Mittwoch, 20. Februar 2013

Wie lange eigentlich noch?!

So high – und so legal: Über den Zauberbaum Kratom

Autor: Markus Berger

Foto: Markus Berger

Hossa, es gibt in der Tat auch heute noch Psychoaktiva, die nicht der Illegalisierung zum Opfer gefallen sind. Man mag das kaum glauben, weil ja schließlich (und insbesondere vermeintlich) sämtliche bekannte Rauschsubstanzen, -gewächse und -pilze früher oder später von den Regierungen verboten werden. Offensichtlich glaubt man in Regierungskreisen das brächte irgendwas. Der eingeweihte Psychoaktiva-Enthusiast jedoch weiß es besser: Er weiß erstens, dass bei weitem und noch lange nicht alle psychoaktiven Pflanzen den Betäubungsmittelverordnungen unterstellt worden sind. Und er weiß auf der anderen Seite, dass es immer Gewächse und Organismen geben wird, die niemals verboten werden können, auch wenn sie zehnmal den Geist zu bewegen in der Lage sind.

Wie dem auch immer sei, das Thema der Rauschsubstanzen und ihrer Verteufelung könnte ganze Bücher füllen. Derartiges wollen wir aber an dieser Stelle nicht versuchen. Wir wollen stattdessen lieber auf ein Gewächs eingehen, das die oben genannten Eingeweihten durchaus kennen und das zu den Rauschgewächsen par excellence gehört, welches aber trotzdem nicht verboten ist. Zumindest bisher. Die Rede ist vom Kratom-Baum (Mitragyna speciosa), der aus dem tropischen Asien stammt und in Thailand und Malaysia, auf Bali und in anderen südostasiatischen Ländern zuhause ist.

Überblick Mitragyna speciosa

Zunächst verschaffen wir uns einen Überblick über die Eigenschaften, die Botanik und die ethnografische Bedeutung des Kratom-Baums. Dieser kann bis über 16 Meter hoch wachsen und kommt in seiner Heimat in sumpfigen Gebieten vor. Einen solchen Baum gesunden Fußes zu erreichen und anschließend zu ernten, kann also ein Unterfangen darstellen, das zum lebensgefährlichen Drahtseilakt zu mutieren imstande ist. Dabei ist die Ernte des Baums von immenser Bedeutung, denn der Eigenanbau des Kratom-Baums im Garten oder in domestiziertem Umfeld ist bislang nicht gelungen. Mitragyna speciosa ist demnach ein echter Naturbursche, der sich nicht so einfach zwangsweise kultivieren lässt. Vor allem der Anbau aus Stecklingen oder gar aus Samen scheint außerhalb des tropischen Asien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, aber auch das wird im Lauf der Zeit sicherlich von findigen Ethnobotanikern gelöst und schließlich geändert werden.

Mitragyna speciosa wird in seiner Heimat nicht nur Kratom genannt, sondern unter anderem auch Biak, Gra-tom, Katawn, Kraton, Kutum, Mabog und Mambog. Das Gewächs sieht seinen botanischen Verwandten sehr ähnlich, kann also leicht mit diesen verwechselt werden, zum Beispiel mit der Art Mitragyna brunonis, die allerdings in Afrika heimisch ist. So kann dieser Baum zwar innerhalb des asiatischen Habitats nicht als Verfälschung missbraucht werden, in Europa aber, wo mit solchen – vor allem den noch nicht illegalisierten – Pflanzen ein reger Handel getrieben wird und sogar ein richtiggehender (meist höchstens halb-legaler) Wirtschaftszweig entstanden ist, sind wir vor solchen Fälschungen jedoch nicht gefeit.

Daher ist es von Vorteil, sich das notwendige Wissen rund um diese Pflanze anzueignen. Und genau dafür ist dieser Artikel gedacht. Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass Varietäten des Kratom-Baums ausschließlich aus Thailand, von Bali und aus Malaysia stammen. Die Kratom-Rohdroge besteht immer und ausschließlich aus Blättern des Mitragyna speciosa – und zwar ausschließlich aus den genannten Ländern und sonst von nirgendwo her.

