Mittwoch, 3. April 2013

Wenn Engel eine Panne haben

Autor: Sadhu van Hemp

Sie lauern wie Scientologen in Fußgängerzonen und Einkaufzentren, vor Schulen und im Bekanntenkreis – mit der Absicht, auch noch den letzten Bürger für ihre Sache anzufixen. Und das ist die freie Religionsausübung der Automobilisten, die von blinden Fußgängern, Kampfradlern und Schupos behindert wird. Schutz davor bietet der „Allgemeine Deutsche Automobil-Club“, dessen mächtige Lobby Deutschlands Verkehrspolitik maßgeblich mitbestimmt.

Doch was sind schon Gelbe Engel wert, die kein Herz für kiffende Clubmitglieder haben?
Was vor 110 Jahren in Stuttgart als bandenmäßig organisierter Rockerclub begann, ist heute mit 18 Millionen Mitgliedern Deutschlands größter Verein – gleich hinter der katholischen und evangelischen Kirche. Davon können die Kanzlerwahlvereine CDU/CSU und SPD nur träumen. Denn wer mit 52 Millionen Fahrerlaubnisbesitzern die gefühlte Gesamtbevölkerung hinter sich hat, der kann ganz andere Alpträume wahr werden lassen – und das notfalls ohne Rücksicht auf Umwelt und Mensch.
Der ADAC ist die drittstärkste politische Kraft in diesem unseren Autofahrerparadies – und das trägt der Club auch ungeniert zur Schau: Seit 2012 residiert das Präsidium in der obersten Etage eines 92 Meter hohen Wolkenkratzers im Münchener Stadtteil Sendling. Das wirft einen langen Schatten, ist aber kein Größenwahn, sondern nur das schaurige Abbild der wahren Machtverhältnisse in unserem Land. Nicht einmal das Bundeskanzleramt im fernen Berlin ist vor den scharfen und fordernden Blicken der ADAC-Oligarchen sicher. Wer politisch überleben will, der ist vom Wohlwollen der Gelben Engel abhängig wie ein Säugling von der Mutterbrust.

Die Philosophie des ADAC ist denkbar einfach: Freie Fahrt für freie Bürger! Diese altgermanische Weisheit ist die oberste Prämisse des eingetragenen Vereins, dessen alleiniger Zweck die Wahrnehmung und Förderung der Interessen des Kraftfahrzeugwesens und Motorsports ist. Und diese Interessen sind existenziell für ein „Autofahrervolk ohne Raum“, schließlich ist die Hälfte aller in Deutschland mit dem Auto zurückgelegten Wege kürzer als sechs Kilometer. Da zählt jede Elle, wenn es um den alltäglichen Nervenkitzel geht, eine Parklücke im Stau zu erkämpfen. Kein Zweifel, das Spielzeug Automobil ist des Deutschen liebste Lebenslust – und es soll ja tatsächlich Landsleute geben, die für ein neues Eisenschwein nicht nur die Oma verkaufen, sondern Ehefrau und Kinder gleich mit verschrotten. Der Germane betet längst zum allmächtigen PS-Götzen, dessen Vertreter auf dem Asphalt unserer Straßen der ADAC ist, der über seine Schäfchen in ihren Konfektionsschachteln schützend die Hand hält.

Doch nicht nur Bleifüßler auf vier Rädern vertrauen den Gelben Engeln: Auch Zweiradfahrer, ja, sogar die böse Buben der „Hells Angels“ zahlen brav das Schutzgeld für den ADAC-Schutzbrief. Zwar schützt die Police nicht vor Unfällen, doch immerhin wird dafür gesorgt, dass die aus dem Wrack geschweißten organischen Überreste mit einem ADAC-Rettungsflieger abtransportiert werden, ohne dass den Hinterbliebenen der Lieferservice in Rechnung gestellt wird.

Doch der ADAC ist mehr als nur Pannenhilfe und Luftrettung: Der Club ist mit seinem Rattenschwanz an Tochterfirmen eine wahre Gelddruckmaschine – gesteuert von vier Geschäftsführern und acht ehrenamtlichen Vereinsmeiern im Präsidium, die dank des Vereinsstatus ohne Aufsichtsrat auskommen und sich ihre Entscheidungen einmal im Jahr von der Hauptversammlung abnicken lassen. Die Reihen der von den 18 Regionalclubs entsandten Delegierten sind fest geschlossen, denn wer im Minutentakt neue Mitglieder anlockt und fast eine dreiviertel Milliarde Euro nur an Vereinsbeiträgen einsammelt, der hat keinen Grund, Unruhe durch Kritik zu stiften.

