Dienstag, 7. Mai 2013

Die Lüge mit dem Storch

Wie man Blüten befruchtet, ohne die Ernte zu stark zu beeinflussen

Autor, Fotos und Text: Sto

Ein Samen sagt "Tag!". Fotos: Sto
Ein Samen sagt „Tag!“. Fotos: Sto
Manchem fallen sie noch in die Hände, die Samen, in denen potentiell männliche Keimlinge schlummern. Meist werden die Gewächse aber so schnell es geht aus dem Garten gerissen, sobald sie ihre Glöckchen zeigen. Das ist schade, um die vergeudeten Kreationen und um die besonderen Fundstücke. Die Angst eines gravierenden Ernte-Ausfalls geht um, die Sorge wächst, nicht wirklich Sinsemilla zu growen.

 

 

Nach meinen Erfahrungen mit einem 250-Watt-Lämpchen ist die Ablehnung gegen die Pollenspender jedoch unbegründet. Auch mit Samen eigener Herstellung in dritter Generation verzeichne ich keinen auffälligen Niedergang in meinen Produkten. Im Gegenteil, die Freude über etwas Eigenes wächst.

Im Weiteren folgt eine kleine Anleitung zur Pflanzenbefruchtung mit dem Ziel, am Ende 10-20 Samen pro Mutter zu ernten und ihr nebenbei ihren eigenen Daseinszweck zu erfüllen. Vorbereitend braucht man pro männliche Pflanze einen mittelgroßen Rosshaarpinsel und eine dunkle, feste, tragbare Unterlage – ein Stück Pappe zum Beispiel.

Die Pollenernte
Zunächst benötigt man die Pollen vielversprechender Männer. Nachdem sie sich als solche geoutet haben, wartet man maximal so lange, bis ihre Säcklein wie auf dem ersten Bild herabzuhängen beginnen. Eine Nacht später werden sie, wie auf dem zweiten Bild zu sehen geöffnet sein. Dann sind die Pflanzen nicht mehr ohne Pollenabgabe zu bewegen. Weit außerhalb des Growrooms, vorzugsweise in einem anderen Zimmer und windstill, stellt man sie wieder auf oder cuttet die Spitze und stellt sie in ein Wasserglas. Jetzt wartet man – die transportable Unterlage senkrecht unter die Rispen gelegt – auf die herausfallenden Pollen oder besser, man erntet sie ab. Dazu hält man die Unterlage unter jeden frisch geöffneten Sack und hebt mit dem zugehörigen Pinsel seine abspreizenden Blättchen mehrmals an – schon rieselt das gelbe Puderzeugs herab und sammelt sich auf der Unterlage.

Die Befruchtung
Wenigstens 30 Tage vor der geplanten Ernte (eine möglicherweise vom Licht abhängige Dauer) begibt man sich vorsichtig in den windstillen(!) Garten und bestäubt behutsam(!) und mit ruhiger Atmung(!) die auserkorenen Mütter. Die Methode, die Pollen per Fingertippen einfach von der schräg gehaltenen Unterlage “abzuaschen” kann ich nicht empfehlen, auch wenn damit dreistellige Samenproduktionen an einem Zweig möglich sind. Zu vieles wird fremd bestäubt. Besser man tunkt den Pinsel von verschiedenen Seiten in den zusammengescharrten Pollenberg, klopft ihn knapp über der Unterlage ab, so dass sich beim Bewegen zur Blüte kein Puder aus ihm löst, und dreht ihn in ihren klebrigen Harztropfen auf den Trichomen hin und her. Der Pinsel wird dabei nicht alle Pollen hergeben, das ist normal. Nach meinen Erfahrungen reichen zwei dieser Durchgänge für die genannte Samenzahl.

Die Kennzeichnung
Es empfiehlt sich zum nachhaltigen Verständnis, die bestäubten Zweige zu kennzeichnen. Ich beringe sie dafür mit Korrekturband aus dem Schreibwarenhandel und notiere auf ihm den Namen des Spenders. Um diesen möglichst kurz zu halten, habe ich mir folgendes Schema angeeignet: Der Name beginnt (fürs Beringen optional) mit der Nummer des Erntedurchlaufs, dem folgt ein fortlaufender Buchstabe für die Sorte, und er endet schließlich auf den Ziffern für die Geschwister. Welche Kreuzungen sich in den Elterngenerationen hinter den Buchstaben verbergen, wird schriftlich an zentraler Stelle aufgedröselt.

Reife und Lagerung
Ein Samen ist reif, wenn er sich z.B. per Pinzette aus der Fruchthülle greifen lässt, man braucht nicht so lange zu warten, bis die Optik dem ersten Bild links gleicht (übrigens per Rieseltechnik befruchtet). Es kommt immer wieder vor, dass Samen nicht in die gewohnte Form wachsen oder hohl zu sein scheinen, diese gilt es auszusortieren. Sie können Schimmel bilden, der auf beiliegende Samen über wandert. Gelagert wird nach genügender Trocknung selbstredend trocken, dunkel und nicht zu warm. Besonders forsche Körner können übrigens schon ein zu langes in der Hand halten als Keimsignal missverstehen.

Viel Erfolg und Freude mit den Eigenkreationen

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