Pharmakologie des Kratom-Baums

Kommen wir nun zur Pharmakologie des Kratom: Die Wirkung dieses Baums ist eine gänzlich eigenartige. Und zwar im wahrsten Wortsinne eigen-artig, wenn auch nicht einzig-artig. Denn Kratom wirkt in sich gegensätzlich, das heißt, die pharmakologische Effektivität dieses Baumgewächses ist paradox. So entfaltet die Rohdroge des Kratom-Baums und auch seiner Zubereitungen (zum Beispiel die Extrakte, Tinkturen und Potenzierungen) zugleich sedative, also beruhigende bis einschläfernde und stimulierende, also aufputschende bis wach machende Wirkungen. Das hört sich zunächst einmal komisch an, ist aber der Wahrheit entsprechend.

Psychonauten, die mit den eher unbekannten psychotropen Pflanzen Erfahrungen gesammelt haben, können die Explikation dieses Wirkprofils vielleicht noch am ehesten nachvollziehen. Wer jemals den verrückt machenden Baum Bursera graveolens (wir berichteten im Hanf Journal) probiert hat, der weiß, was hiermit zum Ausdruck gebracht werden soll. Denn das Holz dieser Baumart, die allein in Südamerika gedeiht, induziert ebenfalls solche paradoxen Effekte.

Es ist in der Tat für den Unbedarften nur schwer zu verstehen und für den Eingeweihten ebenso schwierig zu vermitteln, dass ein- und dieselbe Pflanze gleichzeitig dämpfende und stimulierende Wirkungen hervorrufen soll. Bei Bursera und auch bei Kratom (sowie bei einer Reihe anderer pflanzlicher Entheogene) ist das aber der Fall. Es ist als würde man ein Opiat einnehmen und gleichzeitig ein Stimulanz, zum Beispiel Kokain. Jedoch ist das pharmakologische Profil beim Kratom ein gänzlich differentes.


Mitragyna Speciosa

Sehen wir uns das eben herangezogene Beispiel dafür noch einmal an: Würde ein Konsument Kokain und Opiate gleichzeitig einnehmen, ein Phänomen, dass wir unter anderem von den berüchtigten Frisco-Speedballs her kennen (einer früheren aus den USA stammenden „Spezialität“ der betuchteren Junkies, bei der Heroin zusammen mit Kokain injiziert wird) dann tobte im Körper ein ungleicher Kampf der Transmitter, der schließlich und endlich den Konsumenten derart belasten würde, dass der Körper früher oder später resignieren und schlimmstenfalls mit komatösem Zustand reagieren müsste.

Denn wer versucht, sich gleichzeitig nach links und nach rechts zu bewegen, der wird feststellen, dass er entweder keinen Schritt vorankommt oder aber zerreißen müsste, um den gewünschten Zustand herzustellen. Das alles ist bei Kratom nicht der Fall. Hier geht der Psychonaut zur selben Zeit nach links, wie er nach rechts geht. Und das ohne zu zerreißen und ohne einen Stillstand hinnehmen zu müssen. Kratom ermöglicht zu fliegen und zeitgleich am Boden zu bleiben. Kratom ermöglicht zur Ruhe zu kommen und gleichzeitig mit den vitalsten Lebensgeistern aufzutrumpfen. Kratom ist die Bewegung im Stillstand. Der Stillstand in der Bewegung.

