Dienstag, 5. Februar 2013

Verwendung von Cannabis reduziert Diabetes-Risiko

Autor: Dr. med. Franjo Grotenhermen

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Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, Foto: Archiv

In einer großen amerikanischen Studie mit etwa 11.000 Teilnehmern litten Cannabiskonsumenten seltener an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Sowohl ehemalige als auch aktuelle Konsumenten hatten im Vergleich mit Personen, die nie konsumiert hatten, ein deutlich erniedrigtes Diabetes-Risiko. Die Wissenschaftler von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, die die Studie durchführten, vermuten, dass die entzündungshemmende Wirkung von Cannabis dafür verantwortlich sein könnte. Es ist bekannt, dass eine verstärkte Entzündungsaktivität neben anderen Faktoren, wie beispielsweise Übergewicht, die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung der Zuckerkrankheit im Laufe des Lebens erhöht.

Das Hormon Insulin sorgt dafür, dass der Brennstoff Zucker in unsere Zellen gelangt. Bei der Zuckerkrankheit fehlt entweder das Insulin oder es wirkt nicht mehr so gut. Man unterscheidet den Typ-1-Diabetes, der häufig schon bei Kindern und Jugendlichen auftritt, und den Typ-2-Diabetes, der häufiger bei älteren Personen mit Übergewicht entsteht. Beim Typ-1-Diabetes wird nicht genug Insulin produziert, weil die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren, zu Grunde gegangen sind. Beim Typ-2-Diabetes wird zwar genug Insulin – häufig sogar mehr als normal – produziert, die Körperzellen sprechen aber nicht mehr so gut auf Insulin an. In beiden Fällen gelangt zu wenig Zucker in die Körperzellen, so dass diese nicht mehr optimal arbeiten können. Es gibt bisher nur wenige Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Diabetes und Cannabis. Israelische Wissenschaftler hatten nachgewiesen, dass Cannabidiol (CBD) in Tiermodellen für den Typ-1-Diabetes das Fortschreiten der Erkrankung abschwächen kann.

Auch diese Wirkung basierte offensichtlich auf den entzündungshemmenden Eigenschaften dieses Cannabinoids. Mäuse, die aus genetischen Gründen innerhalb von 4-5 Wochen eine Entzündung der Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse und später einen Diabetes entwickeln, wiesen eine deutlich reduzierte Diabetes-Häufigkeit auf, wenn sie im Alter von 6-12 Wochen mehrere CBD-Injektionen erhielten. Die Behandlung mit Cannabidiol reduzierte die Konzentration von Entzündungsbotenstoffen im Blut. In einem der Experimente entwickelten 2 von 5 mit CBD behandelten Tieren innerhalb von 26 Wochen einen Diabetes, während die 5 unbehandelten Tiere sämtlich an der Zuckerkrankheit litten.

Kürzlich gab das britische Unternehmen GW Pharmaceuticals, das auch den Cannabisextrakt Sativex produziert, bekannt, eine kleine klinische Studie mit einem synthetischen Cannabionid, das sie GWP42004 nennen, habe ergeben, dass es den Blutzuckerspiegel reduzierte und die Funktion der Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse verbessere. Möglicherweise verbirgt sich hinter diesem Namen (GWP42004) ein Cannabinoid, das dem CBD ähnelt.

Die 11.000 Teilnehmer in der aktuellen Studie aus Kalifornien waren in 4 Gruppen unterteilt worden: Nichtkonsumenten (61 Prozent aller Teilnehmer), ehemalige Cannabiskonsumenten (31 Prozent), leichte Konsumenten mit einem Konsum von ein- bis viermal im Monat (5 Prozent) und starke Cannabiskonsumenten, die häufiger als viermal pro Monat Cannabisprodukte verwendeten (3 Prozent). Etwa 6 Prozent der Nichtkonsumenten, etwa 3 Prozent der ehemaligen Cannabiskonsumenten, etwa 2 Prozent der leichten und 3 Prozent der starken Konsumenten litten an einem Diabetes. Das Risiko für die Entwicklung einer Zuckerkrankheit wurde durch Cannabiskonsum also mindestens halbiert. Der stärkste schützende Effekt fand sich durch leichten Konsum.

Interessanterweise wiesen auch ehemalige Cannabiskonsumenten ein deutlich erniedrigtes Risiko auf. Die Autoren spekulieren, dass möglicherweise ein früher Cannabiskonsum in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter die Entwicklung eines Diabetes günstig beeinflussen könnte. Da frühere Untersuchungen ergeben haben, dass sich Cannabiskonsumenten nicht gesünder als Nichtkonsumenten ernähren, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass eine gesündere Ernährung oder andere nicht direkt mit dem Konsum zusammenhängende Faktoren für das verringerte Diabetes-Risiko verantwortlich ist.

Ein Anhaltspunkt dafür, dass die entzündungshemmende Wirkung von THC, CBD und anderen Cannabisbestandteilen für die Diabetes-Reduzierung verantwortlich sein könnte, ist die Verteilung von Entzündungswerten im Blut der Teilnehmer. Ein wichtiges Maß für die Entzündungsaktivität im Körper ist das C-reaktive Protein. Bei den Nichtkonsumenten war dieser Wert in 19 Prozent der Fälle erhöht, bei ehemaligen Konsumenten allerdings nur in 13 Prozent der Fälle, bei den leichten in 16 Prozent und bei den starken Konsumenten in 9 Prozent der Fälle. Cannabiskonsumenten könnten also im Durchschnitt eine etwas niedrige Entzündungsaktivität aufweisen, was sich möglicherweise nicht nur günstig auf das Diabetes-Risiko, sondern auch auf andere Erkrankungen mit entzündlichen Anteilen vorteilhaft auswirken könnte, beispielsweise Arterienverkalkung oder entzündliche Darmerkrankungen.

Dr. med. Franjo Grotenhermen
Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM).

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