehen ist, gibt es auch eine Diskussion darüber, ob Medikamente auf Cannabisbasis auch an Kinder und Jugendliche verabreicht werden sollten bzw. dürfen. Der Cannabisextrakt Sativex ist beispielsweise nur für die Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose von Erwachsenen zugelassen, nicht jedoch für die Therapie von jugendlichen Patienten.

Dennoch werden Cannabinoid-Medikamente auch in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen erfolgreich bei schweren Erkrankungen eingesetzt. Wie bei jeder Therapie müssen der Nutzen und die möglichen Risiken im Einzelfall abgewogen werden. Bekannt ist jüngst ein 5 Jahre altes Mädchen aus den USA geworden, bei der die medizinische Verwendung von Cannabis die Zahl der epileptischen Anfälle drastisch reduziert hatte. Andere Mittel gegen Epilepsie waren unwirksam gewesen. Dieses Mädchen und einige andere Patienten, die er kennen gelernt hatte, waren der Grund, warum Dr. Sanjay Gupta, der wichtigste medizinische Korrespondent für den US-Fernsehsender CNN, sich im Sommer 2013 öffentlich in einer Fernsehsendung bei den Amerikanern dafür entschuldigte, gegen die Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke gewesen zu sein.

Er erklärte, dass die Amerikaner hinsichtlich des medizinischen Nutzens von Cannabisprodukten jahrzehntelang in die Irre geführt worden seien und ergänzte: „Ich war Teil dieser Irreführung.“ Er erklärte, dass es „keine wissenschaftliche Basis“ gibt, zu behaupten Cannabis habe keinen medizinischen Nutzen. „Wir wurden in den Vereinigten Staaten nahezu 70 Jahre schrecklich und systematisch in die Irre geführt, und ich entschuldige mich für meine eigene Rolle dabei.“ Im Januar 2011 wurde Gupta vom Forbes-Magazin „als einer der 10 einflussreichsten Persönlichkeiten“ in den USA bezeichnet.

In der Zeitschrift „Angewandte Schmerztherapie und Palliativmedizin“ berichtete Privatdozent Dr. Sven Gottschling, leitender Arzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie an der Universität des Saarlandes in Homburg, im Jahr 2011 unter dem Titel „Cannabinoide bei Kindern“ von seinen Erfahrungen mit der Verwendung von THC (Dronabinol).

Er schrieb: „Wir haben bislang 13 Kinder mit schwerster Mehrfachbehinderung und Tetraspastik im Alter von 7 Monaten bis 17 Jahren und von 7-47 kg behandelt.“ Alle Kinder sprachen nicht ausreichend auf andere Medikamente an und litten unter anderem an kindlicher Zerebralparese oder einem Hirnschaden durch eine vorübergehende Verminderung der Sauerstoffversorgung. Bei all diesen Kindern führte THC zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik. In den vergangenen 10 Jahren wurden zudem weitere 50 Kindern mit unterschiedlichen Krebserkrankungen im Alter ab 3 Monaten behandelt. Sie litten unter Übelkeit oder Appetitlosigkeit.

Dr. Gottschling weist in seinem Artikel darauf hin, dass eine Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust die Todesrate bei Krebspatienten erhöht, weil die Patienten sich zwischen den Krebschemotherapie-Phasen schlechter erholen und häufiger an Infektionen leiden, was zu Therapieverzögerungen führen kann. Neben einer Verbesserung des Appetits und einer Reduzierung der Übelkeit habe THC oft zu einem besseren Schlaf und zu einer Verringerung der Angst geführt.

Im Artikel wird der Fall des bei der Erstvorstellung 4 -jährigen Noah vorgestellt, der seit 5 Jahren mit Dronabinol behandelt wird. Er leidet an einer komplexen Fehlbildung des Gehirns, einem Herzfehler, Veränderungen im Bereich der Blutgefäße sowie einer Epilepsie. Er litt unter einer ausgeprägten Spastik und Schmerzen und musste eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen. Daher entschlossen sich die Ärzte, zusätzlich Dronabinol zu versuchen: „Sehr rasch (binnen der ersten 48 h) trat eine Besserung der Tetraspastik ein und die Schmerzwerte sanken.“

Die Dosis ist heute bei 2 × 2,5 mg bei einem Körpergewicht von 27 kg. Das antispastische Mittel Baclofen konnte abgesetzt werden. Bei anhaltend stabilem Zustand nimmt er nur noch die Hälfte der Opiate-Dosis wie vor 5 Jahren.

Im Fazit für die Praxis heißt es:

„- Cannabinoide haben ein breites Wirkungsspektrum und decken in der Regel gerade bei schwerst mehrfach behinderten oder onkologisch erkrankten Kindern mehrere leidvolle Symptomkomplexe ab.
– Die Therapie ist nach unseren Erfahrungen sehr nebenwirkungsarm und es besteht eine sehr gute Therapiecompliance.
– In den von uns angewandten Tagesdosierungen zwischen 0,1 und 0,25 mg/kg Körpergewicht war auch in der Langzeitanwendung keine Dosiseskalation notwendig.“

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