Inhaltsstoffe des Kratom-Baums

Dabei ist das pharmakologische Profil dieser Pflanze noch nicht geklärt. Das Geheimnis dieses Entheogens wartet noch darauf, von der Wissenschaft entschlüsselt und dechiffriert zu werden. Allerdings sind die Inhaltsstoffe des Kratom-Baums durchaus bekannt. Werfen wir einen Blick darauf: Mitragyna speciosa enthält Flavonoide und andere Wirkstoffe, hauptsächlich aber Indolalkaloide, also Stoffe, die mit den psychedelischen Tryptaminen, zum Beispiel mit Psilocybin, Psilocin und den Lysergsäurederivaten bzw. Mutterkornalkaloiden, verwandt sind. An Indolen kommen in Mitragyna speciosa Ajmalicin, Corynanthedin, Mitraphyllin, Isomitraphyllin, Mitraversin, Paynanthein, Speciogynin, Speciofolin, Speciophyllin, Rotundifolin, Rhynchophyllin, Mitragynalin und andere vor. Das Indolalkaloid Mitragynin gilt dabei als Hauptwirkstoff. Dieses Mitragynin entfaltet dämpfende bis sedative und gleichzeitig stimulierende Effekte, damit muss der Wissenschaftler das Wirkprofil des Baums tatsächlich als paradox hinnehmen.

Manche Experimentatoren beschreiben die Wirkung des Gewächses als Codein-ähnlich. Ethnopharmakologe Christian Rätsch erläutert in seiner „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ die Wirkung folgendermaßen: „Die Wirkung von Kratom ist nach Selbstversuchen, den Beschreibungen in der Literatur und den pharmakologischen Eigenschaften der Wirkstoffe zugleich stimulierend wie Coca und dämpfend wie Opium, also geradezu paradox. Es hat einen Effekt, als würde man zugleich Coca kauen und Opium rauchen. Beim Kauen der frischen Blätter setzt die stimulierende Wirkung bereits nach 5 bis 10 Minuten ein“ (Rätsch, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Seite 367). Mitragynin soll an sich eine relative Verträglichkeit aufweisen. Von Überdosierungen und medizinischen Komplikationen nach Genuss der Kratom-Droge ist bislang nichts in der wissenschaftlichen Literatur publiziert worden. Selbst extrem hohe Dosierungen haben im Tierversuch zu keinen nennenswerten Vergiftungserscheinungen geführt.

Verwendung im südostasiatischen Raum

In Thailand und anderswo im südostasiatischen Raum wird der Kratom-Baum entsprechend als Ingredienz der psychotropen Betelbissen verwendet, aber auch als Ersatz für Amphetamine und Opiate. Das Blattwerk des Kratom-Baums kann frisch oder getrocknet, zerkaut, zerstoßen oder pulverisiert eingenommen werden. Die Blätter werden gegessen, getrunken, geräuchert oder geraucht. Ein Extrakt aus der Droge wird ebenfalls Kratom, aber auch Mambog genannt. Um einen Teeaufguss aus getrockneten Kratom-Blättern zu bereiten, werden acht bis neun Gramm der Droge mit kochendem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen.

Zuweilen werden die Blätter in Thailand auch zu einem Pulver zerstoßen und zur Zubereitung eines sirupartigen Getränks verwendet. Manchmal kauen die Thailänder die Blätter auch in frischem Zustand aus – eine Gewohnheit, die wir von Kath und Coca her kennen. Wer die Blätter dieses entheogenen Baums geschmacklich nicht vertragen kann, der pulverisiert die Spreiten und rührt sie sich in Quark, Joghurt oder ähnliches ein. Damit lässt sich der eher herbe Geschmack der Pflanze ein wenig abmildern.

Zurzeit ist der Kratom-Baum bei uns noch nicht der Maschinerie der Pharmakratie zum Opfer gefallen. Zu gut Deutsch: Kratom ist zurzeit noch legal. Der Handel mit den pharmakologisch aktiven Blättern (insbesondere mit zum Konsum vorgesehenen, getrockneten Drogen) ist jedoch auch in diesem Status nicht erlaubt, denn er unterliegt in Deutschland den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes (AMG) und in den angrenzenden Nachbarstaaten den juristischen Entsprechungen des deutschen AMG.

Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit, bis bei uns auch diese Zauberpflanze der Götter der Unvernunft anheim fallen wird. Auch der Kratom-Baum wird, früher oder später, zu den verfemten Gewächsen gehören. Da sind wir uns einig und sicher. Denn diese überzüchtete und kranke „zivilisatorische“ Gesellschaft ist noch lange nicht bereit für Schamanenpflanzen. – Wird sie es jemals wieder sein?

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