Freitag, 27. August 2004

Wenn Aliens Essen wollen – das EssenOrginal-Review

Eigentlich wollte das kleine Alien ja nur eine gemütliche Tour durch den Pott machen. Es war ja auch sonst nichts los an diesem Wochenende in der Gegend. Wir bewegen uns im Zeitrahmen des zweiten Juli-Wochenendes. Der ganze Himmel Deutschlands ist mit grauen Wolken verhangen.

. „Die Sterne und wir“, eine der
neuen potenziellen psychedelischen Heimatwelten des kleinen Aliens wurden
aufgrund vorhandener Non-Existenz der Location abgesagt. Also eine goaelektroide
Tanzveranstaltung weniger. Da bleibt nur noch eins: auf zum Sounds & Bytes,
welches mit „Free-Urban-Dance-Festival“ untertitelt ist. Einen weiteren
Testversuch wäre es wert, war das Experiment letztes Jahr doch durchaus ein
erfolgreiches. Außerdem wäre es doch auch mal interessant zu wissen, ob in den
verschiedenen Regionen des Pottes nicht nur unterschiedliche Städtenamen,
sondern auch unterschiedliche Klimabedingungen herrschen.

Gedacht, getan . . . und was gesehen?
Grau-weiß-blaue-Himmels-Suppe, dazwischen viel durchsichtiges, aber nasses
Wasser. Jawoll, durchsichtiges Wasser ge-se-hen! Das geht, manchmal zumindest
und mit bewusst-fokussierter Wahrnehmung. Allerdings überwiegend vom Innern
heraus. Warum? Na weil es draußen viel geregnet hat. Echt viel, vor allem
freitags und dann sogar so stark, dass die DJs teilweise von angekündigten drei
Stunden effektiv lediglich 40 Minuten Spielzeit hatten. Wie und ob die
HipHop-Fans darauf reagiert haben, ist unbekannt. Doch ist davon auszugehen,
dass jemand, der HipHop lebt, sich von so etwas sicherlich nicht abschrecken
lässt. Wann gibt’s denn schon mal die Möglichkeit den Dendemann, die eine
Hälfte des Einszwo-Duos live, for free und direkt vor bzw. in der Haustür zur
erleben?! Außerdem von der Beatfraktion mit am Start: Paco Mendoza, mehrsprachiger Ragga,
der in den Sprachen Spanisch, Französisch, Englisch und, man glaubt es kaum,
Deutsch, internationales Flair mit auf den Plan brachte. Ruhrpott ist eben
multikulturelle Autodidaktik. Die Gruppe performte nach Angaben des
Veranstalters schon mehrfach mit Deutschlands Top-Reggae/Ragga Movement Silly
Walks. Außerdem mit dabei ebenfalls die Crews von Plattenreiter.Eu, Die Gestalten, Inanc, Climax &
Basis und Breakdance-Einlagen diverser Hotstepper. Da das Alien
seine Artgenossen jedoch nur schwerlich zum Aufbruch gen Pott zu bewegen
vermochte, scratchte das HipHop-Spektakel without Rücksicht auf Bäckspin an der
Perzeption außerirdischer Wahrnehmung vorbei.

„Ooh-ho, I’m an alien, I’m an
little alien, I’m an Al-i-en in Es-sen . . .

Als es am nächsten Tag dann immer noch am
Meimeln war, dachte es, es ist nicht mehr. Doch das Alien brach trotzdem zur
Pott-Metropole auf und, das Stadtfest ward noch! Und welche weitere
schicksalhafte Fügung: dafür gab es keinen Regen mehr. „Normal, ab 20 Grad ist
Samstag“, dachte sich das kleine Alien. Und es schien tatsächlich so zu sein,
dass jede Stadt seine eigene Klimazone besitzt. Gegen Nachmittag trudelte der
interstellare Transporter dann ein. Endlich taten sich erste Schritte auf dem
Boden der Stadt, auf dem das Alien geworfen wurde und führten es zielstrebig
zunächst zu einer Fressbude. Dort gab es, very spezial, neben
Currywurst-Ruhrpott sogar eine Currywurst-Bangkok (extra-scharf). Nach dieser
Stärkung durchquerte es das Stadtfest, als auch „Trendmeile“, die nahezu
integriert mit den üblichen Läden der Stadt zu sein schien. Zu sehen gab es
viele verschiedene Klamotten und Schmuck, aber wenig elektro-technische Geräte.
Dafür fiel dem Alien um so mehr auf, dass viele Dark-Waver und Grufties in
dieser Pott-Metropole beheimatet sind. Zudem scheinen einige männliche Bewohner
in einer hohen Stimmlage zu sprechen, wo hingegen viele Weibchen ein
basslastige Aussprache bevorzugen. „Faszinierend“, wie Kollege Spock anmerken
würde. Es gab große Bühnen, kleine Bühnen, und sogar eine Bühne am
„Flachsmarkt“. Es lief Fonky-(House-)Music, (Punk-)Rock und Dancehall, des
Nächtens sogar Drum’n’Bass. Aber nichts hat so fett gerockt, wie die
Techno-Stage am Viehofer Platz. Man stelle sich vor: Mitten auf einer
Plattform, zwischen Kirche, Verkehrsstraße und Shoppingmeile steht eine fette
Bühne. Davor eine Menschenmasse von bis zu 500 Tanzenden, an deren peripheren
Bereich zusätzlich nicht-tanzendes Publikum dem Spektakel beiwohnte. Die Bässe
schallern nur so durch die Häuser, durch Cafés, durch die ganze Stadt und in
die Körper der Menschen hinein. Hier und da Jonglage- und Poi-Aktivisten. Ohne
zu übertreiben, war die Techno-Stage die bestbesuchteste von allen. Als beim
Star Sound Orchestra (zu Deutsch: „Sternen Klang-Orchester“) sich auch noch der
Himmel öffnete, uiuiui, da war was los . . . eine massenkompatible Goa-Pop-Band
aus sechs Leuten (Sängerin, Schlagzeug, Bass, Gitarre, Synthies und Sampler,
Gongs!) erzeugten nahezu typische Konzertatmosphäre. Warum nicht? Den
Dagewesenen hat es sichtlich gefallen.

„Reclaim the Streets” –
wenn Mainstream auf Underground trifft

Seit drei Jahren gebe es das
S&B-Festival, Tendenz steigend. Vor allem, was Besucherzahlen und
Rahmenbedingungen angeht, scheinen jene von Jahr zu Jahr fetter zu werden. Und
irgendwie wird es ja auch mal Zeit, dass die Jugendkulturen sich nicht mehr und
mehr zurückziehen oder verdrängt werden. Im Gegenteil: Angriff als die beste
Verteidigung der eigenen Lebenswelten. Doch nicht mit Waffen, sondern mit Musik
und Tanz kann gewaltlos um weitere Freiräume oder soziale Nischen gekämpft
werden. Genaugenommen handelt es sich beim S&B-Festival um eine Synthese
aus offizieller Tradition und subkultureller Kreativität. Nächstes Jahr wird es
sich das kleine Alien jedenfalls nicht nehmen lassen selbige Reise nochmalig
anzutreten. Schließlich bleibt die Frage nach den Klimabedingungen noch
unbeantwortet, zumal es eine langwierige Afterhour im Roxy gegeben hat, einem
netten und coolen Club direkt am Viehofer Platz. Man musste quasi nur einen
Seiten- und einen Zeitenwechsel vornehmen. Dabei ist leider die visuelle
Dokumentation abhanden gekommen. Aber es kann ja nur besser werden . . .

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