Montag, 1. Juli 2013

Eine wichtige Behandlungsmöglichkeit bei ADHS

Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)

Autor: Dr. med. Franjo Grotenhermen

Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin
Dr. med. Franjo Grotenhermen

Nach chronischen Schmerzen zählt die ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) des Erwachsenenalters neben einigen anderen Erkrankungen wie multiple Sklerose zu den häufigsten Diagnosen von Patienten in meiner Praxis. Einige verwenden Dronabinol oder Sativex, andere haben bereits eine Ausnahmeerlaubnis von der Bundesopiumstelle für die Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke erhalten oder streben eine solche Genehmigung an.

Einerseits verwundert die große Zahl der ADHS-Patienten, die Cannabis bzw. einzelne Cannabinoide erfolgreich therapeutisch verwenden, weil es keine klinischen Studien, sondern nur einige veröffentlichte Fallberichte gibt. Andererseits ist die steigende Zahl dieser Patienten, die Cannabis als Medizin nutzen, auch nicht überraschend, denn insbesondere zur Therapie der Überaktivität bzw. der Impulskontrollstörung gibt es kaum Medikamente. Fast alle Betroffenen haben in ihrer Kindheit oder Jugend Erfahrungen mit dem Aufputschmittel Methylphenidat, das unter dem Namen Ritalin, Medikinet und anderen Namen verschrieben wird, gemacht, einige wenige auch mit dem relativ neuen Präparat Strattera mit Wirkstoff Atomoxetin. Diese Substanzen werden von vielen Betroffenen nicht gut vertragen. Ein Patient gab zum Beispiel an, bei der Verwendung von Methylphenidat unter Fiebergefühl, Hitzewallungen, Druckgefühl im Kopf, innerer Unruhe, Aggressivität und Furcht vor Verlust der Selbstkontrolle gelitten zu haben. Ein anderer berichtete, dass sich zwar seine Konzentrationsfähigkeit verbessert habe, er jedoch unter starken Stimmungsschwankungen gelitten und in vielen Situationen falsch und übertrieben reagiert habe, was zu erheblichen Schwierigkeiten im sozialen Kontakt mit anderen Menschen führte. Ein anderer Patient wurde unter Atomoxetin aggressiv und gewalttätig.

Eine mögliche alternative Behandlung mit Cannabisprodukten hat sich in den vergangenen Jahren in Zeiten des Internets rasant herumgesprochen. Viele ADHS-Patienten haben in ihrer Jugendzeit zufällig Kontakt mit Cannabis bekommen und sich erstmals „normal“ gefühlt. In verschiedenen Studien, beispielsweise aus den USA oder Neuseeland, wurde festgestellt, dass Menschen mit ADHS im Erwachsenenalter vermehrt Cannabis konsumieren. Diese Beobachtungen können als Versuch der Selbsttherapie interpretiert werden.
Etwa vier Prozent der Jugendlichen in Deutschland leiden an einer ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) oder einer ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Bei der Hälfte der Betroffenen bleiben die Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen. Damit ist die Erkrankung eine relativ häufige chronische Erkrankung. Menschen mit ADHS sind unfähig, innerlich zur Ruhe zu kommen, und sind ständig in Bewegung. Sie neigen zu plötzlichen Gefühlsausbrüchen und anderen überschießenden emotionalen Reaktionen.

In der Krankengeschichte gibt es nicht selten Phasen eines starken Alkoholkonsums oder der Verwendung anderer Drogen wie Kokain oder Ecstasy, um den Symptomen der Erkrankung irgendwie zu entkommen. Die ADHS wirkt sich häufig negativ auf die schulischen Leistungen, die berufliche Entwicklung und den Aufbau sozialer Beziehungen aus. Eine mangelnde Kontrolle der eigenen Emotionen kann mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft und strafrechtlichen Delikten assoziiert sein. Kurz gesagt: eine schwere ADHS hat erhebliche Konsequenzen für die soziale, berufliche und psychische Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wenn sie nicht ausreichend behandelt wird bzw. behandelt werden kann. Bei schweren Formen sind psychotherapeutische oder andere nicht-pharmakologische Behandlungsansätze zwar wünschenswert, jedoch häufig nicht ausreichend.
Viele Experten für ADHS stehen einer Therapie mit Cannabisprodukten bisher skeptisch gegenüber und sprechen schnell von Cannabismissbrauch oder Cannabisabhängigkeit. Viele weigern sich die Erfahrungen ihrer Patienten über die Unverträglichkeit von Methylphenidat oder Atomoxetin zur Kenntnis zu nehmen, vermutlich vor allem, weil sie den Patienten dann keine Alternativen anbieten können.
Nach Angaben von Wissenschaftlern aus Italien und den Vereinigten Staaten, deren tierexperimentelle Forschungsergebnisse im Jahr 2011 veröffentlicht wurden, ist das körpereigene Cannabinoidsystem an der Entwicklung der ADHS beteiligt.

Sie folgerten aus ihren Studien, dass „therapeutische Strategien, die darauf abzielen, das Endocannabinoidsystem zu beeinflussen, bei dieser Störung wirksam sein könnten“. Es ist daher an der Zeit, dass auch ADHS-Experten langsam lernen umzudenken und bei der Verwendung von Cannabis die Möglichkeit einer wirksamen therapeutischen Alternative zur Beeinflussung des gestörten Cannabinoidsystems bei ADHS in Betracht zu ziehen. Das verlangt vom Arzt als ersten Schritt, zuzuhören und die Erfahrungen der betroffenen Patienten ernst zu nehmen.

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