Dienstag, 2. Juli 2013

Drogenkultur aus dem Osten?

Impulse und Anstöße – von einem nichtnostalgischen Rückblick zu Perspektiven
Autor: MICHAEL KLEIM

Dieser Konsument wird nur vom Fotografen verfolgt – Foto: exzessiv.tv

Michael Kleim ist evangelischer Theologe und Seelsorger. Nach seinem Studium der Theologie auf der kirchlichen Hochschule Naumburg war er in der politischen und kulturellen Opposition in der DDR aktiv und veröffentlichte illegale Publikationen im Samisdat unter anderem zu Menschenrechtsfragen. Nach der Wende arbeitete er weiter an Drogenfragen, insbesondere mit den Schwerpunkten kulturelle, religionsgeschichtliche und spirituelle Aspekte von Drogengebrauch sowie Menschenrechte und Drogenprohibition.

 

Er ist Mitautor der Ausstellung und CD „Drogenkultur – Kulturdrogen“ der Heinrich- Böll- Stiftung Thüringen: boell-thueringen.de/drogenkultur/kleim.html

„Zwischen den Zeiten, denkt sie, ist zwielichtiges Gelände, in dem verirrt man sich leicht und geht auf geheimnisvolle Weise verloren. Das schreckt mich nicht. Das Leben ist uns doch aus der Hand genommen. Ich muss nicht immer da sein.“

Worte der Günderrede in Christa Wolfs Roman „Kein Ort. Nirgens“

Und? Die Menschen in der DDR hatten nicht nur eine Kultur, sie lebten unzählig verschiedene Formen und Weisen von Kultur: Überlebenskulturen, Anpassungskulturen, Oppositionskulturen, Subkulturen und natürlich auch Drogenkulturen. Drogen sind vor allem eine Realität menschlichen (Zusammen-) Lebens und menschlicher Kultur. Die Frage nach dem Umgang mit Drogen erweist sich als ein Spiegel der Gesellschaft. Probleme mit Drogen liegen weniger an den Drogen als an unseren Umgang mit ihnen. Wollen wir die Probleme ändern, müssen wir unsere Wahrnehmung von Drogen, unseren Blick auf Drogen wandeln. Statt Drogen weiterhin vor allem als medizinisches, juristisches oder moralisches Problem zu bewerten, dürfen wir sie als kulturelles Phänomen ernst nehmen. Kulturelle Integration von Drogengebrauch und Drogengebrauchern ist die Chance, die tatsächlichen Risiken dieser Mittel einzudämmen, anstatt sie wie bisher künstlich noch zu verstärken.

Auch in der DDR gab es eine Sehnsucht nach Grenzüberschreitung, Transzendenz, Rausch und Erfahrungen veränderter Bewusstseinszustände. Weder das Schwergewicht moralisierend aufgeladener materialistischer Propaganda noch der Versuch umfassender Kontrolle konnten daran etwas ändern. Den Wunsch nach Betäubung erfüllten sich viele mittels Wismutfusel, Altenburger Klaren oder russischen Wodka; andere verloren sich im Doppelspiel schizophrener Rollen, andere tauchten nach Feierabend visuell und mental per Antenne in den Westen ab. Andere suchten Tiefe und Erweiterung in Kunst, Kirche und/oder Opposition. Kulturelle Identität, spirituelle Suche und politische Aktivität flossen nicht selten ineinander: ein Impuls, der gerade für eine drogenpolitische Opposition m.E. nicht unwesentlich ist. Und wieder andere experimentierten mit Rauschmitteln. Das Bedürfnis des Menschen nach Nutzung psychoaktiver Möglichkeiten besteht also unabhängig davon, ob nun genau dieses Bedürfnis in das offiziöse Weltbild der bestehenden Machtverhältnisse hineinpasst.
Und da es, wie es eben nicht nur am ehemaligen Ostblock, sondern die gesamte Kulturgeschichte und auch aktuelle Diktaturen wie China, Iran und Malaysia belegen, Menschen sich zu allen Zeiten und in allen Situationen ihre Wege suchen, trotz ideologisch-moralischer Ächtung, trotz der Risiko von Strafe und Verfolgung – sich dieses Bedürfnis zu erfüllen, kann man vom Drogengebrauch wohl zu Recht von einem dem Menschen und seiner Kultur immanenten Größe sprechen. Der Staat hat demnach weder die Aufgabe noch das Recht, Drogengebrauch zu verhindern oder zu sanktionieren. Vielmehr gehört es zu seinen Pflichten, diesen Drogengebrauch zu steuern und so in die Gesellschaft zu integrieren, dass positive Effekte nutzbar und negative Folgen so weit als möglich vermieden werden. Eine Politik, die das Ziel einer drogenfreien Gesellschaft anstrebt, erliegt demnach nicht allein einer Illusion, sondern geradezu einem Wahn. Es werden hier moralische Wertungen ideologisch überhöht und in Rechtsnormen gegossen. Die Parallelen der Politik der DDR, die dem Wahn einer klassenlosen Gesellschaft verfallen war, zur aktuellen Drogenpolitik – zumindest zu deren Hardliner – werden zu Unrecht ignoriert. „Rechtsstaatlichkeit ist für uns nicht identisch mit Einhaltung machtpolitisch motivierter Gesetze, sondern bedeutet, sich gegen jegliche Willkür der Mächtigen zu wenden“ – so die Erklärung der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ zum Tag der Menschenrechte 1987 in Ostberlin.

