Dienstag, 1. Oktober 2013

Lebt eigentlich Christiane F. noch?

Ja, Deutschlands berühmteste Fixerin trägt ihre Haut noch immer zu Markte.

Autor: von Sadhu Van Hemp

Das Heroin ist jedenfalls noch da ... - Foto: © Rotorhead / sxc.hu
Das Heroin ist jedenfalls noch da … – Foto: © Rotorhead / sxc.hu

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erscheint Vera Christiane Felscherinows Autobiografie, die dort anknüpft, wo der „Stern“-Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ endete.

Das Elend um den Lieblingsjunkie der Schmuddelmedien nimmt kein Ende. Kein Wunder, sorgt doch Christiane F. nach wie vor mit Negativ-Schlagzeilen für volle Kassen der Verlage. Diesmal durfte eine 28-jährige Absolventin der Axel-Springer-Akademie die mittlerweile 51-jährige Christiane Felscherinow aushorchen und das zusammenfassen und ausschmücken, was vorrangig die Springerpresse seit 35 Jahren mit denunziatorischem Eifer als Mythos am Leben hält.

Entsprechend generalstabsmäßig wird das 336 Seiten starke Machwerk vom rechtskonservativen Verlagskartell promotet. Zielgruppe der tendenziösen Trivialliteratur sind natürlich die vielen keuschen Muttis und züchtigen Töchter, also jene verängstigte Klientel, die sich gerne mit einfachen Botschaften in ihren Vorurteilen bestätigen lässt. Auf der Website zur Verkaufsförderung des Buches gibt’s dann auch gleich etwas fürs Herz. Und das ist die Ankündigung einer „Christiane-F.-Stiftung“, die sich auf den ersten Blick politisch korrekte Ziele auf die Fahne geschrieben hat. Begünstigte der Fürsorge sollen Kinder suchtkranker Eltern sein. Das klingt nach herzensguten Samaritern, ist aber im Ansatz nur eine weitere dem Selbstzweck dienende Organisation, die unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit ein Leben ohne psychoaktive Substanzen predigt und den Wahnsinn des Antidrogenkrieges mit dem Argument des Jugendschutzes rechtfertigt. Zudem drängt sich der Verdacht auf, dass die großspurig angekündigte „Christiane-F.-Stiftung“ nur ein cleverer Schachzug der Marketingabteilung des Verlages ist. Wenn der Papi für die Rettung des Regenwaldes Bier säuft, dann kann die Mutti gegen Drogen die Memoiren des Mädchens von Bahnhof Zoo lesen. Fragt sich nur, woraus sich die Stiftung speist, wenn das Buch im Frühjahr von den Bestellerlisten verschwunden ist.

Und die Chancen auf einen Flop stehen nicht schlecht. Schließlich liest sich das Buch wie der Aufsatz einer Teenagerin. Ob nun mangelnde schriftstellerische Begabung oder gezielte Vereinfachung der Erzählstils, der federführenden Co-Autorin ist es bestens gelungen, dem Bücherwurm das Schmökern zu vermiesen. Das in kurzen Sätzen und einfacher Wortwahl gehaltene Buch reiht eine Belanglosigkeit an die nächste und strotzt vor sprachlichen Fehlern, die die Strukturregeln eines flüssigen und eleganten Textes verletzen. Es ist unüberlesbar: Der Babytalk à la Bildzeitung zielt einzig auf jene Leserschaft ab, denen die deutsche Sprache als Medium des Denkens spanisch vorkommt, wenn dem Hauptsatz statt eines Punktes ein Komma folgt.

Die Autobiographie „Mein zweites Leben“ enttäuscht auf der ganze Linie und setzt das Leseabenteuer des 1978 erschienenen Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ nicht fort. Wie auch? Der mit dem Bucherfolg verbundene Geldsegen hat Christiane Felscherinow in der Überzeugung bestärkt, sie sei die unbezwingbare Lichtgestalt des Junkie-Milieus, geliebt und verehrt von allen, die im Dunstkreis des It-Girls mit den Stecknadelpupillen ihren Vorteil suchten – und noch suchen. Über den Unbill des Lebens der Antiheldin hat uns die Boulevardpresse längst in aller Regelmäßigkeit informiert. Egal, wann und wo Christiane F. in den letzten vier Jahrzehnten Dummheiten machte, die Öffentlichkeit wusste bereits davon, bevor es geschah. Letztlich reicht ein Besuch auf den Wikipedia-Seiten, um das nachzulesen, was dem Junkie-Kind als Erwachsene misslungen ist.

Doch wollen wir wirklich detailliert wissen, was die in der Westberliner Fixerszene asozialisierte Christiane mit den Tantiemen aus dem Bucherfolg angestellt hat? So elendig das Leben der kriminalisierten und suchtkranken Felscherinow bis dato auch war, den verrußten Löffel haben andere – ihre verarmten Freunde und Begleiter – auf den Bahnhofstoiletten abgegeben. Umso zwielichtiger ist nun das Comeback ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, befördert durch die Boulevardpresse und eines mehr als seltsamen Buchverlages, der eine untalentierte Autorin damit beauftragt, Christiana F. nach Alltäglichkeiten abzufragen, die so spannend sind wie die Darmflora in den Köpfen der Bildzeitungsredakteure. Überdies sind selbst diese neuen Wahrheiten wenig glaubhaft. Denn ein Talent kann man der Felscherinow wirklich nicht absprechen – und das ist die hohe Kunst der Lüge in all ihren Variationen. Und die beherrscht die Berliner Göre aus der Gropiusstadt wie keine andere. Die Geschichte der jugendlichen Christiana F. ist bei genauer Betrachtung nur eine Sammlung kolportierter Anekdoten, die jeder erzählen könnte, der damals in der Szene unterwegs war. Ehemalige Wegbegleiter distanzieren sich schon seit Jahren von dem großen Schwindel, der den Mythos „Christiane F.“ aufrechterhält.

Der Felscherinow sei die Geldspritze zur Finanzierung der nächsten zehntausend Heroinspritzen gegönnt. Soll sie nur die Tantiemen einstecken, die nicht nur aus dem Verkauf des neuen Wälzers aufs Konto gespült werden. Eine Neuauflage des Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und der 1981 entstandene gleichnamige Spielfilm werden in den Verkaufrängen wie von selbst nach oben klettern und auch die beglücken, die Christiane F. seinerzeit aus der Taufe gehoben und inszeniert haben.
Traurig ist nur, dass die Felscherinow sich offenbar bis zum letzten Schuss treu bleiben wird und weiterhin nur auf sich selbst fokussiert ist. Die Chance, ihre Popularität für einen gesellschaftlichen Wandel in Sachen Drogenpolitik einzusetzen, verpasst sie mit dieser nun vorliegenden Autobiographie.
Und das trotz allen Wissens um das Leid jener suchtkranken Menschen, die nicht das Glück haben, als abschreckendes Beispiel von den Medien über Wasser gehalten zu werden.

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