Mittwoch, 25. August 2004

Claudias kleine Welt

Herbertingen am Nil

Hans Söllner trifft es am besten: Wäre die Geschichte der
Menschheit nur ein bisserl anders verlaufen, dann . . . “wäre die Isar jetzt
der Nil – und i hätt sakrisch Hunger und koa Mensch tat ma was gebn“. Es gäbe
weiße Austausch-Medizinfrauen in Afrika anstatt schwarzer Austauschpriester in
Bayern, wir würden in einer Demokratie leben und Hanf wäre Nahrung, Kleidung
und Medizin so wie schon die letzten 8.000 Jahre bis zum Amtsantritt eines
ehemaligen amerikanischen Austausch-Senators in Deutschland bei den Vereinten
Nationen. Doch die Vergangenheit ist nun mal das Produkt des Verdauungsorgans,
das die Gegenwart zu dem macht was sie ist – was bisher wenig für uns spricht
sondern im Gegenteil unsere Ähnlichkeit mit dem Virus nur noch unterstreicht –
deshalb wird die Messe in Herbertingen auch von einem Vertreter des schwarzen
Kontinents gelesen, wir leben in einer Ökonokratie und Hanf muss sich, wie
andere jahrtausende alte Traditionen (Ayurveda, Akupunktur, Kräuterkunde) den
voller Überheblichkeit geschwungenen Stempel „alternativ“ aufdrücken lassen. So
wundert es etwa niemanden, dass bezüglich der medizinischen Verwendung von Hanf
nicht auf die durch seine lange Tradition bestehenden umfangreichen
schriftlichen Quellen zurückgegriffen wird, als ob die Erfahrung unserer
Vorfahren einfach nichts Wert wäre. Die Schulmedizin will uns glauben machen,
eine Substanz könne erst dann seine volle Wirkung entfalten, hätte sie die
komplette allopathische Maschinerie von Reagenzgläsern durchlaufen und wäre in
alle Einzelatome analysiert plus als Formel notiert worden, um dann
schlussendlich „neu und verbessert“, soll heißen zerpflückt und isoliert, in
Form von Tablette oder Mundspray erst mal unzähligen Versuchstieren völlig sinnloserweise
das Leben zur Hölle zu machen und anschließend um teures Geld das in die Körper
der Menschen zu bringen, was die mit einfacheren Mitteln, gesünder und
umweltfreundlicher, ohne Blisterverpackung, Beipackzettel und Überkarton und
obendrein noch verträglicher haben könnten.

Aber nicht nur die Doktoren, nein auch die Professoren
sind derart abgebrüht, wenn es darum geht, einen äußeren Sündenbock zu finden
um das System von innen her zu stabilisieren. Wenn, wie in Österreich beim
Squash geschehen, den SportlerInnen Titel aufgrund von THC-positiven
Testergebnissen aberkannt werden oder, wie in England, laut darüber nachgedacht
wird, Drogentests an den Schulen einzuführen (Frage: Wie lange wird Bush
eigentlich noch in den Arsch gekrochen?), so folgt der daraus erwachsende
Zustand wie alles auf diesem Planeten den Gesetzen der Physik: Die Freiheit des
Einzelnen wird geringer, der Körper kühlt ab, die einzelnen Teilchen bewegen
sich weniger, es wird enger, ungemütlicher und steifer. Die „Gemeinschaft
freier Bürger“, ein Widerspruch nicht nur für Sprachwissenschaftler. Die
Message ist klar: Wer die Spielregeln des Systems im Privatleben nicht befolgt,
darf es in seinem/ihrem Beruf ebenso wenig beziehungsweise schon gar keinen
erlernen.

Das Spiel mit den Zukunftsängsten von Eltern und
Jugendlichen („Wennst nix Gscheites lernst, wird nix aus dir“) ist wohl eine
der perfidesten Arten des Systems, sich selber sein Fortbestehen zu sichern.
„Der Spiegel“ quält uns seitenweise mit den Fallbeispielen Jugendlicher, die morgens
auf dem Weg zur Schule eine Bong-Pause einlegen, um den Tag zu überstehen.
Immer und immer wieder wird das Mantra der schlimmen Droge Hanf wiederholt, und
es verwundert doch sehr, dass man wirklich an so einem Artikel arbeiten kann,
ohne sich jemals zu fragen, warum die
Schüler es denn überhaupt nötig haben sich so wegzustellen. Motto: Wären die
Städte lebenswert, müsste man nicht am Wochenende raus ins Grüne, sondern
könnte einfach zu Hause bleiben. Wäre der Unterricht interessant und aktiv
anstatt lehrplanerfüllend und frontal, würden Menschen gerne lernen und
möglicherweise vielleicht auch noch kreativ und produktiv – Hilfe!

Mit dem
selben Trick wie die Schulen arbeiten die Verkehrskontrollen: Führerschein weg,
Prestige dahin, Status futsch und oft genug auch wirklich existenzielle
Probleme, falls das Gefährt obligatorisch für den Verdienst des
Lebensunterhaltes. Entweder du bist drin oder du bist draußen. Dieses „draußen
sein“ flößt den meisten eine Heidenangst ein, wird es doch mit Hunger, Elend und
Abschaum in Verbindung gebracht. Und das in einem System, welches sich seinen
eigenen Regeln folgend laufend Lügen straft. Koksende und/oder saufende
Politiker, welche natürlich die Prohibition befürworten, sonst wäre ihr
Verhalten ja nicht mehr Privileg. Menschen, die „nix Gscheites glernt haben“,
in Wort, Bild oder Ton das System kritisieren, deshalb von denen als Stars
verehrt werden, die schon wollen täten, aber sich nicht dürfen trauen, wodurch
erstere irre Kohle scheffeln und so quasi schon wieder vom System
zwangsinkorporiert werden. Einige, aktuelles Beispiel Marlon Brando mit seinem
Einsatz für die Native Americans in ihrem Kampf um Menschenwürde, suchen und
finden ein Zivilcourageventil, um die heiße Luft der Popularität zu
kanalisieren, andere nicht und werden aufgeblasen wie ein Heißluftballon – und
das System macht’s ihnen leicht. Denn was sind das für Prioritäten, wenn
Schauspieler dafür, dass sie Illusion bieten, Millionen kassieren, und Bauern,
die mit ihrer Ernte unser Überleben garantieren, um das eigene kämpfen müssen?
Was ist das für eine Zeit, in der „Der Spiegel“ schon so zerkratzt und verbeult
ist, dass er nur mehr eine kauzige und schlechtestrecherchierte Fratze der
Wirklichkeit zurückwirft? Wie können Menschen glauben, dass Pflanzen böse,
Schiffe unsinkbar und Bücher heilig sein können? Warum immer alle fernsehen,
obwohl es doch dick macht (danke, Inga)? Es sei nochmals Hans Söllner zitiert:
„Wenn mehr von unsere Alten was rauchen würden, gäb´s weniger
verhaltensgestörte Kinder.“ Vielleicht sollte der Spiegel beim nächsten Artikel
über Hanf doch Experten ranlassen . . .

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