Die DDR war ein autoritärer Obrigkeitsstatt, der seinen Bürgern die Verantwortung für ihr eigenes Leben abnehmen wollte und dafür im Gegenzug (soziale und ordnungspolitische) Sicherheit versprochen hat. Mündigkeit und Selbstbestimmung waren unter diesen Prämissen schwer durchsetzbar. Doch auch die gegenwärtige Drogenpolitik will mündigen Bürgern die Entscheidungsverantwortung für ihre eigene Person einfach abnehmen, um sie angeblich vor sich selbst zu schützen. Einer Diktatur ist ein solches Politikverständnis immanent; in einer Demokratie ist es perspektivisch unannehmbar.
Die SED hat eine Grenze errichtet, die zu überschreiten ein hohes Maß an Risiko bedeutet hat. Mit Sondergesetzen, Geheimdiensten, V-Leuten, Razzien, Staatsanwälten, Berufsverboten, Führerscheinentzug und nicht zuletzt massiver Propaganda hat sie versucht, die Wirklichkeit nicht zu akzeptieren, zu gestalten und mit ihr produktiv umzugehen, vielmehr wollte sie sich eine Wirklichkeit nach ihrem eigenen Bild erzwingen… heute wird keine territoriale Grenze gesetzt; die Grenze bezieht sich auf unseren Umgang mit unseren Bewusstsein… Nicht das „Rauschgift“ gefährdet die Demokratie, sondern vielmehr die, welche angeblich das „Rauschgift“ bekämpfen. Der Krieg gegen die Drogen nimmt immer stärker in Theorie und Praxis totalitäre (ich weiß, dieser Begriff ist umstritten) Züge an. Dieses Gift ist für die Demokratie dann wirklich gefährlich. Mit Drogen kann eine demokratisch strukturierte Gesellschaft lernen umzugehen, mit dem Drogenkrieg nicht.
Auf den Aspekt der Gefährdung der Menschenrechte und der Demokratie aufmerksam zu machen, wäre im Rahmen einer kritischen gesellschaftlichen Diskussion zur Drogenpolitik durchaus eine naheliegende Aufgabe.

„Es entspricht dem Selbstverständnis der Initiative Frieden und Menschenrechte, neben Forderungen an Regierungen… noch nicht zugestandene Rechte so wahrzunehmen, als seien sie bereits zugestanden“ (aus der Erklärung der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ zum Tag der Menschenrechte 1987 in Ostberlin) „Die Droge ist der Verbündete des Menschen im Kampf gegen die Maschine. Denn Drogen bedeuten Zeitgewinn für das Subjekt, Maschinen bedeuten Zeitverlust.“ Heiner Müller

Michael Kleim, Gera, Mitglied im Schildower Kreis, aus: „Drogenkultur aus dem Osten?
Impulse und Anstöße – von einem nichtnostalgischen Rückblick zu Perspektiven“
Der gesamte Artikel ist zu lesen unter:

www.schildower-kreis.de/themen/drogenkultur-aus-dem-osten.pdf

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