Nun ist es aber nicht so, dass der Club nur um seiner selbst willen existiert und für seine Mitglieder nichts tut. Oh nein, der ADAC hat sehr wohl auch ein richtiges Vereinsleben, mit Nachwuchsförderung und all dem Gedöns. Die gelben Engel helfen, wo sie können und kümmern sich liebevoll um ihre Schutzbefohlenen. Wer dem Verein sein Leben anvertraut, ist stets auf der sicheren Seite: Der Dienstleister ADAC kennt die Kraftstoffpreise, die Staus und Radarfallen, weiß welcher Campingplatz frei von Kakerlaken und Holländern ist.
Bei Bedarf hält der Club auch noch gegen den kleinsten Unbill des Lebens eine Versicherung parat. Eine Lebenshilfe der besonderen Art ist die Vereinsgazette „ADAC-Motorwelt“ – Deutschlands auflagenstärkstes Intelligenzblatt, das förmlich nach Benzin duftet und des Rußfurzers Hirn gänzlich umnebelt. Das ist schön, diesen Odem wollen wir atmen. Denn was macht das Leben lebenswerter, als mit seinem Geschlechtspartner eine Spritztour zu einem vom ADAC anempfohlenen romantischen Parkplatz zu unternehmen?
Der ADAC kämpft an allen Fronten, um das in der Welt einzigartige Autofahrer-Biotop vor führerscheinlosen Umweltfaschisten und militanten Muskelkraftverkehrsteilnehmern zu schützen.

Und das mit Erfolg, wenn man sich die Bilanz der verkehrspolitischen Einmischung des Clubs betrachtet:

Bis heute ist es keiner Bundesregierung, keiner Bürgerinitiative gelungen, auf deutschen Autobahnen ein generelles Tempolimit oder eine PKW-Maut durchzusetzen. Nur dem ADAC haben wir es zu verdanken, dass nach der Übernahme der DDR durch die BRD nur das Beste aus der sozialistischen Straßenverkehrsordnung übernommen wurde, also der Grüne Pfeil. Nix mit absolutem Alkoholverbot und fußgängerfreundlichen Ampelschaltungen. Doch die Krönung nachhaltiger Lobbyarbeit ist der neue Bußgeldkatalog, der endlich die zur Kasse bitten wird, von denen sich laut einer dpa-Umfrage 81% der deutschen Autofahrer regelrecht bedroht fühlen: die Kampfradler – besser gesagt Kampfradelrinnen. 75% der jährlich in Berlin von abbiegenden Fahrzeugen getöteten Anti-Social Cyclists sind nämlich Frauen. Deshalb macht der ADAC mittlerweile auch dem schwachen Geschlecht Mut, aus überlebenstechnischen Gründen vom Drahtesel auf Panda, Käfer und Ente umzusteigen.

Wir sehen, ohne Deutschlands größten Automobilclub wären wir längst ein Volk von verweichlichten Radfahrern und kämen alle Mann zu spät zur Arbeit. Wir müssten die Bier- und Schnapsflaschen einzeln tragen und im Suff auf allen Vieren nach Hause kriechen. Schreckliche Vorstellung!
Und alles wäre so schön, so wunderschön, wäre da nur nicht dieser klitzekleine Hochverrat an den vielen, sehr vielen Clubmitgliedern, denen Vater Staat die charakterliche Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeugs abspricht, weil sie statt des Feierabendbieres eine Gute-Nacht-Tüte genießen. Passen die rund eine Million kiffenden ADAC-Mitglieder wirklich nicht ins Leitbild des Clubs? Sind die Wünsche und Bedürfnisse dieser Mitglieder kein „Maßstab allen Handelns“? Gilt die Vereinssatzung für kranke Menschen, die sich mit Hanf therapieren, nicht?

Offenbar bleibt in dieser Sache die vielgerühmte politische Unabhängigkeit des Clubs auf der Strecke. Zur Ungleichbehandlung der kiffenden Klientel kommt kein Widerwort aus dem Münchener Hauptquartier. Die Rechtsabteilung hilft sonst in allen Fragen, z.B. wie man sich mit allen Tricks gegen Knöllchen wehrt oder den Anblick eines Rollstuhlfahrers am Urlaubsort als Reisemangel einklagt. Kiffende Mitglieder hingegen ernten nur ein Achselzucken, wenn sie die Vereinsbrüder um Hilfe bitten. Dabei müsste es dem ADAC eigentlich eine Herzensangelegenheit sein, sich der Diskussion zu stellen und ausnahmslos alle Mitglieder vor staatlicher Willkür zu schützen. Die gegenwärtige Praxis, auch den fahrtüchtigen Cannabiskonsumenten den Lappen zu entziehen, ist dem ADAC aber keine Gegeninitiative wert. Teilnahmslos schaut die Club-Führung zu, wie unzählige Mitglieder von der Polizei ausgebremst und den Psychoklempnern der MPU-Branche zugeführt werden.

Letztlich haben diese freien Bürger nur noch auf Radwegen freie Fahrt. Doch um diese Freiheit auszuleben, bedarf es nun wirklich keiner Mitgliedschaft in einem Autoclub. Im Gegenteil: Als führerscheinloser ADAC’ler hat man den gleichen Status wie ein Rocker ohne Harley – nämlich keinen. Deshalb sollte sich jeder Hanf-Journal-Leser genauestens überlegen, ob er einer Gilde sein Geld in den Rachen wirft, die Cannabiskonsumenten als Mitglieder zweiter Klasse betrachtet und von einem entschleunigten Leben nichts wissen will.

In diesem Sinne bleibt nur noch, allen Brüdern und Schwestern allzeit gute Fahrt zu wünschen! Und – man sieht sich: im ADFC, dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club!

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